Dreifache Versuchung und zweifache Antwort

Liebe Schwestern und Brüder!
Schon als Kind hat mich dieser Bibeltext beim Zuhören fasziniert.
Der Teufel versucht Jesus. Nicht schlecht diese Geschichte. Der Teufel kommt als intelligenter und ebenbürtiger Kontrahent und Bösewicht daher und unterbreitet Jesus seine sagenhaften Angebote. Doch unser Herr Jesus lässt sich nicht versuchen. Jesus widersteht den Verlockungen des Teufels, weist den Satan streng von sich mit dem barschen Satz „weg mit dir Satan!", vertreibt den Bösen „und alle Engel dienen ihm“, so die Bibel.
Jesus, der Mensch aus Nazareth, der spätere Messias und Gottessohn wird aus und in der Logik des Evangelisten Matthäus als Sohn Gottes zum Gegenspieler des Teufels. Und der Teufel bleibt sein eigner Advokat.
Er bietet dem durch das Fasten geschwächten Jesus Großes und Überragendes an: Reichtum, Macht und Herrschaft. Er provoziert und malträtiert in verbal. Und vielleicht sprach er mit einer sonoren, geschmeidigen und gütigen Stimme diese eben verlesenen Worte:
Wenn du Gottes Sohn bist, dann mach Steine zu Brot!
Wenn du Gottes Sohn bist, dann stürz dich von der Zinne des Tempels in die Tiefe. Gott wird dich retten!

Und zum Schluss kommt das Topangebot, der absolute Pakt mit dem Teufel: Unterwirf dich mir, dem Satan, und ich gebe dir alle Reiche der Welt!

Jesus widerstrebt diesen Versuchungen im Namen Gottes: Denn für ihn ist das Leben mehr als Brot. Leben in seiner göttlichen Fülle ist eben das Hören auf das Wort Gottes, Gehorsam und Demut.
Leben ist mehr als mit Hochmut und Hybris Gott den Schöpfer des Lebens zu versuchen und zu provozieren.
Christliches Leben ist die Erfüllung des Dienstes für Gott, es ist das Hören und das Vertrauen auf Gottes Botschaft.
Soweit zur biblischen Geschichte.

Hin und wieder fragen oder fragten mich Schüler, ob es denn den Teufel gäbe und wie er aussähe?
Meine Antwort darauf lautet:
Wie einen klumpfüßigen und mit Hörnern tragenden Satan, der auf vielen mittelalterlichen Kirchenbildern zu sehen ist, stelle ich mir den Teufel nicht vor.
Eher wie einen Menschen, der anderen zum Teufel als die Ausgeburt des Bösen wird. Der seinen Mitmenschen das Leben zur Hölle macht und teuflisch ist. Auch in uns selbst steckt der Teufel, wenn wir unseren Glauben und unser Gewissen ausschalten und das Böse tun.
Vielleicht tritt der Versucher immer mit zwei bis drei Angeboten seiner perfiden Boshaftigkeiten vor uns auf und macht uns in Varianten und Abwandlungen folgende nicht abzuschlagende Angebote und Verlockungen:

Angebot und Versuchung 1:
Folge mir auf dem Weg der finanziellen Versuchung, denk nur an deinen immensen Profit, an deine Gier, an deine Dividende, an deine Boni, deine Gewinne und Zinsen, an den finanziellen Mehrwert des Brots als Sinnbild dafür, aus Steinen Brot zu machen, also aus Nichts Etwas zu machen, sozusagen in den Worten des Volkes: aus Sch… Gold zu machen!
An das Wort Gottes, an die Gebote, den Respekt vor dem Nächsten, Ehrlichkeit und Seriosität, Anstand wird dabei nicht gedacht. Und es wird dabei überhaupt nichts bedacht. Auch wenn Volkswirtschaften durch diese Gezocke zugrunde gehen. Und dabei ist bei nüchterner Betrachtung das Leben doch mehr als Essen und Trinken oder Luxus und Bonuszahlungen.

Angebot und Versuchung 2:
Ich bin der Größte, ich brauche niemanden, mir kann keiner etwas, ich bin mein eigener Herr, Gott kann mir gar nichts. Ich bin und bewege mich in meinem krankhaften Narzissmus, alles dreht sich um mich.
Ich steigere mein Ego in absolute Selbstüberschätzung. Für mich gelten keine Grenzen. Ich kann auf die höchsten Berge klettern und die Tiefen des Meeres tauchen. Wer ich bin?
Ich bin hochmütig und der selbstgefällige Mensch des 21. Jahrhunderts!
Ich bin der hochmütige Mensch und ich brauch keinen Gott, denn ich bin mein eigener Gott.

Angebot und Verlockung 3:
Ich bin der Macher, der Heilsbringer, der weltliche Messias. Ich befehle, kontrolliere, andere müssen mir folgen. Ich bin der, der das Sagen hat. Ich manipuliere und intrigiere, ich habe keine Furcht vor Gott, denn ich bin für andere ein Gott. Nicht nur mein eigener, sondern vor allem für andere bin ich ein Gott. Ich bin der gottgleiche Diktator, der andere in den Abgrund reißt. Ich befehle, andere folgen. Personenkult ist mein zweites Ich. Ich bin austauschbar, denn Systeme ähneln sich, Manipulations-Strategien und Ideologien sind vergleichbar. Macht korrumpiert und wird dann teuflisch und hinterlistig, wenn menschliche Teufel Macht bekommen.

Doch was, liebe Schwestern und Brüder, ist die Antwort des Evangeliums an uns, was bedeutet ein christliches Leben, eine christliche Existenz angesichts dieser teuflischen Versuchungen des Alltags und Lebens?

Zwei Antworten mit den drei Antworten Jesu:
Zum einen gilt zuvor der Weg unseres Herrn Jesus, sich den vielfältigen teuflischen Versuchungen und Verlockungen entgegen zustellen, gegen die Versuchungen verbal anzugehen und sich von den Argumenten und Taten des Bösen nicht überwältigen zu lassen.
Ein fester religiöser Standpunkt und starker Glaube ist gefragt bei diesen Versuchungen. Keine Angst, herablassende Arroganz, Zynismus oder Ignoranz gegenüber diesen Versuchungen, nach dem Motto: Gott sei Dank! Das gilt ja nicht für mich!, sind angesagt.
Aber diesen Weg des Gottvertrauens und Auseinandersetzung schaffen wir leider häufig nicht, weil wir schwach, fehlbar, sündig und manchmal selbst teuflisch sind.

Anderseits kennen wir die Sätze und Gebote unseres Herrn, die er hier gesprochen hat:

1 (5.Mose 8,3) Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, sondern von einem jeden Wort, das aus dem Mund Gottes geht.«
2 (5.Mose 6,16): »Du sollst den Herrn, deinen Gott, nicht versuchen.«
3 (5.Mose 6,13): »Du sollst anbeten den Herrn, deinen Gott, und ihm allein dienen.«

Und weil wir die Worte Jesu kennen, weil wir daran glauben, dass er unser Erlöser ist, wissen wir im Glauben, dass der Teufel mit seinen Versuchungen nur zeitlich Macht über uns hat, denn der Weg zu Gott ist uns wegen Jesus Christus nicht versperrt.
Wir leben nicht nur vom Brot und seiner Symbolik, auch wenn wir um unser täglich Brot bitten. Leben ist mehr als Brot und Nahrung. Lebens im Vertrauen auf Gott heißt seinem Wort zu folgen in Gedanken, Worten und Werken. Dem Wort Gottes zu folgen im Namen Jesu Christi heißt den teuflischen Versuchungen abzuschwören und auf dem Pfad der Freiheit eines Christenmenschen zu gehen.

Gott nicht zu versuchen, heißt in den Worten Martin Luthers:
Gott versucht zwar niemand;
aber wir bitten in diesem Gebet,
dass uns Gott behüte und erhalte,
damit uns der Teufel, die Welt und unser Fleisch
nicht betrüge und verführe in Unglauben, Verzweiflung und andere große Schande und Laster;
und wenn wir damit angefochten würden;
dass wir endlich doch gewinnen und den Sieg behalten.
(Kleiner Katechismus, Vater unser, sechste Bitte)

Gott zu lieben und ihm zu dienen, heißt auch: meinen Nächsten zu lieben und mein Verhältnis zu ihm zu klären.
Gott zu lieben und ihm zu dienen, heißt: seine Gebote ernst zu nehmen und sie nicht nach eigenem Gusto zu interpretieren und auszulegen.

Und das heißt: Wir können mit allem zu Gott kommen. Wir müssen ihm keine Show vorspielen und uns verstellen. Er nimmt uns so an, wie wir sind. Mit unseren Gaben und Stärken und unsern Fehlern und unserer Sündhaftigkeit. Er bringt unsere Ängste, Nöte, Sorgen und Freude und Dankbarkeit vor Gott.
Das ist unsere Zuversicht und unsere Lebenshoffnung auf der langen Reise durch unser Leben mit Jesus Christus, der dem Versucher widerstand.
Möge diese Zuversicht und Hoffnung uns auch in Zeiten der teuflischen Versuchung und Anfechtung begleiten.

Und der Friede Gottes, der höher ist als all unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen in Christus Jesus.

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