Es kann im Leben mehr als Alles geben

Der 10-jährige Oskar ist krebskrank und hat nur mehr zwölf Tage zu leben. Zusammen mit einer pragmatischen älteren Frau, die regelmäßig Krankenhausbesuche macht, der "Dame in Rosa", verbringt er die meiste Zeit seines restlichen Lebens im Krankenhaus. Sie ermutigt ihn an Gott zu schreiben, was ihn so bewegt, wenn er niemanden zum Reden hat – obwohl sie selbst nicht an ihn glaubt. Sie erfindet eine neue Welt für Oskar, hält ihn damit bei guter Laune und lässt ihn in seinen letzten Tagen 120 Jahre alt werden und alle Lebensphasen vom Erwachsenwerden über die große Liebe seines Lebens, dem Bund für das Leben, dem langsamen Abschied davon, und die damit verbundenen Gefühle, kennen lernen. Seine Eltern kommen anders als er mit der Krankheit nur schwer zurecht und vermeiden das Thema vor ihrem Sohn anzusprechen; erst viel zu spät lernen sie, sein Schicksal zu akzeptieren. Nach Oskars Tod beginnt auch "Die Dame in Rosa" an Gott zu glauben.
Mir standen Tränen in den Augen und es schnürte mir das Herz zu, nachdem ich diese Erzählung in einem Zug durchgelesen hatte.
Vielleicht weil ich die Ängste der Eltern so gut verstehen konnte: wer möchte schon gerne über die todbringende Krankheit seines Kindes reden und sie somit nicht nur einfach wahrhaben, sondern letzten Endes auch endlich annehmen und akzeptieren?
Vielleicht aber auch, weil ich so ungläubig vor der Lebenseinstellung dieses Kindes stand und bei mir dachte: wie geht das nur?
In mir war und ist immer noch Protest und Widerstand: der Tod im Allgemeinen und dieser ganz besonders darf doch um Gottes Willen auf keinen Fall sein.
Und zugleich möchte auch ich so leben können, dass die Zeit nicht unbemerkt an mir vorbeirauscht, sondern prall angefüllt und ausgekostet mit dem ganzen Leben ist.
Ich schiebe immer noch so vieles vor mir her, spare mir Dinge, die ich gerne tun und erlebe möchte auf für eine Zukunft, von der ich am Ende gar nicht weiß,ob ich sie wirklich haben werde.
Ich weiß nur eins: wie eigentlich alle anderen auch möchte ich leben, möchte ich das Leben spüren, wenn es sein kann auch genießen, auskosten und Erfüllung finden. Ich möchte meine Zeit nicht nur einfach abwarten, sondern nutzen.
Ich möchte neugierig und gespannt bleiben und das Glück des Lebens wahrnehmen, solange es mir möglich ist.
Denn eines habe ich begriffen und gelernt: die Uhr des Lebens kann keiner zurückdrehen, Zeit, die nicht genutzt wurde, ist vergangen, mehr als die mir noch zur Verfügung stehende, das noch vor mir liegende Leben, habe ich nicht.
Da wo ich meine Neugierde und meine Lebenssehnsucht spüre, da spricht die Bibel vom Lebenshunger und vom Lebensdurst.
Da, wo ich mir Zufriedenheit und Erfüllung wünsche als Fazit meines Lebens, da spricht die Bibel von Menschen alt und lebenssatt. Und ich habe das Gefühl, auch wenn die meisten Menschen, die lebenssatt an ihr Ende kamen, wirklich alt waren, so ist das doch keine Frage des Alters, sondern der Einstellung zum Leben.
Oskar wurde nur zehn Jahre alt und starb alt und lebenssatt, weil sein Leben ausgefüllt war mit Erfahrungen für 120 Lebensjahre. Und seine Eltern? Sie spüren den ungestillten Lebenshunger, sie spüren den Drang und die verzweifelte Suche nach etwas, was ihrem Leben Sinn,Tiefe und vor allem Würde gibt, zum Beispiel die Erfahrungen:
Gut, dass du da bist
Gut, dass es dieses Leben gibt
Gut, dass die Spuren dieses Leben unübersehbar bleiben.
Darauf kommt es wohl an.
Aber viele geben sich zu lange mit viel weniger zufrieden.
Sie wollen satt sein und ihren Durst stillen und verwechseln dies mit einem vollen Bauch und im Rausch betäubten Gefühlen.
Sie lassen sich von Spielen und Unterhaltung ruhig stellen und überhören die Unruhe der inneren Stimme fast ein ganzes Leben und werden am Ende eingeholt von der bohrenden Frage: soll das schon alles gewesen sein? – und wenn es schlecht kommt noch unterstrichen durch das Fazit: aber jetzt ist es zu spät.
Oskar stirbt mit zehn, Jesus stirbt mit dreißig – lange vor seiner Mutter, seinen Geschwistern und seinen Freunden.
Die Zuschauer und die Weggefährten begreifen auf dem Weg hinauf zum Kreuz nichts und niemanden, sie spüren nur wie alle anderen auch: ich will leben – will auch Gott, dass ich lebe?
Brot und Spiele beruhigen, wenn es zu laut in mir wird.
In einer Wohlstandsgesellschaft zu leben ist ein unglaubliches Privileg und macht ein Stück weit unempfindlich für die viel tiefer liegenden Fragen und Gefährdungen des Lebens. Denn wir kennen die elementarsten Bedrohungen schon nicht mehr und die Bitte um das tägliche Brot muss Kindern erklärt werden, die nicht mehr wissen, welche Brötchen aus der Fülle des Angebotes oder welche Brotsorte sie gerne essen wollen und welche gut für sie ist und Gott sei Dank richtigen Hunger nie kennengelernt haben.
Die Menschen, die mit Jesus unterwegs waren, haben intuitiv begriffen, dass der, der Fünftausend mit fünf Broten und zwei Fischen satt gemacht hat, damit nicht nur den leiblichen Hunger meinte, sondern dass dies alles nur ein Zeichen dafür war, dass der wahre Lebenshunger gestillt werden muss.
Denn Leben ist eben mehr als nur Fressen und Saufen und dann vielleicht noch die Moral.
Leben ist Arbeiten und Erholen, Leben ist Staunen und Entdecken, Leisten und Genießen, Leben ist Lachen und Weinen, Gemeinschaft und Einsamkeit, Hoffen und Bangen, Sonnenschein und Regen. Leben ist Geborenwerden, Aufwachsen, sich Entwickeln und Verändern, Leben ist Abschied und Neuanfang.
Leben ist ein Geschenk. Es braucht Aufmerksamkeit und offene Augen für den Geber des Geschenkes, um die Freude über dieses Geschenk zu entdecken und zu spüren. Und es braucht Menschen zum Teilen, weil ich dieses Geschenk eben nicht für mich behalten kann und behalten darf.
Was haben die Menschen bei Jesus gesucht und gefunden?
Sicher auch Brot, vor allem aber Liebe, Klarheit und Aufmerksamkeit.
Sie wurden ernst genommen mit ihren Fragen, Anliegen und Entscheidungen.
Das heißt: sie wurden aber auch in die Pflicht genommen für das , was sie selbst entschieden haben und verantworten mussten.
Erwachsen und selbstständig sah er sie, nicht wie Kinder, sondern Ebenbürtige.
Als Gegenüber und Partner, die ihm nicht egal waren, weil ihm nicht alles gleichgültig war und ist. Wer ihm in die Augen schaute, schaute Gott ins Herz, und wer von ihm angesehen wurde, den traf die Liebe Gottes, die durch und durch ging und vieles von Grund auf veränderte. Menschen fanden sich mit einem Male wie neugeboren mitten in ihrem Leben. Nicht einfach so, sondern weil sie Jesus begegneten, weil ihre Leben sich kreuzten und jeweils bleibende Spuren hinterließen und davontrugen.
Johannes nennt das Glauben und die Frucht dieses Glaubens: ewiges Leben.
Ein Leben, das Tiefe und Fülle nicht erst in irgendeiner fernen Zukunft gewinnt, sondern heute schon.
Ein Leben, das nicht auf morgen vertröstet, sondern heute schon beginnt.
Das aber auch heute nicht alles, was ich mir wünsche und erhoffe, leisten und erfüllen muss, weil es einen größeren und weiteren Horizont hat als die Tage, Monate und Jahre, die wir hatten und noch haben werden. Die Perspektive des Glaubens ist die Ewigkeit, die wir aber heute schon kosten und beginnen dürfen.
Wer mit Ernst und Nachdruck fragt, ob es im Leben mehr als alles geben kann, darf sich getrost einladen lassen: wer zu ihm, Jesus kommt, wird nicht hungern, und wer an ihn glaubt, den wird nicht dürsten.
Er ist das lebendige Brot vom Himmel. Er schenkt Leben.
In ihm und mit ihm dürfen wir das Leben auskosten, erfahren, teilen, belachen und beweinen, uns freuen und stets aufs neue hoffen.

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