Was wird hier gefeiert?

He warte mal, Matthäus, du kriegst noch die Karte!

Was für eine Karte?

Na die mit der Rückmeldung für die Fete bei dir. Da stand doch drauf, bitte persönlich abgeben mit Zahl der Gäste. Ich wollte dir schon letzte Woche sagen, dass ich komme. Aber da war ich ja krank. Also ich komme mit meiner Frau und mit unserem Nachbarn. Ihr habt doch noch Platz für uns drei

Klar doch!

Alle meine Kumpels haben sich ja schon angemeldet. Du hast ihnen gar nicht gesagt, was der Anlass ist. Dein Geburtstag ist doch noch lange hin. Was wird gefeiert?

Du wirst schon sehen.

Komm, mir kannst du es doch sagen. Feierst du Jubiläum? Wirst du befördert? Kriegst du die Zollschranke am Stadttor? Nun sags schon, wir hatten doch noch nie Geheimnisse voreinander!

Also gut, ich sag dirs ins Ohr. Behalts aber für dich. Ich gebe meinen Abschied.

Nee, das glaub ich jetzt nicht. Hast du schon so viel auf der hohen Kante?

Das ist mir inzwischen egal. Ich fange ein neues Leben an. Wenn du den Ehrengast siehst auf dem Fest, wirst du es verstehen…

Einige Tage später hat Matthäus das Haus voller Leute. Auch draußen ist gedeckt. Tisch an Tisch ist voll besetzt. Einige stehen, aber das ist kein Problem. Die einen finden auf der Mauer Platz, die andern sitzen am Brunnenrand. Es geht unkompliziert und fröhlich zu. Man ist eng beieinander, aber die jeweiligen Gruppen doch für sich. So wie bei uns, wenn ein runder Geburtstag oder eine Jubelhochzeit groß gefeiert wird im Lokal. Da sitzt auch die Familie, die Nachbarn, die Kegelfreunde jeweils für sich. Bei Matthäus ist es eine große Schar Kollegen, dann die Freunde. Die Nachbarschaft ziert sich. Und ein Geistlicher ist bei seinen Festen noch nie erschienen. Diese Herren machten immer einen großen Bogen um sein Haus. nie. Heute ist es anders. Alle gucken, weil die Pharisäer sogar mit einer ganzen Gruppe anrücken. Sie haben von weitem gehört, wie es hier laut und fröhlich zugeht. Was wird denn hier gefeiert? Sie kommen, auf Abstand, aber nah genug, um alles mitzukriegen. Um erzählen zu können, wer da, wie unerhört, am Ehrentisch platziert wurde: Jesus mit samt den Jüngern.

Die Pharisäer haben nun gesehen, was sie sehen wollten. Aber sie bleiben. Wenn sie ehrlich wären, würden sie sagen: Jesus, was du hast, ist eigentlich viel besser als das, was wir den Leuten erzählen. Gegen das, was du sagst, ist unser Bibelstudium öde. Deine Gebete sind viel lebendiger als das was wir aus dem Messbuch vorlesen. Obwohl wir so tun, als wüssten wir über alles Bescheid, kommen wir Gott kein Stück näher. Können wir bei dir abgucken? Dürfen wir etwas abhaben von dem, was du hast?

Wenn du sogar den Matthäus magst – magst du uns auch? Die wir in Wahrheit nicht mehr über Gott wissen als all die Leute, die bei uns Rat suchen?

Aber das wäre ja peinlich. Wenn sie zugeben müssen, dass sie auch auf der Suche sind. Dass sie den Leuten wenig voraus haben, denen sie erzählen, wie man leben soll. Dass sie viel über Gott wissen, aber ihm trotzdem nicht nahe sind. Jedenfalls nicht so wie Jesus.

Das zuzugeben wäre peinlich. Deshalb sagen sie nicht: Können wir uns an deinen Tisch setzen? Sondern sie sagen: Die andern hier, die dürften eigentlich nicht um dich sein. Die haben das nicht verdient!

Und das trauen sie sich nicht mal Jesus zu fragen, sie wenden sich an die Jünger: Wieso macht euer Chef das? Lässt sich von denen zum Essen einladen.! Das ist doch unmöglich! Findet ihr das etwa gut?“

Und wenn sie Glück haben, werden die Jünger zugeben: „Uns war auch nicht wohl, als Jesus sagte, wir sind bei Matthäus eingeladen. Der gibt einen großen Empfang, da sind viele Zöllner und ihr Umfeld.“

Aber dann kommt Jesus dazu. Und er sagt dieses große Wort: „Die Starken brauchen keinen Arzt, sondern die Kranken!“
Aber was heißt das? Heißt das, dann ist ja man gut! Die Kirche soll sich fein weiter kümmern sich um die Leute, die nicht genug Geld haben und zur Tafel müssen, um die instabilen, die sich bei der Lebensberatung anmelden. Um die, die alleine nicht klar kommen. Gottseidank haben wir unser Leben im Griff.
Nein, hier liegt gerade die Gefahr: Den Weg zu Gott versperrt man sich am gründlichsten mit diese Unklarheit: Einerseits sich irgendwie zu Gott hingezogen fühlen. Andererseits so tun, als hätte man es nicht nötig. Bis heute ist das ein Grund, weshalb Menschen nicht zum Gottesdienst kommen. Das könnte ja für andere so aussehen, als hätte ich das nötig. Oder schlimmer noch, wenn das wirklich der Fall ist Und das ist ja am schwierigsten, sich selber eingestehen, ich brauche Gott.
Keiner sagt gern Bitte. Ich meine nicht als Höflichkeitsfloskel, sondern im vollen Sinn. Zugeben, ich brauche etwas, ich bin angewiesen auf jemand anderes.

Ein Kollege von mir besuchte einen Kurs. Da wurde den Teilnehmern von Profis beigebracht, wie man unangenehme Telefonate führt. Und wie man umgehen kann mit Quakbüdeln und verärgerten, wütenden Leuten.
Er hat da gelernt: Auch ein wütender, schimpfender Mensch sagt im Grunde: Bitte sei doch nett zu mir. Tu mir was Gutes! Wer sich am stärksten beschwert, ist im Grunde ein armes Schwein. Sonst hätte er es nicht nötig, so einen Aufstand zu machen.

Manchmal kann man solche Menschen mit Freundlichkeit überrumpeln. Aber so richtige Querulanten, da ist ihre Meckerei schon längst Lebensstil geworden. Kritisieren, sich beschweren, beschuldigen, angreifen. Statt zu sagen, sei nett zu mir, greifen sie an und bekommen natürlich die entsprechende Reaktion. Am Ende passiert das, was sie von Anfang an befürchtet haben: Keiner mag sie.

Wie kommt es dann, dass der Matthäus, als Jesus an seiner Zollbude erscheint, aufsteht. Ein Schild schreibt: Heute geschlossen. Geht heim zu seiner Frau, die sagt, wieso kommst du denn so früh? Und er sagt ihr: Ich steig aus. Jetzt oder nie. Genug ist genug. Schreib auf, was wir brauchen für 100 Leute, wahrscheinlich mehr. Ich will raus mit Gebraus.
Es gab auch vorher Gelegenheit, mit dem heiklen Job aufzuhören. Die Möglichkeit war da. Für eine Umkehr light. Hin und wieder kriegt man so ein Angebot. Da kommt einer von der Steuerfahndung und sagt: Wir haben da eine CD, noch sind wir die Schließfächer und Adressen nicht durchgegangen. Gegen eine Selbstanzeige können wir bei entsprechender Gebühr von einer Strafverfolgung absehen.

Das war das Angebot der Frommen: Mach lieber was Anständiges. So schwer ist das doch gar nicht. Klar gibt es die Vorschriften mit dem Essen und die Zeiten einhalten und die Reinheitsgebote. Das hört sich aber alles viel kleinlicher an als es in Wahrheit ist. Dann gehörst du wieder dazu. Wir haben da sogar extra Sonderregelungen für bestimmte Berufsgruppen. Wäre das nichts?

So ein Christentum ist für die Zöllner und Sünder nicht attraktiv. Die durchschauen das und sagen: Wenn ihr mir nichts besseres anzubieten habt, lebe ich lieber mein altes Leben weiter. Da ist wenigstens was los. Da geht es um echte Sachen wie Geld, Autos, Mädchen. Das hat zwar auch seine Schattenseiten. Aber ich will doch nicht den Rest meines Lebens darüber nachdenken, ob ich mir vor Tisch die Hände richtig gewaschen habe, ob ich jetzt schon wieder 5km schneller gefahren bin als die Polizei erlaubt.

Jesus hat die Leute herausgefordert, sich auf die wirklichen Abenteuer einzulassen. Für die es sich tatsächlich lohn, Kraft und Zeit und Fantasie und Energie einzusetzen.

Wo kommen wir in dieser Geschichte vor? Du hast vermutlich nicht mit so krass krummen Touren dein Geld vermehrt, du wirst nicht geschnitten von den bürgerlichen Leuten wie dieser Mann, mit dem nur die Halbwelt verkehrte, aber dann wurde auch auf den Putz gehauen. Aber es ist dir aufgefallen, wie hier eine Veränderung statt findet, wie hier ein Mensch froh wird über den Glauben, richtig glücklich. Das ist alles ohne Patina, ohne Staubschicht der Tradition, ohne Verklemmtheit. Dieses öffentliche: Der sagt vor allen Leuten: Und das ihrs wisst, ich bin jetzt gläubig, und das ist gut so. Und da wird dir bewusst, wie versteckt und fast unwahrhaftig du deine Überzeugung verbirgst, das könnten andere ja komisch finden oder du musst eintreten für alles, was die Kirche anstellt und dich rechtfertigen für Dinge, wo du gar nichts für kannst und gar nicht weißt, wie argumentieren. Der Matthäus macht sich darüber gar keine Gedanken. Und du sagst dir: So viel Mut möchte ich auch haben.

Andere unter uns ähneln den Jüngern hier, die sich plötzlich auf ungewohntem Terrain befinden. Hinter dicken Kirchenmauern können sie sich sicher bewegen. Aber hier, wo es zugeht wie bei einer Fastnachtsitzung. Da sitzen sie zwischen Bierkrügen und Rauchschwaden, gegenüber die Damen mit viel Schminke und wenig Stoff. Die wissen sie gar nicht wo sie hingucken und was sie sagen sollen. So manche Christen, die ihre Abende in den Gruppen und Treffen ihrer Kirchengemeinde verbringen, wissen nur noch von früher oder aus den Nachrichten, wie es da draußen zugeht und was die Menschen dort umtreibt.

Und dann sind da die Aufpasser, die immer scharf gucken, dass alles seine Ordnung hat. Wo Freiheit sich ausbreitet, kommen auch sofort die Aufpasser. Die achten darauf, dass die Ordnung nicht verletzt wird. Ordnung muss sein, gerade in der Kirche, dafür haben wir sogar extra eine Gottesdienstordnung. Wenn da zwei Konfirmanden sitzen und lachen, hantieren die bestimmt mit dem Smartphone. Sollten die sich wirklich freuen an unseren Gesängen und an der Predigt? Die Aufpasser wollen nicht erlauben, dass die Menschen eine Alternative haben. Das darf nicht sein, dass die Menschen merken, wie schön die Freiheit ist. Man muss ihnen wenigstens ein schlechtes Gewissen machen. Wir finden die Aufpasser hier in Gestalt der Pharisäer. Aber sicher gabs auch bei den Jüngern einzelne, die sich sagten: Es muss ja wohl sein, dass Jesus hierher kommt mit uns im Gefolge. Aber doch hoffentlich nur für eine kurze Andacht und dann lassen wir diese Leute unter sich feiern.

Zurück zum Zöllner Matthäus. Er ist von nun an ein freier Mensch. Wie neugeboren. Was die Taufe heute anschaulich macht, neues Leben aus Jesus. Eine neue Einstellung, eine andere Perspektive. Ein Himmelsbürger werden. Das ist mit Matthäus passiert.

Er schließt sich dem engsten Kreis um Jesus an und wird einer der 12 Apostel. Und nun sehen wir, wie Gott ihn auf diesem Weg gebraucht. Durch alles Versagen hindurch. Auch Matthäus wird einer derer sein, die ihren Herrn in der Nacht des Verrats und er Verhaftung allein lassen. Aber nach Jesu Auferstehung ist er wieder dabei und wirkt kräftig mit beim Wachstum der ersten Gemeinde. Und eine Generation später, als viele in die Gemeinde kommen, die von diesen Anfängen nichts wissen, nichts erlebt haben, denen andere es erzählen müssen. So wie die kleine Sina es von anderen erfahren muss, wer Jesus war und was er getan hat. Für die schreibt der Matthäus sein Evangelium. Seine eigener Beitrag dabei ist gering. Vieles hat er einfach gesammelt, an Überlieferungsstücken wie dem Vaterunser, an Reden wie die Bergpredigt. Aber manches trägt dann doch seine ganz eigene Handschrift.

Denn was der Matthäus gut konnte. Was er früher eingesetzt hat nur zu seinem eigenen Vorteil. Das setzt er jetzt ein für das Reich Gottes. Matthäus kennt sich aus mit Zahlen und Bilanzen, mit Kolumnen und Auflistungen. Also meine Gabe ist das z.B. überhaupt nicht, ich hab mir vor Jahren ein Buch Excel für Anfänger besorgt und bis heute nicht mal die ersten Schritte einer Tabellenkalkulation getan. Und bei den Kirchenvorstehern, die zum Zähldienst eingeteilt sind, gibt es bestimmt manche, die tun das ohne große Begeisterung. Weil sie bei jedem Durchzählen ein anderes Ergebnis kriegen und es dauert einfach lange.

Aber für einen wie Matthäus ist eine zehnseitige Steuererklärung ein spannender Bericht. Und mit dieser minutiösen Genauigkeit schreibt er sein Evangelium. Er beginnt nicht etwa mit Johannes dem Täufer, wie das alle drei anderen Evangelisten tun. Er beginnt mit einem Geschlechtsregister. Er verfolgt die Generationen von Jesus zurück zu den Vorfahren. Im Sulinger Land in den Bauernhöfen hängen manchmal so Ahnentafeln in der Stube, die reichen zurück bis ins 19. Jahrhundert. Matthäus kommt bis zu Abraham .

Sein Evangelium beginnt: Dies ist das Buch von der Geschichte Jesu Christi, des Sohnes Davids, des Sohnes Abrahams. Abraham zeugte Isaak. Isaak zeugte Jakob usw.
Wer die Bibel zur Hand nimmt, hat aber keine Ahnung. Und sagt sich, ich fang mal mit dem neuen Testament an. Der wird sich wundern, vielleicht ärgern. Da ist ja überhaupt keine action. Das beginnt mit einer langweiligen Ahnentafel. Gewiß. Aber wenn das deine Verwandten wären, deine Vorfahren, das wäre sicherlich eine interessante Ahnentafel.

Und so eine interessante Ahnentafel kann es für jeden werden, der sich mit Jesus verbindet. Denn wer dem Ruf Jesu folgt, wie es der Matthäus tat, der wird eingegliedert in die Familie Gottes, der gehört dazu.

Und so kommen in diesem Register auch Namen vor wie die Prostituierte Rahab, deren Lebenswende kam, als sie zwei Kundschaftern Asyl anbot, oder der miserable König Manasse, der sich erst im hohen Alter bekehrte. So wird aus einem scheinbar langweiligen Register eine Ahnentafel der Hoffnung, weil Gott Menschenleben verwandelt.

Wir sitzen heute morgen nicht im Zollhaus von Kapernaum, sondern im Gotteshaus. Jesus kommt auch nicht mehr im Staub der Straße. Aber er kommt zu uns in seinem Wort und ruft uns zu: Folge mir! Ich bin an dir interessiert. Ich will mit dir zusammen sein. Es ist ein guter Weg, ein Weg, der weiter führt bis zum Himmel.

Ich möchte einer sein wie dieser Zöllner, der den Ruf Jesu gehört hat. Der noch lange nicht im Himmel angekommen ist. Aber jetzt wird schon gefeiert.

Denn als Gotteskind hab ich immer Grund dazu. Ich darf wissen: Du Gott, bist mein Vater, ich bin dein Kind. Mein Leben ist gut aufgehoben in deinen Händen. Und ich will für immer den Worten vertrauen, womit der Evangelist Matthäus sein Evangelium geschlossen hat: Christus spricht: Ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende. Amen.

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