Moment der Nachfolge

[Anmerkung: Der Predigt liegt liegt das Gemälde „Die Berufung des Matthäus“ von Caravaggio zugrunde.]

Liebe Gemeinde,

ich möchte sie und euch heute Morgen mitnehmen auf eine kleine Reise nach Rom. Es ist zwar kühl heute in Rom, aber die Sonne scheint. Wir wandern ein bisschen miteinander durch diese großartige Stadt. Eine Stadt voller Geschichte. Geschichte aus der Zeit der Römer mit Forum Romanum und Kolosseum. Rom ist aber auch Stadt der Kirchen – allen voran natürlich der Petersdom. Rom ist aber auch die Stadt der Kunst. Michelangelo war hier – gestaltete Figuren und bemalte innerhalb von sieben Jahren die Sixtinische Kapelle im Vatikan. Allein die Darstellung des Jüngsten Gerichtes lässt einen atemlos zurück: 390 Figuren auf 200m2.

Mit Rom verbunden ist auch der Maler Caravaggio. Er lebte ungefähr zeitgleich mit Michelangelo. Caravaggio war ein außergewöhnlicher Künstler (1571-1610). Er findet ganz neuartige Darstellungsmethoden, spielt in noch die dagewesener Weise mit dem Licht in seinen Bildern und gilt als Begründer der römischen Barockmalerei. Der Mythos Caravaggio vom fast besessenen Malergenie lebt bis heute.

Wir schlendern also über die Piazza der Stadt bis zum Piazza San Luigi de’ Francesi mit der gleichnamigen Kirche. Dort in der Kirche in der Contarelli Kapelle hängen drei Gemälde von Caravaggio – sein erster Großauftrag. Und unter anderem auch der erste Teil von unserem Predigttext: Die Berufung des Matthäus (1599-1602).

Caravaggio hat eine unglaublich detaillierte Art, wie er sein Gemälde gestaltet – kein anderes Bild stellt der Text so gut dar! Bevor wir ins Detail einsteigen, ein grober Überblick. Wir sind in einer Zöllnerstube. Links am Tisch sind Zöllner zu sehen. Die beiden auf der linken Seite zählen ihr Geld. Der in der Mitte des Tisches ist Matthäus. Er schaut gemeinsam mit den beiden anderen neben ihm nach rechts. Sie schauen auf Jesus. Zuerst schwer zu erkennen. Caravaggio malt ihn als jungen Mann mit Bart. Er steht fast im Hintergrund im Halbschatten. Von dort aus deutet er auf Matthäus. Vor ihm Petrus (deutlich als älterer Mann gezeichnet), der ihn fast verdeckt und der viel kleiner seine Geste nachahmt.

Das, was Caravaggio auszeichnet, ist seine Art mit Licht umzugehen. Er leuchtet den Raum wie mit einem Scheinwerfer aus. Die Lichtquelle muss irgendwo rechts oben sein, auf der Seite, auf der auch Jesus steht. Ganz bewusst soll das so sein. Das Licht fällt von dieser Seite her, von der göttlichen Seite auf die Menschen in ihrem Alltag. Deshalb sind die Fensterscheiben oben auch mit einem Tuch verkleidet. Caravaggio kann kein Steulicht in seinem Bild haben – das würde nur stören.

Irgendwie passt das Bild so auch in die Kirchenjahreszeit. Die Epiphaniaszeit mit ihren Licht- und Erscheinungsthemen ist zwar vorbei, aber es wird klar: Dieses Licht von Weihnachten leuchtet weiter. Manchmal wird es verdunkelt. Manchmal leuchtet es wie ein Scheinwerfer hinein und verändert das Leben von Menschen.

Und so fällt das Licht voll hinein in die Zöllnerstube und auf den Tisch, an dem die 6 Männer sitzen. Die Bezeichnung Zöllner ist ein bisschen irreführend. Aufgabe dieser Männer war es im Grund nicht Zölle für Waren einzutreiben. Sie waren eher verantwortlich dafür, dass Pacht eingenommen wurde. Ein Teil ging natürlich an den römischen Staat und ein zweiter Teil – der wohl auch nicht zu knapp war – ging in die eigene Tasche. Eine einträgliche Sache und eine Arbeit, die wohl auch Matthäus einen ordentlichen Lebensstandard gesichert hat. Da gibt es aber auch noch eine andere Seite: Matthäus arbeitet mit den Römern zusammen – mit der Besatzungsmacht. Zöllner wie er sind mit dafür verantwortlich, dass das einfache Volk ausblutet. Wohl hatte er also sein Auskommen. Für die anderen war er ein Kollaborateur, ein Verräter. Für die frommen Pharisäer schlicht ein Sünder, dem nichts heilig ist außer Geld und Profit. Links oben an seinen Hut malt ihm Caravaggio deshalb eine Geldmünze hin.

Matthäus macht das an diesem Tag, was er immer macht. Er geht seinen Geschäften nach, er zählt Geld. Er ist nicht draußen bei den Leuten und nimmt am Leben teil. Irgendwie ist er eingeschlossen und abgeschottet in der Zollstube. Vielleicht ist er ja auch eingeschlossen in sich…

Jesus betritt den Raum und sagt drei Worte – mehr nicht: »Folge mir nach!«. Etwas unvermittelt, finden sie nicht auch? Kein Smalltalk, kein Gruß, kein Gespräch – nichts Seelsorgerlich-Einfühlsames. Ganz im Gegenteil sogar. Ein Befehl, der klarer nicht sein könnte: »Folge mir nach!«. Es trifft Matthäus sozusagen aus heiterem Himmel.

Caravaggio malt Jesus, der seinen rechten Arm austreckt – er zeigt auf Matthäus. Im Evangelium minimalistisch kurz erzählt – ein einziger Satz. Fast schon hektisch und hingeworfen. Und Caravaggio nimmt das auf. Schauen sie mal auf die Füße Jesu. Er ist hereingekommen, befiehlt Matthäus mitzukommen und seine Füße zeigen schon wieder nach draußen. Allein der ausgetreckte Arm deutet noch auf die Zöllnerrunde.

Offensichtlich hat Caravaggio über diese Berufung nachgedacht. Er hat sich Gedanken gemacht: Wie geht Berufung – wie funktioniert das – mit was ist das zu vergleichen? Und offensichtlich denkt er an ein anderes großes Kunstwerk seiner Zeit, dass zumindest die älteren heute Morgen wahrscheinlich alle kennen… Die Erschaffung von Adam an der Decke der sixtinischen Kapelle. Caravaggio malt ab bei Michelangelo. Anders gesagt – er greift seinen Gedanken auf: Wenn mich dieses göttliche Licht trifft, wenn mich Jesus anspricht und sei es auch völlig unvermittelt mitten in meinem Alltag, dann kann das sein wie eine Neuschöpfung. Dann habe ich die Chance auf einen Neuanfang, dann kann mein Leben von vorne anfangen.

Und genau so versteht auch der Evangelist Matthäus diese Berufung: In dem Moment, in dem die Berufenen alles stehen und liegen lassen und Jesus nachfolgen. In diesem Moment werden sie gerettet und sind frei von ihren Sünden. Jesus holt sie zurück ins Leben. Ihre Verbindung zu Gott war abgerissen und in der Nachfolge knüpft Jesus die Fäden wieder zusammen.

Es lohnt sich also vielleicht noch einmal genau in den Text zu schauen… Als Jesus weiterging und am Zollhaus vorbeikam, sah er dort einen Mann sitzen; er hieß Matthäus. Jesus sagte zu ihm: »Folge mir nach!« Da stand Matthäus auf und folgte Jesus. Nach diesem Stickmuster funktionieren die meisten Berufungsgeschichten: Sehen – ansprechen – nachfolgen. Ganz einfach. Auch die Berufung in unserer Schriftlesung aus dem Alten Testament funktioniert so: Elia sieht Elisa, spricht ihn an und der kommt mit.

Die Menschen werden mitten in ihrem Alltag gefunden und gesehen. Wobei sehen viel mehr meint als nur Erkennen, dass da jemand ist. Sehen meint, dass Jesus ihm sozusagen in die Seele sieht. Er versteht, wie das Leben von Matthäus ist. Er weiß, wie er sich abgeschottet und eingeschlossen hat. Jesus spricht Matthäus an. Die Initiative geht allein von ihm aus. Matthäus kennt ihn bis zu diesem Zeitpunkt gar nicht. Und wahrscheinlich wäre er auch von sich aus nie auf den Gedanken gekommen, in den Tempel zu gehen und diesem Rabbi zuzuhören. Warum sollte er auch? Und Caravaggio malt dann den Moment der Nachfolge – wie ein Spot leuchtet das Licht plötzlich in sein Leben. Er ist wie getroffen – hört auf und schaut Jesus an. Sein Gesicht ist hell, fast erleuchtet. Ungläubig zeigt er auf sich selbst: Meinst du wirklich mich?

Fasziniert steht Petrus daneben – der Nachfolger Jesu auf den die ganze Kirche gebaut ist. Petrus, der in Rom allgegenwärtig ist. Auf dem das gesamte Papsttum fußt. Er steht neben und zugleich vor Jesus. Ganz klein versucht er seine Geste nachzumachen – Caravaggio malt das fast schon zaghaft. Petrus wirkt neben Jesus wie ein Lehrling, den der große Meister in den Schatten stellt. Ob Caravaggio da tatsächlich eine leise Kritik gegen das Papsttum einfließen lässt? Ich weiß es nicht, aber die Reformation war da noch gar nicht so lange her…

Doch zurück zu Matthäus. Ihn trifft die Berufung voll. Die Männer links neben ihm bleiben unbeteiligt. Sie schauen nicht auf. Sie hören nicht auf mit dem, was sie gerade tun. Sie lassen sich nicht unterbrechen. Die Berufung trifft nicht jeden scheint Caravaggio zu sagen. Vielleicht hat er ja an die Geschichte vom reichen Jüngling ein paar Kapitel später gedacht (Mt 19,16-26). Als der Jesus fragt, was er tun muss, um das ewige Leben zu bekommen, sagt Jesus ihm: Verkaufe, was du hast […] und komm und folge mir nach! Doch das kann er nicht.

Den einen trifft es – den anderen direkt daneben nicht. Warum? Es gibt keine Antwort.

Liebe Gemeinde – was Caravaggio nicht malt ist die zweite Hälfte der Geschichte. Da geht Jesus kurzerhand mit Matthäus mit und isst mit ihm. Sehr zum Missfallen der Pharisäer natürlich: »Wie kann euer Meister nur zusammen mit Zolleinnehmern und Sündern essen?«. Jesus hört das und gibt zurück: Nicht die Gesunden brauchen den Arzt, sondern die Kranken. Geht und denkt einmal darüber nach, was jenes Wort bedeutet: ›Barmherzigkeit will ich und nicht Opfer!‹

Weg aus Rom und weg von der biblischen Zeit. Hinein ins heute. Ins Jahr 2013 und in die Stuttgarter Innenstadt. Hinein in die Leonhardtskirche, in die Vesperkirche. Wir waren mit den Konfis bei unserer Freizeit dort. Mit drei von euch haben wir dort Mittag gegessen. Ich bin am Tisch gesessen mit alten Damen, denen einfach das Geld fehlt, die Wohnung zu heizen in der kalten Jahreszeit und die froh sind an der Gemeinschaft und dem guten Essen. Die Dame mir gegenüber kann die Wohnung gut heizen und sie hat auch Geld für Lebensmittel. Aber sie ist einfach schrecklich alleine. Ihr seid am Tisch gesessen mit jungen Leuten, die ein Kind dabei hatten. Die irgendwann im Leben abgestürzt sind. Die jetzt auf der Straße leben und mit Alkohol, vielleicht ja auch mit Drogen. Es war ihnen wichtig, sich mit euch zu unterhalten, zu sagen wie wichtig Schule ist und eine Ausbildung. Sie wollen nicht, dass ihr morgen dort landet, wo sie heute sind.

Übrigens gibt es auch eine Vesperkirche in Ulm – vor unserer Haustüre…

Nicht die Gesunden brauchen den Arzt, sondern die Kranken. […] Barmherzigkeit will ich und nicht Opfer!‹

Geht und denkt einmal darüber nach…

Amen.

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