Die Stunde der Wahrheit

Die tollen Tage des Karnevals und der Fastnacht sind vorbei. Die Straßen sind von den Überbleibseln der Umzüge gereinigt, einige Führerscheine sind einbehalten. Es kehrt wieder etwas mehr Ruhe ein in den Lebensvollzügen. Die Passionszeit hat begonnen. An ihrem Beginn steht der Sonntag Invokavit, so genannt nach einem Vers aus dem Eingangspsalm 91: "Er, gemeint ist der Beter, „er ruft mich an, darum will ich ihn erhören!“

Schon wieder geht es also ums Gebet. Der spektakulärste Gebetsaufruf kam aber dieser Tage nicht, wie saisonüblich, von der Evangelischen Allianz, auch nicht vom Weltgebetstagskomitee. Er kam vom Papst. Ich kann nicht mehr, hat er gerufen. Betet für mich.

Alle Achtung. Da macht einer seinem Posten als Stellvertreter Petri alle Ehre. Diesmal übertrifft er sein Vorbild sogar. Während Petrus am Auftakt vom Kreuzweges tönte: „Leid und Konflikte? Kleine Fische! Du kannst dich auf mich verlassen Herr. Ich bin immer für dich da!“

Wieviel bescheidener sein Nachfolger in Rom: „Ich gebe mein Amt ab. Meine Kraft ist zu klein. Betet für mich und für den, der nach mir dieses schwere Amt übernehmen muss!“. Natürlich hab ich das gemacht, als es im Autoradio durchkam. Gleich, beim Fahren. Dazu muss man nicht katholisch sein!
„Die Stunde der Wahrheit“ lautet unsere Überschrift heute. Wir lieben diese Stunde nicht unbedingt. Klar, wenn wir dabei zeigen können, was wir drauf haben, fühlen wir uns geschmeichelt. Erleben wir dabei aber unsere Grenzen und bekommen es gar die anderen mit, sind wir blamiert. Dann rechtfertigen wir uns mit großem Aufwand. Oder wir räumen kleinlaut das Feld.

Simon Petrus weiß darum. Er kennt die Stunde der Wahrheit aus Erfahrung. Später hat er entdeckt: Diese Stunde der Wahrheit ist in Wirklichkeit eine Stunde der Befreiung. Eine Stunde, die wir brauchen. Schauen wir hin.

Es war an dem Abend, wo Jesus mit seinen Jüngern Tischgemeinschaft hatte. Sie haben das Abendmahl genommen. Die Nacht steht bevor, in der sich die Ereignisse überstürzen werden. Die Stunde der Bewährung und der Blamage. Jesus weiß das. Deshalb wird er das Thema Versuchung anschneiden. Er weiß, daß seine Leute hochgradig gefährdet sind. Darum spricht er Petrus an: "Simon, Simon, siehe!" Nachdrücklich und ernst klingt seine Stimme. Er sieht, was bald auf sie alle zukommen wird. Die Jünger sehen es noch nicht. Darum weckt er sie auf, ruft ihnen zu: Aufgepasst! Ihr seid in Gefahr!

Zu allen Zeiten bewegen sich die Jesusfreunde in der Schusslinie des Jesusfeindes. Das liegt in der Sache selbst. Licht und Finsternis sind gegeneinander. Es heißt hier: Siehe, der Satan hat begehrt, euch zu sieben wie den Weizen." Damals rüttelte und schüttelte man den Weizen, wirbelte ihn durcheinander, um die Körner von Dreck und kleinen Steinen zu reinigen. Solche Erschütterungen können unversehens kommen:

Wir werden angegriffen und geschüttelt,
• wenn uns äußerer und innerer Druck müde und mutlos macht
• wenn uns Vorwürfe, Kritik und Kränkungen fix und fertig machen und wir nur noch schwarz sehen.
• wenn wir unter dem Eindruck der eigenen kleinen Kraft und dem Vergleichen mit den Leistungen anderer aufgeben wollen
• wenn wir uns von wissenschaftlichen scheinenden Aussagen oder der Zeitmeinung so beeinflussen lassen, daß unser Vertrauen zu Jesus brüchig wird.
• wenn uns der Feind penetrant, Tag und Nacht, unsere Nöte vorhält

Dann kommen die Zweifel: Womit habe ich das verdient? Ich habe doch so gebetet! Hätte Gott nicht meine Bitten erhören können? Wäre es ihm nicht ein Leichtes, mir auch so ein erfolgreiches Leben zu schenken wie dem andern da, dem das nur so Glück zufliegt?

Aber jetzt haben wir den Text schon auf uns bezogen, auf unser inneres Versucht- und Gefährdetsein. Bleiben wir noch einen Moment bei dem, wovor Petrus eigentlich gewarnt wurde. Da ging es ja um äußere, ganz massive Gefährdungen. Um Lebensgefahr. Eine Katastrophe steht bevor. Ende und Abbruch, Verrat, Verleugnung, Flucht der Jünger, Kreuzestod des Meisters.

Jesus sieht das kommen und bereitet den Petrus darauf vor. Beachte, er sagt nicht etwa: "Durchhalten Petrus! Du schaffst es bestimmt. Reiß dich zusammen! Halte nur am Glauben fest! Glaube versetzt Berge!"

Der Glaube ist schon wichtig, aber der eigene ist oft zu schwach. Darum sagt Jesus: "Ich will für dich beten, dass dein Glaube nicht aufhöre! Und wenn du dich dereinst bekehrst, so stärke deine Brüder!"

Da ist der Petrus ganz schön beleidigt: Was soll das denn jetzt? Was denkst der Herr eigentlich von mir? Erinnert er sich nicht, wie ich all die Jahre mit ihm durch dick und dünn gegangen bin. Ich bin treu mit ihm gezogen. Habe meinen Beruf und meine Familie hintangestellt. Ich bin ihm auf dem Wasser entgegen gekommen, als alle anderen im Boot sitzen blieben.

Ich habe ihn bei Cäsarea Philippi als den Christus bekannt, als das noch niemand laut auszusprechen wagte. Wenn du dich dermaleinst bekehrst! Bin ich denn nicht bekehrt?
Was heißt denn: bekehrt? Wenn jemand von jahrelangen schlechten Gewohnheiten ablässt, sagen wir: er hat sich zum Pfad der Tugend bekehrt. Manchen trauen wir es nicht zu, dass sie sich richtig bekehrt haben. Wenn Marco Arnautovics Berater den Geldgebern aus Kiew verspricht, der Bremer Stürmer werde in der Ukraine auf seine Eskapaden verzichten, sind wir nicht so überzeugt davon. Aber irgendwie hat das auch etwas Sympathisches. Wie bei Petrus. Dass der es noch nicht geschafft hat, richtig bekehrt zu sein. Wir mögen an Petrus seine Offenheit, seine Energie und, seien wir ehrlich, auch sein Versagen. Wir verstehen seine Schwäche in den Versuchungen, seine Furcht und seine tiefe Reue. Dieses Auf und Ab. Darin erkennen wir uns wieder.

Aber Jesus meint etwas anderes bei seinem Drängen auf Bekehrung. Richtig bekehrt sein im Sinn der Bibel heißt: Sich ganz Christus hingeben. Ihn den Herrn sein lassen in allen Dingen. Von ihm die Kraft empfangen.
Ganz aus seiner Vollmacht leben.

So war Petrus nicht. Er lebte aus eigener Kraft. Und davon hatte er soviel, dass alle beeindruckt waren. Er war kein Maulheld. Es ist ihm ganz ernst, als er sagt: Ich bin bereit mit dir ins Gefängnis und in den Tod zu gehen!. Hat er dann nicht auch das Schwert gezogen, als das Verhaftungskommando anrückte? Hat er sich nicht hineingewagt in den Hof des Hohepriesters. In die Höhle des Löwen?
Petrus wusste, was er sagte. Er war ein Mann der guten Vorsätze, und er meinte es wirklich ernst.
Und gerade das zeigt, er war nicht bekehrt. Weil es seine Vorsätze waren, seine Energie, sein Mut, seine Treue, sein guter Wille. Und genau das war verkehrt.

Denn wenn Gott uns an unseren Vorsätzen misst, gehen wir alle verloren. Nicht bloß, weil wir die gesteckten Ziele verfehlen. Sondern weil unser ganzes Ich der Erlösung bedarf. Nicht nur die dunkle Seite an mir, meine Schwachstellen.
Der ganze Mensch. Das scheinbar gute in uns. Gerade die Menschen, die es so gut meinen, haben die Bekehrung besonders nötig. Die Gegner Jesu waren Leute mit guten Vorsätzen. Die Pharisäer und Schriftgelehrten fasteten 2 mal die Woche. Sie nahmen die 10 Gebote übergenau. Petrus war ähnlich, obwohl er auf der anderen Seite stand. Erst in der Nacht nach dem Verrat, als er erkannte, ich habe mich überschätzt, ich habe auf meine Kraft vertraut, ich habe auf das Gute in mir gesetzt, da erkennt er:

Ohne Jesus ist alles in mir verkehrt. Ich brauche die ganze Erlösung, die ganze Vergebung. Bekehrt sein bedeutet also im Grunde:
Die Zusage empfangen haben: Dir sind deine Sünden vergeben. Das annehmen.
Und dann daraus leben.

Insofern haben alle guten Vorsätze in der Fastenzeit etwas Problematisches. Das mit den guten Vorsätzen ist ja irgendwie aufgeteilt.. Die Weltleute überlegen sich ihre guten Vorsätze zum Jahreswechsel, die Christenleute am Aschermittwoch. Bei den einen hält das dann einige Tage, bei den anderen wenn´s gut geht 7 Wochen.

Trotzdem muss die Frage erlaubt sein, ob Jesus das überhaupt will, sieben Wochen Verzicht auf Komfort, auf gut Essen und Trinken, auf Fernsehen, Tabak, Alkohol und dergleichen Lebensfreuden oder Laster. Ob Jesus das geboten hat. Oder ob wir uns das selbst ausgedacht haben. Menschengebote, die einen Schein von Weisheit haben, aber seine Kraft verleugnen sie. Es ist doch ein Unterschied, ob sich einer anstrengt, mal sehen, ob ich das durchhalte, und dann womöglich in der Gemeinde rumfragt:
Worauf verzichtest du dieses Jahr?

In einer Konfirmandengruppe fragten die Jugendlichen zurück: Fasten, das macht doch keiner mehr!

Ich denke doch. Auch unter uns. Die einen folgen dem was ihnen persönlich wichtig ist, also jetzt unwichtig werden soll. Andere anderen benutzen die Hilfestellung von der evangelischen Kirche. Jedes Jahr wird da ein neues Motto ausgerufen. Für dies Jahr ist der Aufruf, mehr zu riskieren.
Ich finds gut, dass da Leute sind, die sich jedes Jahr was ausdenken, und Leute, die sich dem dann unterziehen.
Persönlich halte ich es auf diesem Gebiet aber mit Tradition statt Innovation. Also Fasten ganz herkömmlich. Die Pfeife bleibt im Schrank, das Bier im Keller, die Pralinen in der Schachtel. Und natürlich meldet sich dann die Eitelkeit nach den ersten Wochen beim Blick auf die Waage, ob denn der Zeige einige Striche zurück gegangen ist.

Also wer immer in diesen Wochen Verzicht übt: Gott segne dich dabei. In einem schönen Wort von Phil Bosman dazu werden die Details „wer verzichtet wie“ souverän übergangen und das Grundsätzliche in den Blick genommen: „Fasten heißt lernen, genügsam z sein. Sich weigern, in Materie zu ersticken. Sich von allem Überflüssigem lächelnd verabschieden.“

Zurück zu Petrus. Jesus kündigt an, er wird für ihn beten. Wahnsinn! Jesus könnte mit dem Finger schnippen, und Petrus wäre unverwundbar gegen den Satan. Aber er betet für ihn, dass er zu seiner kleinen menschlichen Kraft die Kraft Gottes addiert und so dem Bösen widerstehen kann.
Genau das brauchen wir: Das Gebet füreinander. Das ist so wichtig. Und hier sehen wir, das Gebet für die Leiter ist ganz besonders wichtig. Manche denken vielleicht: Ach, die Leiter. Die haben doch eine gute Ausbildung gehabt. Die werden sogar bezahlt für ihre Arbeit. Und wir lehnen uns zurück und denken: Die sollen mal zeigen, was sie drauf haben! Die sollen uns was Ordentliches bieten!

Hier wird etwas anderes gesagt: Auch der tüchtigste Leiter (und die Jünger hielten Petrus für den tüchtigsten), auch der tüchtigste Leiter braucht die Fürbitte.

Jesus sieht gerade die gefährdet, vom Satan bedroht, an denen sich andere ausrichten. So einer war der Petrus. So einer könntest auch du sein. Du fühlst dich jetzt vielleicht nicht angesprochen, das Wort hier scheint für Führungsnaturen bestimm. Aber letztlich ist jeder, der sich zu Jesus gehörig weiß und das auch nach außen vertritt, für andere eine Führungsperson. Einer von dem andere ihr Bild von Glaube, von Kirche, von Gott ableiten. Darum hat jeder, der sich öffentlich als Christ bekennt, große Verantwortung. Seine Lebensweise in allen Facetten steht unter Beobachtung.

Es war am Reformationstag. Eine Gruppe Kinder sollte im Gottesdienst mitwirken. Ich hatte sie abzuholen. Ich ging zu ihnen und sagte: „Passt mal auf. Ihr hört es, die Glocken läuten schon. Aber ihr bleibt noch hier. Kurz bevor die Kirche anfängt, komme ich und hole euch ab. Da sagt ein kleiner ganz fröhlich: „Klar Pastor. Du bist unser lieber Pastor. Wir tun alles, was du sagst!“
Da wurde mir bewusst, wie sehr ein Christ unter Beobachtung steht. Andere richten sich daran aus. Sie nehmen Maß ihm Guten wie im Schlechten. Im Guten kriegen sie gezeigt, wie es sein sollte. Im Schlechten können sie ihr Gewissen beruhigen: Der ist auch nicht besser. Dann kann ich ja so bleiben, wie ich bin.

Und der Satan möchte natürlich, dass diese Leitfiguren ein möglichst schlechtes Bild abgeben. Vielleicht vermuten wir diese böse Macht nur in Phantasiefilmen wie Harry Potter, Herr der Ringe. Aber diese Macht ist nicht virtuell, sie ist real. Es gibt eine Macht, die will Menschen davon abhalten, Aktivposten Gottes zu sein. Eine Macht, die versucht, Menschen mindestens in die Neutralität zu beförden, damit sie nicht mehr mit voller Energie ein neues Leben führen. Wer sich aktiv auf Gottes Seite stellt wie die Jünger, kriegt die dunkle Macht, den Satan, klar zu spüren. Andere werden eher ungezielte Überfälle von Zerstörung erleben und daraus in den Medien erfahren: Erdbeben, Flutwellen, Gewalt, Epidemien, Bürgerkriege, Verbrechen. Scheinbar sinnlose Manifestationen des Bösen.

Jesus sieht klarer. Er sieht auf seine Leute die gezielten Attacken des Bösen zukommen. Darauf will er sie vorbereiten.
Denn den Feind interessiert sich besonders für alle, die zu Jesus gehören oder sich auf ihn zu bewegen. Er ist neidisch auf Gott. Er kann es nicht ertragen, wenn Gott aus dem Mund anderer Geschöpfe gelobt wird. Wenn Menschen Gott anhängen und Jesus zur wichtigsten Sache ihres Lebens erklären. Er rennt an gegen Gott. Er kann es nicht ertragen, dass Gott der Herr der Welt ist. So versucht er, möglichst viele in eine Gegenbewegung zu ziehen. Oder sie zumindest ihrer Freude an Gott zu berauben. Er versucht, uns in Sünde, in Rebellion, in Traurigkeit oder Verzweiflung zu stürzen.

Deshalb wollen wir füreinander beten, damit wir bestehen. Tun wir das, und zwar außerhalb vom Gottesdienst, in Regelmäßigkeit? Wenn nicht, sind wir in Gefahr.

Aber wenn wir füreinander einstehen im Gebet. Dann wird Gott diese Gebete benutzen und sie werden sich auswirken. Da kann sogar der Schwache andere stärken. Der Mutlose wird ermutigen. Der Weinende trösten. Der Hilflose raten. Der Arme geben. Der Versager wird nicht nur Menschenfischer, sondern auch Menschenhirte sein.

So gibt uns Jesus Kraft in der Stunde der Wahrheit. Er macht dich stark genug für dich selbst. Und für andere. Amen.

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