Folgt mir nach!

Liebe Gemeinde,

wenn es immer so einfach wäre! Christus nachzufolgen, so als ginge es nur darum, auf einem Spaziergang, dessen Ziel bekannt ist, einmal die linke und einmal die rechte Weggabelung zu nehmen. Wir sagen: „Wir kennen ja beide Wege!“

Nachfolge aber heißt mehr: Nachfolge heißt, nicht zu wissen, welchen Weg es zu gehen gilt. Ja manchmal ist sogar das Ziel undeutlich und das Ganze gleicht mehr einer Fahrt ins Ungewisse.

Anders gesagt: Wenn man immer wüsste, wo einen ein Weg hinführt, wäre dann nicht alles viel leichter, klarer und besser zu entscheiden gewesen?

Wir haben heute bedenkenswerte weltliche „Jubiläen“ um dieses Datum des 27.01. herum. Da ist zum einen die Machtergreifung Hitlers am 30. Januar – genau 80 Jahre ist dies nun her. Viele sagten: „Wie hätten wir nur wissen können, wohin uns dieser Mann führen wird!“ Hätten sie das, liebe Gemeinde, und sie haben sich nur viel zu wenig informiert, oder war es doch schwerer zu erkennen, was das Einschlagen dieses Weges bedeutet? Oder war das Denken ausgeschaltet, weil es so viele Gefühle um das Erscheinen und das Reden dieses Mannes gab? Gefühle, die einem einflüsterten: „Hier kann etwas gut gemacht werden, was uns an Schande und Demütigung widerfahren ist?“ Gefühle also, die auf neue Macht und Geltung hofften?

Dann das zweite Jubiläum: am 02.02. jährt sich zum 70. Male die Kapitulation der Deutschen Wehrmacht in Stalingrad. Auch aus unserer Gemeinde waren Männer dort. 700.000 Menschen sind schlussendlich in Stalingrad gestorben. Nachdem die meisten der Soldaten aufgaben in jenem schrecklichen Winter gab es dennoch einige, die aus dem Untergrund weiterkämpften. Was trieb diese Männer an? Wem folgten sie?

Und schließlich der Tag heute: der Gedenktag an die Opfer des Nationalsozialismus. Die infolge der verbrecherischen Aktivitäten des NS-Regimes Getöteten werden mit ca. 13 Millionen beziffert. Darin sind die Kriegstoten noch nicht einmal mit eingerechnet. Ca. die Hälfte davon sind Menschen jüdischen Glaubens gewesen.

Alle drei Gedenktage hängen miteinander zusammen.

Wie also lässt sich Nachfolge – wem ich nachfolge – überhaupt unterscheiden?

Hören wir das Predigtwort für den heutigen Sonntag Septuagesimae aus dem Evangelium nach Matthäus im neunten Kapitel, die Verse neun bis dreizehn:

[TEXT]

Es ist mehr als schwer zu greifen, was diesen Matthäus wohl umgetrieben haben mag, dass er auf die einfachen Worte Jesu hin mit ihm mitgegangen ist. Was hat er angerührt in diesem Zöllner? Materiell dürfte es ihm wohl ergangen sein. Als Zöllner kooperierte er mit der Besatzungsmacht, den Römer und verfügte wohl durch den Zoll, den er wohl immer ein wenig höher ansetzte, als es nötig war, über ein beständiges Einkommen, das ihn zwar vielleicht nicht wirklich reich machte, aber ihn dennoch wohl einen finanziell unabhängigen Mann sein ließ.

Was also dann hat diesen Matthäus, nachdem ja übrigens auch unsere Kirche benannt ist, bewogen, diesem Jesus von Nazareth zu folgen?

Vielleicht ein inneres Drängen, einen anderen Weg einzuschlagen? Vielleicht eine Sehnsucht nach einem erfüllteren Leben? Ein Leben neben Geld und Besitz und materieller Abgesichertheit? Oder war es doch mehr die Persönlichkeit dieses Predigers aus Nazareth, die ihn faszinierte oder von der er sich durchschaut wusste?

All das werden wir nie erfahren, wir wissen nur, dass Matthäus zu einem seiner Jünger wurde, also bei diesem Christus blieb.

Uns Heutigen gilt das Gespräch mit den Pharisäern, den Frommen und Gottesfürchtigen der damaligen Zeit. „Wie kann es sein“, so fragen sie, „dass du mit einem Sünder zu Tische sitzt?“. „Wie kann es sein, dass du ihn in die Gemeinschaft aufnimmst, da er doch offensichtlich gegen Gottes Gebote verstößt und durch seinen Beruf daran teil hat, Gemeinschaft zu zerstören?“ So fragen die, die uns heute eigentlich nahe wären. Menschen, die sich mühten, nach Gottes Willen zu leben. Die darauf achteten, seinen Geboten Folge zu leisten. Und ich stelle mir vor: Nicht nur Gesetzesgläubige, sondern Menschen, die aus reinem Herzen heraus diesen Gott Israels suchten. So sind sie uns nicht so ferne, wie wir es manchmal gerne hätten in unserer Gerechtigkeit des Glaubens, die wir für uns ausrufen.

Erfahren wir also nicht, was Matthäus trieb, so wissen wir doch, was Jesus den Pharisäern vorhält. Gekommen sei er, nicht für die Gesunden, sondern für die Kranken.

Nicht also die zu bestätigen, die sich eh schon mühen. Die Angesehenen, die Gerechten, die Frommen. Sondern, um die zu holen, die es nicht geschafft haben, aber es dennoch versuchen möchten. Nur: Sie wissen nicht, wie es geht. Denen ruft er zu: „Folgt mir nach! Wenn ihr meinen Weg geht, dann wird es besser für euch werden!“

Und was für ein seltsamer Weg das doch ist, liebe Gemeinde. Kein Weg in die Frommheit der Pharisäer, die wegen aller zu beachtender Gebote nicht mehr links und rechts gucken können. Denken Sie an das Gleichnis vom barmherzigen Samariter! Die dort vorbei gehen, helfen dem Verletzen nicht, weil sie denken, er sei tot. Und die Berührung eines Toten hätte den Dienst am Tempel vereitelt.

Aber es ist auch kein Weg in die Bequemlichkeit, in ein kontemplatives oder meditatives Leben, das ein Zurückgezogener wohl führen mag. Allein in der Suche in sein Inneres, auf dem Weg zur Vereinigung mit dem Gefühl der Ganzheit und Vollkommenheit.

Es ist vielmehr ein Weg, der selbst in die Bedrängnis führen wird. Ein Weg, der das Auf sich nehmen von Leid bedeutet. Ein Weg der Nachfolge ans Kreuz.

Wie kann man einen solchen Weg gehen oder wählen? Wären wir der Zöllner und würden wir über ein lebenskomfortables Einkommen verfügen, würden wir alles aufgeben für einen solchen Weg?

Dass Menschen dies dennoch tun, sehen wir an unseren Gedenktagen. Wie viele sind doch diesem „Führer“ vor 80 Jahren gefolgt und haben dann tatsächlich alles, auch ihr Leben, geopfert! Und nicht umsonst hat die NS-Propaganda alles getan, um in Hitler einen Messias deutscher Prägung entstehen zu lassen.

Dass es hier zwischen beiden Wegen einen Unterschied gibt, liebe Gemeinde, liegt auf der Hand. Was könnten wir also lernen im Unterschied zu beiden Nachfolgen? Wir sehen nun, dass beides nicht unbedingt mit Vernunft-Entscheidungen zu tun haben muss. Wir sehen, dass beide Wege geeignet sind, dass Menschen ihnen bis auf ihr eigenes Leben hin vertrauen. Und es sogar dafür aufgeben.

Jesu Weg aber gibt eine Ausrichtung an, mit der wir in dieser Welt nicht rechnen. Das Achten auf jene, die nicht selber weiter kommen können. Das Achten auf den Nächsten, der verwundet ist. Der Weg in Christus rechnet nämlich damit, dass die Welt an sich verwundet ist. Das nichts vollkommen ist in dieser Welt und dass deswegen auch kein innerweltlicher Weg derjenige sein kann, der zum Heil führt. Ein Weg also, der nicht mit Gott rechnet, kann in dieser Welt zum Ziel führen. Sondern er wird das Gegenteil bewirken: Die Vergottung des Menschen und damit Missbrauch aller Macht. So wie wir es an diesen denkwürdigen Tagen erinnern. Ein Weg aber, der mit Gott rechnet, wird erkennen, dass alles in dieser Welt diesem Riss, dieser Verwundung ausgesetzt ist und wird sich deswegen zunächst um die Verwundeten kümmern. Und sie eben nicht an der Seite liegen lassen, sie nicht opfern für ein nächstes, größeres Ziel. Sondern in dem Verwundeten die Zeichen der Zeit, die Verwundung an sich erkennen und sich ihr stellen.

Matthäus der Zöllner würde dann stehen als ein Sinnbild für die Welt an sich. Eine Welt, die an ihre Grenzen gekommen ist, weil sie nicht anders kann, als sie eben beschaffen ist. Solange die Welt besteht, werden wir in ihr immer wieder aufs Neue sein wie der Zöllner Matthäus, bevor ihn Jesus auf seinen Weg berief. Wir werden materiell denken und auf das sehen, was wir haben. Oder wir werden sein wie die Pharisäer, die jenen Matthäus kritisieren und auf das sehen, was wir im geistlichen Sinne zu besitzen denken.

Jesus aber ruft heraus aus beiden Positionen und gibt an, dass auf beides sich zu verlassen nicht heilvoll sein kann. Sondern die Überwindung der Verwundung liegt in der Hinwendung zum Verwundeten. Zumindest, so lange wir in dieser Welt sind. So fangen wir an, mit Gott zu rechnen und mit seinem Versprechen, uns heilen zu wollen, ernst zu machen. Erst dann werden wir sehen, wohin uns Gott führen kann. Und gleichzeitig – hoffentlich erkennen – dass jene anderen Wege, die wir geschichtlich schon gegangen sind, sich niemals mehr wiederholen dürfen.

Und der Friede Gottes, der weiter reicht, als wir es sehen können, bewahre Eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

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