Blitzentscheider

Liebe Gemeinde, liebe Freunde, liebe Gäste,
wie ging doch gleich der schöne alte Otto-Witz? „Wenn ich zu meinem Hund sage: ‚Kommst du jetzt mit oder nicht!?‘ – dann kommt er mit – oder nicht.“

Wo aber ist da der Witz, wenn einer einfach aufsteht und mitgeht? Ohne ein Wort. Ohne eine Frage. Frappierend mag man das finden, ungewöhnlich. Und irgendwie unheimlich. Kein Hinweis auf die Kündigungsfrist beim alten Arbeitgeber. Kein „Lass mich noch meine Sachen packen“. Kein „Ich muss erst noch Vater oder Mutter begraben…!“ Keine Kosten-Nutzen-Relation: „Und was wird mir dafür?“ Und keine Frage nach dem Ziel: „Wohin soll denn die Reise gehen?“
„Folge mir! Und er stand auf und folgte ihm.“

Gesagt – getan. Appell und Reaktion. Befehl und Gehorsam. Achtung! Aufstehn! Stillgestanden! Hände an die Hosennaht! Im Laufschritt! Blinde Gefolgschaft. Ist er einer von Tausenden, die sich kommandieren ließen? In Reih und Glied. Achtung, die Augen links!
Oder ist er nicht ganz dicht?

„Und er stand auf und folgte ihm.“

Zwei Ohren standen nicht auf Durchzug. Kein „Lass ihn reden…“. Kein „Geh weiter und mir aus der Sonne.“
„Komm!“ Und er kam. „Steh auf!“ Und er stand. „Talitha kumi!“, heißt es anderswo…

Oder denkt er, es ist ein Spiel? Mal seh‘n, wo‘s hingeht. Mal was ganz anderes! Ein Abenteuer kommt mir gerade recht!

Was ist das für einer, der so schnell die Pferde wechseln kann? Was taugt ein Mitgeher, der sich vielleicht bald schon als oberflächlicher Mitläufer entpuppt? „Komm mit – Lauf weg…“

Tun wir dir unrecht, Matthäus? Oder wie heißt du eigentlich wirklich? Der Evangelist Markus nennt dich Levi. Dann hast du aber auf jeden Fall den falschen Namen für deinen Beruf. Oder den falschen Beruf für deinen Namen. Die Leviten, das war doch das alte Priestergeschlecht.

O.k., du warst auch nur ein Mensch. Wir sollten dich vielleicht ernster nehmen und dich mit deinen Gefühlen und Bedürfnissen wahrnehmen, den Sehnsüchten und Leidenschaften in deinem Innern. Hast du dir alles blitzschnell überlegt? In Sekundenbruchteilen alles abgewogen…?

Was haben dir die Prediger der letzten 2000 Jahre alles angedichtet! Wie detailliert kannten sie sich in deinem Herzen aus. Das, was nicht geschrieben steht, bildet ja noch immer das schönste biblische Fundament für eigene Lieblingsgedanken.

Ein "Telones" warst du, so das griechische Wort, ein Zollbeamter, der in seinem "Telonion", seinem Zollhäuschen saß. Und da alle schon immer wissen, dass Geld zwar beruhigt, aber nicht glücklich macht, warst du der Moneten endlich überdrüssig und hast sozusagen schon lange darauf gewartet, dass dir endlich mal einer so kommt: „Folge mir nach!“

Und wenn es nicht das Geld gewesen sein sollte, das dir das Leben schwer gemacht hat – oder zu leicht gemacht hat, wie auch immer – auf jeden Fall aber einen Leidensdruck geschaffen haben soll, dann war es eben die gesellschaftliche Isolation. Auch ein beliebtes Motiv.

Auf jeden Fall musst du unglücklich gewesen sein! Wie unendlich hast du gelitten, du Armer. Tag für Tag musstest du ertragen, dass die Leute mit Verachtung auf den Gehilfen der fremden Obrigkeit herabblickten, den Kollaborateur, den Opportunisten, den Verräter. In deinem "Telonion" stand ein heißer Stuhl. Nichts wie weg, bei der erstbesten Gelegenheit. Da überlegt man nicht lange.

Und überhaupt. "Telones" und "Telonion" – das klingt doch sehr nach "Telos"! Und das übersetzen wir mit „Ziel“, „Ende“ und „Aufhören“. Du musst also einfach irgendwie am Ende gewesen sein….

Man kann es aber auch mal mit unkonventionellen Lieblingsgedanken versuchen, auch eine Möglichkeit, sich dir zu nähern: Du hattest Spaß am Geldverdienen, den eigenen Spielraum hast du genossen.

Im Unterschied zu den vielen abhängig angestellten Arbeitnehmern warst du ein Stück dein eigener Herr. Ein Kleinunternehmer, der ein klein wenig unternehmen konnte. Selbstständiger. Selbst und ständig.

Und von Isolation keine Spur. Moral ist sowieso immer nur im Doppelpack zu haben. Das Spiel spielen doch alle mit. Niemand hat dich mehr oder weniger verachtet als den Bäcker, der das Mehl streckt oder den Händler, der die Waage fälscht. Oder den Priester, dessen letztes Motiv die Routine ist.

Und doch bist du aufgestanden und mitgegangen, Matthäus, Levi, du Unbekannter.

Vielleicht lag es an dem, der der dich angesprochen hat. Vielleicht lag in seiner Stimme oder in seinen Augen etwas, was du lesen konntest. Eine Erläuterung zu seinen zwei kargen Worten. Neugier auf dich. So ein „Tabula-Rasa-Tenor“, ein „Alles-auf-Null-Unterton.“

Könnte ja sein, da war eine Aura, die dich magnetisiert hat. Das gibt es ja, dass man jemandem begegnet und weiß, von dem habe ich nichts zu fürchten. Bei dem werde ich reicher. Da schaut dich einer an – und es ist Liebe auf den ersten Blick. Das Faszinierende setzt in Bewegung. Das Andere. Das Größere.

„Das Herz hat seine Gründe, die der Verstand nicht kennt.“ So hat das Blaise Pascal formuliert.

Aber das sind ja auch wieder nur unsere heutigen Lieblingsgedanken. Du selbst schweigst ja zu deinen Motiven. Nichts antwortest du. Kein Wort. Stehst einfach auf und gehst mit.

Und der, der dich ruft, verrät auch nicht, warum er es gerade auf dich abgesehen hat. Das schmerzt uns ein bisschen.

Schon die Evangelisten konnten deine fehlende Motivgeschichte nicht gut aushalten. Die haben dann gleich die Story angefügt, wo du wie alle deine Berufskollegen der Kranke bist, der den Arzt braucht, eben wegen deines Berufes. Passt einfach so gut ran, dass dein neuer Chef sich so tadellos mit Deinesgleichen verstand und die religiösen Eliten dagegen Sturm liefen.

Falls der Evangelist Matthäus bei seinem Kollegen Markus abgeschrieben hat – der hatte ja zuerst eine Sammlung von Jesusgeschichten verfasst – hat er dich einfach umbenannt. Dort, bei Markus, bist du der Levi, der Sohn des Alphäus. Nun heißt du Matthäus.
Matthäus nennt dich Matthäus. Warum wohl?

Damit die Christenheit über viele Jahrhunderte hinweg annehmen sollte, aus dir, dem "Telones" wäre ein Evangelienschreiber geworden? Oder einfach deswegen, weil dem Matthäus auch so was passiert ist, wie dir? Und auch er gar nicht sagen könnte, wie und warum geschah, was geschehen ist. Warum er damals mitging und geblieben ist und nun schon solange dabei ist, in der Gemeinde der Nachfolger des In-die-Nachfolge-Rufers.

Und wenn man ihn heute fragen würde, auch keine Antwort auf die Frage nach seinen Motiven wüsste.

Matthäus, Levi, Zöllner und Sofortaufsteher, schweigsamer Blitzentscheider, wir lassen dich in Ruhe. Du wirst gewusst haben, was du tust. Kannst ja gut für dich selbst sorgen. Bist ja schon groß. Es ist, da wirst du nicken, ganz allein unser Problem, dass du uns deine Gründe nicht verrätst und alles so schnell gegangen ist.

Und, wie schon gesagt, wenn wir davon berichten müssten, warum wir, die wir heute Morgen hier zusammen sind, einmal aufgestanden und mitgegangen sind, wir würden ja auch nur stammeln. Alle Worte würden nicht beschreiben können, was mit uns geschehen ist. Warum wir uns dem Rufer angeschlossen haben und bis heute noch dabei geblieben sind.

Ach ja, und das muss nun auch noch gesagt werden: Vielleicht sitzt ja ab und an auch heute jemand schon in den Startlöchern – und dann kommt der vorbei, der derselbe ist, – gestern, heute und in Ewigkeit – und alles läuft wieder so ab, wie bei dir…

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