Die geraden Wege zu Gott (Sir 2,6)

Sir 2,6
[6] Vertraue Gott, so wird er sich deiner annehmen; geh gerade Wege und hoffe auf ihn!

[k.A.]

Liebe Gemeinde,

wir sind hier zusammen gekommen, um Abschied zu nehmen von N.N., der diesen XX im Krankenhaus verstorben ist. Ein Mensch ist aus unserer Mitte gerissen worden, ohne dass lange Zeit war, sich auf seinen Weggang einzustellen. Für die Menschen, die zurückbleiben, geschieht dies oft zu schnell, zu unerwartet – waren doch noch viele Pläne im Leben angedacht, so z.B. eine Urlaubsreise im XX. Was hätte N.N. selbst dazu gesagt? – vermutlich: „der hat´s hinter sich“!

Denn, wenn es mal so weit sein sollte, so seine Worte, dann soll es schnell gehen. In gewisser Weise ist ihm damit ein Wunsch erfüllt worden, war er doch bis zu jenem Krankenhaus-Aufenthalt noch relativ fit. Zwar gab es auch in seinem Leben – gerade im Alter – Dinge, die ihn beeinträchtigt hatten, so z.B. ein leichter Schlaganfall u.ä., aber im Großen und Ganzen war er noch in der Lage sein Leben zu genießen und das hat er wohl auch getan. (…)

In der Vorbereitung dieses Gottesdienstes bin ich auf folgende Aussage in der Heiligen Schrift gestoßen: sie steht bei Jesus Sirach im 2. Kapitel, im 6. Vers: „Vertraue Gott, so wird er sich deiner annehmen, geh gerade Wege und hoffe auf ihn.“

Auf Gott vertrauen, liebe Gemeinde, kann ganz vielfältig geschehen – wie es genau bei N.N. war, wissen wir nicht, wir können nur sagen, dass er sich nach wie vor mit der Bibel beschäftigt hat; dass ihm sein Konfirmationsspruch durch den Kopf gegangen ist und wir können sagen, dass er die Kirche als Institution immer als notwendig empfunden hat, auch, wenn er selbst wohl nicht immer den Gottesdienst besucht hat.

Das wäre eine Möglichkeit, auf Gott zu vertrauen, heißt doch Vertrauen haben, dass man sich etwas sicher ist, ohne sich dessen ständig zu vergewissern zu müssen. Sicher im Sinne, dass man sagen kann: ich weiß, dass es so klappen wird, ich weiß, dass ich mich auf den anderen verlassen kann, seine Zusage, sein Versprechen, seine Hilfe. Vertrauen heißt auch noch etwas darüber hinaus: nämlich wissen, dass es der andere im Grunde gut mit einem meint, dass man, wenn man um ein Brot bittet, wie es in der Bibel so schön als Bild gehalten ist, dass man dann keine Schlange statt des Brotes erhält. N.N. hat nie viel über Gefühle oder über den Glauben geredet. Auch Gefühle auszudrücken war wohl nicht so recht seine Sache, aber ich will glauben, dass er dennoch Vertrauen hatte, dass es nach dem Tode weiterging – nicht in dem Sinne, dass man vielleicht eine genaue Landschaft oder ein genaues Bild des Jenseits hätte entwerfen mögen, aber doch so, dass man weiß: dort erwartet mich etwas, zu dem ich Vertrauen haben kann, etwas, dass mich halten und bergen mag und etwas, was mich trennt von den dunklen Seiten, die es in unser aller Leben gibt. Insofern kann Vertrauen zu Gott einen geraden Weg bedeuten, denn ein solches Vertrauen lässt sich nicht so leicht irre machen von den Dingen, die uns in dieser Welt begegnen. Und diese Dinge der Welt kennen wir alle: sei es, dass uns die Möglichkeit gegeben wird Karriere zu machen, über die wir dann geneigt sind, alles andere zu vergessen. Sei es, dass wir durch einen Trauerfall regelrecht aus dem eigenen Leben gerissen werden und darüber verzweifeln und all das anklagen, was uns vorher Halt zu geben schien. Wenn dich aber ein Vertrauen durchträgt, dann wirst du zwar nicht von Leid und Schmerz oder von aufzehrendem Streß verschont bleiben, aber du wirst einen festen Grund haben, wie ein Lied, das ganz im Hintergrund immer noch zu hören ist, wie eine Stimme, die dich daran erinnert, dass dort noch etwas ist, was über dich und deine Situation hinausgreift und du dich deshalb nicht alleine oder ausgeliefert fühlen musst. Manchmal, liebe Gemeinde, gibt es solche Situationen in unserem Leben, in denen wir denken: jetzt ist alles aus – jetzt mag ich nicht mehr. Situationen, in denen wir keinen, der uns trösten möchte, an uns heranlassen und nur sagen können: ach bleib doch weg mit deinem billigen Gerede! Situationen, in denen wir selber glauben, der Tiefpunkt wäre erreicht und wir haben bereits alles verloren. Und dann hoffe ich, dass sie ein solches Vertrauen bei sich wiederfinden, ein Vertrauen, dass trotzdem noch sagen wird: und dennoch! Und wenn du dich noch so sehr aufgibst: mich kriegst du nicht klein. Ein Leben als Christ erfordert ein solches Vertrauen oft genug, denn es ist nach außen hin nicht immer anzusehen, was den Christen von dem Nichtchristen unterscheidet. Noch schwerer ist es deshalb, dem einen sein Christ-Sein abzusprechen und bei dem anderen zu behaupten: der auf jeden Fall. Gott-sei-Dank müssen wir das auch nicht tun: denn der Herr selber nimmt uns dieses Urteil ab. Wir aber glauben, dass derjenige, der Gott vertraut hat, dass dieser Mensch auch von Gott angenommen wird.

ertraue Gott, so wird er sich deiner annehmen; geh gerade Wege und hoffe auf ihn. Diese geraden Wege, liebe Gemeinde, wie mögen sie aussehen? Sind das die geraden Wege, die wir manchmal in der Werbung einer bestimmten Bank vorfinden: schnurgerade, den Horizont erreichend, alle Hindernisse wegräumend? So etwas wünschen wir uns oft: wir haben ein Ziel im Leben und dort soll es möglichst schnell und am besten eben ohne irgendwelche Umwege hingehen. Der Nachteil bei solch beschaffenen Wegen ist aber jener: wir konzentrieren diesen Weg nur auf uns: es gibt im übertragenen Sinne eben nichts mehr, was uns aufhalten kann – oder anders ausgedrückt: wir machen alles platt, walzen nieder, was uns in die Quere kommt. Ich kenne eine Weltanschauungsgemeinschaft, die solche Wege propagiert: sie ruft den Menschen zu: du bist dein eigener Gott, nur um dich geht es in dieser Welt: alles andere hat sich dir und deinen Wünschen zu beugen. Wenn sie so wollen, liebe Gemeinde, wird dort über Leichen gegangen. Eben das ist es nicht, wovon unser Predigtwort spricht: die geraden Wege stehen nicht alleine, sondern sie sind Wege in Beziehung. Diese Wege haben eine Ausrichtung auf ein lebendiges Ziel – dieses Ziel ist mit angegeben: hoffe auf Gott. Insofern beleuchtet diese zweite Zeile einen ähnlichen Sachverhalt wie die erste, nur diesmal aus unserer Perspektive: versuche daher, redlich zu leben, denn du weißt um deine Ausrichtung auf die Zukunft, versuche, dir Rechenschaft abzulegen über dein Tun, denn du weißt, dass du später am Ende deines jetztigen Lebens wirst Rechenschaft ablegen müssen vor einem anderen Richter. Und dieser Richter wird nicht das Lineal an deine Lebenslinien anlegen und sprechen: hier war der Weg aber nicht gerade, sondern er wird das Lineal anlegen an den Bezugspunkt deiner Wege und wenn er sieht, dass deine Ziele immer nur auf dich zurückkehren und du damit wie in Kreisen um dich selber gehst: dann wird er dich ansprechen und fragen: wo warst du da?

Auch deswegen denken wir als Christen an die, die zurückgeblieben sind: wir wollen sie begleiten und stützen, soweit es uns möglich ist. Wir wollen verstehen und zugeben, dass die Trauer Zeit braucht, dass es Räume geben darf, an denen das Weinen und die Sinnlosigkeit hervorbricht und dieses Weinen muss nicht unterdrückt werden, denn es gehört zu uns, genauso wie das Leid, das das Weinen verursacht.

So gilt beides, liebe Gemeinde: das Vertrauen, das Wissen um das Gehalten-Sein und die Aufgabe an uns, das sich-Bemühen um den rechten Weg – diese beiden Seiten schwingen immer mit, wenn wir den Tod bedenken. Die eine kann nicht ohne die andere existieren: die Hoffnung nicht ohne die Mahnung, aber – und das ist das letzte, was wir je sagen können: die Angst niemals ohne die Hoffnung.

In diesem Sinne haben wir N.N. unserm Gott anvertraut. „Vertraue Gott, so wird er sich deiner annehmen; geh gerade Wege und hoffe auf ihn!“

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