Für eure Zukunft

Liebe Gemeinde!

Nur die Überschrift steht da auf meinem leeren Blatt: Für eure Zukunft. Der Rest der Seite ist leer. Gähnend leer. Mal schauen, ob mir etwas einfällt, was ich schreiben kann.

1. Leeres Blatt und Vorsorgemappe

Neben meinem leeren Blatt liegt ein Buch. Meine Frau kam kürzlich damit nach Hause. "Ich habe es mit mulmigem Gefühl gekauft. Aber solange wir noch bei Verstand sind, sollten wir uns irgendwann einmal darum kümmern," sagte sie. Das Buch trägt den Titel "Die Vorsorge-Mappe". Untertitel: Testamente, Vollmachten, Verfügungen. Autor ist ein Herr Escher. Er ist der "MDR-Ratgeber". Arbeitet wohl beim Fernsehen.

Dieses Buch ist leichter auszufüllen als mein leeres Blatt mit seiner Überschrift. Das Buch fragt Kontodaten und Versicherungs-Nummern ab. Eine Seite ist nur dazu da, den Fundort wichtiger Unterlagen festzuhalten: Kontoauszüge, Testament, Personalausweis usw.. Manche Seiten stellen ungemütliche Fragen: Was soll nach meinem Tod geschehen? Darf man Organe entnehmen? Wie soll die Bestattung gestaltet werden?

Ich schiebe das Buch zur Seite. Hat noch Zeit. Irgendwann im Urlaub. Aber bestimmt spätestens beim Eintritt in den Ruhestand.

2. Was soll ich schreiben?

Aber mein Blatt liegt noch da. "Für eure Zukunft". Mein Gott, was für eine Überschrift! Klingt arg pathetisch. Ich könnte das Blatt ja auch einfach weglegen. Aber ein Gedanke hat mich gepackt: Es muss doch möglich sein, für die Zeit nach mir mehr aufzuschreiben als Konto-Nummern und Verwahrorte wichtiger Versicherungsscheine. Eine "blöde Idee". Aber nun ist sie da und lässt mich nicht mehr los.

Ich überlege, was ich festhalten soll. Es gibt so viel zu sagen. Ich kann mahnende Sätze formulieren. Regeln, an die man sich auch in ferner Zukunft halten soll. Aber eigentlich hat das Moses mit seinen Zehn Geboten schon getan. Modern ist es, einen Segen in blumiger Sprache zu verfassen. "Möge die Strasse…". Ach, das lasse ich lieber. Religion, die kitschig wird, hat ihren Mut verloren.

Oder ich kann gute Ratschläge geben. Ich kann Weisheiten notieren. Aber ich befürchte: Am Ende kommen doch nur Sinnsprüche im Poesiealbum-Stil heraus.

Ich lasse das Blatt mit seiner Überschrift liegen. Vielleicht fällt mir ja der eine oder andere schöne Bibelspruch ein. Das hat wenigstens Niveau.

Ich lese noch einmal die Überschrift: Für eure Zukunft. Dann lege ich das Blatt zur Seite. Das darf doch nicht wahr sein, dass es so schwer ist, etwas aufzuschreiben. Etwas aufzuschreiben, das unter diese Überschrift passt: Für eure Zukunft.

Geduld. Das Blatt wird nicht leer bleiben.

3. Für eure Zukunft.

Im Johannes-Evangelium ist ein Gebet aufgeschrieben. Jesus soll es am Tag vor seinem Tod gesprochen haben. In der Bibel trägt es die Überschrift: "Das hohepriesterliche Gebet". Ich setze meine Überschrift dazu: Für eure Zukunft. Die passt besser.

Eine "Vorsorge-Mappe" im Stil des "MDR-Ratgebers" hat Jesus nicht gebraucht. Wer nichts besitzt, hat auch nichts zu vererben.

Jesus beginnt das Gebet mit der Bitte um seine Verherrlichung: Verherrliche deinen Sohn. Das klingt missverständlich. Als wollte Jesus um Statuen bitten oder um Straßen, Hallen oder sonst welche Gebäude, die nach ihm benannt werden. Nachruhm hat Jesus nicht im Sinn.

Vor vielen Jahren hatte ich eine meiner traurigsten Beerdigungen. Der Bestatter hatte mich darauf vorbereitet. Es wird außer ihnen niemand da sein, hatte er angekündigt. Und so war es auch. Der Bestatter, die Sargträger und ich feierten allein diesen Gottesdienst zur Beisetzung dieses Mannes, um den niemand trauerte.

Jesus sagt in seinem Gebet: Verherrliche mich mit der Herrlichkeit, die ich hatte, ehe die Welt war. ich verstehe diese Bitte als inständige Bitte darum, nicht in der Einsamkeit des Todes bleiben zu müssen. Es ist ein Flehen um Heimat, um Vollendung des Lebens in Gott. Es ist eine Bitte, auch im Tod und darüber hinaus in Gottes Hand zu fallen. Damals hatten wir so etwas ähnliches auch für diesen einsam Verstorbenen erbeten.

Das wäre doch ein erster Satz für mein leeres Blatt: Bleibt in Gott. Bleibt in der Beziehung zu Gott. Betet darum. Für eure Zukunft.

4. Sich ins Gebet nehmen lassen

Im Gebet von Jesu folgt dann ein unerwarteter Satz: "Ich bitte dich nicht für die Welt". "Ich bete – nicht für die Welt – ich bete für die Menschen, die du mir gegeben hast."

Jemanden ins Gebet nehmen. Das sagt man, wenn der Eindruck da ist, der Lebensweg eines anderen droht sich in dunklen Gassen zu verlieren. Dann sagt man gelegentlich: Ich muss dich einmal ins Gebet nehmen. Das klingt ernst und hoffnungsvoll zugleich.

Ich bete für die, die du mir gegeben hast. So betet Jesus für uns.
Hier verweilen wir ein wenig. Wir machen eine Gedanken-Übung. Ich halte gleich den Mund und Sie haben Zeit zum Nachdenken. Sie haben Zeit darüber nachzudenken: Wenn Jesus für mich betet. Was wird er für mich beten? Darüber denken wir in einer kurzen Stille nach.

(Schweigen)

Hoffentlich sind ihnen jetzt nicht nur ihre Sünden eingefallen. Das Gebet von Jesus für Sie kann ja auch so lauten: Gott, gib ihr weiterhin Kraft auf ihrem Kreuzweg. Es kann ja auch so lauten: Erhalte ihm seine Fröhlichkeit, mit der er andere immer wieder ansteckt. Es kann ja auch so lauten: Erhalte ihr den Mut, sich für ihre Familie einzusetzen. Es kann ja auch so lauten: Erhalte ihm, erhalte ihr die Liebe zum Gottesdienst und zur Kirche. Es kann auch so lauten: Erhalte und stärke sein soziales Gewissen.

Auf mein Blatt mit der Überschrift "Für eure Zukunft" schreibe ich einen zweiten Satz: Lasst euch ins Gebet nehmen.

2. Andere ins Gebet nehmen

"Nicht für die Welt", hatte Jesus gesagt. Das soll uns kein Vorwand werden für ein gleichgültiges Leben. Ich denke, die Formulierung "für die Welt" ist Jesus zu pauschal, zu unverbindlich erschienen. "Für die Welt" – das kann alles und jedes sein.

Wenn wir in Gedanken einmal um den Globus wandern. Da kommt ein langes Gebet bei heraus. Jesus aber warnt: Wenn ihr betet, sollt ihr nicht viel plappern wie die Heiden; denn sie meinen, sie werden erhört, wenn sie viele Worte machen (Mt 6,7).

Aber vielleicht fällt jemand auch dieser Vers ein: Herr, wir wissen nicht, was wir beten sollen (Röm 8,26).

Wenn wir andere Menschen ins Gebet nehmen reichen zwei Zeilen. Zwei Zeilen aus dem Gebet von Jesus für unsere Zukunft:
Bewahre sie vor dem Bösen.
Heilige sie in der Wahrheit.
Man spürt die Anklänge an das Vaterunser.
Das schreibe ich auf mein sich langsam füllendes Blatt mit der Überschrift "Für eure Zukunft".
Bleibt in Gott.
Lasst euch ins Gebet nehmen.
Betet für die Menschen und euch:
Bewahre sie und mich vor dem Bösen
Heilige sie und mich mit deiner Wahrheit.

Ach ja, schön gesagt. Manchem unter uns liegt die Frage näher, die Pilatus am nächsten Tag stellen wird: Was ist Wahrheit?

3. Was ist Wahrheit?

Da liegt die unausgefüllte Vorsorge-Mappe auf meinem Schreibtisch. Sie fragt mich nach Konto-Nummern. Sie fragt mich nach Versicherungsscheinen. Sie fragt nach Geld. Sie fragt nach ein bisschen Vermögen. Ist das die klammheimliche Antwort auf "Wahrheit"? Es geht im Leben um Geld, um Besitz. Es geht um Ruhm, um Ansehen.
Ich lasse das offen – offen für Sie zum Nachdenken.

Jesus hat sein Gebet damit begonnen: Lass mich nicht herausfallen aus dir, mein Gott. Wenn wir bei der Frage "Was ist Wahrheit" ins Grübeln geraten, dann landen wir früher oder später bei diesem Thema. Wir stehen vor der Frage nach Gott.

Heute feiern wir den Palmsonntag. Wir gehen auf den Karfreitag zu. Das ist realistisch. Das kennen wir: Gewalt. Hass. Missgunst. Habgier. Betrug. Karfreitag müssen wir nicht glauben. Wir wissen es, wie die Welt ist. Ich weigere mich, das als Wahrheit anzuerkennen.

Heute feiern wir den Palmsonntag. Wir gehen auf das Osterfest zu. Das kennen wir auch: Vergebung. Liebe. Fürsorge. Teilen. Hingabe.

Was ist Wahrheit? Jesus sagt es am Ende seines Gebets: Ich bete darum, dass die Liebe, mit der du mich liebst, in ihnen sei und ich in ihnen.

Das schreibe ich noch auf mein Blatt mit der Überschrift: Für eure Zukunft.
Nun habe ich ein besseres Gefühl, die vorletzten Dinge zu regeln. Sie sind wichtig, aber nicht das Wichtigste.

drucken