Hoffnung trotz allem (1.Kor 15,3-10)

1.Kor 15,3-10
[3] Denn als Erstes habe ich euch weitergegeben, was ich auch empfangen habe: Dass Christus gestorben ist für unsre Sünden nach der Schrift; [4] und dass er begraben worden ist; und dass er auferstanden ist am dritten Tage nach der Schrift; [5] und dass er gesehen worden ist von Kephas, danach von den Zwölfen. [6] Danach ist er gesehen worden von mehr als fünfhundert Brüdern auf einmal, von denen die meisten noch heute leben, einige aber sind entschlafen. [7] Danach ist er gesehen worden von Jakobus, danach von allen Aposteln. [8] Zuletzt von allen ist er auch von mir als einer unzeitigen Geburt gesehen worden. [9] Denn ich bin der geringste unter den Aposteln, der ich nicht wert bin, dass ich ein Apostel heiße, weil ich die Gemeinde Gottes verfolgt habe. [10] Aber durch Gottes Gnade bin ich, was ich bin. Und seine Gnade an mir ist nicht vergeblich gewesen, sondern ich habe viel mehr gearbeitet als sie alle; nicht aber ich, sondern Gottes Gnade, die mit mir ist.

[87jähriger Russlanddeutscher]

Liebe Angehörige, liebe Trauergemeinde.

Wir trauern um N.N. Am X.X.1913 wurde er in XX geboren, am vergangenen Dienstag ist er in XX gestorben. Zwischen diesen beiden Daten liegen 87 Jahre, in denen N.N. viel erlebte. Geboren unter der Herrschaft des Zaren, erlebte der 5-Jährige die Oktoberrevolution. Die Kindheit war bestimmt nicht leicht, die Christen wurden verfolgt, die deutsche Sprache verboten. Vieles ist verloren gegangen in den 70 Jahren der Diktatur. Bei N.N. allerdings hat sich das Deutschsprechen das ganze Leben hindurch gehalten. Vor dem 2. Weltkrieg heiratete N.N., aber leider zerbrach die Ehe in den Kriegsjahren. Auch die Mutter verlor N.N. im Krieg: Sie verhungerte. 11 Jahre wurde N.N. in der Kohlengrube als Mitglied der Arbeitsarmee eingesetzt. Als Folgen davon verfolgten ihn chronische Probleme mit Knien und Lunge sein Leben lang. Viel Schlimmes für einen jungen Menschen, für mich unvorstellbar. Man könnte meinen, nach diesen gut 30 Lebenjahren voller Leid, Entbehrung und Enttäuschung lohnt es sich nicht mehr, weiter zu machen.

Wir Christen glauben aber daran, dass sich die Hoffnung lohnt, auch wenn alles ganz düster aussieht. Paulus hat im Korintherbrief, aus dem ich vorhin vorgelesen habe, den Grund für unsere Hoffnung genannt: Christus ist für unsere Sünden gestorben, wie es in der Heiligen Schrift steht, und wurde begraben. Er ist am dritten Tag vom Tod auferweckt worden, wie es in der Heiligen Schrift steht, und hat sich Petrus gezeigt, danach dem ganzen Kreis der Zwölf. Unser Herr Jesus hat damals auch viel mitgemacht. Er hat viel gelitten und ist schließlich am Kreuz gestorben. Aussichtslos, Ende, könnte man meinen. die mit ihm zusammen waren, die haben das auch gedacht, Petrus und die anderen 12 Jünger. Aber Gott hat ihnen gezeigt: Selbst der Tod kann meine Liebe zu euch Menschen nicht aufhalten. Gottes Liebe hat den Tod besiegt. Jesus lebt, und wir werden auch leben. Egal in was für einer hoffnungslosen Lage wir sind, Gott wird uns helfen. Wir dürfen uns darauf verlassen und wir dürfen Gott darauf festlegen. Vorhin, beim gemeinsamen Psalm 71 haben wir gesagt: Herr, auf dich traue ich, lass mich nimmermehr zuschanden werden. Das heißt auf deutsch: Gott, ich verlasse mich auf dich, also hilf mir auch, verlass mich nicht! Wir dürfen Gott so bitten, ja auffordern, weil er es uns versprochen hat. Auch jetzt am Grab von N.N., auch angesichts des Todes, der alle Pläne und Hoffnungen zunichte gemacht hat. Die Hoffnung bleibt, weil Gott bleibt. Die Hoffnung lebt weiter, weil Jesus weiter lebt. Genauso wie N.N. weiterlebt, in Gottes himmlischen Reich. Es ist vielleicht schwer zu glauben, aber es ist wahr.

Dass so eine Hoffnung, so ein Glaube berechtigt ist, schreibt nicht nur die Bibel. Auch das Leben zeigt immer wieder, dass auch in aussichtslosen Situationen Gottes Liebe die Sonne wieder aufgehen lässt. Erinnern Sie sich an N.N. nach dem Krieg: Mutter tot, Frau weg, Gesundheit angeschlagen. Noch keine 40 Jahre alt und schon ein alter Mann, der ein Leben hinter sich hat. Wie mag sich N.N. damals gefühlt haben? Ich weiß es nicht, ich wäre an seiner Stelle bestimmt am Ende. Einige von Ihnen haben ihn damals gekannt. Sie wissen vielleicht, woher er die Kraft genommen hat, noch einmal anzufangen. Woher auch immer er die Kraft hatte, er hat es jedenfalls geschafft: Am 5. Dezember 1950 heiratete N.N. FN, die ihm die Treue hielt, bis der Tod sie schied. Goldene Hochzeit hätten sie dieses Jahr feiern können, liebe Frau FN. Leider ist das nicht mehr möglich. Aber Sie hatten 50 gemeinsame Jahre mit Ihrem sehr guten Mann, Vater und Großvater. Stets war er freundlich und hilfsbereit, trotz allem, was er durchgemacht hatte, lachte er viel. In Gesellschaft war immer er es, der ein Gesprächsthema fand und die Unterhaltung führte. Wieviel Liebe hat er seiner Frau, seinem Sohn und seinen beiden Enkeln NW und NM schenken können. Erstaunlich, wieviel Freude und Liebe ein Mensch haben und geben kann. Dieser Schatz an Liebe, den Gott in unsere Herzen eingepflanzt hat, ist bei manchen Menschen scheinbar unerschöpflich. N.N. war offensichtlich so ein Mensch. Und was ich dabei noch bemerkenswert finde, ist das: N.N. brauchte kein Laster zum Ausgleich, Rauchen oder Alkohol waren für ihn tabu. „Braucht man nicht.“ Sogar Tabletten hat er nicht genommen, trotz seiner gesundheitlichen Probleme. Alle Achtung! Ich will aber nicht Herrn Janzen in den Himmel heben, das macht schon Gott, der hebt ihn in den Himmel zu sich. Er, unser Gott, ist es auch, dem wir zu verdanken haben, dass mit N.N. so ein liebevoller auf Erden gewirkt hat. Paulus beschreibt das so: Aber durch Gottes Gnade bin ich es dennoch geworden, und sein mächtiges Eingreifen ist nicht vergeblich gewesen. Ich habe viel mehr gearbeitet als sie alle. Doch nicht mir habe ich es zuzuschreiben – die Gnade Gottes hat durch mich gewirkt. Gottes Gnade, Gottes Liebe ist es, die das Gute in uns Menschen bewirkt.

Paulus sagt: Ich habe viel mehr gearbeitet als sie alle. Das hätte N.N. von sich sicher auch sagen können. Immer war er aktiv. Bis zu seinem 78. Lebensjahr hat er geschafft. Immer war er einer derer, die für besondere Leistungen ausgezeichnet wurden. Daheim war er dann als Hausmeister unterwegs. Auch als Rentner wollte N.N. nicht seinen Ruhestand auskosten, sondern hat im Garten gearbeitet und seiner Frau im Haushalt geholfen. Und zwar nicht nur den Müll runtergebracht! Nein, N.N. hat auf viele Arten seine Frau unterstützt, mir fällt z.B. ein, dass er gebügelt hat. N.N. hat sich, so weit ich weiß, nicht damit gebrüstet, dass er so fleißig ist. Er hat einfach gesagt: „Was soll ich sonst?“ Paulus formuliert das ähnlich aus seinem Glauben heraus: Ich habe viel mehr gearbeitet als sie alle. Doch nicht mir habe ich es zuzuschreiben – die Gnade Gottes hat durch mich gewirkt. In diesem Sinn sind wir heute hier im Gottesdienst versammelt. Wir danken Gott, dass er uns durch N.N. soviel Liebe und Freude geschenkt hat. Und wir hoffen darauf, dass er stärkt und hilft, wenn Sie, liebe Familie N.N. und alle Freunde und Verwandten jetzt ohne ihn weiterleben müssen. Das Haus, das sie für ihn mit-gebaut haben, kann er jetzt nicht mehr beziehen, aber glauben Sie mir, Ihr Mann, Vater, Schwiegervater und Opa hat eine neue Heimat gefunden. Möge seine Liebe, möge Gottes Liebe weiterleben und die Schatten des Todes vertreiben.

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