(Bitte gib mir) Nur ein Wort.

„Nur zwei Themen sind im menschlichen Leben wesentlich: Die Liebe und der Tod. Und keine Angst ist größer als die des dämmernden Ostermorgens, dass der Tod die Macht hätte, die Liebe zu besiegen.“ (Vgl.: E. Drewermann: Leben, das dem Tod entwächst, Düsseldorf 1991, S. 178).

Ein Mensch steht auf einem Friedhof, vor einem Grab. In diesem Fall ist es eine Frau; sie ist betroffen, benommen, noch voll und ganz in Trauer. Da steht sie, zwischen Nacht und Tag und kann es nicht fassen. Der dämmernde Ostermorgen bringt noch keine Hoffnung. Morgen muss es erst noch werden. Jetzt steht Maria zwischen dazwischen und dass das anders wird, dass wirklich ein neuer Tag werden soll, kann sich die Frau nicht vorstellen. Zu frisch sind noch die Ereignisse der letzten Tage und Wochen. Sie steht in der Dämmerung und sucht. Als sie damals einen Menschen dringend nötig hatte, weil ihr Leben in Trümmern vor ihr lag, da hatte Jesus sie gefunden und sie zurück in das Leben geführt. Jetzt sucht sie seine Nähe.

So ein Friedhof ist kein schöner Ort. Er hat etwas mit Abschieden zu tun und leider nicht mit solchen, die nur auf Zeit geschehen. Ein Abschied am Grab ist irdisch betrachtet immer endgültig. Die Frau und all die anderen Menschen, die jemals auf einem Friedhof standen und Abschied nehmen mussten, wissen das. Darum weint sie.

Schwere Tage hat sie hinter sich. Zerplatzte Hoffnungen nach dem Verrat; sie war bei der Hinrichtung; sie hat Jesus sterben sehen. Jetzt steht sie hier vor dem Grab, in das sie Jesus hineingelegt haben. Sie weint. Tränenverschwommen ihr Blick. Sie muss jetzt was tun. Die Trauer frisst sie sonst auf. Wenigstens das Grab herrichten und etwas Sinnvolles tun.

Aber Maria will auch auf eine ganz besondere Art Nähe haben. Sie hatte sich auf den Weg gemacht, um das Grab, um den Leichnam Jesu zu sehen. Selbstverständlich sucht sie seine Nähe und vielen Menschen geht es nach einem Verlust nicht anders. „Die Liebe sucht die Nähe, auch die Liebe, die durch den Tod nicht zerstört, aber doch das direkte Gegenüber verloren hat.“, sagt Eberhard Jüngel in einer Osterpredigt. Eine Anlaufstelle, ein Abschiedsort sind etwas Wichtiges. Denn hier trifft man bisweilen auf Menschen, die ähnliches erlebt haben. Keinen Ort des Abschieds zu haben ist nur schwer auszuhalten. Maria wird genau das erleben.

Denn am leeren Grab selbst, passiert unglaubliches. Der Leichnam Jesu ist verschwunden, aber zwei Engel sind da. Unvorstellbar: Maria erschrickt nicht, rennt nicht weg, bleibt stehen und findet sogar noch genügend Luft und klare Gedanken für Worte in dieser grotesken Situation: Das leere Grab müsste sie eigentlich verblüffen, müsste sie schockieren, aber Maria zeigt keine Reaktion. Die Leere in ihr, die Hoffnungslosigkeit, muss unfassbar groß sein. „Der Weckruf des leeren Grabes verhallt ungehört.“ (Vgl. W. Huber, Predigt am Ostersonntag 2007).

„Der Weckruf des leeren Grabes verhallt ungehört.“ Maria verharrt vor dem Grab und mit ihr zuvor und danach so viele andere Menschen in vergleichbaren Situationen.
Maria ist ganz unten, sie ist leer und fertig. Für eine Begegnung, die Mut macht, gibt es hier und jetzt keinen Hinweis. Und doch, inmitten der Dämmerung, zwischen Nacht und Tag, passiert etwas Außergewöhnliches. Ein Fremder spricht sie an. Maria glaubt, es sei der Gärtner und geht davon aus, dass der hier nur seinen Dienst tut. „Anscheinend löst der Glaube an die Auferstehung nicht ein einziges wirkliches irdisches Problem; da gilt es zu denken und zu rechnen und zu machen und aus Angst vor dem Tod immer wieder selber zu töten. Am Ende ist lange zu leben, schon das Beste, was wir erhoffen. Es kommt aber darauf an, richtig und wahr zu leben.“ (Vgl.: E. Drewermann, a.a.O., S. 184).

Es ist schwer, zu sagen, was Maria in den letzten Tagen hinter sich hat, aber sicher ist, es lastet schwer auf ihr. Das richtige und wahre Leben wird in den letzten Tagen ohne sie stattgefunden haben. Die letzten Tage haben Spuren hinterlassen. Aber was jetzt passiert ist Ostern. Der vermeintliche Gärtner spricht sie an. Nicht die Stimme, nicht das Aussehen sind es, die Maria anrühren. Sie erkennt Jesus nicht. Aber das, was er sagt und wie er es sagt berührt sie: „Was weinst du!“ Das ist keine Frage. Das ist eine Aussage. „Was weinst du!“ bedeutet „Es gibt keinen Grund zu weinen, was weinst du!“

Ein Friedhof und erst recht der Platz vor einem Grab sind keine Orte großer Worte. Eher ein Ort kleiner Gesten. Maria erlebt das gerade. „Maria, was weinst du?“ Dieser Moment der Ansprache ist ein guter, ein wichtiger Moment. Maria hört und sie „bekommt die Möglichkeit, ihre Schale aus Trauer und Verärgerung zu durchbrechen, ihrer Enttäuschung und Sehnsucht freien Lauf zu lassen.“ (Vgl. W. Huber, a.a.O.) Aber sie braucht noch Zeit. Sie glaubt ja der Friedhofsgärtner stünde vor ihr. Und er muss jetzt aushalten, was an Gefühlen in ihr tobt. Er bekommt ihre Wut ab, denkt sie doch, er habe den Leichnam weggebracht und ihr damit den Anlaufpunkt genommen. „Wo hast du ihn hingebracht?“ Maria steckt fest. Sie steht auf diesem Friedhof inmitten anderer zerplatzter Hoffnungen und Träume und weiß nicht vor und nicht zurück.

„Maria!“ Nur ein Wort. Ein Moment der Ansprache reicht und die Dämmerung löst sich auf und der Ostermorgen beginnt. Der Moment der Verzweiflung weicht dem Erkennen und der Gewissheit: Jesus lebt! Hier beginnt das wahre Leben. Für Maria, für Sie, für mich! Maria hat das gespürt. „Was die Leute Vernunft nennen, hat sich in ihrer Seele längst als eine rechthaberische Lüge erwiesen, und was sie Ordnung nennen, als eine einzige Satanei gegen das Leben. […] In dem Herzen des Mannes von Nazaret war alles, was Menschen gegen den Tod aufstehen lassen könnte.“ (Vgl.: E. Drewermann, a.a.O.:, S. 186).

Das helfende Wort, das ich mir nicht selber sagen kann – wir werden am Ostermorgen Zeugen dieser Wahrheit. Maria wird aus der Dämmerung ins Licht geführt. Nur ein Wort. „Maria!“ Kein seismisches Erdbeben hätte die Kraft, Maria wieder auf die Bahn zu setzen. Überhaupt: Diese Szene braucht keine außergewöhnlichen Erscheinungen. Nur ein Wort, von einem Menschen zum anderen gesagt. „Maria!“, du bist gemeint.

Nur ein Wort, das mich anrührt – mehr braucht es nicht. Nur ein Wort reicht, um mich aus der Nacht in den Morgen zu geleiten. Maria jedenfalls versiegen die Tränen als sie so angesprochen wird. Nur ein Wort liebevoll gesprochen hat die Kraft, das Dunkel zu vertreiben. Ein solches Wort vermag es, Gemeinschaft zu schaffen. Nach einem saftigen Ehekrach, nach einer hitzigen Debatte im Stadtrat, nach endlosen, nervigen Diskussionen im Kirchenvorstand. Nur ein Wort kann die Gemeinschaft wieder herstellen. Nichts Spektakuläres. Das ist Ostern.

„Ostern beginnt eine andere Geschichte, eine neue, eine lebendig machende Geschichte […]. Es ist die Geschichte des Sieges über den Tod, der uns noch so sichtbar beherrscht und irgendwo irgendwann auf uns alle noch wartet. […] Der Auferstandene ist nicht nur für das letzte Stündlein da. Er ist für alle Stunden unseres Lebens da. […] Er will auch in unseren Worten und Taten Spuren seiner Auferstehung hinterlassen, Spuren, die in die Zukunft weisen: […] Ihm nach kann man nur vorwärts gehen, wenn man nicht hoffnungslos hinter der eigenen Zukunft zurückbleiben will…" (Vgl.: E. Jüngel, Geistesgegenwart, Predigten I/II, München, 1968, S. 232).
Unsere Worte füreinander können solche Spuren des Auferstandenen sein.
Amen!

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