Lamm to go

Das Alte Testament ist ein Buch voller Details. Die einen finden die erwähnten Einzelheiten spannend, andere lesen darüber hinweg. Ich nehme mal an, Hobbyköche wie Dieter Stamme, Kai Kapschus oder Tobias Baumann werden die Aufzählung der Zutaten hier mit Interesse verfolgen. Sie können Vergleich ziehen, wann sie eine Lammkeule genauso oder auf andere Weise zubereitet haben. Mir sagen die Einzelheiten wenig, ich bin halt Theologe und ziehe sofort die Parallelen zum Neuen Testament, zum Abendmahl. Da haben die Jünger das Lamm zubereitet, für Jesus. Aber während oder vielmehr nach der Mahlzeit kehren sich die Verhältnisse um, Jesus ist der Gastgeber, gibt sich selbst in Brot und Wein.

Das Passamahl in Ägypten hat mit dem Abschiedsmahl Jesu einige Gemeinsamkeiten. Im Zusammenhang beider Mahlzeiten stoßen wir auf
1. Heilige Eile 2. Eine heillose Verwirrung 3. Einen heilvollen Bund.

Zunächst war es eine heilige Eile, in der die Kinder Israel in Ägypten ihre Mahlzeit einnahmen. Es war sozusagen ein Fast-Food-Imbiss. Lamm to go. Alles musse schnell gehen: Das Brot ist nur ungesäuert, die Essenden sind schon marschfertig. Es darf nichts übrig bleiben bis zum Morgen, denn Aufgewärmtes wird es nie mehr geben. Die Fleischtöpfe Ägyptens werden nur noch Erinnerung sein.

Heilige Eile.

Das ist eigentlich ungewöhnlich. Gott hat ja die Zeit geschaffen. Er gönnt seinen Geschöpfen die Ruhe. Wenn Eile angesagt ist, dann kann das nur eine Ausnahme sein und muss besondere Gründe haben. So sind es denn immer ganz besondere Ereignisse in der biblischen Geschichte, wo heilige Eile angesagt ist. Etwa die Weihnachtsgeschichte. Die Hirten haben die himmlische Botschaft von der Geburt des Heilands auf ihrem Feld vernommen. Da hält es sie nicht länger an ihrem Arbeitsplatz. Sie lassen alles stehen und liegen. "Und sie kamen eilend und fanden beide, Maria und Josef, dazu das Kind in der Krippe liegen."

Ähnlich wieder am Ostermorgen. Der Evangelist Matthäus berichtet von zwei Frauen, die auf den Friedhof gehen, das Grab Jesu zu aufzusuchen. Sie finden das Grab offen. Wieder ist es ein Engel, auf den sie stoßen. So erfahren sie als erste die herrliche Botschaft von der Auferstehung des Heilands. Was tun sie? "Und sie gingen eilends weg vom Grab mit Furcht und großer Freude und liefen, um es seinen Jüngern zu verkündigen.“

Dann sind da noch die zwei nicht zum Zwölferkreis gehörigen Jünger, denen der Auferstandene auf dem Weg nach Emmaus begegnet. Sie laden den Herrn zu Tisch. Die Gebärden des Gastes erinnern sie an das letzte Abendmahl. Daran erkennen sie ihn. Dann verschwindet er, einer Erscheinung gleich. Sogleich springen sie auf und laufen noch am selben Abend nach Jerusalem zurück.

Wir sehen also: Die frohe Botschaft vom Heiland, der geboren ist, der auferstanden ist vom Tod: Das ist keine Seelentröstungsreligion. Das ist nicht besinnlich und beschaulich. Das ist aufregend, das macht allen Beine, die daran glauben, Denn diese gute Nachricht soll ja hinaus, soll bekannt werden aller Welt. So ist also die heilige Eile jener Passahnacht schon eine Vorschattung der Geschichten von Bethlehem und vom Ostermorgen.

Die alte Geschichte von der Passahnacht ist aber keine schöne Geschichte. Sie ist eher schaurig. So wie auch der Gründonnerstag einerseits das schöne Bild der innigen Gemeinschaft Jesu mit den Jüngern vermittelt. Und doch schon das Grauen vom Karfreitag einleitet.
Heillose Verwirrung wird da ausgelöst. Die allerletzte der von Mose veranlassten Plagen sorgt für heillose Verwirrung in den Häusern der Ägypter. In jeder Familie wird ein Toter beklagt. Es war die letzte und schlimmste einer Kette von Katastrophen.
Heillose Verwirrung herrschte auch bei den Jüngern, als Jesus die Mahlzeit unterbricht und die düstere Weissagung ausspricht, daß einer von ihnen zum Verräter wird. Heillose Verwirrung kommt erst recht auf, als das Verhaftungskommando anrückt und den Herrn gefangen nimmt. Daß er sich so widerstandslos abführen läßt, diesen Gewaltakt sogar noch kommentiert mit der Bemerkung, so müsse die Schrift erfüllt werden, das ist der Gipfel der Verwirrung.

Später erst, an Ostern, hat sich dann alles aufgeklärt. Erst durch die Osterereignisse bekommt das alte Passafest auf einmal einen tieferen Sinn. Bekommt auch das letzte Abendmahl einen tieferen Sinn. Bekommen die Weissagungen vom Leiden und Auferstehen des Menschensohns eine ganz neue Deutung.

Das ist dann das Ende der Verwirrung. Aber nicht für alle. Denn nach wie vor ist es die Kreuzesbotschaft, welche die Religonen aller Welt verwirrt und irritiert, weil in ihrem Glauben nichts vergleichbares vorkommt: Ein Gott, der leidet, der sich schlagen läßt, der sterben muß, der verachtet und verlacht wird und sich nicht dagegen wehrt. Das passt nicht zu den erhabenen Gedankengebäuden, die sich die Völker von ihren Göttern zurechtgelegt haben. Verwirrt stehen sie vor dem Kreuz und fragen: Ist das möglich, daß sich der wahre Gott so erniedrigt?

Aber auch in Teilen der modernen Theologie, nicht nur im Feminismus, waltet nach wie vor eine große Abneigung und Unverständnis gegenüber dem Opfertod Christi. Mein Leib, für euch gegeben, mein Blut, für euch vergossen, das kann doch wohl nicht wörtlich gemeint sein! Muss Gott denn erst Blut sehen, bevor er vergeben kann? Passah heißt auf deutsch "schonend vorübergehen." An den Häusern Ägyptens, deren Türpfosten mit dem Blut der Lämmer bestrichen waren, ging das Verderben vorüber, ohne Schaden anzurichten.

Aber diese unapettitliche, ja grausamen Zusammenhänge um das Ende Jesu bleiben uns nicht erspart. Das ist die Zumutung des Kreuzes, die Zumutung des Passah. Glauben wir im Ernst, wenn der Tod durch die Stadt geht und nur das Böse straft, während er die Gerechten verschont, daß er an dir und mir vorbeigeht? Wenn Gott nur die Gerechten schont, dann wäre auch bei den Israeliten die Erstgeburt gestorben. Denn keiner ist von sich aus vollkommen genug, wie es Gottes heiliges Gesetz fordert. Es ist das Blut des Lammes, das uns gerecht macht. Es ist eine fremde Gerechtigkeit, nicht unsere eigene. Sie kommt uns zugut durch den heilvollen Bund.

Der heilvolle Bund

Ein Bund hat immer zwei Partner. Beim Ehebund ist uns das am deutlichsten. Auch als Jesus Abendmahl feierte, sprach er vom Bund: „Nehmet hin und trinket alle daraus. Dies ist das Blut des Neuen Testamentes, des neuen Bundes.“ Eigentlich sollte der Bund unaufhörlich gelten, beide Parteien einander treu bleiben. Wir wissen aber, gleich nach dem Abendmahl lassen die drei treusten Jünger den Heiland im Stich, der ihr Mitbeten so gebraucht hätte in der Nacht der Angst. Dann wird ihn Judas ausliefern. Petrus wird leugnen, ihn zu kennen. Bei der Verhaftung werden sie alle weglaufen. Was ist der Bund dann noch wert? Ungültig wegen Zerrüttung oder was? Aber Jesus bleibt treu bis in den Tod. So wird er nicht nur ein Vorbild für Treue oder für den leidenden Gerechten. Er wird zum Opferlamm.

Von da ab haben die Jünger anders Passah gefeiert. Im Jahr darauf sind sie nicht mehr zum Tempelvorplatz gekommen, um mit den andern Pilgern ihr Lamm zu schlachten. Im Jahr darauf haben sie auch nicht schweigend und mit düsteren Gedanken das letzte Abendmahl verzehrt. Vielmehr heißt es in der Apostelgeschichte: „Sie brachen das Brot hier und dort in den Häusern, hielten die Mahlzeiten mit Freude.“

So ist auch für uns das Abendmahl am Gründonnerstag etwas anderes als eine Gedenkfeier an einen historischen Befreiungstag. Wir sind nicht Zuschauer, sondern einbezogen. Wir sitzen oder stehen mit am Tisch des Herrn. Genauso untreu wie die Jünger einst. Aber genauso im Machtbereich der Vergebung und der Liebe dieses einzigartigen Herrn. Und wie einst Israel dürfen wir, davon gestärkt, aufbrechen in die Freiheit, unter dem Schutz des Gottes, der stärker ist als alle Widersacher, als alles, was uns schaden könnte. Er will uns auch jetzt wieder stärken. Amen.

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