Mit einem Nazi?

Die Liebe Gottes, die Gnade Jesu Christi und die Gemeinschaft des heiligen Geistes sei mit euch allen.

Ja, liebe Gemeinde,
so lieben wir unseren Jesus, oder?
Da hat er es den Frommen mal wieder so richtig schön gezeigt. Und wie? Einfach, indem er sich an einen Tisch setzt und fröhlich isst und trinkt.
Hey Matthäus, reichst du mal bitte das Brot rüber. Klar, Jesus, hier bitte. Möchtest du noch ein Glas Wein. Ja, danke, er schmeckt vorzüglich.
Und draußen stehen mit saurem Gesicht die Pharisäer und ärgern sich. Eigentlich müsste der Rabbi bei ihnen einkehren und gelehrte Gespräche über die Thora führen. Stattdessen lädt er sich bei einem der schlimmsten Betrüger der Stadt ein. Matthäus ist Zöllner – ein Kollaborateur, der für die Römer die Steuern eintreibt und für sich selbst auch noch etwas abzweigt.
Kein Wunder, dass die Pharisäer sauer sind.
Und wir: Freuen uns, dass Jesus die Sünder liebt. Und gönnen den Frommen klammheimlich ihren Ärger.

Wo sehen Sie sich in der Szene?
Als einen der Sünder, dem es einfach guttut, dass dieser Gottesmann nicht verurteilt, sondern die Nähe sucht? Wie wohltuend ist das, wenn ich mit soviel Güte behandelt werde. Wenn ich angenommen bin mit meiner Schuld und meinen Fehlern. Nicht erst beweisen muss, dass ich mir einen Platz am Tisch des Herrn verdient habe.

Vielleicht sitze ich aber einfach nur mit am Tisch und genieße diese bunte Gesellschaft. Wenn ich mir das heute vorstelle: Vielleicht ist Jesus mal in Hamburg über die Reeperbahn gegangen. Und hat sich eingeladen bei der stadtbekannten Puffmutter und ihrem Mann, einem Halbkriminellen, der es mit den Buchstaben des Gesetzes nicht so genau nimmt. Aber die beiden sind fröhliche und gutmütige Menschen. Sie können lustige Geschichten erzählen aus dem Milieu – ich höre mit großen Ohren zu und bin gebannt. Das ist doch wirklich spannender als mich mit einem frömmelden Kirchenmann über Bibelverse auszutauschen.

Oder – und jetzt muss ich leider ein bisschen die Spielverderberin spielen – stehen Sie, stehe ich doch draußen vor der Tür bei den Pharisäern? Da wollen wir ja eigentlich nicht hin. Aber Hand auf’s Herz: Gibt es jemanden unter uns, der noch nie selbstgerecht war? Wenn ich mich für etwas anstrenge, und andere bekommen stattdessen die Anerkennung. Ich mühe mich ab, und anderen fällt alles in den Schoß. Das ist ungerecht und kann wütend und neidisch machen.
Wie es z.B. mit der europäischen Finanzpolitik: Wieso sollen wir für alle bezahlen? Die Griechen sind doch selbst schuld, dass sie am Rande des Ruins stehen. Die Spanier wollten mit Immobilien das schnelle Geld machen und wir sollen das ausbaden? Die sollen erst einmal die Korruption in den Griff bekommen…
Nur ein Beispiel dafür, wie schnell wir uns selbst auf der Seite des Rechts fühlen. Wie schnell wir mit unseren Urteilen über andere sind. Für uns selbst wünschen wir uns aber Nachsicht und Verständnis…

Überhaupt die Pharisäer.
Die waren gar nicht so schlecht, wie sie im Neuen Testament geschildert werden. Sie waren Menschen, die ihr Leben mit Gott sehr ernst genommen haben. Sie haben versucht, ihr Leben an Gottes Willen zu orientieren in ihrem alltäglichen Tun, nicht nur am Sabbat – und das ist doch eigentlich konsequent und sympathisch, oder? In der Geschichte der Kirche wurde von den Pharisäern meistens ein Zerrbild gezeichnet, sie galten als Heuchler und Gottesfeinde. Das war mit ein Baustein im Denkgebäude des Antijudaismus. Ein Baustein, der auch mit den Boden bereitete für das, was dann unter der Herrschaft der Nationalsozialisten geschah.

Aber gehen wir noch einmal zurück an den Tisch.
Eine fröhliche Gesellschaft sitzt da, das stelle ich mir vor. Eine gastliche Tafel, gute Gespräche, guter Wein.
Nicht mit Moralpredigten, sondern mit Zuwendung und Annahme hat Jesus Matthäusverändert. Er hat es ihm leicht gemacht, den Sprung in ein neues Leben zu machen. „Nicht die Gesunden bedürfen des Arztes, sondern die Kranken. Ich bin gekommen, die Sünder zu rufen und nicht die Gerechten.“

Dafür lieben wir ihn. Tatkräftig und immer für eine Überraschung oder Provokation gut, gleichzeitig voller Liebe zu den Menschen. Er sieht in einem Suchenden den Wunsch zum Neuanfang. Er zeigt Wege auf. Und er gibt niemanden auf, nicht einmal die größten Sünder.
Das ist schön.

Aber würden wir das auch noch schön finden, wenn an seiner Tafel nicht die Huren und Zöllner sitzen, sondern ein Funktionär der NPD??? Wenn ich mir das mal vorstelle, dann wird mir erst wirklich klar, wie anstößig diese Geschichte wirklich ist. Mit Leuten aus dem Rotlichtmilieu, das könnte ich noch gut tolerieren, aber mit einem Neo-Nazi. Niemals! Wenn mein Jesus sich mit so einem an den Tisch setzen würde, das würde meine Toleranz überfordern…

Letzte Woche war in Wolfsburg eine Kundgebung der NPD. Ich war auf der Gegenkundgebung und konnte mich – mal wieder – überzeugen von der Stumpfheit und Menschenfeindlichkeit der rechten Ideologen. Es war klar: Die werden sich nicht durch ein paar stimmige Argumente oder ein gutes Gespräch umstimmen lassen. Die wissen, was sie glauben und wollen und das ist hart wie Kruppstahl. Ich fühle mich hilflos angesichts des fanatischen Hasses auf alles, was anders ist. Die rassistische Gesinnung. Wo ansetzen, wenn das Weltbild keine Lücke zulässt, wenn es keine gemeinsame Basis gibt?
Das hätte ich mir vorletzten Donnerstag gewünscht, dass da jemand wie Jesus kommt, der auch den Nazis noch in die Augen schaut. Vielleicht hätte er im Gesichtsausdruck des ein oder anderen jungen Mannes mit Glatze und Bomberjacke die Fähigkeit zum Mitleid gesehen oder den Wunsch, da rauszukommen. So wie er das beim Zöllner Matthäus erkannt hat.
Jesus sagt ja nicht: Matthäus ist ein toller Typ. Genauso wenig würde er das heute von einem NeoNazi sagen: Nicht die Gesunden bedürfen des Arztes, sondern die Kranken.
Vielleicht wäre das zumindest schon ein kleiner Anfang, wenn wir sehen könnten, dass diese Menschen nicht nur eine hassenswerte Ideologie vertreten, sondern dass dahinter auch noch ein Mensch ist. Ein Mensch, der lernen muss und kann, nicht mehr zu hassen. Vielleicht sogar lernen will.

Ich würde mir das nicht zutrauen, auf diese Menschen zuzugehen.
Der ehemalige Kriminalpolizist Bernd Wagner hat es sich zugetraut. Im Jahr 2000 gründete er die Organisation „EXIT" für ausstiegswillige Neonazis. Fast 500 Menschen haben dieses Hilfsangebot seitdem angenommen und den Weg aus dem braunen Sumpf heraus geschafft.
„Nicht die Gesunden brauchen den Arzt, sondern die Kranken.“

Zum Beispiel Daniel (taz Artikel):
„All die Jahre hatte er auf den Tag X gewartet, an dem sich sein Traum von einem "Vierten Reich" erfüllen würde: "Es war wie eine Mauer, gegen die man immer wieder anrannte. Doch egal was man tat, sie bekam keine Risse", sagt Daniel. Frustriert sei er gewesen. Dazu kam die Scham, als von ihm angeworbene Kameraden wegen versuchter Tötung vor Gericht standen und ihre Eltern ihn für die Tat mitverantwortlich machten.
Bernd Wagner hörte Daniel stundenlang zu – dann stellte er seine Fragen: Wo stehst du? Wo willst du hin? Bis Daniel sagte, dass er aussteigen wolle, verging ein halbes Jahr. Er stellte fest, dass es die Ideologie war, die ihm im Weg stand: "Das war wie eine Sekte."
Als Erstes sorgte Exit für die Sicherheit des Aussteigers. Das Team unterstützte Daniel bei der Suche nach einer neuen Wohnung, um ihn vor ehemaligen Kameraden zu schützen. Exit half ihm bei der Vermittlung eines Anwalts und Gängen zum Gericht, denn Daniel hatte in seiner Zeit als Neonazi verschiedene Straftaten begangen. Auch bei der beruflichen Neuorientierung unterstützte man ihn. Er holte sein Abitur nach. Gleichzeitig begann die Auseinandersetzung mit seinem früheren Leben. In Diskussionen mit verschiedenen Gesprächspartnern begann Daniels stark antisemitisch geprägtes Weltbild zu bröckeln.
"Das Schlimmste war das Alleinsein. Ich hatte ja nicht damit gerechnet, dass mit dem Ausstieg auch mein soziales Umfeld wegfällt", sagt der ehemalige Neonazi. Nachts rief er Bernd Wagner an, weil ihn Ängste plagten. Nach zwei Jahren hatte er es geschafft. Das war 2005. Heute führe er genau das Leben, das er sich gewünscht habe: "Frei von Ideologie." (taz vom 16.4.2012)

Damals war es Matthäus, heute Daniel. Und immer fängt es damit an, im anderen den Menschen zu sehen. Und dann ist – tatsächlich – alles möglich!

Und der Friede Gottes…. Amen.

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