Nie gottlos

Liebe Gemeinde,

der Pastor soll in der Predigt die Bibel auslegen. Nicht wahr?

Aber manchmal sind die Bibelworte so komplex und so schwierig, dass eine Predigt gar nicht genügen würde. Und dann ist es besser, man beschränkt sich. Besser: wir verstehen einen Satz so, dass er uns etwas sagt, als das wir über der Fülle von Aussagen in den Kirchenschlaf verfallen. Darum heute ein Satz nur:

[4] Ich habe dich verherrlicht auf Erden und das Werk vollendet, das du mir gegeben hast, damit ich es tue.

Das genügt.

Jesus hat das Werk vollendet auf Erden, dass Gott ihm geben hat. Werk. Wir haben hier schon ein Sprachproblem. Bei Werk denken wir heutigen an eine Fabrik. An ein Stahlwerk zum Beispiel. Eigentlich gar nicht so dumm: In so einem Stahlwerk wird ja etwas getan, etwas verwandelt sogar. Vorne kommt das rohe Erz hinein und hinten heraus kommt Stahl in Form von Stangen oder Blechen oder Platten.

Das Wort wird Fleisch. So fängt Johannes Evangelium an. Und mit diesem Weihnachtssatz auch unser Glaube. Verwandlung. Gott, das Ewige, das Geistige und Unfassbare verwandelt sich in Fleisch. In Menschenfleisch. In ein Baby, das schreit und gluckst, Milch saugt und Windeln braucht. In einen Mann, der Zimmermann wird, und Geschwister hat, und in Galiläa in Nazareth lebt. Usw. Ich habe das Fleisch vollendet, das Du mir gegeben hast.

Fleisch, liebe Gemeinde, ist nicht bloß eine Substanz, ist mehr als Haut und Knocken. Kneifen sie sich mal: aua. Das ist Fleisch. Wenn Sie auf der Beerdigung weinen, das ist Fleisch. Wenn Ihnen jemand einen guten Witz erzählt und sie müssen herzhaft lachen, das ist Fleisch. Wenn der Zahn schmerzt, weil er ein Loch hat: Fleisch. Wenn das Herz springt vor Freude, weil es ein toller Tag war: das ist Fleisch. Achten Sie auf die Worte: Wir Menschen haben kein Fleisch, wir sind Fleisch. Wir – solange wir leben – empfinden alles, alles in unserer Haut, in unserem Blut, in unserem Gehirn, in unserem Magen usw – Eben: Alles im Fleisch.

Tja. Und deshalb sind wir ja auch Menschen und keine Götter, nicht wahr. Götter sind nicht so. Die weinen nicht. Die lachen nicht über Witze. Die haben keine Zahnschmerzen und singen nicht: „Das war ein toller Tag“ Götter sind ewig und unsterblich und immer gleich und ganz gerecht und ohne Gefühle, die sie hin und her reißen. Es sei denn…wir täuschen uns. Gott kommt herein, Mensch kommt heraus. Wie in unserem Stahlwerk, Erz hinein, Stahl heraus.

Verrückt? Und doch herrlich. Dafür ist Jesus da. Gott in unser Fleisch zu bringen. Wenn Du lachst, lacht auch Gott, wenn Du weinst, weint auch Gott. Wenn Du singst, singt Gott. Wenn Du Schmerzen hast, schmerzt es auch Gott … nie und nimmer und in keiner Sekunden Deines menschlichen Daseins bist Du ohne Gott. Nie gottlos.

Womit ich mir hier abmühe, um uns das zu beschreiben, lässt sich eigentlich viel besser singen: (Zwischengesang EG 165,5-6)…Nicht wahr: Du durchdringest alles, ich in dir, Du in mir. Von Herzen gesungen, da spürt man förmlich, wie Gott in uns mitsingt.

So verherrlicht Jesus das, was ihm gegeben wurde. Fleisch mit Gott tränken. Das ist sein Werk. Heut ist Palmsonntag. Heut hören die Jünger und wir das nur. Bald ist Gründonnerstag, da erleben die Jünger und wir es auch: Nimm hin und iss, mein Leib, mein Blut für Dich. Ich in Dir, Du in mir.

Wir sind mit unserem einen Satz aber noch nicht ganz fertig. Immerhin fällt da auch das Wort „das Werk vollendet“. Vollendet. Wenn schon, denn schon. Wenn schon Fleisch, dann auch bis zum Ende. Bis zum bitteren Ende, wenn’s denn sein muss.

Wenn Du lachst, lacht auch Gott, wenn Du weinst, weint auch Gott. Wenn Du singst, singt Gott. Wenn Du Schmerzen hast, schmerzt es auch Gott…nie und nimmer und in keiner Sekunden Deines menschlichen Daseins bist Du ohne Gott. Nie gottlos. Auch am bitteren Ende nicht. Wenn Du stibst, stirbt auch Gott.

Also keine halben Sachen: nicht, ich lache und weine und singe mit Dir, aber am Ende, da lass ich Dich alleine, liebes Menschenfleisch. Auch das haben unsere Gesangbuchdichter intuitiv erfasst und in Verse gegossen, die uns wohl gut vertraut sind:

Wenn ich einmal soll scheiden,
So scheide nicht von mir;
Wenn ich den Tod soll leiden,
So tritt du dann herfür; 
Wenn mir am allerbängsten
Wird um das Herze sein,
So reiß mich aus den Ängsten
Kraft deiner Angst und Pein! (Paul Gerhardt, 1656)

Und die letzten Worte Jesu am Kreuz sind darum bei Johannes auch: Es ist vollbracht.

Sie und ich – und die da draußen, die nicht hier sind auch: Menschen mit Menschenfleisch, mit allen Gefühlen und mit unserer Sterblichkeit, wir sind nie, selbst im letzten Atemzuge nicht ohne Gott. Das hat er bewirkt, dieses Werk vollendet und vollbracht.

Amen

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