Gekämpft – vollendet – gehalten (2.Tim 4,7)

2.Tim 4,7
[7] Ich habe den guten Kampf gekämpft, ich habe den Lauf vollendet, ich habe Glauben gehalten.

[84jährige Frau nach Schlaganfall]

Und nun, liebe Trauergemeinde, wollen wir in all dem, was uns bewegt, auf das Wort der Bibel hören, das Sie, lieber Herr N., gleichsam als Vermächtnis über die Traueranzeige Ihrer Mutter gesetzt haben. Es sind Worte des Apostels Paulus‘, der 7. Vers aus dem 4. Kapitel des 2. Timotheusbriefes:

[TEXT]

Ich glaube, jeder von uns spürt, wie durch das „Ich“ des Apostels hindurch persönliche Existenz erfahrbar wird, wie diese Worte durchscheinend werden, existentiell ausgelegt und ausgelebt sind, und das Vermächtnis eines Lebens widerspiegeln. Dieses Vermächtnis ist von tiefen Erfahrungen geprägt; es ist ein Spiegel des persönlich Erlebten, voller Trost und voller Gewissheit, voller Hoffnung und voller Zuversicht. Und genau das wollen sie uns heute schenken, uns Menschen, die das brauchen und die darauf angewiesen sind: Trost und Gewissheit, Hoffnung und Zuversicht.

Es sind Worte des Glaubens, die die Not des Lebenskampfes nicht überspielen. Es sind Worte, die nicht leicht oder gar leichtfertig vom Glauben reden und alles Spannungsvolle und da und dort auch Unverständliche, das es sowohl in unserem persönlichen Leben gibt wie auch im Leben von N. N. gab, einfach überspielen und zudecken. Es sind Worte, die ausgehalten worden sind in dunklen Zeiten, die sich durch Traurigkeit und Zweifel und Angst hindurch festgeklammert haben an dem, der gesagt hat: Ich bin bei euch und halte euch fest, auch und gerade in eurem Nichtverstehen, in eurer Last und Bedrängnis, in eurer Angst und Dunkelheit. Ich bin bei euch alle Tage.

Auf diesen Grund des Glaubens vertrauen die Worte des Apostels: Ich habe Glauben gehalten. Er blickt auf sein Leben zurück, auf den Kampf, den er gekämpft, auf den Lauf, den er vollendet, auf den Glauben, den er gehalten hat, ja, in dem er gehalten, festgehalten und getragen war. Es ist ein Bekenntnis zu Jesus Christus, dessen am Kreuz ausgebreitete Hände uns halten und umfassen und unser Leben und Sterben umschließen, in dessen österlichen Händen sich der Glaubende gehalten und geborgen wissen darf: Ich habe Glauben gehalten und bin im Glauben gehalten.

Glaube, liebe Trauergemeinde, ist ja keine menschliche Leistung, die von uns zu erbringen ist. Glaube ist das Vertrauen, dass sich da eine Hand nach mir ausgestreckt hat, die mich nicht einfach fallen lässt, wenn ich meine eigenen Wege gehe, wenn ich mich in Worten und Taten so verhalte, dass der andere, dass Gott selbst wohl Grund genug hätte, seine in Christus ausgestreckte Hand zurückzuziehen. Glaube ist der Mut, diese ausgestreckte Hand Gottes für sich da sein zu lassen, der Mut, ein Ja zu sagen zu Gottes Ja zu mir, selbst dann, wenn ich große Mühe habe, ein Ja zu mir selbst zu finden. Aber das ist die gute Nachricht auch in dieser Stunde, dass niemand nur auf sich selbst geworfen, niemand nur für sich selbst verantwortlich ist und niemand nur mit seinem eigenen Leben alleine zurechtkommen muss. Da ist einer, der mich festhält, nicht nur dann, wenn bei uns alles gut und problemlos ist, sondern gerade dann, wenn ich am Ende bin, wenn mir so viel Unverständnis begegnet, wenn ich nicht weiß, wohin mit ungelebten Lebensträumen und mit meinem Versagen und meiner Schuld.

Wir Menschen wissen, dass es viele Gründe gibt, sich von einem anderen Menschen zurückzuziehen. Wir wissen, dass man manches Mal gar nicht anders kann, als sich von einem anderen Menschen zu trennen und ihn sich selbst zu überlassen. Bei Gott ist es anders. So wie er N. N. die Treue gehalten hat, so will er auch uns die Treue halten. Und weil seine Liebe unserem Lieben-Können vorausgeht, weil sein Vertrauen unserem Vertrauen-Können zuvorkommt, weil sein Festhalten an uns erst das Festhalten an ihm möglich macht, deshalb darf und kann dieses Vermächtnis als Einladung verstanden werden: kämpfe den guten Kampf, bleib‘ auf der Spur, die Jesus Christus gelegt hat, bring‘ dein Leben in der Nachfolge dieser Spur zu einer guten Vollendung, halte den Glauben, vertraue!

Vertrauen kann man nicht befehlen. Vertrauen kann man sich auch nicht anquälen. Vertrauen entsteht erst durch die Erfahrung von Nähe. So wie durch die Erfahrung menschlicher Nähe Vertrauen zu Menschen entstehen kann, so allein durch die Erfahrung göttlicher Nähe Gottvertrauen. Und Gott praktiziert seine Nähe nun eben nicht so, dass er sich rücksichtslos breit macht in unserem Leben. Er lässt uns seine Nähe nicht dadurch spüren, dass er uns mit Appellen überschüttet, uns permanent unsere eigenen Unzulänglichkeiten unter die Nase reibt, an denen wir ja selbst vielleicht am meisten leiden, oder er gar uns das Rückgrat und unseren Willen bricht. Nein, Gott praktiziert seine Nähe zu uns Menschen so, dass er ganz behutsam auf uns eingeht, geduldig auf uns wartet, nicht in barschem Ton mit uns redet, sondern uns oftmals ganz leise, freundlich und werbend durch ganz verschiedene Ereignisse anspricht. Und Weihnachten will uns zeigen, wie Gott seine menschliche Nähe uns Menschen gegenüber praktiziert.

N. N. hat diese Nähe erfahren, diese Stimme gehört und sich ihr anvertraut. Und weil sie um diese heilsame Nähe wusste und sie selbst erfahren hat, war ihr wichtig, dass unsere Welt nicht noch kälter wird, dass wohltuende menschlichen Eigenschaften, auch die Solidarität und Treue über dem menschlichen Streben nach Erfolg nicht untergehen. Darum hat sie sich bemüht. Und gleichzeitig – ich glaube, liebe Trauergemeinde, dass ich das so sagen darf – und gleichzeitig wusste sie um ihre eigenen Unzulänglichkeiten und auch darum, wie sehr gerade ein Menschenkind, das sich diese heilsame Nähe Gottes gefallen lassen und aus dieser Nähe heraus leben will, auf die Liebe und Vergebung dieses Gottes angewiesen ist. Manches mal frage ich mich im Blick auf mein eigenes Leben genau so wie im Blick auf das Leben anderer, die sich Christen nennen: mein Gott, warum wird oftmals so wenig von der verändernden Kraft deines Wortes sichtbar und erlebbar? Aber gerade dann erweist sich Gottvertrauen als echt, wenn in all diesen Fragen an Gott festgehalten und versucht wird, mit ihm zu leben, aus seiner Treue, aus seiner Gnade, wenn sich unsere Hand nach seiner Hand ausstreckt und wir an der Gemeinschaft mit ihm festhalten.

Es ist mein Wunsch und Gebet, dass sich diese Lebenspartnerschaft mit Gott in vielfältiger Art und Weise in unserem Leben zeigt – eben auch dadurch, dass wir Trost und Gewissheit, Zuversicht und Hoffnung gewinnen und eine Gelassenheit, die es uns möglich macht, uns selbst nicht so wichtig und für das Maß aller Dinge zu halten. Nicht das erfüllt unser Leben, was wir haben, was wir leisten und was wir sind, sondern was Gott uns schenkt und was wir weitergeben. Wir, lieber Herr N., haben lange darüber gesprochen, was Sie durch Ihre Mutter empfangen haben, wie viel sie auch für Sie drangegeben und durchgekämpft hat. Jetzt darf sie schauen, was sie geglaubt hat. Und wie der Apostel darf sie und dürfen wir wissen, dass die „Krone der Gerechtigkeit“ für sie und uns bereit liegt, wie der Apostel weiter ausführt. Das ist weder selbstgerecht noch überheblich, sondern Ausdruck der Gewissheit, dass Gott es ist, der uns eine Gerechtigkeit widerfahren lässt, die sich nicht an unseren Taten orientiert, sie seien gut oder böse, sondern an seiner Liebe, die uns allen zum Leben verhelfen, unser Leben erfüllen und damit auch gestalten möchte. Gott in seiner Treue ist es, der uns davon befreit, uns an Dinge zu klammern, die doch nicht tragen und einen Menschen nur nach dem zu beurteilen, was wir von ihm wahrnehmen. Wer auf diese heilsame Nähe Gottes vertraut, der darf glauben und sprechen:

Ich habe den guten Kampf gekämpft, ich habe den Lauf vollendet, ich habe Glauben gehalten –

– und dann auch – trotz aller Zweifel – ganz zuversichtlich singen und bekennen:, O Herr, du bist mein Heil und Licht vor wem sollt mir den grauen?

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