So viele Blinde!

Liebe Gemeinde, liebe Gäste und liebe Freunde,
ein langer Predigttext für uns am heutigen Morgen. Vielleicht zu lang und irgendwie auch doppelt.

Da ist Jesus zusammen mit seinen Jüngern auf dem Weg und sie reden über die Zukunft. Und da ist der Blinde, der Jesus um Heilung anfleht und tatsächlich gesund wird. Eine von beiden Geschichten hätte doch genügt. Aber Lukas erzählt sie nacheinander und auch die Ordnung der sonntäglichen Predigttexte will sie nicht trennen.

Es muss also einen Zusammenhang geben. Und tatsächlich, der ist schnell gefunden: „Seht!“ heißt das erste Wort, das Jesus an seine Jünger, seine Nachfolger richtet. Und der Blinde von Jericho wünscht sich nichts anderes: „Ich möchte sehen können!“.

Und auch das ist eine Verbindungslinie: Der Blinde sieht nichts mit seine Augen. Die Jünger verstehen nichts mit ihren Hirnen und Herzen: Sie aber begriffen nichts davon, und der Sinn der Rede war ihnen verborgen, und sie verstanden nicht, was damit gesagt war…

Sie sind auf ihre Weise blind für das, was Jesus mit dem Wort „seht!“ eingeleitet hat.

Lauter Blinde heute Morgen. Und wir mit dabei.

Wir könnten nun anfangen, die Gedanken in verschiedene Richtungen kreisen zu lassen:

Was ist schlimmer, mit den Augen nichts sehen zu können oder mit Hirn und Herz blind zu sein?
Was ist leichter, einen Blinden zu heilen, oder einen, der nicht versteht, was vor sich geht, weil es überhaupt nicht dem entspricht, womit er rechnet?
Was ist leichter zu verändern, zwei kranke Augen oder eine irrige Weltanschauung?

Und auch das beschäftigt uns ja bei jeder Heilungsgeschichte: Könnte Jesus nicht auch heute einfach einem Blinden das Augenlicht schenken, ein Wunder vollbringen? Und seinen Jüngern, seinen ihm nachfolgenden Freunden, seiner Gemeinde die richtige Einsicht schenken, gleich im Anschluss sozusagen?

Der Evangelist Lukas berichtet in dieser Doppelgeschichte nur von einer Heilung. Der Blinde kann wieder sehen. Die Jünger tappen weiterhin im Dunkeln. Ist das schon die Antwort auf unsere Frage, was leichter ist?
Der Blinde ist schnell geheilt, so scheint es, die Jünger haben es da schwerer.

Aber halt, so schnell geht die Heilung der Augen ja auch nicht vonstatten: Da brüllt erst einmal der Betroffene in unhöflicher Penetranz und schreit um Hilfe. Dann wird er – wie merkwürdig – auch noch vom Heiland gefragt, was er denn wolle – als wäre das nicht sofort ersichtlich. Dann spricht er aus, was sein Wunsch ist und erst dann erblickt er wieder das Licht der Welt. Und bekommt ein Lob vom Rabbi Jesus: Dein Glaube hat dir geholfen!

Der Glaube also und gar nicht der Heiland? Oder der Glaube und der Heiland zusammen? So geht das also mit dem Gesundwerden, mit dem Heilwerden – und man kann jetzt fragen: Auch mit dem Heilwerden von Herz und Hirn? Bekommt man auf eben dieselbe Art den Durchblick in die Jesusgeschichte? Wäre das für die Jünger aller Zeiten und auch für uns die Therapie, die uns die Einsicht schenkt, das Verstehen, das Nachvollziehen und uns am Ende, wie den Geheilten und alles Volk zum Lob Gottes führt?

Wie versteht man also, das wäre jetzt die Frage, mit dem Herzen, die Jesusgeschichte? Sein Leiden und Sterben, sein Auferstehen? Wie kommt man also weiter als die Jünger, die damals mit ihm auf dem Weg von Jericho nach Jerusalem waren?

Nun könnten wir sagen, gar keine Kunst, wir heutigen wissen ja, wie die Geschichte ausgeht. Aber Vorsicht! Es ist heute nicht leichter als damals, nach Ostern nicht leichter als vor Karfreitag, zu verstehen, wer dieser Jesus eigentlich ist und was sein Lebensweg und sein Tod und seine Auferweckung für uns bedeuten.

Man kann natürlich blind glauben, dass das alles stimmt, was andere uns beigebracht haben. Aber wer sich nur ein wenig ehrlich selbst befragt wird zugeben müssen: Ich verstehe nicht. Nicht wirklich.

Nun also noch einmal die Frage: Sollen wir Unverständigen, in Glaubensdingen immer wieder Nicht-Verstehenden bei jenem blinden Bettler in die Schule gehen?

Wenn ja, dann wäre das Schreien das erste, was uns aufgetragen ist. Nicht jetzt gleich und hier heute Morgen. Aber der innere Schrei nach Hilfe wäre das, womit alles losgeht. In diesem Schrei läge dann ja zugleich die unverrückbare Einsicht: Ich bin blind! Und ich bin ein Bettler. Ich habe keine Chance, wenn mir dieser Jesus jetzt nicht hilft! Ich habe den Durchblick nicht und ich friste mein Leben mehr schlecht als recht. Ich brauche Hilfe!

Damit würde dann alles beginnen, wenn wir uns sehende Herzen und einen einleuchtenden Glauben wünschen – mit jenem Schreien.

Das wird bis in unsere Zeit nicht gern gehört. Um uns und in uns sind genug Stimmen, die laut oder leise sagen: Nicht so laut. Es ziemt sich nicht, Hilflosigkeit zuzugeben. Es verletzt deinen uns unseren Stolz, wenn du dich als hilfsbedürftig outest. Wir hören lieber die „Ich habe alles im Griff“ – Reden, die „Alles kein Problem“ – Parolen, die „Nichts ist unmöglich!“ – Werbespots. Sei still, wir halten Hilflosigkeit nicht aus! Schwächeschreie erinnern uns an unsere eigenen Schwächen. Und wir sind so beschäftigt unsere Schaufenster mit permanenter Stärke zu dekorieren…

Doch der Blinde vor Jericho hat so viel Leidensdruck, dass er sich von den Meinungen der anderen nicht beeindrucken lässt. Sollen sie denken und reden, was sie wollen, ich schreie weiter. Und hoffe weiter auf Rettung!
Und nun kommt Jesus zu ihm. Weil er so laut geschrien hat, liebe Gemeinde! Und weil Jesus auf dem Weg nach Jerusalem war, dorthin, wo er selbst unter Leidensdruck geraten sollte und wollte. Was seine Jünger nicht verstanden.

Und nun, vor dem schreienden Mann angekommen, macht er diesen nicht gesund, sondern fragt ihn eine Frage, die für alle Umstehenden lächerlich gewirkt haben muss: „Was willst du, das ich dir tun soll?“.

Wieder ist diese Wendung der Geschichte von Belang: In Glaubensdingen werden wir gefragt. Irgendwann kommt der Moment, wo wir gefragt werden, was wir denn eigentlich wollen. Ob wir wollen. Ob wir das Selbstverständliche wollen. Wonach uns der Sinn steht. Was unsere Sehnsucht ist, wovon wir geheilt werden möchten. Glauben ist kein „Alles wird gut“ – Modus. Immer von allein und ohne unser Zutun. Wenn mich jemand fragt, was ich möchte, dann nimmt er mich erst und macht mich nicht zu Objekt.

Und alle Schreie, alle Verzweiflung, alle Urlaute, die nach Veränderung gerufen haben, verdichten sich nun zu einem Satz, der aus Hirn und Herz heraus formuliert wird: Herr, dass ich sehen kann. Das will ich.

In diesem Moment, mit diesem: „Das will ich!“, geht dem Blinden ein Licht auf, wird er neu geboren, erblickt er das Licht der Welt.

Sollte es auch in Glaubensdingen so zugehen, wenn wir verstehen wollen, wer dieser Jesus ist und was er für uns Menschen bedeutet? Dass wir das verstehen wollen müssen. Sonst wird nichts? Dass wir zunächst einen Vertrauensvorschuss investieren müssen um dann belohnt zu werden: Dein Glaube hat dir geholfen, sagt der Meister. Das klingt fast wie: Dein Vertrauen hat dich geheilt. Ohne das wäre wieder nichts passiert?

Liebe Gemeinde, das wäre zu lernen aus diesen beiden miteinander verwobenen Geschichten von den unverständigen Jüngern und dem Mann, der am Ende von ganzem Herzen Gott lobt über sein wiedergefundenes Augenlicht: Dass es anfing hell zu werden in seinem Leben, als er seinen Zustand hinausgeschrien hat. Und sich nicht gekümmert hat, was die Leute sagen. Und wusste, was er dringend brauchte, also nicht hatte. Und in der Lage war, es öffentlich auszusprechen. Und genug Vertrauen hatte, das der, der da kommt im Namen des Herrn, ihm helfen könnte.

Das ist, liebe Gemeinde, liebe Freunde, eigentlich die Geschichte der Jesusnachfolger bis heute geblieben. So geht das. Und wenn man zum Glauben kommt, sieht man tatsächlich plötzlich mit dem Herzen gut.

Und auch das sei noch erwähnt: Ab und an schenkt Jesus, der auferstandene Christus, auch heute einem Menschen sein Augenlicht wieder. Nicht jedem und nicht auf Knopfdruck, wie damals auch, als er an vielen Blinden vorüberging, ohne sie zu heilen. Aber immer wieder erzählen auch heute Menschen Geschichten davon, wie sie an Leib und Seele gesund geworden sind.

Es ist eben der Heiland, an den wir glauben. Der öffnet uns die Augen, die Hirne und die Herzen.

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