Wer, wie, was, wieso, weshalb, warum? Wer nicht fragt, bleibt dumm!

Ich halte es für ein Gerücht, dass die Menschen nicht mehr gerne ihren Verstand gebrauchen und nachdenken.
Ich teile aber die Befürchtung, dass sie es mit der Zeit verlernen, weil ihnen das Hinschauen, das Nachdenken und das Verstehen immer mehr abgenommen wird. Andere erklären, andere beschreiben, andere kommentieren und zeigen mir, wie es sein soll und darum so zu sein hat…: nämlich eine schöne, heile oder auch kaputte und damit nervenaufreibende oder in Spannung versetzende Scheinwelt.
Erinnern sie sich?:
„wer, wie was, wieso, weshalb,warum, wer nicht fragt bleibt dumm?“
Genau vierzig Jahre ist dieser Titelsong alt und mit ihm haben viele Kindergenerationen angefangen, Fragen nach ihrer Umwelt zu stellen, gewissermaßen sich mit Gott und der Welt, also mit allem, was zum Leben dazugehört, auseinanderzusetzen.
Die Sendung mit der Maus oder die Sachbuchreihe „Was ist was?“ sind ebenfalls wunderbare Antworten auf die Neugierde unserer Kinder, die sich eben die Welt nur erobern können, wenn sie fragen, forschen und dabei nicht lockerlassen.
Insgeheim ist diese menschliche Entdeckerneugierde wohl auch Quelle und Motor allen Fortschritts, allerdings auch Quelle manchen Übels: „denn alles ist erlaubt, aber nicht alles nützt“ wusste schon der Apostel von uns Menschen zu sagen.
Die Gedanken sind nicht nur frei, sie sind im Prinzip auch grenzenlos, sie machen nicht so einfach Halt, wenn sie etwas noch nicht erklären, deuten oder verstehen können, sie wollen alles übersteigen und ergründen, Geheimnisse lüften und durchschaubar machen.
Sie lassen sich nicht einfach in Schach halten. Das macht uns Menschen aus – Gott sei Dank und das heißt doch: genauso hat er uns gemacht und gewollt, dass wir unsere Vernunft einsetzen und alles hinterfragen und nicht so einfach alles mit uns machen lassen.
Vernunft ist unsere herausragende Begabung, das eigentlich Menschliche (!). Gott zu denken ist dabei dann die vornehmste Aufgabe des Theologen und eines jeden Christenmenschen, sein Beruf, seine Berufung, hoffentlich auch seine Leidenschaft, dass heißt seine Herzensangelegenheit, aber damit auch oft genug Quelle großen Leidens, wenn er wieder einmal an die Grenzen allen Verstehens stößt und einsehen muss, dass Gott der ganz andere ist und sich nur so weit begreifen lässt, wie er bereit war und ist, sich uns zu zeigen.
Seine Geheimnisse, sein inneres Wesens, die Bewegungen seines Herzens werden wir mit Mitteln der Vernunft und der argumentativen Beweisführung nicht ergründen:
„Was bist du Mensch?“ fragt Gott wieder durch den Mund des Apostels
Und dennoch kann und will keiner seinen Verstand an der Garderobe abgeben, weil er sich in das Herrschaftsgebiet des Glaubens begibt, ganz im Gegenteil, der Glaube ist immer bemüht, nicht nur verständlich zu sein, sondern auch vernünftig.
Das sich damit die Wahrnehmung und Weltdeutung auch ändern kann ist einsichtig. Je mehr wir begreifen, desto stärker verändert sich auch unsere Sicht auf die Welt und unser Reden und Begreifen von Gott.
Er ist ja nicht statisch, ein unverrückbarer und unberührbarer Block, Zuschauer auf einem entrückten Thron, sondern hat mit uns Menschen seine Geschichte, die uns berührt , verändert, aber auch an ihm, Gott, nicht spurlos vorüber geht!
Menschen haben versucht Gott nicht nur mit dem Herzens des Glaubens zu vertrauen, sondern auch mit den Mitteln der Vernunft zu verstehen: „ich glaube, um zu verstehen“ lautete ihr Bekenntnis zu einem vernünftigen Glauben.
Und auch wenn wir heute nicht mehr im Zeitalter der vernünftigen, philosophischen Gottesbeweise leben, ist es uns doch wichtig, den vermeintlichen Gegensatz zwischen Glauben und Vernunft aufzulösen. Denn all die, die einen Widerspruch ausmachen, wollen ja gerade damit belegen, dass da kein Gott ist und wir damit auf dem Holzweg seien.
Aber so einfach ist das glücklicherweise nicht.
Nur der Zugang zu Gott ist eben nicht nur der der Vernunft, sondern auch der des Staunens mit dem Herzen, das noch einmal mit anderen Augen wahrnimmt.
Das wesentliche, so haben wir wir ja bei Saint-Exupery gelernt, ist dem Auge verborgen.
Liebe, Freundschaft, Glück, Erfüllung und Zufriedenheit im Leben kann ich nicht sehen, beweisen, aber mit dem Herzen erleben.
Die philosophischen Gottesweise haben etwas faszinierendes, weil sie von der Größe und vor allem Phantasie des menschlichen Geistes und von seiner inneren Bewegung erzählen, innere Zusammenhänge zu verstehen und zu entdecken, ob etwas und wenn ja was die Welt zusammenhält.
Dabei müssen die Einsichten nicht immer zeitlose Deutungen sein. Sie entwickeln sich, sie entwickeln sich weiter, so wie wir uns entwickeln.
Aber sie nehmen uns auf eine spannende Entdeckungsreise mit und führen uns zugleich immer wieder an Grenzen, an denen unser Fragen und Suchen dann dramatische Züge annimmt.
Es macht einen Unterschied, ob ich am Schreibtisch über das Gute und Böse im Allgemeinen oder Besonderen nachdenke, oder aber ob ich mit Eltern am Grabe ihres Kindes darum ringe, ob ich jetzt noch an die Güte und Barmherzigkeit eines Gottes glauben kann?
Es bleibt mir die Rede von der Liebe Gottes im Halse stecken, wenn gerade hunderte Unschuldige und Unbeteiligte von einer Flutwelle hinweggespült wurden, vor der sie sich nicht mehr in Sicherheit bringen konnten, oder wenn ich gefragt werde, warum der Allmächtige denen mit Allmachtsphantasieen nicht endlich in die Parade fährt und dem sinnlosen Morden auf Erden ein Ende bereitet.
Demütiges Schweigen ist da oft angebrachter als vollmundiges Reden, das doch nur die eigentlichen Fragen und Zweifel mundtot machen soll.
„Meine Gedanken sind nicht eure Gedanken, und eure Wege sind nicht meine Wege…“
Ich kann dieses Gotteswort aus dem Mund des Propheten doppeldeutig hören.
Wie „was maßt du dir an, Mensch?“ kann es klingen…
Aber dann würde Gott uns ja mundtot machen und zugleich eine ernstzunehmende Antwort schuldig bleiben, denn ich will und ich muss seine Gedanken und Wege verstehen, wenn ich meinen Weg und mein Leben nachvollziehen und annehmen will.
Ich will zumindest begreifen und hoffen können, dass es ein gutes Ende mit mir und meinem Weg nehmen soll. Aber dazu brauche ich Hinweise und Fingerzeige…
Es kann aber auch einfach heißen: bei allem Suchen und Fragen, bei allem zeitweiligen Verstehen, bei allem gelingenden und misslingenden Leben, bei allem Glück und Unglück, bei allen Hoffnungen und Enttäuschungen, bleibt Gott Gott und damit für uns Menschen nur soweit verfügbar, wie er sich gezeigt hat und immer wieder zeigt.
Mit Luther ringen wir mit dem unbekannten, dem verborgenen, dem uns fremd bleibenden Gott, der der ganz andere ist, weil er sonst nicht Gott wäre und berufen uns doch zugleich auf den, der uns einen tiefen Blick in sein Herz erlaubt hat und dessen Stimme ja auch zu hören ist.
Jesus Christus ist die Verheißung und das Versprechen Gottes, uns auf unserem wechselvollen Weg ins Leben, bei unserem „wer, wie, was, wieso, weshalb, warum“ nicht allein zu lassen. Er ist sich selbst gewissermaßen ein trotziges: „dennoch bleibe ich stets an dir!“
Nur seine Stimme ist kein lautes Getöse, kein Gebrüll und Geschrei, was eigentlich auch mehr von Schwäche als von Stärke erzählen würde, sondern sie ist leise wie das Fallen des Schnees oder der sanften Regentropfen.
Aber es bleibt gerade deshalb: Wir können ihn und seine Stimme hören ! Wir können ihm begegnen!
Die Bibel ist nicht Gottes Wort, weil sie fertig vom Himmel gefallen und ewig wahr ist, sondern weil sie Gottes Spuren, seine Stimme und seine Gegenwart in unserem Leben wahrnehmbar werden lässt. Mit ihr, mit ihren Geschichten, mit ihren Erfahrungen, mit ihren Botschaften können wir Gott entdecken, sein Herz ergründen, unser Leben und unsere Welt begreifen und verändern. Das ist das „wer, wie, was, wieso, weshalb, warum“ des Glaubens! Wunderbar und Staunenswert. Gott sei Dank! Amen

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