In den Schuhen des Fischers

Liebe Gemeinde,
es ist schon ein verführerischer Text, den der Evangelist Lukas damals aufgeschrieben hat und damit steht der Text in einer großen Nähe zum Evangelium des heutigen Sonntags, das davon berichtet, wie Jesus vom Teufel höchstpersönlich verführt werden soll. Und um noch einen drauf zu setzen: Der Sonntag Invokavit ist der erste Sonntag in der Fastenzeit und welche Verführungen in den nächsten sieben Wochen noch auf den einen oder die andere warten, derer man sich erwehren sollte, darüber kann man heute nur spekulieren. Das diese kommen werden – das steht fest.

Jesus und seine Jünger sitzen zusammen, sie haben Gemeinschaft, brechen gemeinsam das Brot, teilen den Kelch. Sie führen ein Gespräch. Eines der ernsteren Sorte. Die Zeit neigt sich dem Ende zu und Bekenntnisse werden abgegeben.
Petrus, wie immer vorneweg, bekennt frank und frei: „Du bist Christus, der Sohn des lebendigen Gottes!“ beinahe unfreundlich reagiert Jesus. Könnte er doch froh sein über diese Erkenntnis, weist er Petrus auf die drohenden Gefahren und seine Fehlleistung hin: „Simon, Simon, siehe der Satan hat begehrt euch zu sieben wie den Weizen. Ich aber habe für euch gebeten, dass dein Glaube nicht aufhöre. Und wenn du dereinst dich bekehrst, so stärke diene Brüder. Er aber sprach zu ihm: Herr, ich bin bereit, mit dir ins Gefängnis und in den Tod zu gehen. Er aber sprach: Petrus, ich sage dir: Der Hahn wird heuet nicht krähen. Ehe du dreimal geleugnet hast, das du mich kennst!“

„Wo Kirche ist, ist auch der Widersacher. Wo Glaube ist, ist auch sein Zerstörer am Werk. Wo Kirche ist, ist auch Verleugnung. Wo Glaube ist, sind auch Selbstüberschätzung und Pathos. Wo Gott seine Kapelle baut, baut der Teufel seinen Dom.“, schreibt darum der Theologe Günter Brakelmann. (Vgl.: G. Brakelmann, in: Assoziationen, Bd. 5, Stuttgart 1982, S. 69.)

Es ist wahrlich eine der vermeintlich besser geeigneten Textstellen, die heute vor uns liegt, um Kritik an der Kirche, der Institution und vor allem, ihren Vertretern zu üben. Ganz vorne weg: Der erste Papst. Simon Petrus, der wankende Fels, der schon bei der ersten Probe durch das Raster fällt, ganz so, wie es der Teufel bei der siebenden Trennung beabsichtigt. Allerdings hat es keinen Sinn jetzt auf diesen Petrus, diese Kirche einzuschlagen. Ja, Perus ist nicht mutig, er hält nicht durch. Ja, die Jacke ist ihm näher als die Hose und als es hart auf hart kommt, bricht er zusammen und wechselt seine Meinung wie die Fahne ihre Richtung im Wind.
Also: Petrus, der Verräter. Auf solche Leute gründet sich die Kirche. Was will man demnach von solch einem Verein noch erwarten? Ein triumphierendes „ich-hab-es-doch-gewusst“ liegt vielen Kirchenkritikern auf den Lippen. In den Schuhen des Petrus zu gehen, heißt nach der Geschichte eben auch, dass man sich einer Institution anschließt, die aus ganz dünnem Holz geschnitzt ist. Alle Fehlleistungen können fortan, Petrus sei Dank, an dieser Person festgemacht werden. Denn das bekennende Wort hat in der Kirche offensichtlich keinen Bestand und am Ende ist sie doch nicht so göttlich. Die Kirche ist also nichts Besonderes, sondern nur menschlich, gefährdet, nicht stark und zuweilen verrät sie sogar ihre Ideale.

In dieser Lesart liegt die Verführung. Auf den ersten Blick erscheinen ja bekanntlich viele Dinge klar und deutlich. Wie in diesem Fall. Petrus, der Verleugner, hat seinen Herren verraten und sich feige aus der Affäre gezogen. Die Versuchungen sind groß. Petrus hat seine Probe nicht bestanden.
„Wir alle werden in dem Sieb geschüttelt, das die Spreu vom Weizen trennen soll. Und manches Mal fallen auch wir durch die Maschen. Wir alle wissen: Zum Ganzen fügt sich unser Leben nicht durch unsere Leistungen allein; es fügt sich zum Ganzen, weil Gott uns auch in unseren Fehlern und Niederlagen die Treue hält und die Tür zu einem neuen Anfang aufschließt“, so pointiert fasst Altbischof Huber die Erzählung um das Versagen des Petrus zusammen.

Ob die bekennende Katholikin Schavan darum weiß? Oder Rainer Brüderle, der vermeintliche Sexist der Nation? Es wäre ihnen zu wünschen. Denn um der Versuchung der einseitigen Lesart des Predigttextes zu entgehen, muss man eine zweite Ebene des Textes beleuchten: Die Sache mit Christus wäre an dem Punkt erledigt, an dem es bei der Erzählung um die Verfehlung des Petrus bleibt. Wahrlich, die Kirche hätte es schwer in einer Welt zu bestehen, von der sie sich durch nichts und niemanden mehr unterscheidet, weil einfach die gleichen menschlichen Regeln gelten wie überall.

Aber „seit Petrus gehört die Diskrepanz zwischen Wort und Tat, zwischen den großen Ankündigungen und der bescheidenen Wirklichkeit zu den bleibenden Problemen der Christinnen und Christen. Wie leicht fällt es uns, auf Petrus zu zeigen. Dieser da! Und wie selten gelingt es uns, in Petrus auch unsere Geschichte, unsere eigene Person zu erkennen?“ (W. Huber, Predigt zu Invokavit, Berlin 2001).
Anders gefragt: Was wäre diese Kirche ohne Petrus und sein Versagen? Nachdem das, was Jesus vorausgesagt hat, eingetreten ist, Petrus also durch das Raster gefallen ist, weint er bitterlich. Heute würden wir von einem Zusammenbruch reden. Die Schuld ist zu groß. Die Fehlleistung ist nicht klein zu reden. Der Brocken auf der Seele ist groß, das Gewissen schwer belastet.

Was bleibt Petrus? Er bereut. Auch hier könnte die Geschichte abschließen – dann läge vor uns bloß ein weiterer tragischer Fall menschlicher Hybris verbunden mit einem großen Absturz in die Bedeutungslosigkeit. Aber die Kirche Jesu Christi hat mit diesen Gesetzen der modernen Gesellschaft wenig am Hut. Jesus erliegt gerade nicht der Versuchung, die augenscheinliche Fehlbesetzung seines irdischen Nachfolgers noch einmal zu überdenken und einen anderen, geeigneteren Mann an dessen Stelle zu setzen. Jesus behandelt seine Menschen nicht wie „human ressources“, beliebig ersetzbar und austauschbar. Er bleibt Petrus treu. Und weil er Petrus nicht fallen lässt, dürfen wir davon ausgehen, dass dieses Verhalten auch uns gilt.

„Der Schwache wird aufgenommen und bekommt die große Aufgabe. Der am Boden lag, wird mit seinem Glauben das Fundament der Kirche. Jesus baut seine Kirche nicht mit den großen religiösen Persönlichkeiten und herausragenden Amtsträgern, sondern mit solchen, die die eigenen Grenzen (von Person und Gewissen) erlebt haben und die Kirche und sich selbst nur auf seine Verheißung hin wagen. Diese Kirche ist nicht das Produkt ihrer Leistungen, sondern das Geschenk seiner Gnade, die man nicht verwalten, sondern nur bezeugen kann.“ (Vgl.: G. Brakelmann, a.a.O., S. 70.)

Allerdings lauert hier die dritte Falle: Diese Sichtweise darf nun nicht dazu beitragen, alles Versagen der Kirche und ihrer Gläubigen damit zu entschuldigen, dass ein gewisser Petrus es ja auch nicht besser gemacht habe. Was solle man darum von dieser Kirche noch erwarten? Eine solche Argumentation greift zu kurz. Auch innerhalb der Kirche darf das Verhalten des Petrus nur erklärend benutzt werden, niemals aber darf es eine immerwährende Entschuldigung sein, die den Zustand der Kirche relativiert und jegliche unserer Handlungen sofort unter den vermeintlichen Rettungsschirm des menschlichen Kleinmutes stellt.

Es geht in dieser Geschichte nur auf den ersten Blick um Petrus. Es ist eben nicht alles so klar und deutlich, wie es anfänglich geklungen haben mag. Petrus wird gewogen, gesiebt und für zu leicht gefunden, er fällt durch; so bleibt die handelnde Person doch Jesus Christus. Er ist es, der an Petrus festhält. Wolfgang Huber beschreibt das so: „Jesus verspricht, den Versager nicht fallen zu lassen, für ihn auch künftig da zu sein, seiner verratenen, ins Wanken geratenen Lebensüberzeugung wieder einen festen Grund zu geben. Ich habe für dich gebeten, dass dein Glauben nicht aufhöre.“ (A.a.O.)

Mit diese Zusage Jesu an seine Menschen, an uns, wird eine alte Lesart neu beschrieben: Die Beziehung „Gott-Mensch“ ist in seiner endgültigen Bewertung nicht von unserem Tun abhängig. Gott sei Dank, kann Gott einen krummen Weg gerade machen, weil er an seinen Menschen festhält. Der Verrat an den eigenen Werten und Idealen bedeutet nicht, dass ein letztes Urteil schon gesprochen ist. Wenn die Geschichte um den verleugnenden Petrus also irgendetwas beweist, dann das: Gott gibt einen Neuanfang, damit ist zu rechnen.
Petrus bekommt eine zweite Chance.

Und das sei uns ins Stammbuch geschrieben: In den letzten Wochen sind viele Urteile über andere Menschen gesprochen worden. Ausgangspunkt waren Fehlleistungen die in dem einem Fall mehr als dreißig Jahre zurücklag und in einem anderen, nicht minder prominenten, auch schon ein Jahr auf dem Buckel hatte. Ist es für die heutige Arbeit der Personen wirklich entscheidend, was vor mehr als dreißig Jahren passiert ist? Es ist eine grausame Vorgehensweise einander unumstößlich festzulegen. „Der christliche Glaube unterscheidet zwischen der Person und ihren Taten. Er hält die Tür zu einem Neuanfang offen. Er traut uns allen neue Anfänge zu. Eine billige Ausflucht ist das freilich nicht. Die Autorität des bittenden Christus rechtfertigt nicht den Verrat zu verharmlosen. Die Einladung zum Neuanfang ist ein Ruf zur Umkehr. […] Es ist ein Ruf, der uns aus unserer Unsicherheit und Existenzangst herausführt. Christen beteiligen ich nicht an der Abwertung anderer, weil sie wissen, wer sie selber sind: Menschen nämlich, die von dem bittenden Christus aus eigener Unsicherheit herausgeführt werden!“ (W. Huber, a.a.O.)

Wer wären wir, dieses Wort zu hören und ihm nicht zu folgen? Die Kirche hat ihre Aufgabe darin, auf dem Grundsatz des Neuanfangs die Welt zu interpretieren und diesen Grundsatz in der Welt zu verkünden.
„Ich weiß, dass der Hahn gekräht hat und krähen wird. Aber der Hahn kann nicht zum Wahrzeichen der Kirche werden. Die Chance der Neubesinnung, der Buße ist immer gegeben.“ (G. Brakelmann, a.a.O., S. 71.)

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