Ewige Glaubenswirklichkeit durch Jesus

Liebe Schwestern und Brüder!
So zeichnet der Evangelist Johannes Jesus. Souverän und fast ohne Leiden, ohne Schmerz und ohne Angst. Jesu Werk und Dasein diente nur der Verherrlichung des Vaters. Viele Menschen bekommen den Eindruck, dass der Jesus, den der Evangelist Johannes darstellt, ein Jesus ohne Schmerz und ohne Angst ist. Ein Übermensch, der seinen bevorstehenden Tod mit Lässigkeit und Eleganz auf sich zukommen lässt. Oder man bekommt den Eindruck, dass der johanneische Jesus einen sehr göttlichen Zug bekommt. Sein Leiden ist nur scheinbar und dient seiner Verherrlichung.

Ich hingegen und die meisten von uns stellen sich Jesus ganz anders vor. Wir kennen auch den anderen Jesus. Den Jesus, den uns die anderen Evangelisten Markus, Matthäus und Lukas oder der Apostel Paulus beschreiben. Da ist der Mensch Jesus von Nazareth, der Angst vor dem Tod hat. Der im Garten Gethsemane darum bittet, dass der Kelch an ihm vorrübergehe. Oder der am Kreuz schrie: " Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?
Dieser Jesus zeigt ein zutiefst menschliches Antlitz und Gefühl mit Angst; da ist keine Lässigkeit und Eleganz bei der Verabschiedung von den Jüngern.
Bei der johanneischen Verabschiedung von den Jüngern kann man noch nicht einmal erkennen, dass Jesus demnächst den Tod finden wird. Und Angst und Traurigkeit ist schon gar nicht zu spüren. Der johanneische Jesus spricht verschlüsselt von seinem Abschied.
Während der Jesus der synoptischen Evangelien mit seinen Jüngern ein Abschiedsessen, das Abendmahl, feiert, verabschiedet sich der johanneische Jesus in Form eines Gebetes, in dem er und der Vater verherrlicht werden.

Ein einziger Satz aus diesem Gebet sticht meines Erachtens besonders hervor:
" Das ist aber das ewige Leben, dass sie dich, der du allein wahrer Gott bist, und den du gesandt hast, Jesus Christus, erkennen."
Hier wird in an einer Stelle der Bibel relativ genau gesagt, was das ewige Leben ist.
Ansonsten hält sich die Bibel mit genauen Aussagen über das ewige Leben und wie es sein könnte weitestgehend zurück.
Einer meiner ersten Konfirmanden meinte während einer Konfirmandenfreizeit einmal, als wir über das ewige Leben sprachen, " das muss doch ganz schön langweilig sein, das ewige Leben!“
Er dachte, wenn man ewig lebt, dann würde sich bald Langeweile und ewige Ruhe und Gleichklang einstellen.
Vielleicht wie an einem verregneten Sonntagnachmittag, an dem sich die Eltern zum Mittagschlaf hinlegen und die Kinder vor Langeweile ins Fernsehen schauen. Ich muss sagen, die Logik meines Konfirmanden ist auf den ersten Blick gar nicht so verkehrt.

Also ewiges Leben gleich ewige Langeweile?
Ich denke, so ist es nicht gemeint, denn die Menschen zurzeit Jesu hatten schon eine Ahnung, was das ewige Leben sein könnte. Und auch heute gibt es andere Vorstellungen über das ewige Leben als ewige Langeweile. Viele Sekten und selbsternannte Gurus versprechen schon eine Erlösung im Diesseits. Das Leben nach dem Tod wird als eine Art Seelenwanderung oder Wiedergeburt empfunden. Und viele Menschen trösten sich mit solchen Jenseitsvorstellungen. Esoterik, also eine Art Geheimlehre für das jenseitige Leben, findet großen Anklang bei der Bevölkerung. Wenn man das alles so betrachtet, denkt man, dass Christentum hätte keine Antwort. Dabei sind die Antworten des Christentums viel konkreter und plausibler. Also, warum in die Ferne schweifen, wenn das Gute liegt so nah. Die Mitkonfirmanden antworteten auf die Meinung von der ewigen Langeweile, dass das ewige Leben für sie anders aussehen würde als ewige Langeweile.
Frieden, Liebe und Gerechtigkeit würde das ewige Leben mit sich bringen. Durch die Zusage vom ewigen Leben habe man das Versprechen Jesu, ewig und d.h. immer von ihm begleitet zu werden. Nach unserem Tod und der bevorstehenden Auferstehung gehe man in das Reich Gottes ein, wo man die Verheißung und Zusage des ewigen Lebens habe. Denn diesseitiges Leben und ewiges Leben verhalten sich zueinander wie Endlichkeit und Unendlichkeit, wie Sterben müssen und Auferstehung.

Die Verheißung des ewigen Lebens beinhaltet neues Leben. Diese Verheißung bekommen wir alle in der Taufe zugesprochen. Bei der Taufe stirbt der alte Mensch und durch den Glauben entsteht ein neuer Mensch. Dieser neue Mensch führt ein neues Leben. Das neue Leben hat eine neue Qualität. So ähnlich verhält es sich auch mit dem ewigen Leben. Die Verheißung des ewigen Lebens meint, dass wir in der Ewigkeit Gottes leben werden, wo keine Trauer, kein Schmerz und keine Angst mehr regieren, sondern Liebe, Gerechtigkeit und Frieden.
Das sind die Herrlichkeit und der Ruhm, an dem wir Anteil haben. So wie Christus vom Vater verherrlicht wird, so werden wir durch Christus und seinen Tod und seine Auferstehung verherrlicht.

Liebe Schwestern und Brüder, das ist eine gewaltige Zusage. Eine Zusage, die für Leben und Tod gleichermaßen gilt.
Wer an Christi Sendung und Existenz glaubt, der hat Anteil am ewigen Leben. Der lebt in Ewigkeit.
Diese Zusage gibt Jesus an Palmsonntag seinen Jüngern und damit auch uns. D.h. im Glauben an Christus hat man schon Anteil am ewigen Leben auch im Diesseits. Hier und jetzt beginnt das ewige Leben. Es ist mitten unter uns.
Vor dieser Zusage steht allerdings noch die Kreuzigung. Und die ist kein Pappenstiel gewesen für Jesus Christus.
Vor der eigentlichen Verherrlichung stand die Kreuzigung. Der Kreuzestod war ein langwieriger und grausamer Tod. Am Kreuz hat Jesus Gottverlassenheit und Einsamkeit verspürt. Das muss zur Ergänzung der Verherrlichungstheorie des Johannes sagen, denn sonst bekommt der Tod Jesu einen unrealistischen und leidensfreien Zug, der den Tod in seiner Macht nicht ernstnimmt.
Vielleicht sehen sie auch alle die Szene vor ihrem geistigen Auge. An Palmsonntag zieht Jesus ein in Jerusalem und die Massen jubeln ihm zu. Sie rufen: "Hosianna!" Ein paar Tage später fordert die gleiche Menschenmenge "kreuzigt ihn!" So nahe liegen Freud und Leid, Verherrlichung und die Absicht zu töten beieinander. Das Widersinnige am Tod Jesu Christi ist doch, dass er erst leiden musste, um dann verherrlicht zu werden. Sein Leid führt zur Verherrlichung, zur Erkenntnis und Gewissheit des ewigen Lebens.
Das ist die Situation in der Jesus zu seinen Jüngern spricht. Da ist einer, der sich verabschiedet. Bei seiner Verabschiedung bzw. nach seiner Verabschiedung regelt sich alles von selbst. Letzte Gespräche werden geführt, letzter Trost wird zugesprochen und letzte Angst wird versucht zunehmen. Und als zentrale Zusage bekommen die Hinterbliebenen, zu denen wir heute auch gehören, die Zusage des ewigen Lebens.
Die Zusage und das Vertrauen auf das ewige Leben mag ein Lied von Dietrich Bonhoeffer ausdrücken, der heute vor 50 Jahren im Konzentrationslager Flossenbürg ermordet wurde:
"Von guten Mächten wunderbar geborgen, erwarten wir getrost, was kommen mag. Gott ist mit uns am Abend und am Morgen und ganz gewiss an jedem neuen Tag."
Dietrich Bonhoeffer erkannte, dass das ewige Leben auch schon im Diesseits begonnen hat. Und im Diesseits ist nicht alles herrlich und wunderbar. Im Diesseits, in unserem Leben gibt es Angst, Trauer, Schmerz und Ungerechtigkeit. Mit diesen Umständen müssen wir leben, ob es uns passt oder nicht. Wir müssen das Diesseits ertragen und aushalten. Wir sind aber seit Jesus Christus nicht allein und verlassen, denn
"Gott ist mit uns am Abend und am Morgen und ganz gewiss jeden neuen Tag." Er leidet mit den Leidenden und trauert mit den Trauernden. Er weint mit den Weinenden und lacht mit den Fröhlichen. Darauf dürfen wir uns verlassen. Heute, morgen und übermorgen.
Amen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus.
Amen.

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