Der Auferstehung erster Lichtstrahl

Liebe Schwestern und Brüder,

Im Tchibo-Laden: Wo ist mein Platz?

Wo soll ich Platz nehmen? Wo soll ich mich hinsetzen? Auf die Expertenbank? Oben auf dem Podium? Oder doch lieber… In meine Überlegungen drängt sich eine Erinnerung aus der Studienzeit. Tchibo-Laden in der Leopoldstraße. Ich sehe uns da noch stehen. Nach der Vorlesung über das Thema „Auferstehung Jesu“.

„Glaubst du das?“ Helmut hatte die Kaffeetasse zur Seite geschoben und schaute mich fragend an. „Ich fand das schon sehr faszinierend“, antwortete ich, “Auferstehung als das Ende der Geschichte. Ein toller Gedanke. In der Auferstehung von Jesus hat sich vorweg das Ende der Menschheits-Geschichte ereignet.“ „Und jetzt glaubst du an die Auferstehung?“ „Worauf willst du hinaus?“ „Ich will wissen, ob du jetzt besser oder fester an die Auferstehung glauben kannst?“ „Du meinst jetzt, nach diesem theologischen Vortrag, der alles so schlüssig erklärt hat?“ „Genau, das will ich wissen!“

Wir schwiegen eine ganze Weile. „Rühr doch nicht andauernd in der Tasse rum“, mahnt mich mein Gegenüber, “du hast doch gar keinen Zucker rein getan.“ Grinsend fügte Helmut hinzu: „ Gib den Löffel ab. Jetzt, wo du weißt, wie alles endet, ist das doch kein Problem mehr.“ Wir lachten, brachen auf und haben die Tchibo-Frage mitgenommen: Was nützen Vorträge über die Auferstehung?

Wo ist nun mein Platz? Diese Erinnerung hat mich nicht davon befreit, mich zu entscheiden. Meinen Platz habe ich noch nicht gefunden. Ich bin wieder einmal in eine Geschichte der Bibel eingestiegen.

Lukas, Kapitel 18 bietet zwei Möglichkeiten, zwei Plätze in dieser Geschichte an.

Im Kreis der Jünger
Das ist der erste Platz: Setze dich doch mal zu den Jüngern.
Ich will ja nicht vermessen sein. Aber ein studierter Theologe darf sich doch wohl – zumindest in Gedanken – in diesen exklusiven Kreis begeben. Bescheiden stelle ich mir vor, wie ich Platz nehme in einer der hinteren Reihen. Immerhin, ich gehöre doch zu den Experten. Die Anzahl der von mir durchgearbeiteten, theologischen Bücher kann ich nicht mehr überschauen. Lukas erzählt, was hier passiert:

Jesus nahm zu sich die Zwölf und sprach zu ihnen: Seht, wir gehen hinauf nach Jerusalem, und es wird alles vollendet werden, was geschrieben ist durch die Propheten von dem Menschensohn.
Denn er wird überantwortet werden den Heiden, und er wird verspottet und misshandelt und angespien werden, und sie werden ihn geißeln und töten; und am dritten Tage wird er auferstehen.

Was Lukas hier in aller Kürze schreibt, hatte der Professor damals sehr ausführlich dargelegt und alles bis ins Kleinste erklärt. Er war sehr begabt, große Zusammenhänge darzustellen.

Doch ehe ich mich in Gedanken auf den Stuhl im Kreise der Jünger fallen lasse, lese ich:

Sie aber begriffen nichts davon, und der Sinn der Rede war ihnen verborgen, und sie verstanden nicht, was damit gesagt war.

Ratlos bleibe ich doch lieber stehen. Will ich bei denen sitzen, die nichts kapieren? Die Jünger Jesu müssen immer herhalten, wenn wir Prediger uns über die Uneinsichtigkeit der Menschen ärgern. Dann dichten wir den 12 Herren die Dummheit an, die wir Anderen nicht ins Gesicht zu sagen trauen. Das ist ein leicht durchschaubarer Trick. Und übel ist er auch.
Kann man wissen, was man glaubt?

Als wenn ich es besser wüsste! Einer von den Zwölfen wendet sich an mich: „Ich rechne schon damit, dass sie unseren Herrn umbringen werden. Aber er lässt sich nicht davon abbringen, nach Jesusalem zu gehen. Dort können wir ihn nicht mehr schützen. Aber das mit der Auferstehung. Das fällt mir schwer. Auch wenn er das so einfach sagt.“ Da ist sie wieder, unsere Tchibo-Frage. Kann man wissen, was man glaubt?

Kostüm-Wechsel bringt nichts
Für einen kurzen Augenblick überlege ich, ob ich weglaufe und mich schnell umziehe. Heute ist doch Faschings-Sonntag. Ich könnte mir doch ein griechisches Gewand umlegen, einen Lorbeerkranz ums Haupt binden und posen wie es Sokrates getan haben soll. Mit verklärtem Gesicht könnte ich zum Thema Auferstehung sagen: Ich weiß, dass ich nichts weiß.

Aber ehrlich, liebe Gemeinde, da käme ich mir falsch vor. Es ist schwierig, Auferstehung zu erklären. Ich fühle sie mehr, als dass ich sie verstehe. „Ich weiß, dass ich nichts weiß“. Keine Pose für mich. Zu wenig. Zu dürr. Zu ängstlich. Mein Herz fühlt mehr als mein Kopf denken kann. Ich ziehe kein Kostüm an. Ich verkleide mich nicht.

Spaziergang durch Jericho: Ich sehe viel und sehe nichts.
„Komm mit“, sagt schließlich einer der Jünger zu mir, „der Herr geht weiter.“ Und so führt mich der Jünger Jesu an den zweiten Platz.
Hier nun geraten mir die Bilder völlig durcheinander. Wir gehen durch Jericho. Natürlich weiß ich, dass Jesus vor 2000 Jahren gelebt hat. Trotzdem. In meiner Vorstellung ist Jericho eine Stadt, wie wir sie heute erleben.

„Wir geben ihrer Zukunft ein Zuhause“, verspricht mir eine Bank. Das lese ich im Vorbeigehen. Ich kann es sogar singen. „Wir sehen uns“, steht über einem Kaufhaus. „Im Auftrag ewiger Jugend und Glückseligkeit“ drängt sich mir eine Schokolade auf. „Nix wie weg“, raunt mir ein Reisebüro zu und verspricht mir das Paradies mit Sonderrabatt. Ich muss aber heute noch ja sagen. Ein Zigarettenplakat verheißt den „Geschmack von Abenteuer und Freiheit“. Auf der Packung steht, dass man dieses Ziel eventuell mit dem Tod bezahlen muss. Eine Nudelpackung steht im Fenster: „Da kommt Leben an den Tisch“, verspricht sie mir. „It´s time to change“. Du musst dich ändern. Jetzt rufen uns schon Telefone zur Buße auf. Und eine Packung eingetrockneten Kartoffelbreis verheißt mir das „Jüngste Gericht.“ „Lebe deine Ideen“, ruft mir ein Dekorhaus zu. „Den Rest können sie sich sparen“. Das lese ich bei einer Tankstelle und schließe die Augen: Ich doch nicht blöd.

Die trauen sich was, denke ich. Die ganze Stadt ist voller Verheißungen. Mutig, aufdringlich, laut und von unübertrefflicher Selbstsicherheit verspricht mir jeder gute Zukunft, gutes Leben, Glück und Paradies. Und ich traue mich nicht, von der Auferstehung frisch und fröhlich zu erzählen. Nur, weil ich es nicht verstehe. Ich wollte weitergehen. Aber was ist das? Ich kann meine Augen nicht mehr öffnen. Ich sehe so viel, dass ich am Ende nichts mehr sehe.

Angekommen: Der Blinde hat für mich den Platz angewärmt.
„Setz dich hin“, sagt mir einer der Jünger. Nimm Platz. Hier ist ein Stein. Warte.

So bin ich auf meinem zweiten Platz angekommen. Von wegen Expertenrunde. Der Platz des Blinden ist mir zugedacht. Er hat den Platz für mich angewärmt. Ich kann nichts mehr sehen. Meine Gedanken stolpern wirr durch das Gehirn. „Ist das ein Bettler“, höre ich ein Kind die Mutti fragen. Mutti gibt keine Antwort. „Aua“, höre ich das Kind. Mutti hat es wohl unsanft weiter gerissen.

Ich bin vollkommen verwirrt. Also mal der Reihe nach. Ich bin bei Lukas ins Evangelium eingestiegen. Ich wollte in der Expertenrunde mit dabei sein. Ich wollte sehen und verstehen, was es mir der Auferstehung so auf sich hat. Aber da war nichts. Den 12 Herren aus dem engsten Kreis um Jesus erging es nicht anders als mir damals in der Vorlesung. Ich wollte einsehen, was Auferstehung ist. Aber das hat nichts gebracht.

Und nun sitze ich, gefangen im Lukas-Evangelium und finde mich mürrisch damit ab, ein Blinder zu sein, der nichts sieht. Mit diesem Platz hatte ich nicht gerechnet.

Jesus kommt auf mich zu: Kann ich die Geschichte verändern?
Es kommt Unruhe auf. Ich höre, wie Menschen durcheinander rufen. „Was ist los“, rufe ich in die Dunkelheit, die mich umgibt. Jesus zieht durch die Stadt. Er kommt auf mich zu.

Gott sei Dank kann ich einige Bibeltexte fast auswendig. Ich weiß, was zu tun ist. Ich muss rufen: „Jesus, erbarme dich meiner.“ Ihn den Sohn Davids zu nennen, kam mir zu anbiedernd vor. Es muss auch so gehen.

Und wie das immer so ist, wenn einer in der Innenstadt auffällig wird: Halt´Mauls, schreit man mir zu. Geht nicht, gebe ich zur Antwort, in der Bibel steht: Der Blinde hat geschrien. Daran könnt ihr nichts ändern.

So sitze ich nun auf meinem zweiten Platz. Natürlich weiß ich, wie die Geschichte weiter geht. Ob ich sie trotzdem verändern kann? Jetzt kommt Jesus ja gleich. Kann ich die Geschichte verändern? Ich könnte ihn doch auffordern: Nun erkläre mal in aller Ruhe, was es mit der Auferstehung auf sich hat? Erkläre es so, dass ich es verstehe. Du weißt es doch besser, als jeder Theologieprofessor. Wie geht Auferstehung? Erleben wir das alle? Wie geht das vor sich? Spüren wir da etwas? Und was kommt danach?

„Macht Platz“, ruft jemand. Jesus kann nicht mehr weit weg sein. Jetzt schnell alle Gedanken sammeln. So eine Chance hat man nicht jeden Tag. Was will ich von Jesus?

Vertrauen will ich. Ich will vertrauen, dass Gott mich und diese Welt und alles trägt. Ich kann doch Jesus nicht fragen, wie Auferstehung geht.
„Was willst du, dass ich für dich tun soll“. Noch zwei Verse, dann ist die Geschichte vorbei. Bloß keinen Fehler machen! Was hat der Blinde erbeten? Soll ich sagen: „Gib mir Einsicht“? Nein, klingt blöd, als wollte ich Gottes Akten lesen.

Beim Original bleiben
„Dass ich sehen kann“. Das ist das Original. Da schwingt alles mit: Die Sehnsucht nach Leben. Die Hoffnung auf Gesundheit. Der tiefe Wunsch, in gute Zukunft zu gehen. Ich wiederhole diese Bitte. „Dass ich sehen kann“. Damit ist alles gesagt. Jesus versteht, was da alles mitschwingt.

Jesus beugt sich herab. Er berührt den Blinden dort, wo sein Herz schlägt. „Sei sehend“. Der Blinde öffnet die Augen und erblickt das Gesicht Jesu. „Das ist Auferstehung. Dass ich das Gesicht Jesu sehen kann.“ Jetzt. Und später. Und danach. Für einen Augenblick ist mir das ganz gewiss. Das wird nicht immer so bleiben. Auferstehung ist ein Geheimnis. Ein Mysterium, wie die Bibel es besser sagt.

„Ich weiß, dass ich glaube“. Dieser Satz passt besser zu mir als die Pose des Sokrates. „Ich glaube.“ Da schwingt alles mit: Meine Gewissheit. Und meine Fragen. Mal ist das eine stärker. Mal schwächer. Aber er ist da. Glaube im Kreis der Fragen. Die sitzen mit dabei, wie die zwölf Herren. Damit komme ich zurecht. Das genügt. Mehr haben wir nicht, wenn wir den Löffel abgeben. Manchmal fällt es mir ganz leicht, an Auferstehung glauben.

Ich lebe und ihr sollt auch leben. Das wär doch ein Werbespruch für unsere Kirche. Gefällt mir auf jeden Fall weitaus besser als all das, was ich in Jericho gesehen hatte. Ehe ich blind wurde und dann zur Einsicht kam. Ganz ohne klugen Vortrag. Einfach nur durch die Begegnung mit Jesus.

Das ist der Auferstehung erster Lichtstrahl. Ich fühle ihn mehr, als dass ich ihn sehe.

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