Jesus betet für uns

Trennungen schmerzen – die Trennung der Welt von Jesus besonders – beide Seiten. Davon reden wir in der Passionszeit. Diese Zeit hat im Palmsonntag von alters her einen gewissen Kontrapunkt: Jubel beim Einzig Jesu in Jerusalem, Freude an diesem Herrn, der als König in seine Hauptstadt kommt. Darum konnte man an diesem Tag auch immer gut Konfirmation feiern – den feierlichen Einzug der Jugendlichen in ihre Kirche.

Heute ist der Bibeltext allerdings weniger fröhlich, triumphal. Eher verborgen und nicht zu verstehen. Jesus redet mit seinem Vater, er betet, aber so dass es alle hören – und sie verstehen wenig:

[TEXT]

Hohepriesterliches Gebet, so nennen die TheologInnen gerne diesen Text. Jesus verabschiedet sich hier und gibt seinen Jüngern Vollmachten. Sein Werk ist an ein Ende gekommen und er vertraut den Menschen, die mit ihm zusammen gelebt und gewirkt haben, dass sie die Sache gut weiterführen. Er vertraut Menschen – und zwar allen Menschen, die sein Wort hören und sich senden lassen. Vielleicht das wesentliche am evangelischen Glauben, dass wir alle, die wir getauft und Konfirmiert sind Gesandte dieses Herrn sind, der für uns betet und der uns zutraut, dass wir sein Wort verwalten, seine Kirche bauen können. Wir sind Kirche. Das ist die Kernaussage, die die erste Gemeinde dazu antrieb, dieses Gebet Jesu niederzuschreiben und zu überliefern.

Und das gilt noch heute für uns: Kirche sind wir, weil der Herr uns sendet – und weil wir uns senden lassen. Und Kirche sind wir nicht, weil wir uns für irgendetwas freiwillig zusammengeschlossen hätten. Das war erst der zweite Schritt. Der erste Schritt war der Schritt Gottes zu den Menschen. Unsere Schritte sind angemessene Antworten darauf.

Natürlich schmerzt es, dass dieser Jesus als Person nicht mehr bei uns ist. Aber es ist auch ein positives Signal. Wie Eltern ihre Kinder ausziehen lassen, erwachsen werden lassen, so lässt Jesus uns unser Glaubensleben, unser erwachsenes Glauben.

Aber trotzdem ist der Herr immer bei seiner Gemeinde in besonderer Weise im Abendmahl und immer in Gestalt des Heiligen Geistes, der in seiner Kirche weht wie er will.

Und Jesus macht uns hier vor, wie man leben kann – gerade dort, wo es eng wird, in den dunklen Tälern meines Lebens und im Angesicht meiner Feinde (23. Psalm), gerade dort wird er ruhig und spricht mit dem Vater.

Er kommt in seine Stadt, die ihn erst willkommen heißt und dann verurteilt. Und in allem agiert er als der Herr des Geschehens, als der, der alles bestimmt, was geschieht. Kurz vor seiner Verhaftung feiert er mit den Seinen noch das Mahl. Damit wird deutlich, wie sehr er sie alle liebt, auch dort wo sie sich falsch verhalten, weglaufen, verraten oder verleugnen.

Jesus betet für die Gemeinde für ihren Glauben und ihr Leben – er betet für uns. In seiner Herrlichkeit bindet er sich an die Gemeinde. Man hat das mal genannt ‚Christus als Gemeinde existierend.

Damit ist nicht gemeint, dass Christus nicht ohne Gemeinde existiert, sondern dass er versprochen hat in seiner Gemeinde zu leben, bei den seinen zu bleiben, für sie da zu sein. Wir bauchen keine Heiligen Väter oder Mütter, keine Figuren. Wir haben Christus, der für uns betet und mit uns lebt. Und der uns einlädt an seinen Tisch mit ihm zu speisen und mit ihm zu leben.

Jesus betet, weil er weiß, dass er im Gebet seinem Vater besonders nahe ist – und er lädt seine JüngerInnen ein, es ihm gleich zu tun, weil sie Schwestern und Brüder, Kinder des einen Vaters sind. Die Stunde der Passion ist keine gute Zeit für Aktion, es ist aber gute Zeit für Gebet. Zeit innezuhalten, zu denken an das Leiden Christi und zu denken an das Leiden der Schwestern und Brüder auf der ganzen Welt.

Das Brotbrechen am Altar allein wird uns noch nicht zu Schwestern und Brüdern machen. Aber es ist ein erster Schritt auf dem guten Weg, wenn wir zusammenstehen und gemeinsam losgehen, unsern glauben zu leben im Beten und im Handeln und im Bewusstsein, dass wir einen Herrn haben, der für uns da ist und für uns betet.

drucken