Ostern ist zum Staunen

Im Mittelpunkt der Ostererzählung steht heute eine Frau, die alles verloren hat, was ihr wichtig ist. Sie hat ihr Leben und ihre Existenz an einen Mann gehängt und nun ist er tot und sie geht zu seinem Grab um zu trauern und zu weinen. Dort ist sie völlig kopflos und orientierungslos, weil das was ist, nicht zu ihren Gefühlen passt.

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Eine realistische Geschichte: Maria kann sich den Toten nur tot vorstellen. Darum läuft sie herum wie ein aufgescheuchtes Huhn.

Wir haben uns dagegen zu sehr an Ostern gewöhnt und müssen ganz neu lernen: Die Botschaft vom Auferstandenen stößt auf Misstrauen und Unruhe. Gerade bei denen, die Jesus nahegestanden haben. Der Osterjubel, den wir kennen, ist Ergebnis einer langen Geschichte christlichen Glaubens. Erst einmal kommt das Erschrecken und die Bestürzung.

Johannes hat versucht verschiedene Geschichten, die in seiner Gemeinde bekannt waren zu einer Geschichte zu komponieren und dabei seine Geschichte nicht zu verlieren: Maria ist ganz allein. Losgelöst von Familie und sozialen Bindungen. Sie geht zum Grab. Maria ist bereits an Jesus, dem vermeintlichen Gärtner vorbeigegangen, weil sie nur den Weg zum Grab sieht. Erst durch seine Ansprache verändert sich etwas, sie wendet sich um. Seelsorgerlich fragt er nach dem, was er schon weiß: Wen suchst du?

Das öffnet ihr die Augen und das Herz. Sie erkennt den Herrn, der ihr soviel bedeutet. Liebevoll wendet sie sich ihm zu: Rabbuni. Sie spürt, dass ihr Leben wieder Halt bekommt, weil sie sich hat ansprechen lassen. Sich verschließen bringt nicht weiter. Die Begegnung mit dem Auferstandenen alleine allerdings auch nicht.

Noli me tangere: Rühr mich nicht an! Dieser Satz schafft Abstand. Dahinter steckt der Gedanke: lass mich los, lass mich gehen, werde erwachsen im Glauben und geh los und lebe dein Leben mit den gemachten Erfahrungen und den geglaubten Verheißungen. Ich trau dir das zu. Das ist das Wunderbare an Jesus. Er vertraut Menschen, die sich auf ihn eingelassen haben, Menschen mit all ihren Fehlern, mit all ihren Schwächen.

Trotz aller Verwirrung, die sie umfängt: Maria lässt sich in Bewegung versetzen. Sie wird zur ersten Evangelistin, indem sie zu den Männern geht und bezeugt: Ich habe den Herrn gesehen, und das hat er zu mir gesagt.

So wenig wie Jesus an Ostern einfach in sein altes Leben zurückkehrt, so wenig kann Maria aus Magdala einfach ihr altes Leben wieder aufnehmen. Etwas Neues beginnt. Und sie muss herausfinden, was es bedeutet – mit den Jüngern. Glauben braucht Gemeinschaft, braucht gemeinsames Denken, Beten und Handeln. Darum sendet der Herr sie als Erstes zu ihnen.

Und die haben es uns überliefert und wir stehen da wie Maria. Wir wissen zwar viel mehr als sie, aber mit der Botschaft wirklich etwas anfangen – das wird schwierig.

Aber genau darum geht es: immer wieder neu leben lernen als österliche Gemeinde. Das Unfassbare versuchen zu fassen. In Gemeinschaft.

Maria ist die erste Apostelin, Zeugin der Auferstehung – Garantin der Gemeinde für die Osterbotschaft. Sie geht los und sagt den Jüngern das, was die ihr vielleicht auch erst einmal nicht glauben wollten: Der Herr ist auferstanden – er ist wahrhaftig auferstanden.

Was wäre aus unserer Kirche geworden, wenn sie sich an das Paulus zugeschrieben ‚mulier taceat in ecclesia’ gehalten hätte? Was würde aus unserer Kirche werden, wenn die Frauen aller Generationen sich an diese Weisung gehalten hätte? Das Evangelium in seiner ganzen Fülle wäre nie zur Sprache gekommen.

Die Gestalt der Maria Magdalena kann als Symbol genommen werden stellvertretend für die Gemeinde. Sie sieht das leere Grab, den Engel, aber sie kann das, was sie sieht, nicht einordnen. Zum Osterglauben kommt sie nur dadurch, dass Herr sie selbst beim Namen nennt, sie anspricht. Die verunsicherte Gemeinde des Johannes liest dieses Evangelium als eigene Geschichte, sie findet ihre eigenen Zweifel und Probleme wieder. Ostern ist für sie auch kein einfaches jubelndes Fest. – und für uns?

Ostern ist nicht zu verstehen – Ostern ist zum Staunen.

Und ich will das immer wieder neu lernen: Staunen über diesen Herrn, der die Seinen nicht verloren gibt, der an der Brutalität dieser Welt nicht verzweifelt, sondern immer neu in dieser Welt auftritt und Menschen auf den Weg sendet, der so wenig hoffnungsvoll erscheint, der aber Verheißung hat.

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