Zwei Stunden Christentum

Für viele von uns hier sind die Stücke, die zu einem Karfreitagsgottesdienst gehören, allzu vertraut. Man singt „O Haupt voll Blut und Wunden,“ „Ein Lämmlein geht und trägt die Schuld“. Abendmahl wird gefeiert mit der Anrufung „Christe, du Lamm Gottes“ Eine Geschichte aus der Bibel wird verlesen, in der eins oder mehrer von den 7 Worten am Kreuz vorkommt. Wir hören von einem Schächer neben Jesus, von einem Hauptmann, der die Hände über dem Kopf zusammenschlägt, von einem Essigschwamm. Von einem Titulus mit einer dreisprachigen Inschrift darauf, von einer mehrstündigen Finsternis. Von zeitgleichen Naturphänomenen wie einem Erdbeben mittleren Grades, bei dem Gräber beschädigt werden, einer Sonnenfinsternis und einer Sachbeschädigung am Vorhang des Tempels ohne menschliches Dazutun.

Und nun machen wir uns bitte einmal klar: Es gibt Scharen von Menschen, die kennen von all diesen Einzelheiten nicht eine einzige. Die verstehen nur Bahnhof, wenn sie damit konfrontiert werden. Diese Unwissenden sitzen nicht lendenbeschürzt tief im Urwald Brasiliano. Sie sitzen in unserem Land, in unseren Städten auf vielen Schulbänken, wo sie nach etlichen Jahren Unterricht, so sollte man wünschen, etwas gelernt haben sollten über die wichtigste Stunde der Weltgeschichte. Über den Mann, nach dessen Geburtstag unsere Zeitrechung zählt, auf dessen Todesart das Symbol zurückgeht, das zum Symbol des Christentums schlechthin geworden ist. Aber sie wissen nichts Näheres davon.

Und so ist es in einer Großstadt passiert, daß zwei Lehrerinnen, kurz vor Weihnachten, weil da wird man ja unausweichlich mit christlicher Symbolik konfrontiert, sich an die religionspädagogische Arbeitsstelle der ev. Kirche gewandt haben: Bitte schön, könnten Sie unseren beiden Klassen kurz und bündig in 2 Unterrichtsstunden das Christentum erklären?
Man hätte ihnen antworten müssen: Seid ihr noch bei Trost? In anderthalb Jahren Konfirmandenunterricht kriegen unsere Gemeinden kaum das nötigste an Grundwissen in die Köpfe der jungen Leute, und das sollen wir euch in zwei Schulstunden liefern?

Aber die Mitarbeiter der angefragten kirchlichen Einrichtungen sind wirklich in diese Klassen gegangen. Ich weiß nicht, was sie in dieses Kompaktprogramm hineingesteckt haben und was davon rüber gekommen ist. Man muß sich dabei ja beschränken und konzentrieren auf das Allerwichtigste. So wie das bei Evangelisationen ist.

Der Evangelist Eckard Krause hat einmal zu Beginn eines Glaubenskurses gesagt: Er müsse jeden enttäuschen, der von ihm erwarte, an einem Abend alles über den Glauben zu erfahren. Heute käme nur der erste Teil und wer fundiert mitreden wolle, müsse die ganze Woche kommen, weil ein Teil auf dem anderen aufbaut.

Daneben gibt es aber Verkündiger, und dazu muß man wirklich eine Begabung haben, die stellen sich dieser Herausforderung und sagen: Heute abend sind vielleicht einige hier, die haben sich einen Abend freigemacht, weil sie mal sehen wollen, was an der Sache mit dem Christentum dran ist. Die sollen selbst an nur einem Abend das entscheidende gesagt bekommen. Mit dieser Aufgabe war dieser Tage der Evangelist Ulrich Parzany konfrontiert im Rahmen der Pro Christ Woche in Diepholz.

Für einen einem einzigen Abend hat er die biblischen Glaubensaussagen reduziert und konzentriert. Auf das Entscheidende. Auf Karfreitag. Auf den Gekreuzigten.
Gottes Sohn stirbt am Kreuz. Ungeheuerlich ist das. Das einzigartige und unvergleichliche an der christlichen. Religion ist diese Szene. Sie ist der Beweis, daß unser Glaube nicht auf Wunschvorstellungen und Träumerei gründet. So wünschen wir uns Gott nicht. Düster ist dieser Nachmittag am Richtplatz vor der Stadt. Es ist ein Nachtgemälde, das die vier Evangelisten zeichnen;: Wwahrheitsgetreu, ungeschminkt. Sicher hätten sie es gern übermalt, kaschiert, gemildert in ihrer Darstellung. Aber sie tun es nicht. Weil sie wissen, wie sehr es auf das Kreuz ankommt. Auch wir suchen nach Worten, nach Details, nach einer noch so matten Helligkeit, die dieses Dunkel erleuchten könnten. Aber es sind Worte und Fakten voller Härte und Brutalität. Die einzige Milderung, die möglich gewesen wäre, ist der betäubende Trank, der Jesus vor der Hinrichtung angeboten wird. Jesus weist ihn zurück und damit müssen auch wir uns der ungeschönten Darstellung dieser grausamen biblischen Geschichte stellen.

„Und da sie ihn verspottet hatten, zogen sie ihm den Mantel aus und zogen ihm seine Kleider an und führten ihn hinaus.“ Da hatte Jesus bereits Furchtbares hinter sich. Die Misshandlung. Das Aufdrücken der Dornenkrone. Man hat ihn fertig gemacht. Diesem Gepeinigten werfen sie nun das armselige Gewand zu, das er getragen hatte. Und führen ihn hinaus. Nicht genug damit! Sie laden ihm auch noch den Kreuzesbalken auf. Mit diesem Balken auf der Schulter soll Jesus seine Schande durch die von Pilgern überfüllte Straßen Jerusalems zur Schau tragen. Solche Aufzüge hielt die römische Pädagogik für notwendig zur Abschreckung und zur Demütigung. Und so trägt Jesus, der Zimmermannssohn, seinen Balken.

Aber es geht nicht. Er bricht zusammen. Andere sind schon vorher, bei der Geißelung, zusammengebrochen. Jesus vermag sich noch hinauszuschleppen. Um ihn zur Hinrichtungsstätte zu bringen, muß ihm ein Helfer beigegeben werden. „Und als sie hinausgingen, fanden sie einen Menschen aus Kyrene mit Namen Simon. Den zwangen sie, daß er ihm das Kreuz trug.“
Schließlich kommen sie am Richtplatz an. Die unglücklichen drei Verurteilten werden auf die Kreuze hinaufgezogen.
Die Kreuzigung selbst wird in nur einem Satz beschrieben. Selbst das Annageln ans Kreuz, auf das die Ostergeschichten Bezug nehmen, wird weggelassen. Die Beschreibung konzentriert sich auf das, was sich am Fuße des Kreuzes abspielt und was von oben zu hören ist. Da sind die Soldaten. Sie üben das Söldnerhandwerk der Plünderung. Das ist in den Jahrhunderten so geblieben. Ob es Häuserreste in Mali sind oder eine Farm in Zimbabwe. Jeder nimmt sich, was er kriegen kann, und Gefühle scheinen außen vor zu bleiben. Lachend lassen sie die Würfel rollen über der armseligen Beute des Gewandes und wissen nicht, daß sie damit ein Prophetenwort erfüllen.

Was geschieht da eigentlich? Jesus soll sterben. Aber er soll so sterben, daß seinem Tod jede Ehre, jede Hoheit, jede Würde genommen wird für alle Zeiten. Entkleidet aller Ehre soll er in Schmach und Schande untergehen. Dem dient auch die Überschrift, auf der man lesen kann: „Das ist Jesus, der König der Juden!“ Festgenagelt soll es werden: Der da hängt, hat mit wirklichem Königtum gar nichts zu tun. Ein schöner Fürst, der da zwischen zwei Banditen stirbt.

Die Vorübergehenden klopfen Sprüche. Das ist sicher ein Stück Sichabschotten. Noch im Sterben wird der Gottessohn mit Worten gequält: „Hilf dir selber, wenn du Gottes Sohn bist, und steig herab vom Kreuz!“ Immer wieder kehren in den Lästerworten die Ausdrücke wieder: Helfen, retten, befreien. Das sind die Worte, in denen die Bedeutung des hebr. Namens Jesus, Retter, nachklingt.

Und niemand greift ein. Das Geschehen läuft auf sein bitteres Ende zu. Jesus stirbt. Der Tod kommt wirklich und zerbricht sein Leben. Das ist der Karfreitag.

Ist nicht dies Sterben Jesu der allerstärkste Gegensatz zu seinem bisherigen Wirken? Sein Leben war doch eine einzige große Kampfes und Siegesgeschichte. Die Geschichte der großen Entfaltung von Gottes Macht unter uns Menschen. Von allen bewundert. Immer wieder lesen wir in den Evangelien Ausdrücke wie „Sie entsetzten sich, sie staunten, sie lobten Gott, der solche Macht den Menschen gegeben ha.“. Während seines Lebens standen die Menschen offenbar unter dem Eindruck: Hier ist Gottes Macht, Gottes Gegenwart und Hilfe vor uns aufgegangen wie ein Licht in der Nacht. In seinem Leben, da ist Jesus der Mann, der die Wurzel der Sünde und des Todes erkennt wie kein anderer. Der sie angreift und ausreißt.

Aber in seinem Sterben? Wo ist da der Mann, vor dessen Wort selbst die Naturgewalten sich legen mussten. In seinem Sterben, da steigt doch der Feind, gegen den er sich so oft gewendet hat, riesengroß auf. Das Böse. Und vor allem: Der Tod. Wie oft hatte Jesus in seinem Leben auch den Kampf mit dem Tod aufgenommen. Der Tod sollte nicht gewinnen! Und jetzt gewinnt er doch. Jesus läßt ihn gewinnen.

Fast finden wir uns nun an der Seite der unter dem Kreuz vorübergehenden, die da fragen: Wo ist er denn, der Sohn Gottes? Wo ist seine Macht?

Aber: Er hätte es ja tun können. Er hätte die Nägel ausreißen können, vom Kreuz herabsteigen und unter das ganze Volk und seine Peiniger treten können. Nehmen wir einen Moment an, er hätte es getan. Er wäre unter sie getreten, die ihn dann mit großen Augen angestarrt hätten. Zitternd vor Angst. Die donnernden Worte würden in ihren Ohren klingen: Weg mit euch, ihr Verfluchten!

Aber was für ein Jesus wäre das? Ein anderer, als wir ihn bekennen. Ein Jesus, der nicht mehr leiden, nicht mehr tragen, nicht mehr durchhalten und vollbringen will.
Wie gut, daß es anders weiterging. Schlimm für Jesus, aber gut für uns. Jesus bleibt am Kreuz.

Jesus läßt sich hinrichten, statt uns zu vernichten. Ja, es liegt Zorn in der Luft, Zorn Gottes über alles Gemeine in dieser Welt. Das macht die Karfreitagsgeschichte ja so düster. Gottes Zorn schlägt ein wie ein Blitz in diese Welt. Aber er trifft nicht einen von den Römern und nicht einen vom Hohen Rat oder von der johlenden Masse, sondern den, der ihrer beider Opfer ist.

Das ist ja das Geheimnis des Kreuzes: Der Unschuldige wird gestraft statt des Schuldigen. Es ergeht ein strenges und furchtbares Gericht, aber es ergeht an dem, der es nicht verdient hat. Das ist das unergründliche Geheimnis des Kreuzes. Gottes ganze Gerechtigkeit und Heiligkeit steht auf, Gottes ganzer Abscheu vor der Sünde und Schande des Menschen. Aber es wenden sich gegen den Einen, der dort an unserer Statt am Kreuz leidet uns stirbt.

Und Jesus ruft: Mein Gott, warum hast du mich verlassen. Er läßt seinen Schmerz und sein Entsetzen über das, war wir einander und was wir ihm antun, nicht an uns aus. Er wendet sich an Gott. Er wirft es auf ihn. Er, Gott ist es, der in alledem der eigentlich Handelnde ist. Die Menschen da unter dem Kreuz handeln wohl auch, aber sie wissen nicht, was sie tun.
Die Menschen sündigen, weil sie müssen, weil es jetzt an den Tag kommen soll, wie der Mensch wirklich ist. Aber gerichtet wird es nicht an ihnen, sondern an dem, der dort sterbend hängt. Auf ihn wird alle ihre Sünde gelegt. Darum ist er in diesem Moment der von Gott verlassene und verstoßene. Darum muß er jetzt schreien. Er schreit um Gnade, nicht für sich, darüber hat sich ja Pilatus so gewundert, sondern um Gnade für uns.

Und dann stirbt Jesus. Und der Psalmvers bewahrheitet sich: „Gottes Zorn währet einen Augenblick, aber lebenslang seine Gnade.“ Das ist ja inbegriffen in diesen letzten Worten Jesu am Kreuz: Herr, du richtest jetzt an mir die Sünde der ganzen Welt, aber will lange soll dein Gericht noch währen. Laß diesen entsetzlichen Augenblick deines Zorns vorübergehen, laß nun hervorbrechen deine ewige Gnade.

Dies Schreien hat Gott gehört. Noch in derselben Todesstunde Jesu zerreißt der Vorhang im Tempel von oben bis unten. Noch in derselben Nacht öffnen sich die Gräber der Propheten, und die Toten stehen auf. Noch in derselben Nacht bricht es aus dem Hauptmann, den noch nichts um die Fassung gebracht hat, hervor: „Dieser ist wahrlich Gottes Sohn gewesen!“ Jesus hat nicht umsonst geschrien. Jesus hat alles vollbracht. Er hat sein Werk vollendet.

Und wir sagen dann: Jesus hat das alles getan und erlitten und errungen für uns.

Aber nicht alle sehen das so. Außerhalb der Kirche macht sich Unbehangen breit unter denen, die wie die anfangs erwähnten Schüler und Lehrkräfte mit Karfreitag wenig anfangen können. Warum sollen sie sich von einem Fest der Christen ihre Ferienstimmung verdüstern lassen?

So wie die Soldaten im Prinzip nach dem Aufrichten der Kreuze Dienstschluss haben und sich sagen: Was der Hohe Rat da eingefädelt hat, falscher Messias, wahrer Messias, ist uns doch egal. Wir sind keine Juden. Wir haben jetzt Feierabend. Da erlauben wir uns mal ein Spielchen. Komm Quintus, hol die Würfel raus, der Sieger behält den Stoff.

Geschmacklos? Auch bei uns geht die Zeit zu Ende, wo man am Karfreitag im Gasthaus zwar sein Bierchen bestellen konnte oder ein Spiegelei, aber die Musikbox schwieg. Und die Tanzfläche wurde mit Stühlen voll gestellt, damit jedem klar war, heute ist es anders als sonst. Inzwischen zieht in Bremen die regierende Koalition mit Berlin nach: Statt dass wie bisher von 4 Uhr morgens bis 4 Uhr am Samstagmorgen Veranstaltungen, die dem ernsten Charakter des Tages widersprechen, untersagt sind, können in der Hansestadt seit heute ab 21 Uhr die DJS ihre Scheiben auflegen. Begründung: Was geht uns das christliche Brauchtum an? Wir sind keine Kirchgänger, die Christen können gerne fasten und trauern, wir lassen´s krachen.

Und auch in der Theologie, speziell der evangelischen, gibt es Absetzbewegungen. Nach dem Motto: Diese düstere Opferthematik lassen wir den Katholiken und den erzkonservativen. Uns genügt Jesus als Vorbild und Beispiel für ein Leben mit vollem Einsatz. So wird der Karfreitag entstaubt, aber zugleich entkräftet.

Darum, christliche Gemeinde: Achte darauf, was du an Jesus hast. Was du am Kreuz hast. Lass dir das kostbarste nicht nehmen oder umdeuten. Halte dich an ihn, den gekreuzigten Herrn, klammere dich an ihn.

Das bedeutet dann keineswegs, dass heute nur dunkle Karfreitagsstimmung diesen Tag bestimmt. Wir haben Ostern fest im Blick. Darum klingt unser Gottesdienst nicht aus mit ernsten Worten, mit Bußapellen, und betroffen und bedeppert ziehen Scharen von Christen aus den Gotteshäusern, weil ihnen nirgends wie an Karfreitag demonstriert wird, wie grausam Menschen sein können. Nein, der Gottesdienst klingt aus im Abendmahl, in der Gewißheit der Auferstehung, im Erleben seiner Nähe.

Wohl beschreibt Karfreitag, was immer wieder an Bösem unter uns geschieht. Aber dieser Tag markiert ein Ende. Das Ende des alten Menschen, der ohne Gott und gegen Gott steht. Ja, Gott hat gerichtet, aber er hat auch zurecht gebracht. Jesu Leiden ist ja stellvertretend für uns, aber eben nicht immer wieder neu, sondern es ist abgeschlossen und beendet mit seinem Kreuzestod.

Das Böse und der Böse ist da gerichtet und besiegt. Darauf dürfen wir uns im Glauben berufen. In der Nähe und in der Verbindung zum auferstandenen Jesus wirst du die Folgen von Karfreitag spüren. Und du kannst dem Leid, das immer noch in vielen Teilen der Erde erschütternd groß ist, dem Leid, das dir entgegentritt in deiner Umgebung, das dich vielleicht noch einmal selbst treffen wird, gewappnet entgegentreten. Weil du einen kennst, der damit fertig geworden ist. Weil er, der das allerdunkelste durchgestanden hat, unser Dunkel hell macht. Amen.

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