Gott hilft (Hebr 13,9)

Hebr 13,9
[9] Lasst euch nicht durch mancherlei und fremde Lehren umtreiben, denn es ist ein köstlich Ding, dass das Herz fest werde, welches geschieht durch Gnade, nicht durch Speisegebote, von denen keinen Nutzen haben, die damit umgehen.

[k.A.]

Lieber N.N., werte Trauergemeinde!

Die Zeit, die unmittelbar hinter Ihnen liegt, hat Ihnen einiges abverlangt. Denn Sie mussten mit ansehen, wie es gesundheitlich um N.N. stand und wie ihr Gesundheitszustand immer kritischer wurde. Und das ist nun etwas, was ich von Herzen mit Ihnen nachempfinden kann: Es ist so schwer, mit ansehen zu müssen, wie ein Mensch, den man von Herzen liebt, allmählich aufhört zu leben. Es tut weh, tief in der Seele weh, mit zu erleben, wie ein Mensch, den man so sehr geliebt hat, einem buchstäblich entgleitet. Gerade in solchen Augenblicken bekommt man zu spüren, was es heißt, ohnmächtig zu sein. Man kann dann gar nicht mehr viel denken und ist doch gleichzeitig zutiefst beseelt von dem Wunsch, helfen zu wollen. All das, was ich gerade gesagt habe, weiß ich aus eigener Erfahrung und deswegen ist es nicht anmaßend, wenn ich sage: Ich weiß ganz gut, wie Ihnen zumute ist.

Es ist schwer, einen Menschen loszulassen und doch wurde und wird es einem jeden von uns zugemutet. Und wer so etwas erlebt, der bekommt mit einem Male zuspüren, wie schmerzhaft solch eine Schnittstelle empfunden wird. Wir alle wissen es und sagen es manchmal ganz lapidar daher: „Jeder Mensch muss sterben“ , aber wenn es denn soweit ist, dann wird uns erst die Tiefe und die Ernsthaftigkeit solchen Redens deutlich.

Dass Sie N.N. heute loslassen müssen, ist bitter und doch ist es „nur“ die eine Seite. Die andere Seite ist verbunden mit dem einem Satz, den man sicherlich aufatmend aussprechen darf: N.N. ist erlöst von dieser bösen, von dieser dunklen Krankheit. Sie ist befreit von Schmerzen, sie ist befreit von dem, was da an zerstörerischer Macht am Werke war. Das ist die andere Seite, liebe Angehörigen, das hier etwas sehr Schlimmes ein Ende gefunden hat und wenn wir in dem Zusammenhang von Erlösung sprechen, dann dürfen wir dabei nicht vergessen, dass Gott selber hier ein Einsehen gehabt haben mag. Es ist schwer einzusehen, dass es Gottes Wille war, aber wessen Wille sonst? Ist es nicht der allmächtige Gott, der gibt und nimmt, der zumutet und der auch gleichermaßen trägt und weiterhilft? Ist es nicht der allmächtige Gott, der auch dieses Leben von N.N. in seinen gnädigen Händen hielt?

Aber fangen wir mit dem Anfang an. Lassen Sie uns dieses Leben in angemessener Kürze würdigen. N.N. hätte es so gewollt, nicht übermäßig ausschmücken und nicht zu viel des Lobes. Und so war es ja auch Ihr Wunsch, im Trauergespräch.

N.N. wurde am XX auf dem Finkenberg in Eschede geboren, im drauffolgenden Monat empfing sie das Sakrament der Taufe und wurde am XX ebenfalls in Eschede konfirmiert. Das, liebe Angehörigen erwähne ich deswegen, weil an diesen wenigen Daten deutlich wird, dass dieses Leben, welches am XX zu Ende ging, von Anfang an unter der Obhut Gottes verlief. Denn wir haben nichts anderes als die Taufe, auf die wir uns berufen können. Und wenn es im Leben einigermaßen christlich zu geht, dann hat die Taufe ihren Sinn darin, dass einer weiß: ich gehöre zu Gott und Gott gehört zu mir, und wir sind aufs Engste miteinander verbunden und uns, Gott und mich, wird nichts und niemand auseinander dividieren können, nichts und niemand, auch der Tod nicht. Die Taufe, die N.N. damals empfing war denn auch das Fundament in diesem Leben. Es war der Anfang einer Segensgeschichte Gottes mit ihr.

N.N. wuchs als älteste von fünf Geschwistern auf dem elterlichen Hof in der Bauernsiedlung auf. Nach der Schulzeit wurde sie zur Hauswirtschafterin ausgebildet und kehrte nach der Zeit auf einem Lehrhof im Nienburgischen zurück.

1956 haben Sie geheiratet und Ihnen wurden zwei Söhne und eine Tochter geboren. Auch das sicherlich ein Geschenk, auch das wiederum ein Anhaltspunkt für den Segen Gottes, der mit Ihnen war, denn es ist ja bei weitem nicht selbstverständlich, dass Kinder wohlgeraten und ihren Weg finden. Nach der Heirat kam N.N. in das Geschäft und Sie haben mir im Trauergespräch gesagt: „Sie war die Seele im Geschäft“. Ich denke, diese Aussage werden alle die, die täglich mit ihr zu tun hatten, ob als langjährige Mitarbeiter oder als Kunden, unterstreichen und bestätigen können. Sie war eben immer für alle anderen da, sie war immer ansprechbar, egal, worum es ging und – so stelle ich es mir vor: Sie hat sicherlich eigene Interessen hinten an gestellt.

Diese Aussagen bringen, bei Ihnen allen sicherlich etwas in Gang, sicherlich fallen Ihnen die verschiedenen Augenblicke ein, in denen sie mit ihr zu tun hatten. Und sicherlich finden sie das wieder, was ich versucht habe, zu umreißen.

Das letzte viertel Jahr war nun gekennzeichnet durch zunehmende Schwäche und dadurch, dass sie unheilbar krank war.

Was das im einzelnen heißt, kann ich nur aus der Ferne ahnen, aber wir können schon sicher sein, dass Sie in dem Augenblick, in dem sie friedlich eingeschlafen ist, nicht alleine war. Denn Gott lässt uns nicht alleine in so einem Moment. Wir sind – ob jung oder alt, ob gesund oder krank – ihm wichtig, wir sind seine Geschöpfe und er hat eben auch unser Leben lang Verantwortung für uns. Und deswegen meine ich nun, dass auch N.N. nicht alleine war, denn Gott hat Engel, unsichtbare und sichtbare Wesen, die er schickt, damit der Abschied aus dieser Welt gut wird.

Liebe Trauergemeinde, wenn wir den Sarg hier stehen sehen, dann kann uns schon deutlich werden, dass menschliches Leben vergänglich ist, so wie alles Leben und wir spüren auch, dass mit einem Male nichts mehr so ist, wie es war.

Und es mag sein, dass gerade in den letzten Tagen und Stunden Bilder aus der gemeinsamen Vergangenheit in Ihrem Bewusstsein vorüberziehen. Tage und Stunden, in denen Sie es gut miteinander hatten, in denen Sie miteinander gelacht und sich gefreut haben. Da gab es aber sicherlich auch die Zeiträume, in denen es stiller war und in denen Sachverhalte zu klären waren. All das gehört zum Leben dazu und solche Bilder und Impressionen können hilfreich sein, den Menschen, den man geliebt hat, loszulassen. Dieser Sarg macht uns deutlich: Von nun an fehlt ein Mensch in Ihrer Familie und die Lücke, die N.N. hinterlässt, wird nicht mehr geschlossen.

Und ein weiteres gibt mir dieser Sarg und der Umstand dieser Trauerfeier zu bedenken. Es geht nicht nur um das Sterben und den Tod unserer Verstorbenen, sondern es geht auch um unser Leben und Sterben und es geht unweigerlich auch um die Frage, was kommt danach.

Wir wollen in dieser Stunde ruhig einmal fragen: Ja, was wird denn aus N.N. und was wird aus uns, wenn wir eines Tages für immer diese Welt verlassen müssen?

Lassen Sie uns einmal auf Fährtensuche gehen und wir wollen dazu ein Wort aus dem Hebräerbrief 13,9 bedenken. Dieser Vers war gleichzeitig der Konfirmationsspruch Ihrer Frau und Eurer Mutter:

[TEXT]

Was ist nun gemeint mit diesem Wort, wie sollen wir diese wenigen Aussagen aus dem Hebräerbrief auf uns anwenden?

Erst einmal können wir feststellen, dass es in dem Brief an die Hebräer um die Frage ging, welche Speisevorschriften für die Christen damals verbindlich sein sollten und welche der zahlreichen Vorschriften getrost vernachlässigt werden könnten. Das finde ich einigermaßen langweilig und ich verstehe die Richtung anders, die der Brief vorgibt: Es geht um die Frage, die Franz Kafka in seinem Werk „Das Urteil“ treffend stellt: Wer steht höher: Das Gesetz oder der Mensch? Keine Frage, Gesetze und Vorschriften sollen dem Menschen dienen, sich im Schutz von Regeln zu entfalten. Der Mensch ist wichtiger und zwar nicht der Mensch an sich, sondern der Mensch, der an Gott glaubt. So einfach und gleichzeitig so kompliziert ist das.

Also: Noch einmal gefragt. Was hat es mit unserem Wort auf sich: denn es ist ein köstlich Ding, dass das Herz fest werde, welches geschieht durch Gnade?

Wir können zwar eine Ahnung davon haben, was gemeint ist, N.N. aber hat es einfach gelebt, was es heißt ein gefestigtes Herz zu haben. Denn diese Wendung „dass das Herz fest werde, hat nichts mit einem sturen Herz zu tun, sondern es hat damit zu tun, dass jemand ein gefestigtes Herz hat, aus dem Liebe und Freundlichkeit hervorgeht und jemand, der ein gefestigtes Herz hat, kann sich mit Güte anderen Menschen zuwenden, so wie es N.N. in ihrem Leben getan hat. Von daher kann man sagen, dass gerade dieses Wort an ihr verwirklicht wurde und ich bin mir sicher, dass sie es als Geschenk angesehen hat und sich dies auch immer wieder bewusst gemacht hat. Man konnte es ihr eben abspüren, dass sie es gut gemeint hat mit allen Menschen, mit denen sie zu tun hatte.

Liebe Trauergemeinde, denn es ist ein köstlich Ding, dass das Herz fest werde, welches geschieht durch Gnade. Dieses Wort kann mitgehen in die Tage, die vor uns liegen. Dieses Wort kann gerade auch in Ihre Situation der Trauer hineingesprochen werden. Denn dieses Wort steht nun nicht zufällig in der Heiligen Schrift, sondern die Wahrheit dieses Wortes ist verbürgt durch die Person des Jesus von Nazareth. Jesus hat von der grenzenüberschreitenden Gnade und Güte Gottes gesprochen, sie zu den Menschen gebracht und sie gelebt. Das Wort der Gnade im Hebräerbrief meint sehr konkret: Gott wendet sich in Jesus Christus uns zu und fragt nicht, ob wir das überhaupt verdient haben. Sondern er lässt es einfach zu, dass wir seine Liebe empfangen. Es ist Gottes Angebot, Ihnen zu helfen und beizustehen, besonders wenn Ängste übermächtig werden, wenn Sie verzagen wollen und die rettende Hilfe brauchen. Dies gilt für den einzelnen Menschen ebenso wie für die Gemeinschaft, in der wir uns befinden.

Gott hat Ernst gemacht in der Person dieses Jesus von Nazareth, denn er hat es ihm die Verspottung und das Leiden nicht erspart, so wie er auch uns einiges Schweres zugemutet hat und zumuten wird. Und Gott hat seinen Sohn Jesus Christus einen grausamen Tod nicht erspart. Und hat ihn in die tiefsten Tiefen der Verzweiflung sinken lassen, in die tiefste Finsternis, eben in das Reich des Todes, wie wir es ja im Glaubensbekenntnis sagen. Das musste so sein, das war Gottes Wille. Aber er hat ihn nicht im Tod gelassen, sondern hat sich in der Auferstehung am dritten Tage zu ihm und zu uns allen bekannt. Gott will nicht den Tod, nicht unseren Tod, sondern will, dass wir leben und will, dass unser Herz gefestigt werde im Glauben. Und er will, dass dieses Leben, dass mit einem gefestigten Herz zu tun hat, schon jetzt beginnt. Denn seien wir ehrlich: Wir haben keine Zeit zu verlieren. Es steht viel auf dem Spiel, denn es geht darum, ob wir das Geschenk des Glaubens annehmen, ob wir also wieder die Verbindung zu Gott suchen und in Frömmigkeit, in echter und wahrhaftiger Frömmigkeit uns einüben. Wenn wir das tun, dann sind wir nicht alleine, auch nicht dann, wenn es um uns herum finster wird und wir uns sonst alleine gelassen fühlen müssen. Dieser Verbindung zu Gott steht nichts im Wege und bei diesem Verhältnis zu ihm geht es erst einmal nur um Gott und Dich!

Liebe Angehörigen, wir lassen N.N. los. Ihre Zeit in dieser Welt ist um und das Beste ist dieses: Sie wird von Gott erwartet und wird eine neue und ganz andere Zeit erleben, nämlich die Ewigkeit. Gott selber wird ihr die Tränen abwischen und an dem Ort, an dem sie sein wird, gibt es keine Krankheiten, keine Fragen oder Sorgen. N.N. wird Gott in seiner Herrlichkeit schauen. Und das ist gut so, sehr gut sogar.

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