Worte des Lebens

Liebe Schwestern und Brüder!
Laut den Verkündigungen des Propheten Jesaja verhält es sich mit dem Wort Gottes und seiner Botschaft so wie hier verlesen oder so ähnlich
So funktioniert Glaube also! Das Wort wird von Gott oder seinem Propheten oder von einem anderen Diener verkündigt. Es geht aus wie Regen, tr4änkt die Erde des Glaubens und wächst von selbst und bringt Frucht. Frucht bis zur Ernte und später dann Brot zum Essen, die dann eingeholt werden müssen.
Es wird verkündigt und kommt nicht leer oder frustriert zurück, „sondern wird tun, was mir gefällt, und ihm wird gelingen, wozu ich es sende!“

Doch funktioniert der Glaube bzw. evoziert der Glaubensprozess beim modernen Menschen wirklich so viel Potential, wie bei der selbst wachsenden Saat? Fällt das Wort Gottes, trifft das Evangelium beim modernen Menschen des 21.Jahrhunderts wirklich auf fruchtbaren Boden? Hört er sich das gerne an, was Gott mit seiner Botschaft zusagen hat?!
Oder ist es nicht viel mehr egal!
Und wenn, wächst das Wort langsam und kontinuierlich im Menschen bis zur persönlichen Reife, so dass die Ernte eines Tages bevorsteht?! Und kann ich wirklich von dieser gesäten und gewachsenen Ernte in meinem Leben zehren?

Ich glaube, da hat sich im Laufe der Jahrhunderte nicht so viel geändert.
Wenn wir das persönliche Leben als ein Leben empfinden, wo Gottes Wort auf fruchtbaren und aufnahmebereiten Boden fällt oder Gott sein Wort in uns wachsen lässt, dann ließe sich hier so manches sagen.

Denn im Laufe des persönlichen Lebens machen wir viele gute, aber leider auch zweideutige und schlechte Erfahrungen mit Worten, Ratschlägen und Meinungen, die uns von allerlei Menschen zugesprochen werden oder die wir hören.
Jeder und jede von uns, ob älter oder jünger, groß oder klein hat so seine einschlägige Erfahrung mit bestimmten Worten, Äußerungen und Ratschlägen, die wir teilweise gerne hörten, wenn sie des Lobes sind oder uns verärgern, wenn es Kritik und Tadel sind.
Doch Gott sei Dank enthalten die meisten Worte eher positive Aussagen über uns, unseren Charakter und unser Verhalten.
So hören wir als Kinder als Erstes die Stimmen und Worte unserer Mütter und Väter. Stimmen, die einem fast das ganze Leben begleiten. Stimmen, die liebevoll und tröstend klingen, aber auch böse und zornig sein können. Die Worte der Eltern sind sehr wichtig für das weitere Leben von Kindern. Durch Worte und liebevolle Gesten entsteht das menschliche Urvertrauen, das uns seelische Stabilität verleiht und unsere individuelle Persönlichkeitsentwicklung unterstützt. Dadurch werden wir später psychisch gefestigt und eine stabile Persönlichkeit.
Später wird dieses für Kinder besonders wichtige Urvertrauen bisweilen beschädigt und manchmal auch zerstört.

An uns gerichtete Wörter, Aussagen über uns und Erfahrungen sind ambivalent, d.h. durch die wörtliche Kommunikation, durch das Gespräch kann ich einen Menschen aufbauen, motivieren oder trösten, aber ebenso kann ich durch den zynischen, bösartigen und beleidigenden Gebrauch von Worten und Beschimpfungen innerlich schwer verletzen und zum Stillstand eines Gespräches verantwortlich sein.

Ähnlich schlechte, bisweilen diffamierende und respektlose Erfahrungen kann man auch als Kind und Jugendlicher machen, denn bevor man erwachsen ist, werden viele mündliche und schriftliche Worte über einen verloren und geschrieben. Nicht nur in der Schule.
Urteile und Vorurteile werden über einen gesprochen, geschrieben und bestätigt und weiter gegeben.
Diese Worte machen nicht lebendig und fallen auf keinen fruchtbaren Boden. Sie behindern Kinder und Jugendliche bei der Entfaltung ihrer Persönlichkeit. Sie lähmen und zementieren Klischees und Schubladen über Menschen.
Da war der oder die schon immer ein wenig schwierig oder lernbehindert, verhaltensauffällig und auch sein Elternhaus ist ja bekanntlich nicht das Beste und was ist bei diesen Eltern schon von den Kindern zu erwarten.
Zack, so schnell ist ein vernichtendes Urteil über einen Menschen gesprochen.
Schublade auf und dann zu!
Und die dabei benutzten Worte werden manchmal zu UN-Worten, zu Worten, die Leben, menschliche Leben nicht zur Entfaltung bringen, sondern dieses Leben verhindern, beschränken und seelisch töten.

Ja, liebe Schwestern und Brüder, und es gibt sie im Leben auch, jene wunderbaren Worte und Sätze, die durch die Erfahrung und die Wirkmächtigkeit des Glaubens zu Lebens-Worten, zu Nahrung für die Seele werden, zu Glückseligkeit und Segen werden.
Das will meiner Meinung nach der Predigttext für den heutigen Sonntag aussagen. Wir alle kennen solche Lebens-Worte. Worte, die trösten. Worte, die neuen Lebensmut spenden. Worte, die wie eine Aufbau-Kur sind. Worte, die die Seele, die unser Inneres nähren. Worte, die durch ihren kräftigen Zuspruch zu neuem Glauben, zu neuer Schaffenskraft, zu neuer Motivation und zu neuer Liebe führen.
Diese Worte, die ein neues Leben schaffen können, die neue Kraft, die Trost geben und Licht in unser dunkles Leben bringen können, diese Worte sind Lebens-Worte, weil Gott selbst durch seinen Heiligen Geist zu uns mit diesen Worten spricht.

Wie wirkt nun dieses Wort und wie und wo geht es sozusagen auf und wächst auf fruchtbaren Boden?
So wie das Wort Gottes in der Schöpfungsgeschichte Leben und Welt werden lässt, so wurde das Wort auch Fleisch. Fleisch in und durch Jesus Christus. Das erzählt die Bibel uns. Gottes Wort ist lebendig, kräftig und scharf. Und vor Gottes Wort bleibt nicht verborgen, alles wird offenbar. Keiner wird vergessen und keiner muss im Dunkel leben.

Liebe Schwestern und Brüder, wir Christen glauben und hoffen mit großer Zuversicht, dass Wort wirkmächtig ist und das Evangelium auf fruchtbaren Boden fällt und verändert.
Es ereignet sich aber, wo und wann es will.
Gottes Wort, sein lebensspendendes Wort schafft bei dem, der es hört, und immer wieder neu hört, ein neues Leben, einen Neuanfang, eine zweite und dritte Chance, unendliche Möglichkeiten tun sich auf. Gottes Wort veränderte, verändert und wird noch viele Menschen verändern. Das Wort Gottes macht frei, frei zu einem neuen verändernden unbegrenzten Leben im Glauben mit Hoffnung und Zuversicht.
Wer dies schon einmal erlebt und erfahren hat, der weiß um die Kraft und Lebendigkeit, die vom Evangelium ausgehen.
Meiner Meinung ist das Evangelium eine der stärksten Motivationen und Antriebe, die wir erleben können und uns über uns hinauswachsen lässt. Gott sieht uns und das ist gut so. Nichts ist vor ihm verborgen. Alles ist klar und offen vor seinem Angesicht. Sein Heil ist unsere Heilung, sein Wort ist unsere Befreiung aus dem Gefängnis der Verletzungen unserer Seele und unser Trost und Segen. Sein Wort ist Antrieb und Schwung.

Vielleicht fragt sich jetzt einer: Wo gelingt dies und wie kann es gelingen, dass dieses kräftige, lebendige und scharfe Wort Gottes zum Lebens-Wort, zum Brot für die Seele wird?

Und darauf gibt es auch eine Antwort: Das Wort Gottes bringt immer dann Frucht, wird immer dann zum im persönlichen Leben erfahrenen Lebens-Wort, wenn jeder von uns selbst dafür Sorge trägt, dass es bei uns auf fruchtbaren Boden fallen kann. Den Boden für die Saat bereiten wir Menschen immer selbst. Und es gibt sehr viele fruchtbare Böden unter uns Menschen. Fruchtbare Böden sind symbolisch gesprochen für mich die Phasen des Lebens, die uns gelingen, wo Segen und göttliche Begleitung auf unserem Leben ruht. Und selbst das, was scheinbar misslingt, bedeutet doch nicht das letzte Wort über uns oder pures Unglück, sondern auch darin steckt, dass der Nutzen manchmal noch nicht erkannt wurde. Man weiß nicht, wofür dieser Weg Gottes gut ist. In diesem Phasen und Situationen schenkt uns Gott durch sein Wort einen Neuanfang, eine erneute Chance oder auch einfach nur die Kraft auszuhalten, was auszuhalten ist. Bestimmt mit einem lebendigen Wort und der Tat zur rechten Zeit durch Mitmenschen an uns gewirkt.
Beim Anblick dieser Welt könnte man fast vergessen, dass das Wort Gottes ja immer weitergeht, neu gesprochen und auf uns Menschen zugesprochen wird; dass es nicht dort endet, wo wir gerade mit unseren Gedanken sind; beim Tod, beim Scheitern; beim Versagen. Die meisten Körner aber, so heißt es in dem als Evangelium gelesenen Gleichnis für den heutigen Sonntag, sind auf guten Boden gefallen und brachten hundertfache Frucht. Damit möchte Jesus unseren Blick auf die vielen kleinen oder auch größeren Erfahrungen im Leben richten, wo es mit uns oder mit dem, was wir getan haben, ein gutes Ende genommen hat; wo sich der Einsatz gelohnt hat; wo wir heute wirklich den Eindruck haben, wir sind vorwärts gekommen, wir haben etwas geschafft und selbst, wenn wir gescheitert sind, dann wissen wir das dies nicht das letzte Wort ist: Gott spricht nicht das letzte Wort über uns. Sein Wort ist das erste und das letzte Wort, das wir hören und hören können, immer wieder neu.
Wo geschieht dies?
Ich denke dabei an die vielen, die nach dem Krieg durch zu Taten gewordene Worte, Schaffenskraft und Hilfe anderer Menschen eine neue Heimat gefunden haben.
Ich denke an die Macht der Worte, die unser Land zu einem vereinten Land gemacht haben. Ich denke an die Menschen, die mir erzählt haben, dass sie nur knapp dem Tod entronnen sind und durch ihren Glauben Dankbarkeit und Demut darüber vor Gott empfinden.
Ich denke an die, die lange krank und schwer krank waren und mit Gottvertrauen und medizinischer Hilfe ins Leben zurückgefunden haben.
Ich denke an die Schülerinnen und jungen Menschen, die mir erzählten, dass sie die Erlösung von sterbenden Menschen während ihres Altenheimpraktikums gesehen haben und spürten, dass die Reise nach dem Tod in Gottes Arme geht.
Ich denke an die unter uns, die eine Krise überwunden haben und Gottes lebensspendendes Wort der Liebe neu gespürt haben.
Ich denke an die unter uns, die lange Zeit im Streit waren und noch erleben, wieder miteinander zu reden, ja vielleicht sogar, sich zu versöhnen, in der Erkenntnis, dass unser aller Leben aus Worten der jenseitigen Vergebung leben.
Ich denke an die unter uns, die nicht glauben konnten, dass nach dem Tod eines geliebten Menschen noch einmal die Tage fröhlich und schön sein können, und die dann doch wieder am Leben Freude gefunden haben – nicht im Vergessen dessen, was war, sondern im Weiterleben mit dem, was war.
Liebe Schwestern und Brüder, da geht die Frucht auf und bringt Ernte.

Amen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus.
Amen.

drucken