Wir sind im Auftrag des Herrn unterwegs

Liebe Gemeinde,

es waren zwei richtig große Themen, die in dieser Woche die Nachrichtenwelt beherrscht haben: Unsere katholischen Freunde haben seit Donnerstagabend einen Stellvertreter Christi im Ruhestand – ein Umstand, den es seit Jahrhunderten zum ersten Mal wieder gibt und der SPD Kanzlerkandidat Peer Steinbrück hat die beiden Wahlsieger in Italien als Clowns bezeichnet und damit für ganz erheblichen Aufruhr und für größte Irritationen auf der politischen Bühne gesorgt. Dass Benedikt in Rente gegangen ist wollen wir als Thema unseren Glaubensgeschwistern von der anderen Konfession überlassen. Weitaus ergiebiger ist ja auch die Sache mit dem SPD Kanzlerkandidaten – jedenfalls in Bezug auf unseren heutigen Predigttext. Der steht in Jeremia 20, 7 – 11a.

[TEXT]

Haben Sie den Bezug herausgehört? Jeremia vermutet – oder weiß sogar, dass selbst seine sogenannten besten Freunde auf einen Fehler, einen Fauxpas, einen Ausrutscher oder ein Fettnäpfchen warten, damit sie daraus Kapital schlagen können, damit sie ihm daraus einen Strick drehen, ihn ausschalten können. Im Text heißt es: „Sogar meine besten Freunde warten darauf, dass ich mir eine Blöße gebe. »Vielleicht bringen wir ihn dazu, dass er etwas Unvorsichtiges sagt«, flüstern sie, »dann können wir uns an ihm rächen!«“ – Etwas Unvorsichtiges ist schnell gesagt. Herr Steinbrück sollte das inzwischen wirklich wissen. Und trotzdem hat er ohne Not diesen Satz mit den Clowns herausgehauen, was ihn sofort das Abendessen mit dem italienischen Staatspräsidenten gekostet hat.

Jeremia dagegen sah die Gefahr schon von weitem. Er hatte die Sorge, dass sie (seine „Freunde“) ihn provozieren, dass sie irgendeinen ungeschickten Satz aus ihm herausleiern, den sie dann breit treten können, mit dem sie Stimmung gegen ihn machen können, den sie ihm um die Ohren hauen können. Jeremia wusste das sehr genau: Ein unbedachtes Wort – als öffentliche Person – und schon steht man am Pranger – oder, um ein anderes Bild zu gebrauchen, schon zappelt man wie der Fisch an der Leine. Jeremia wollte das alles eigentlich ja gar nicht. „HERR, du hast mich überredet und ich habe mich überreden lassen. Du bist mir zu stark gewesen und hast gewonnen…“ – So beginnt der Text in der Lutherübersetzung. In der Guten Nachricht, die ich vorgetragen habe, ist sogar von „verführt“ die Rede: „Du hast mich verführt, Herr, und ich habe mich verführen lassen…“ Doch bleiben wir zunächst bei Luthers „überreden“. Wer von uns kennt das damit Gemeinte nicht aus dem Alltag? Dazu eine kurze Begebenheit, die ich allerdings nicht selbst so erlebt habe:

Neulich klingelt es an der Tür. Eine ältere Frau steht davor — Kittelschürze, Kopftuch, nur noch wenige Zähne: "Mögen Sie Äpfel?" Drei Minuten später hab ich ihr fünf Kilo abgekauft. Und das, obwohl ich eigentlich genau weiß, daß der Verzehr von Äpfeln meiner momentanen Allergie nicht gerade zuträglich ist. Und außerdem fünf Kilo? Eigentlich mag ich ja Äpfel. Aber ich fahr‘ doch in einer Woche in Urlaub. Wer soll die eigentlich essen?

Solche Situationen kennt vermutlich jeder in der einen oder anderen Art: Man redet mit Leuten und tut dann etwas, was man eigentlich gar nicht wollte. Zusätzlich hat man noch das ungute Gefühl, selbst "schuld" zu sein, denn es hat einen ja niemand dazu gezwungen. Man hat sich doch selbst dafür entschieden.

Gewöhnlich reklamiert man dann für sich: "He, da bin ich aber überredet worden." Gut, der Vorgang hat jetzt einen Namen, an der Situation ändert sich trotzdem nichts. Also, wo deponier‘ ich jetzt meine fünf Kilo Äpfel?

Bekommen Menschen miteinander zu tun und müssen ihr Handeln aufeinander abstimmen, gibt es unterschiedliche Ansichten, Meinungsverschiedenheiten, Interessensgegensätze — kurzum: Konflikte. Geht es zivilisiert zu, bemühen sich die Beteiligten, diese Konflikte verbal zu lösen. Man fängt an, für seine Position zu argumentieren und versucht den anderen von seiner Sichtweise auf den Konflikt und die Lösungsmöglichkeiten zu überzeugen. Wenn er/sie nur die Welt mit meinen Augen sähe, verstünde er/sie meine Meinung und müsste sich ihr in der Folge anschließen, so das zugrunde liegende Kalkül. Und oft genug funktioniert das auch so. Die Beteiligten gehen auseinander und sind einigermaßen zufrieden mit der gefundenen Lösung. Aber offensichtlich hat das honorige Überzeugen ein hässliches kleines Geschwisterchen: das Überreden. Es ist zwar auch nur ein Wortwechsel, und doch hängt da hinterher etwas schief.

„Herr, du hast mich überredet und ich habe mich überreden lassen“. – oder gar „verführen lassen“, wie es die Gute Nachricht übersetzt. Das klingt zunächst tatsächlich auch nach Schieflage, nach „über den Tisch gezogen worden sein“. Doch das Spannende und vor allem die Spannung in dem Text bestehen darin, dass Jeremia das Zustandekommen seiner Mission, seines Auftrags dann doch wie selbstverständlich annimmt und akzeptiert. Wir erfahren sehr persönlich und sehr offen, wie es in ihm aussieht, welche Nöte und Befürchtungen ihn fast zerreißen, und was ihn am Leben hält. Fast zerreißen tut Jeremia der Inhalt dessen, was er dem Volk zu sagen hat. Es konnte sich ausschließlich um heftige und herzhafte Kritik handeln.

Etwas anderes war gar nicht möglich. Uns ist ja angewöhnt worden, wenn wir Kritik zu äußern haben, zuerst etwas Positives an den Anfang zu stellen, uns darüber breit auszulassen und dann gegen Ende, mit abgewogenen, wohl bedachten Worten, wie in Watte verpackt, das Kritische vorsichtig herauszuholen und anzusprechen. Jeremia geht es da eher wie dem Lehrer im Elterngespräch, der das hoffnungslos schwache Kind in Mathe und Physik hat. Von den Eltern gefragt, welche Note mit viel Optimismus im Zeugnis eventuell erreichbar sei, antwortet der Lehrer: „Wenn ich beide Augen zudrücke, dann sind das alleräußerste, was ich mir mit maximaler Phantasie vorstellen kann, zwei Fünfer.“ Hier wie bei Jeremia ist die Lage also zu ernst für Smalltalk, zu prekär für Geplänkel und viel zu kritisch für irgendwelches Gesülze. Die gesellschaftliche, die soziale, die religiöse Situation war viel zu schlimm. Sie war dramatisch, sie war himmelschreiend: Ausbeutung, Korruption, Götzendienst, Ungerechtigkeit. Alles war in schrecklicher Schieflage. Etwas anderes als „Frevel“, „Gewalt“, „Verbrechen“ und „Unterdrückung“ konnte dem Jeremia nicht über die Lippen gehen. Und immer mehr hat er Hohn und Spott dafür geerntet, wurde angefeindet, gehasst und bedroht.

Schließlich nimmt er sich vor, gar nichts mehr zu sagen, zu schweigen, seinen Mund zu halten. So frustriert, verängstigt und deprimiert ist Jeremia. „Ich will nicht mehr an Gott denken und nicht mehr in seinem Auftrag reden“ – das beschließt er. Von sich aus will er sich zur Ruhe setzen und einfach aufhören. Das ist sein Entschluss. Doch dann geschieht, was nach meinem Empfinden in der Guten Nachricht besonders eindrucksvoll – ja fast unter die Haut gehend so beschrieben ist: doch da „…brennt dein Wort in meinem Innern wie ein Feuer. Ich nehme meine ganze Kraft zusammen, um es zurückzuhalten – ich kann es nicht.“ Jeremia will aufhören, Prophet zu sein – doch es geht nicht. Er kommt dabei fast um. Er verschmachtet schier. Es geht nicht. Ich denke, dass wir hiermit am entscheidenden Vergleichspunkt sind. Im Zentrum von dem, was unser Jeremiatext nahe legt und auch im Zentrum dessen, worum es am heutigen Sonntag Okuli, dem dritten Passionssonntag geht: So wie Jeremia nicht einfach aufhören konnte, Prophet zu sein, so können wir nicht einfach je nach Bedarf und Schwierigkeit aufhören, Christ bzw. Christin zu sein. Wir leben zwar vordergründig nicht in einem so himmelschreienden Umfeld bzw. einer Umwelt der Ungerechtigkeit, des Unrechts, der Ausbeutung wie Jeremia.

Doch wenn wir über unseren Tellerrand hinausschauen, über die Grenzen unseres Ortes und auch Deutschlands und Europas, dann sieht es schon etwas anders aus. Wir leben ja bekanntlich in einer globalisierten Welt. Das heißt konkret, dass die Bluse oder die Hose, die wir vielleicht jetzt anhaben, von einem Menschen z.B. in Bangladesh zusammengenäht wurde. Für einen Lohn, der nicht reicht, um menschenwürdig zu leben. Die Berichterstattung in den Medien ist seit Monaten davon angereichert. Und schon sind wir, was Ungerechtigkeit und soziale Schieflage anbelangt, direkt bei Zuständen, die Jeremia nicht global, sondern lokal vor Augen hatte und anprangerte. Doch möchte ich diese konkreten Parallelen an der Stelle gar nicht weiterverfolgen. Vielmehr will ich noch einmal zurück zu Jeremia, der Gottes Wort in seinem „Innern wie ein Feuer“ brennen spürt und der schmerzhaft lernen muss: Ich kann gar nicht anders, als Gottes Sache vertreten, als Gottes Wille verkünden, als Gottes Botschafter und Sprachrohr sein. Müsste es bei uns nicht so sein, dass auch etwas anfängt weh zu tun, wenn wir unser Christsein zeitweise in den Schrank hängen? Wenn wir zum Beispiel unsere Steuererklärung machen, wenn wir bei der Arbeit sind, wenn wir Auto fahren oder wenn wir im Urlaub sind?

Als Christinnen und Christen sind wir in der Nachfolge unseres Herrn. Da können wir nicht hergehen und sagen: So, heute ist jetzt mal keine Nachfolge und morgen auch nicht – aber nächste Woche dann wieder. Das, liebe Gemeinde geht so gar nicht. Wir sind als Christen sozusagen „im Auftrag des Herrn unterwegs“. Das ist ein Dauerauftrag – kein Gelegenheitsjob. Die Redensart „im Auftrag des Herrn unterwegs“ stammt übrigens aus dem Film „Die Blues Brothers“, einer amerikanischen Komödie, die zum absoluten Kultklassiker geworden ist und der sogar der Vatikan inzwischen das Prädikat „Katholischer Klassiker“ verliehen hat, also zur geistlichen Erbauung geeignet – obwohl so manche Aussage in dem Film als ziemlich grenzwertig hin zur Gotteslästerung und auch sonst einiges als fragwürdig anzusehen ist.

Die beiden Hauptfiguren, zwei Brüder, erkennen die Rettung eines Waisenhauses als ihre Aufgabe und sie haben die Erleuchtung, dass Gott sie dazu bestimmt hat, dass sie also „im Auftrag des Herrn unterwegs“ sind. Die vielen Gesetze, die sie dabei übertreten, sind natürlich nicht das Vorbild, sondern die Konsequenz, die Entschlossenheit und die Unerschrockenheit, mit denen sie ihre Mission erfüllen, von der sie überzeugt sind, dass es Gottes Auftrag ist. Als Christinnen und Christen leben wir in der Nachfolge unseres Herrn Jesus Christus. Uns ist aufgetragen, nach seinem Willen zu handeln, nach seinen Worten zu leben und seine Botschaft zu verbreiten. Wir sind somit im Auftrag des Herrn unterwegs. So lange unser Weg auf dieser Erde noch dauert ist das so. Und einfach ist es nicht immer und auch nicht immer öfter.

Aber entscheidend ist doch dieses: Wir dürfen die Worte des Jeremia auch für uns in Anspruch nehmen, wenn er am Ende sagt: Doch du, HERR, stehst mir bei, du bist mein mächtiger Beschützer!

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