Ringen mit Gott

Es ist einer der großen Namen der Bibel: Jeremia. Der große Prophet. Ein sehr umfangreiches Buch im Alten Testament trägt seinen Namen.

Wer nichts von Jeremia weiß, das Buch nie gelesen hat und dann sieht, dass dieses Buch 52. Kapitel hat und hört, dass Jeremia ein großer Prophet war, der könnte denken, dass er großer Mann des Glaubens war, ein frommer und gottesfürchtiger Mann. Geradezu eine Lichtgestalt der Bibel.
Aber wer schon von ihm gehört und vielleicht das Buch teilweise gelesen hat, der weiß: Das ist ganz anders. Jeremia ist eine der tragischen Gestalten des Alten Testaments – einer, der uns zeigt, dass es mit Gott und dem Glauben nicht immer einfach ist. Und dass es mit den Mitmenschen und vor allem den Mächtigen dieser Welt nicht einfach ist.

In den Jahren um das Jahr 600 v. Chr. lebte er im Königreich Juda, jenem kleinen Königreich, das sich so ungefähr 50 bis 100 km rund um Jerusalem erstreckte. Geboren und aufgewachsen war er in der Stadt oder wohl eher dem Dorf Anatot. Er war wohl noch ganz jung, als er spürte, dass er berufen sei, als Prophet Gottes Wort zu verkünden.
Andere Menschen mögen darauf warten, dass Gott persönlich zu ihnen spricht, aber für Jeremia war es von Anfang an eine Last, ja eine Qual. Prophet zu sein – das konnte in seinen Augen nur Ärger bedeuten. Er meinte, er sei zu jung. Aber schließlich konnte er sich seiner Berufung nicht entziehen.
Er ahnte, dass das, was er zu sagen hätte, auf taube Ohren treffen würde. Er ahnte, dass ein Prophet nichts gilt. Dass einer, der von Gott redet und vom Glauben nur Hohn und Spott ernten würde. Er ahnte dass es sein Leben lang so bleiben würde, egal, was auf der Welt passiert. Und vielleicht ahnte er sogar, dass sich das nie ändert solange die Welt sich dreht.

Als sein Land vom mächtigen König von Babylon bedroht wurde, mahnte er man solle sich nicht gegen diesen König stellen. Als sein eigener König sich um ein Bündnis mit Ägypten bemühte, warnte er noch mehr: „Nein“, sagte er, „Ägypten ist nicht unsere Rettung sondern unser Untergang. Es ist nicht Gottes Wille, dass wir uns nach Ägypten wenden.“
Kein Wunder, denn schließlich hatte Gott sein Volk ja mühevoll aus Ägypten herausgeführt.
Aber man wollte nicht auf ihn hören und es kam, was kommen musste: Kaum das der mächtige König von Babylon davon Wind bekam, dass der König von Jerusalem und Juda mit Ägypten gemeinsame Sachen machen wollte, da schickte er seine Soldaten und machte Stadt und Land dem Erdboden gleich.
Und in der Zeit danach, als weite Teile des Volkes in der Ferne in der Verbannung lebten und das Land selbst unter der Herrschaft Babylons litt, schwieg Jeremia nicht. Immer wieder meldete er sich zu Wort. Immer wieder ermahnte er das Volk, es solle doch auf seinen Gott hören. Aber immer wieder wurde er enttäuscht. Und diese Enttäuschung, diese Hin- und Hergerissenheit, diese Wut auf die Menschen, die nicht hören wollen und auf sich selbst, diese Enttäuschung, dass Gott nicht einfach auf wundersame Weise eingreift, spricht aus diesem Text:

[TEXT]

Es gibt wenige Texte in der Bibel, in denen die Zerissenheit eines Menschen, seinen Ringen mit Gott und dem Glauben so deutlich zum Ausdruck kommt. Da kommen Gefühle zum Ausdruck, die tief im Menschen versteckt sein können.

1. Wunsch nach Vergeltung
Jahrelang hat sich Jeremia regelrecht aufgerieben. Er wollte doch eigentlich „nur“ Gottes Auftrag erfüllen, wollte etwas Gutes tun. Er wollte seinem Gott und seinem Volk dienen. Schlimmes verhindern.

Und so hat er geredet und geredet, hat versucht die Menschen zu überzeugen, hat versucht auf die Politik Einfluss zu nehmen. Aber niemand wollte ihm so recht zuhören. Und wenn sie ihm zuhörten, dann sagten sie: „Ja, aber…“ und „das bringt doch nichts“ oder „das haben wir noch nie so gemacht“ oder auch „was können wir schon ausrichten.“
Er versuchte Menschen auf seine Seite zu bringen, sie zu überzeugen gemeinsam für die gute Sache zu ringen. Aber die Menschen hatten andere Dinge zu tun. Waren zu beschäftigt mit ihren eigenen Angelegenheiten und hatten Angst Nachteile zu haben, wenn sie sich auf Jeremias Seite schlugen.
Und dann war es zu spät: Dann war das Land zerstört und besetzt. Und sie fragten sich plötzlich alle: „Hätte man das nicht abwenden können? War es unsere Dummheit und Faulheit? Oder doch eine Strafe Gottes?“

Nach all diesem Ringen und Argumentieren, nach all den Enttäuschungen und den Mühen war Jeremias Geduld offensichtlich am Ende.
Sicherlich ist es nicht die feine Art den Menschen Verderben und Vergeltung zu Wünschen und sogar Gott darum zu bitten, aber ich denke, hier spricht jahrelange Enttäuschung aus diesem Menschen. Frust und Wut und wer wollte es ihm verdenken? Wer ist frei von solchen Gedanken? Ich weiß, dass sie schlecht sind und sündhaft. Aber wer ist frei?

2. Zweifel an Gott
Und es ist sicherlich kein Wunder, dass Jeremia, der das Vertrauen in seine Mitmenschen, seine Landsleute, die ja eigentlich seine Glaubensgenossinnen und -genossen sein sollten, verloren hatte… Es ist kein Wunder, dass Jeremia, auch das Vertrauen in seinen Gott verlor. Und damit auch das Vertrauen zu sich selbst.
Warum hatte er auf diese Stimme Gottes in seinem Herzen gehört? Warum war er losgegangen und hatte sich so aufgerieben? Warum hatte er den Menschen von Gottes Weg berichtet, wenn es doch so offensichtlich vergebens war?
Für Jeremia war es absolut unverständlich, dass Gott sein Volk vor dem Verderben gewarnt hat – durch ihn, Jeremia – und dann doch in den Untergang hat gehen lassen. Hätte Gott nicht die Macht, das zu verhindern? Wenn er doch so mächtig ist, dann hätte er doch den mächtigen König der Babylonier umstimmen können, oder gar sein ganzes Heer vernichten können, durch Feuer und Schwefel oder eine schlimme Krankheit. Oder Gott hätte einfach Jeremias eigenes Volk beeinflussen können, hätte dafür sorgen können, dass seine Worte auf fruchtbaren Boden fallen. Nein, nichts war geschehen. Außer, dass seine Landsleute ihm nach dem Leben trachteten, weil sie die Wahrheit nicht hören wollten.

Aber so wirklich passt eben nicht zusammen. Er wäre wohl zu gerne seinen Glauben losgeworden, hätte sich zu gerne in Verwünschungen Gottes und seiner selbst und seines Schicksals verloren. Aber es gelingt ihm nicht. Gott ist ihm doch zu mächtig und lässt ihn nicht einfach fallen. Zwingt ihn regelrecht weiterzumachen, weil er nicht möchte, dass Jeremia sich in Selbstzweifeln verliert.

Und auch sein Volk lässt Gott nicht fallen, sondern bleibt an seiner Seite. Er hat es gewarnt, aber lässt ihm die Freiheit seinen Weg zu gehen – auch wenn der in den Untergang führt. Aber selbst da lässt Gott sein Volk nicht fallen und bleibt da und redet zu ihm. Durch Jeremia.

3. Vertrauen zu Gott
Und so blitzt durch all die Verzweiflung und Enttäuschung und durch alle Wut auf sich selbst, seinen Gott und die anderen auch immer wieder das Vertrauen in die Liebe und Macht Gottes auf. "Aber der Herr ist bei mir wie ein starker Held."
Auch wenn sich dieses Vertrauen leider allzu sehr mit dem Wunsch nach Vergeltung an seinen Widersacher verknüpft, es ist dennoch da. Und auch wenn Jeremia gerade mehr leidet und zweifelt, als dass er wirklich glaubt und hofft, so lässt auch er Gott nicht wirklich los. Er lässt seinen Glauben nicht wirklich fallen, denn immer noch ist da tief in seinem Herzen das Wissen, dass er nicht ohne Gott kann und dass nichts ihm mehr Hoffnung und Stärke geben kann als dieser Gott. "Aber es ward in meinem Herzen wie ein brennendes Feuer, in meinen Gebeinen verschlossen, dass ich’s nicht ertragen konnte; ich wäre schier vergangen."

Ohne seinen Glauben hätte er nicht weiter leben können. Und letztendlich zeigen die Worte, die Art und Weise, wie er mit Gott redet, welches Vertrauen er letztendlich trotzdem in seinen Gott setzt. Er weiß, dass Gott hinter die Worte schaut und tief ins Herz blicken kann. Und er weiß, dass Gott dort seine Enttäuschung und Verzweiflung sieht und auch dass er ein gutes, treues Herz hat, das niemandem wirklich Verderbung und Vergeltung wünscht.

Und das ist es, was Jeremia dann eben doch irgendwie zu einer Lichtgestalt der Bibel macht:
Jeremia zeigt mir noch heute, welches Vertrauen ich zu Gott haben kann. Ich kann mich diesem Gott zeigen, so wie ich bin. Mit allen meinen Gedanken und Gefühlen, auch wenn sie noch so dunkel und abgründig sind. Gott sieht in mein Herz und sieht mich, wie ich bin – mit allem Guten und allem Schlechten. Und ich kann allezeit sicher sein, dass er mich nicht fallen lässt.

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