Und Jesus hilft …

Jesus ist auf dem Weg nach Jerusalem. Und das ist kein rein geographisches Ziel. Es ist der Endpunkt. Der Ort von Leiden und Tod. Und wir möchten Jesus vielleicht am liebsten fragen: warum?

Wäre es nicht hilfreicher, Jesus würde Jerusalem umgehen und der ganzen Welt das Evangelium sagen?

Dieses ganze mit Passion und Leiden erscheint vielen Menschen heute relativ unsinnig. Da müsste es doch bessere Wege geben als den nach Jerusalem sagt der Verstand.

Aber am Beginn unseres heutigen Bibelabschnitts steht die dritte Ankündigung von Jesu Leiden und Auferstehung – und noch mehr:

[TEXT]

Dein Glaube hat dir geholfen. Sagt Jesus. Was für ein Glauben. Steht hier nicht eher die Verzweiflung im Mittelpunkt? Oder ist in dieser Geschichte Glauben schon allein die Hoffnung, dass dieser meine Existenz entscheidend verändern kann?

Dazu muss ich den Zusammenhang beachten. Jesus redet über sich, seine Mission und sein kommendes Schicksal. Und die, die ihm besonders vertraut sind, verstehen nicht. Sie sind blind für Jesus und seinen Weg. Sie sehen nur Erfolgsgeschichte und verlieren das Gespür dafür, dass Jesus andere Erfolge im Blick hat als die, von denn wir Menschen so gerne träumen.

Die Zusammenlegung von letzter Leidensankündigung und Hilfe ist von Lukas mit Absicht gemacht worden: Jesus steht für Solidarität auch in Zeiten persönlicher Bedrängnis. Er redet von sich, seinem Leiden, dem er entgegengeht und nicht ausweichen will. Und trotzdem hört er die Schreie des Blinden, den Andere zum Schweigen bringen wollen.

Dieser Blinde versteht sofort, wer dieser Jesus ist, und was er für ihn bedeuten kann. Er will sich nicht in die Rolle als armer Behinderter zurückziehen. Er wird aggressiv, fordert Aufmerksamkeit, Beachtung. Sie wird ihm geschenkt – und mehr als das. Jesus sieht trotz eigener Problematik die Bedürftigkeit des Menschen mit Behinderung.

Diese Verheißung haben wir, dass Christus Menschen sehen will: Menschen und das, was sie brauchen. Wir dürfen uns melden, dürfen schreien oder rufen. Wir dürfen lästig werden. Er fragt nicht nach unserer Berechtigung und nennt uns nicht unverschämt. Er schaut uns so freundlich an wie diesen Blinden, dem er sagt: Dein Glaube hat dir geholfen.

Und wenn Sie jetzt fragen: ‚Welcher Glaube?‘, haben Sie recht. Da ist nicht von Glauben die Rede, sondern nur von purer Verzweiflung. Von dem Schrei nach Hilfe. Und dieser Schrei scheint auszureichen für Jesus und wird positiv gewertet. Da dürfen wir tief durchatmen und unser Gestammel bedenken und darauf vertrauen, dass es genau so ernst genommen wird.

Die Jünger haben Heimat und Familie verlassen und sehen sich nun vor den Trümmern dieser Entscheidung. Dadurch ist ihr Geist nicht in der Lage die Worte wirklich zu erfassen. Der Blinde hat nichts zu verlieren – nur zu gewinnen. Darum schreit er.

Und Jesus hilft.

Auf seinem Weg nach Jerusalem. Mitten auf dem Weg in das eigene Leid, hat er noch Augen und Ohren für das Leid seiner Mitmenschen.

Und unsere Frage bleibt: warum geht er nicht einen anderen Weg als nach Jerusalem. Da warten noch viel mehr Menschen mit Behinderung, die er heil machen könnte.

Da gibt es mehrere Antwortmöglichkeiten. Vielleicht, dass wir begreifen, dass auch Menschen mit Behinderung Menschen sind, wertvolle Kinder Gottes, Teil unserer Gesellschaft; wenn wir sie denn lassen. Vielleicht werden wir hellhöriger und weitsichtiger als die JüngerInnen Jesu. Vielleicht erkennen wir die Herausforderung, die uns täglich neu erwartet, das wir Menschen so nehmen wie sie sind als Geschenk Gottes. Sie brauchen nicht zuallererst Heilung, sondern erst einmal Menschlichkeit, Partnerschaft. Sie wollen ernst genommen werden.

Vielleicht aber auch, dass wir begreifen, dass uns Gottes Wege mitunter verborgen sind, wir nicht alles verstehen. So wie die Jünger in unserer Geschichte, die für diesen Jesus alles aufgegeben haben, Heimat Familie, Existenz. Und jetzt mit seinen Aussagen nicht fertig werden können.

Von dem Blinden in unserer Geschichte kann ich lernen: Mit Jesus kann ich auf Augenhöhe kommunizieren, wenn ich bereit bin zuzugeben, dass ich ihn brauche. Ich darf ihn anschreien. Darf ihm meine Bedürftigkeit vor die Füße werfen. Er will mich hören, selbst dann, wenn er jede Ausrede zu Recht gebrauchen würde, die wir so kennen: Keine Zeit oder zu beschäftigt. Oder: Gibt es keine anderen Probleme.

Er will mich hören – und von ihm kann ich neu lernen zu hören und hinzusehen – und vielleicht sogar lernen, meine Grenzen zu akzeptieren, weil er mich liebt mit meinen Grenzen.

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