Der Ferne und der Nahe

Es ist mittlerweile schon ein paar Jahre her, dass ich studiert habe, aber so ganz lange dann auch noch nicht, jedenfalls gibt’s es so manche Begebenheit, die mir gut im Gedächtnis geblieben ist.
Damals bin ich mit einer gewissen Regelmäßigkeit „nach Hause“ gefahren. „Nach Hause“ – das hieß damals zu meinen Eltern nach Wunstorf bei Hannover, wo ich aufgewachsen bin. Dort wohnten nicht nur meine Eltern, sondern auch noch eine ganze Reihe von Schulfreunden. Und wenn ich dann übers Wochenende in Wunstorf war, trafen wir uns dort oft freitags abends in einer Kneipe. Da kamen dann auch immer mal wieder Leute an unseren Tisch, die ich eher nur flüchtig kannte. Aber auch mit denen habe ich mich nett unterhalten. Und irgendwann kam dann auch immer die Frage: „Was machst du eigentlich jetzt?“ – „Ich studiere Theologie“, habe ich dann gesagt, „ich will mal Pastor werden.“

Ungläubige Blicke folgten – und „ungläubig“ ist in diesem Fall oft durchaus im doppelten Sinne zu verstehen. Denn die zweite Frage folgte fast immer auf dem Fuße: „Glaubst du denn dann auch so richtig an Gott?“ Manchmal habe ich es mir einfach gemacht und habe einfach „ja“ gesagt. Manchmal habe ich auch mit einer Gegenfrage geantwortet, z.B. „Ja, und du?“ Oder: „Was meinst du denn mit ,Gottʻ?
Nicht selten verkündete mein Gegenüber dann, dass es nicht an Gott glaube und dass alles für Humbug halte. Er könnte sich höchstens vorstellen, dass es da irgendwo ein höheres Wesen gäbe, das irgendwie die Geschicke der Menschen lenke oder jedenfalls ab und zu mal eingreife und irgendwie für den Urknall verantwortlich wäre. „Und warum“, habe ich dann gesagt, „nennst du dein höheres Wesen, dann nicht so, wie das viele andere Menschen seit Jahrtausenden auch schon getan haben? Nämlich ,Gottʻ?“ Dann war meistens Ruhe und das Thema wurde gewechselt.

Ich war schon immer und bin bis heute immer wieder erstaunt, dass der Gedanke an Gott zu glauben für nicht wenige Menschen völlig widersinnig zu sein scheint, wider alle Vernunft. Aber wenn man mal nachhakt, glauben sie eigentlich doch.
Denn das, was mir damals beschrieben wurde, ist letztendlich eine einfache Beschreiben von Gott, dem Vater, dem Schöpfer des Himmels und der Erde – eben so wie es ein moderner Mensch, der sich nicht sonderlich intensiv mit Glaubensfragen beschäftigt beschreiben würde: ein höheres oder eben höchstes Wesen, das wir mit unserem Verstand schwer fassen können.

Und so präsentiert sich Gott schließlich nicht selten. Das sind durchaus Erfahrungen, die ich mit Gott mache. Manchmal erscheint mir Gott unsagbar fern. Manchmal frage ich mich, warum manche Dinge in meinem Leben und auf dieser Welt so laufen, wie sie laufen. Auch die große Frage des Glaubens und der Theologie, die Frage, warum ein allmächtiger und allgütiger Gott das Leiden in der Welt zulässt, fällt in diesen Zusammenhang.

Gott zeigt sich uns oft als geheimnisvolles „höchstes Wesen“,…
…das die Welt und das Universum geschaffen hat.
…das alles wunderbar geordnet hat, aber doch für alle Wissenschaftler dieser Welt in all ihrer Weisheit bis heute nur ansatzweise durchschaubar.
…das sich manchmal gütig und liebevoll zeigt, aber manchmal eben auch ganz fern.

Aber meine Gedanken sind nicht eure Gedanken, und eure Wege sind nicht meine Wege, spricht der Herr, sondern so viel der Himmel höher ist als die Erde, so sind auch meine Wege höher als eure Wege und meine Gedanken als eure Gedanken. (Jes 55, 8-9)

Das gehört zum Wesen Gottes, dass wir ihn nicht verstehen. Es gibt ihn – den geheimnisvollen Gott, den fernen, unverständlichen Gott. Meine Wege sind höher als eure Wege. Das ist so und ist gut so.

Auch wenn es mir manchmal vielleicht etwas Unbehagen bereitet es mit so einem geheimnisvollen und unverständlichen Gott zu tun zu haben, so hat es andererseits auch sein Gutes. Es hat sogar etwas tröstliches:
Denn wir kennen das aus eigener Erfahrung: Je höher ich auf etwas klettere, umso besser und weiter kann ich sehen. Gottes Gedanken und Wege sind weit höher als unsere. Gott hat den Überblick über alles. Gott sieht weiter – weit über unseren Horizont hinaus. Es sieht die Welt in ihrem großen Zusammenhang. Er überblickt Raum und Zeit, überblickt Leben und Tod. Ich kann mich also eigentlich darauf verlassen, dass Gott weiß, was er tut.

Und Gott tut eine Menge.

Recht einfach ist es wenn mir angucke, was Gott als Schöpfer so alles tut. Ich hatte es schon gesagt: Er hat die Welt wunderbar geordnet und wir Menschen werden noch sehr lange damit beschäftigt sein, das alles zu verstehen. Obwohl: Wirklich verstehen werden wir die großen und kleinen Zusammenhänge wohl nie.
Aber da ist noch mehr: Gott mischt sich in unser Leben ein. Ich denke, ganz oft merken wir das gar nicht. Aber manchmal passieren im Leben eben die kleinen Wunder. Ich meine wirklich die ganz kleinen:
→ Da kommt jemand genau zur richtigen Zeit, wenn ich ihn brauche, dass er mir helfen kann.
→ Da sagt einer genau das, was ich gerade hören wollte (selbst wenn ich noch gar nicht wusste, dass ich wollte). Sagt das, was mir gut tun und mir den richtigen Weg weist.
Ich denke, Ihnen und Euch fallen auch solche Gelegenheiten ein. Zufall? Vielleicht. Vielleicht aber eben auch ein Zeichen für Gottes Einmischung.

Wer einen guten Glauben hat, kennt auch noch eine andere Art, wie Gott sich in unser Leben einmischt: Gottes Wort. Gottes Wort ist sein mächtigstes Werkzeug. Durch sein Wort kann Gott Leben schaffen.
Gottes Wort begegnet uns in der Bibel, aber nicht selten spricht er auch in unseren Herzen. Man muss nur genau zuhören und sich darauf einlassen. Aber Vorsicht: Gott kann einem ganz schön das Leben durcheinander bringen.

Wenn Gott zu uns spricht, dann können wir das als Glauben tief in unseren Herzen und Seelen spüren. Das ist ein Gefühl der Sicherheit und der Geborgenheit, ein Gefühl der Liebe und Wärme. Aber nicht nur. Es hinterlässt immer auch eine Sehnsucht.
Lothar Zenetti hat es einmal auf den Punkt gebracht:
„Du hast vollkommen recht: Der Glaube macht nicht satt, im Gegenteil: Er verhindert, dass du satt wirst, er macht hungrig, Hunger weckt und Durst nach Gerechtigkeit.“ (Lothar Zenetti)

Gott Wort schafft Liebe und Glauben, aber dieser Glaube treibt uns an. Und er hat schon viele Menschen zu vielen guten Taten getrieben.

Also seien wir behutsam und aufmerksam und hören auf die Stimme Gottes, die zu uns spricht – aus den alten Texten und tief in unserem Herzen. Und wir werden für uns selbst und andere vieles gute tun.
"Denn mein Wort wird nicht wieder leer zu mir zurückkommen, sondern wird tun, was mir gefällt, und ihm wird gelingen, wozu ich es sende. Denn ihr sollt in Freuden ausziehen und im Frieden geleitet werden (Jes 55, 11)", spricht Gott.

Ich versetze mich jetzt noch mal gedanklich in meine Wunstorfer Kneipe und denke an meine Gespräche dort. „Du glaubst nicht an Gott?“, sage ich dann zu meinem Gegenüber, „du hältst das alles für Humbug? Dir ist ein unpersönliches höheres Wesen lieber? Aber du irrst dich, denn in Wirklichkeit glaubst du an Gott. Denn dein höheres Wesen ist Gott. Aber du kennst Gott noch nicht richtig.“

Meine Wege sind höher als eure Wege und meine Gedanken als eure Gedanken – sagt Gott. Denn Gott hat den Überblick. Sein Blick geht weiter, sein Blick geht über unseren Horizont weit hinaus. Und dennoch blickt er auch „hinunter“ zu uns und spricht zu uns.
Wir kennen es aus unserem Leben: Je höher wir auf etwas klettern, umso weiter können wir sehen. Aber umso schlechter können wir auch erkennen, was unten passiert. Wer einmal vom Fernsehturm in Berlin hinunter gesehen hat oder von einem anderen hohen Gebäude, der weiß, dass die Menschen wie Ameisen aussehen.
Wer sich in die Höhe begibt, hat mehr Überblick und mehr Weitblick, der erhebt sich über die kleinen Dinge des Alltags. Und es ist gut das gedanklich und auch ganz wirklich hin und wieder zu tun.
Wer sich in die Höhe begibt, sieht aber auch das Kleine nicht mehr.

Und auch wenn Gott sicherlich nicht wirklich Angst hat, ich sage es jetzt mal trotzdem so: Vielleicht hatte Gott ein bisschen Angst, dass er bei all dem Über- und Weitblick, den Kontakt zu den kleinen Dingen im kleinen Alltag der kleinen Menschen verliert. Und um das zu verhindern, hat der die Höhe verlassen und hat sich zu uns herunter begeben: Als Mensch ist er auf der Erde gewesen – Jesus Christus.

Und seit Jesus Christus bei uns Menschen war, ist eins klar: Gott lässt sich wirklich finden. Er ist an uns und unserem Leben interessiert und möchte es zum Besseren wenden.

Gott mag uns manchmal fern sein und geheimnisvoll und unverständlich sein. Das ist so und es ist gut so, denn Gott spielt nunmal – salopp gesagt – in einer ganz anderen Liga. Aber Gott spricht zu uns und er hat in Jesus Christus zu uns gesprochen und hat uns zeigt, dass er uns nahe ist.

Darum sehe ich in ihm nicht nur irgendein ein höheres Wesen, sondern einen geheimnisvollen aber guten libevollen Gott, der sich mir zeigt, der mir meinen Weg zeigen möchte, der mich begleiten möchte, der mein Leben immer wieder verändert – ob ich es will oder nicht. Ich will diesen Gott immer in meinem Herzen wissen.
Lasst uns alle gemeinsam im Glauben bleiben und diesen Gott suchen und finden.

Suchet den Herrn, solange er zu finden ist; ruft ihn an, solange er nahe ist. Denn ihr sollt in Freuden ausziehen und im Frieden geleitet werden.
(Jes 55, 6+12a)

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle menschliche Vernunft bewahre eure Herzen und Sinne in Jesus Christus. Amen.

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