Ein letzter Brief ( 0,0-0)

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[6jähriges Mädchen und ihr 4jähriger Bruder, beim Spielen erstickt]

Liebe N., lieber N., liebe Familie, liebe Angehörige, liebe Trauergemeinde.

Vor 7 Tagen um diese Uhrzeit war die Welt noch in Ordnung. Jetzt stimmt überhaupt nichts mehr. Abgrundtiefer Schmerz, lähmendes Entsetzen, sprachloses Kopfschütteln. Bodenloses Stürzen. Im wahrsten Sinn, da wird der Boden unter den Füßen weggerissen. Eure beiden Kinder sind tot. Jedem Menschen fehlen die Worte. Was dabei herauskommt ist Gestammel. Wir können fast nichts anderes, als euch in den Arm nehmen, uns gegenseitig in den Arm nehmen, euch versuchen, irgendwie den Rücken zu stärken.

Dennoch will ich versuchen, euren Abschied ein wenig in Worte zu kleiden, die euch vielleicht ein wenig Kraft geben mögen. Mir hat es geholfen in der Traurigkeit, in traurigen Zeiten, Briefe zu schreiben. Und ich weiß von vielen Menschen, die das auch tun. Also habe ich hier einen Brief an eure Kinder geschrieben.

Liebe Julia, lieber Tobias,
was für einen Schock habt ihr bei uns ausgelöst. Einen Albtraum, der leider Wirklichkeit ist. Dabei habt ihr einfach spielen wollen. Die Welt entdecken. Abenteuer erleben, vielleicht vor eurer Mutter verstecken. Sie mit in euer Spiel mit einbeziehen wollen. So seid ihr, so wie alle Kinder dieser Welt.

Du, Julia, was bist du beim Familiengottesdienst letzten Sonntag wie eine Wilde hier in dieser Kirche herumgetanzt, zusammen mit einem weiteren Kind, als die Blechbläser zum Abschied noch „O when the Saints go marching in“ intonierten. Die pralle Lebenslust. Du hast alle mit deiner Freude angesteckt. Eigentlich hätten wir damals alle zusammen aus der Kirche hinaustanzen müssen – und du als weißblonder Rauschgoldengel vorne weg. Am Tag vorher hast du deinen 6. Geburtstag gefeiert, und an deiner Geburtstagsfreude wolltest du uns auch noch einen Tag später teilhaben lassen. “Oh when the saints go marching in. Then, Lord let me be in that number …” Wenn die Heiligen kommen, dann Herr, lass mich auch dabei sein.

Ebenso war es doch in der letzten Woche, als du bei der Segnung von selbstgestalteten Kreuzen aus Ton gesagt hast: „Wenn wir sterben, dann sehen wir das Osterlicht.“ Ist dir eigentlich bewusst, was du da gesagt hast? Mein Gott, wer hätte geahnt, dass du so bald schon nicht mehr unter uns bist. Hast du es da vielleicht schon gespürt, irgendwie empfunden? Dein Osterlicht? Mein Gott, Julia, das sind Interpretationen von uns, Hilfskrücken, um deinen Tod irgendwie für uns greifbar zu machen. Begreifbar.

Und du Tobias, ich habe in meinem Computer gerade ein Bild von dir hergeladen von unserer Vater-Kind-Freizeit, bei der du das erste Mal dabei sein konntest. Wer hätte gedacht, dass das auch das letzte Mal sein würde. Am linken Bildrand stehst du da und schaust in die Kamera. Räuber und Gendarm hast du mit uns gespielt, warst als Räuber schon gefangen. Du wartetest darauf, endlich befreit zu werden, damit du vor den bösen Polizisten wieder davon laufen kannst. Erinnerst du dich, Tobias, wie sauer du warst, weil du einfach nicht schnell genug laufen konntest? Die Großen haben dich immer gleich eingeholt! Wir haben dir dann extra einen Vorsprung gegeben. Aber recht war dir das auch nicht. Schließlich nahm dich dein Vater unter den Arm und rannte mit dir ab in den Wald.

Liebe Julia, lieber Tobias, da sitzen hier so viele Menschen, die irgendwelche Anekdoten und Geschichten von und über euch erzählen können. Hättet ihr gewusst, wie wichtig plötzlich all diese Geschichten für uns werden? Ach ja, und dann, das Bild, das sich in mir so tief eingegraben habt, so wie ihr da friedlich in eurem Sarg liegt, Arm in Arm. Fast so wie schlafend. Und ihr habt gut darin ausgesehen, völlig entspannt. Schon eine Ahnung vom Reich Gottes? Und doch bleibt für uns dieses entsetzliche Aber stehen.

Viel zu früh seid ihr gestorben! Die Reihe ist eigentlich an uns Eltern und bei den Großeltern, und nicht an euch Kindern. Nicht erwachsen werden dürfen, ihr werdet es nie kennen lernen, wie es sich steht, auf den eigenen Füßen. So richtig unabhängig. Ihr beide, du, Julia und du, Tobias, ihr geht uns ab, und ihr fehlt uns. Die Wunde ist riesengroß, die euer jäher Tod gerissen hat. Irgendwann wird sie vernarben, diese Wunde. Aber die Narbe wird immer sichtbar bleiben. Und sie wird uns immer an euch erinnern und auch schmerzen. Was gibt eigentlich Halt im Leben, Julia, Tobias? Ich glaube, ihr habt es vorgelebt: Ihr habt Vertrauen zum Leben gehabt und eure Liebe zu eurem Leben voll ausgelebt. Und unter eurer Liebe, da hat vieles Platz gehabt. Alle, die euch wichtig waren und alles, was euch wichtig war.

Und darum sind auch eure Eltern euch so dankbar dass ihr 6 und 4 Jahre ihres Lebens einfach mit eurem Dasein reicher gemacht habt. Liebe zum Leben. Wir können von euch lernen. Denn ihr habt das vorgelebt, was Dietrich Bonhoeffer am Ende seines Lebens, kurz vor seiner Ermordung sagte: Von guten Mächten wunderbar geborgen, erwarten wir getrost, was kommen mag, Gott ist mit uns am Abend und am Morgen, und ganz gewiss an jedem neuen Tag. Für euch hat ein neuer Tag begonnen. Und darin segne euch Gott. In aller Liebe und Freundschaft im Namen aller hier Versammelten.

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