An Gottes Erbarmen liegt es (Röm 9,15-16)

Röm 9,15-16
[15] Denn er spricht zu Mose (2.Mose 33,19): »Wem ich gnädig bin, dem bin ich gnädig; und wessen ich mich erbarme, dessen erbarme ich mich.« [16] So liegt es nun nicht an jemandes Wollen oder Laufen, sondern an Gottes Erbarmen.

[Tod einer 81jährigen Frau durch überraschendes Herzversagen]

Liebe Frau NN, liebe Angehörigen, liebe Trauergemeinde,

heute verabschieden wir uns von Frau NN, Ihrer Schwester, die am 17. Mai 1920 geboren wurde und am 04. Juli 2001 im Alter von 81 Jahren gestorben ist. Wie oft wird Ihnen das in den letzten Tagen so ergangen sein: die Gedanken schweifen ab, plötzlich sind wir in unserem Kopf und in unserem Herzen weit weg, in frühen Kinder- und Jugendtagen, in Augenblicken der Freude und der Heiterkeit – ganz weit weg, ganz intensiv, als wäre es jetzt. Dann bricht alles ab, und die Last des Todes und des Verlustes nimmt uns gefangen. Beides steht vor dem inneren Auge: die schöne Erfahrung der Gemeinsamkeit, ein langes Leben mit all dem Glück, das wir geteilt haben und das uns geschenkt war – aber auch der Tod, der diese Gemeinsamkeit hier auf dieser Erde abgebrochen hat. Das Schöne und das Schwere – der Tod schließt beides ab. Er beendet auch alle Versuche, die Liebe zu leben, das eigene Leben zu gestalten – er ist ein Ende aller Wege, die wir miteinander gegangen sind.

Es ist gut, wenn wir heute – an diesem vorläufigen Schlußpunkt, nicht vor dem Nichts stehen. Ich habe Ihnen zwei Verse aus dem Römerbrief ausgewählt, die das sehr deutlich zum Ausdruck bringen. „So spricht Gott: Wem ich gnädig bin, dem bin ich gnädig; und wessen ich mich erbarme, dessen erbarme ich mich. So liegt es nun nicht am Wollen und Laufen des Menschen, sondern an Gottes Erbarmen!“ (Röm 9,15+16) Wenn wir auf dem Friedhof stehen, erfahren wir mehr als sonst, wie wenig wir am Ende unser Leben in der Hand haben, wie sehr es immer gefährdet ist. Wie sehr wir in unserem Leben versuchen, einen Weg zu gehen, Pläne umzusetzen, Ziele zu formulieren und anzusteuern, zu laufen und zu rennen – und wie wenig wir oft in der Lage sind, das auch durchzuführen. Schnell sind Wege durchkreuzt durch Krankheit und Tod, werden beschwerlich, kaum noch selber zu gehen. Wie gut, wenn wir dann im Glauben an Jesus Christus bekennen und dann gelassen annehmen können, daß es die Gnade und die Barmherzigkeit Gottes sind, die uns tragen, vor allem dann, wenn wir selber nicht mehr tun können.

„An Gottes Erbarmen liegt es“ – das ist, recht verstanden, eine große Entlastung. Wir müssen unser Leben nicht selbst verantworten, nicht selbst herstellen. Wir müssen unserem Leben nicht selbst einen Wert geben – es hat seinen Wert, wie eben oder uneben es verlaufen mag, durch die Zuwendung Gottes zu uns, durch seine Gnade, die uns trägt und immer wieder aufrichtet. Denn daß unser Leben gelingt, Sinn bekommt und etwas ausstrahlt, so sehr wir uns mühen und das planen können – es liegt nicht in unserer Hand. Es liegt in den Händen Gottes. Und dort sind wir mit unseren Lebenswegen alle gut aufgehoben.

Der Lebensweg von Frau NN begann am 17. Mai 1920, als sie als eine von zwei Töchtern von NN in Hannover geboren wurde. Dort erlebte sie ihre Kindheit, ging zur Schule bis zur Mittleren Reife und machte eine Ausbildung zur Modelldirektrice. Den Zweiten Weltkrieg, bei dem die Familie ausgebombt wurde und ihr Verlobter 1944 fiel, erlebte sie in Hannover, auch den Neuanfang bei Null, der sie, wie unzählige andere, vor eine große Aufgabe stellte. Nach 10 Jahren der Arbeit im Rheinland, kam sie 1961 nach Hannover zurück, um in der Firma ihres Schwagers mitzuarbeiten. Während dieser Zeit mußte sie den Tod ihrer Mutter verkraften, die im Alter von nur 55 Jahren gestorben war. Im Jahr 1967 schließlich kamen Sie alle nach München. 5 Jahre lang betrieb sie in Schwabing noch eine Modeboutique, bis sie 1980 in den Ruhestand ging. Diese letzten 20 Jahre waren geprägt von manchen gemeinsamen Reisen vor allem nach Wien, um der Musik und der Stadt willen, von gemeinsamen Unternehmungen, der Pflege des Freundeskreises und der Familie, und nicht zuletzt des neuen Kontakts zur Gemeinde der Friedenskirche der methodistischen Kirche in München. Auch wenn die Wege und die Kontakte in letzter Zeit durch ihre Gehbehinderung mühsamer und eingeschränkter wurden, so war ihr eines doch wichtig. Dass sie immer wieder dankbar sagen konnte: „Ich habe gelebt! Ich habe wirklich gelebt und meine Zeit nicht vergeudet!“

„An Gottes Erbarmen liegt es“ – das ist, recht verstanden, nicht nur Anlass zu großer Dankbarkeit, es ist auch eine große Hoffnung. Kein Leben gelingt ganz. Jedes Leben trägt Dunkles in sich, Zeiten der Not, der Angst, Zeiten des Versagens und der Schuld. Wir können und wir müssen das am Ende eines Lebens nicht abarbeiten. Es ist die Hoffnung unseres Glaubens, in der Berufung auf Christus, daß unser Leben mit all seinen Schattenseiten, mit all seiner Schuld in Gottes Erbarmen gut aufgehoben ist. In dieser Hoffnung kommt in die Schwere der Trauer eine Leichtigkeit, mit der wir die Verstorbene NN in Gottes gute Hände zurückgeben können. Seine Barmherzigkeit wird groß genug sein, alles zurecht zu bringen, was nicht gelungen ist, alle Wege zu ebnen, die krumm geworden sind, alles wieder zu Licht werden zu lassen, was im Schatten lag, alles Leid und allen Schmerz zu verwandeln in eine Freude, die nicht mehr vergeht.

„An Gottes Erbarmen liegt es“ Die Barmherzigkeit ist Gottes weiche Stelle für uns, aus seinem Erbarmen wächst Leben, immer wieder neues Leben für uns, auch nach dem Tod. Im Erbarmen Gottes ist Ihre Schwester geborgen wie in einem weichen Schoß. Aller Schmerz über den Verlust von Frau NN hat sein Recht. Der Schmerz läßt die Liebe sichtbar werden, ist Ausdruck der tiefen Verbundenheit, die da war und noch da ist. Mitten hinein in diesen Schmerz sprich uns der Bibeltext Trost und Gelassenheit zu. Im Glauben an Jesus Christus können wir darauf vertrauen, daß das Erbarmen Gottes weiter und tiefer greift, als wir es uns vorstellen können. Gott hat Frau NN in seine Liebe zurückgeholt, aus der er sie einst in diese Welt geschickt hat. Wir glauben an eine Auferstehung und damit an eine neue Gemeinschaft mit Gott und mit den Menschen, die wir lieben, auch mit ihrer Schwester. Daher können wir ohne Verzweiflung ein JA zu diesem Abschied finden. Wir danken Gott für alles, was er uns mit NN geschenkt hat, für alle Liebe und alles Glück, die uns durch sie geschenkt wurden und die sie selber erleben und genießen durfte. Für sie hat etwas Neues angefangen in Gottes Nähe – ein Leben ohne Leid und ohne Tränen, ohne Gebrechlichkeit und ohne Grenzen. „So spricht Gott: Wem ich gnädig bin, dem bin ich gnädig; und wessen ich mich erbarme, dessen erbarme ich mich. So liegt es nun nicht am Wollen und Laufen des Menschen, sondern an Gottes Erbarmen!“

Am 04. Juli ist NN im Alter von 81 Jahren überraschend und ganz schnell gestorben, Gott hat ihr einen sehr gnädigen Tod geschenkt. Wir werden sie am 30. Juli beisetzen in dem Grab, in dem ihr Schwager begraben liegt. Es ist ein äußeres Zeichen dafür, dass die Barmherzigkeit Gottes zu verbinden vermag, was im Leben getrennt worden ist. Die Liebe Gottes schafft eine neue Gemeinschaft und ein neues Leben. Daß dies auch für die Verstorbene Gültigkeit hat, ist unser Glaube, unsere Hoffnung und unser Trost. Ist Licht auf unseren Wegen und eine Ermutigung, in der Liebe zu bleiben und auch uns dem Erbarmen Gottes anzuvertrauen. Er trägt Ihre Schwester und er trägt uns alle.

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