Bis zur bitteren Konsequenz

Wenn wir Karfreitag mit einem Gottesdienst begehen, geht es um Folter, um das öffentliche Quälen eines Menschen allgemein und des Sohnes Gottes im besonderen. Dazu gehörte neben körperlichen Qualen auch die seelischen Qualen der öffentlichen Zurschaustellung des nackten Leidenden, dessen Besitz noch während der Hinrichtung unter den Henkern aufgeteilt wurde. So sind Menschen – sind so Menschen (wir)?

Überheblichkeit für die nicht Verstehenden ist vollkommen unangebracht. Was verstehen wir denn? Darum tat es gut in den Passionsandachten auf die ganze Passionsgeschichte zu hören. Darum tut es auch heute gut auf die ganze Kreuzigungsgeschichte zu hören – in diesem Fall wie Matthäus sie erzählt.

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Die Passionsgeschichte ist die Keimzelle der Evangelien. Hier begegnen wir dem Kern der christlichen Verkündigung. Ohne die Geschichte vom Kreuz Christi gibt es weder Weihnachten noch Ostern, weil sich erst aus der Passion der Christus und seine Wirklichkeit erschließt

Dass die ZeugInnen am Kreuz Jesu ruf ‚Mein Gott, mein Gott …..‘ aus Psalm 22 nicht verstehen, liegt weniger an ihrem fehlenden religiösen Wissen, als vielmehr daran, dass sie dieser Ruf verstört, weil dieser Psalm im Finale ein Siegeslied ist und sie ihn darum in dieser Situation einfach nicht erwarten. Der Psalm erschließt sich dem christlichen Glauben erst nach Ostern. Erst wir Späteren können wissen, dass das Kreuz der Sieg ist, der den Tod überwunden hat.

Wir dürfen nicht vergessen: Was uns in der Passionsgeschichte angeboten wird, ist kein historischer Bericht. Es ist die Geschichte des Leidens und Sterbens Christi, wie sie nach einigen Jahrzehnten gemeinsamen Nachdenkens und Predigens und Betens und auch nach unzähligen gemeinsamen Mahlfeiern aufgeschrieben wurde
Wichtig ist, dass Jesus selber Herr des Geschehens bleibt. Was er will geschieht, die Handelnden sind eigentlich nur Werkzeuge des Willens Gottes.

Der Sohn Gottes geht seinen Weg bis zur bitteren Konsequenz. Er wird gequält, gedemütigt, gefoltert und hingerichtet – und bleibt doch: der Herr der Welt.

Was bleibt: Einer der am Boden liegt, wird noch zum Gespött der Leute. So etwas erleben wir immer mal wieder und müssen auch fragen: Wo bin ich bei diesem Geschehen? Was ist meine Rolle, wenn Menschen gedemütigt werden? Bis hin zu der Frage: Wie gehe ich um mit immer voyeuristischeren Medien? Wie gehe ich um mit der ganz alltäglichen Hetzjagd auf Menschen? Die Kreuzigung findet auch mitten in unserem Leben statt – immer wieder und ich bin gefragt: Bin ich bei dem misshandelten oder bin ich bei den Gaffern?

Diese Frage wird dadurch verstärkt, dass im biblischen Bericht relativ undeutlich bleibt, wer da kreuzigt. ‚sie‘ taten, heißt es da lapidar. Irgendwelche Leute, die da zufällig reingerutscht waren, die vielleicht selber nicht wussten warum? Bin ich bei denen? Die Geschichte von Golgatha ist keine ‚Geschichte von früher‘. Sie passiert heute, mitten unter uns.

Aber das Wunder von Karfreitag passiert trotzdem: Der Vorhang im Tempel zerreißt. Es geht nicht um ein Dekorationsteil im Tempel, es geht um den Zugang zu Gott. Hinter den Tempel darf nur der Geweihte. Seit Karfreitag ist der Zugang zu Gott jedem Menschen offen. Die Erde bebt, weil Gott sich öffnet für die Menschen, weil er selber uns – jedem Einzelnen – in Jesus Christus den Zugang zu sich gibt. Wir brauchen keine Priester mehr. Er selber lädt uns ein, mit ihm zu reden, mit ihm zu Tische zu sitzen.

Das zweite Wunder: der Hauptmann, Nichtjude und vielleicht ohne Ahnung in Glaubensdingen, muss erschrocken feststellen: Dieser ist wirklich Gottes Sohn gewesen. Woher diese Feststellung kommt, wird nicht gesagt, auch nicht, wohin sie ihn führt. Nicht wissen und doch damit umgehen.

Karfreitag ist ein schwieriger Tag: Wir beweinen den Gekreuzigten, obwohl wir wissen, dass er lebt, dass Ostern Wirklichkeit ist.

Aber erst einmal müssen wir doch sehen auf den Sohn Gottes, den Menschen derart zugerichtet haben und müssen über unseren Anteil an diesem Geschehen nachdenken.

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