Long as I can see the light

Predigt Pastor Musiolik 20. 1. 2013 „Long as I can see the light“ Joh 12,34-36

Die Donnerstagabende in Sulingen sind doch schön. Gehört man zur Kantorei, wird die Stimme trainiert und man ist der Gemeinde kirchenjahrsmäßig immer ein Stück voraus. Wohnt man nebenan, kann man hinterher mit dem Kantor klönen bei einem Cappucino. Kurz vor 11 wird der immer unruhig und schielt zur Uhr. Bis 11 möchte er nämlich wieder zu Hause in Stehlen sein. Dort gehen dann nämlich die Laternen aus.
„Long as I can see the light“ sang John Fogerty vor Jahren. Solange ich das Licht sehen kann.

Ähnlich wird auch hier im Evangelium gemahnt, die begrenzte Frist zu nutzen, wo es noch hell ist: "Glaubt an das Licht, solange ihr`s habt, damit ihr Kinder des Lichts werdet.“
Jesus macht unser Leben hell. Aber nicht von allein. Er stellt zuvor vor eine Entscheidung.

Ob wir ihm folgen wollen. Dieser Ruf Jesu ist so entscheidend, dass er scheidet. Er scheidet Licht und Finsternis, Leben und Tod.

Du weißt, wie wichtig Entscheidungen sind. Das geht morgens los. Schlaf ich weiter, oder steh ich auf? Wir treffen kleine Entscheidungen Eß ich noch ein Stück oder lass ichs dabei. Wir treffen große Entscheidungen: Heirate ich oder will ich ungebunden bleiben? Umziehen oder wohnen bleiben? Wir entscheiden uns laufend. Und die Entscheidung, lieber das Licht bei Jesus als die Finsternis ohne Jesus zu wählen, sollte eigentlich ganz leicht fallen. Aber es gibt so vieles, was die Leute daran hindert. Der Apostel sagt an anderer Stelle: Sie liebten die Finsternis mehr als das Licht. Kaum zu glauben, daß jemand das Schlechtere vorzieht, aber so geschieht es täglich.

Davor will Jesus hier warnen. Darum sind seine Worte hier nicht kluge Lebensweisheiten fürs Poesiealbum. Sie sind ein alarmierender Ruf. Ein Warnruf. Es geht ums ewige Leben, nicht um ein paar schöne Stunden. Das Licht des Evangeliums, es soll uns nicht nur eine Zeitlang bescheinen in solchen Stunden wie hier im Gottesdienst. Sondern es soll in unseren Herzen entzündet werden, damit es für alle Ewigkeit brennt.
Der letzte Satz vom Predigttext hier ist also wichtig wie der fettgedruckte davor. Er klingt wie eine Randbemerkung: „Nachdem Jesus das gesagt hatte, ging er fort und verbarg sich vor ihnen.“ Aber er hält fest: Nach diesen Worten ist Jesus weg. Diese Sätze vom Licht, das eine kurze Zeit scheint, waren die letzten öffentlichen Worte Jesu. Danach redet er nur noch zu seinen Jüngern.

Das Evangelium ist keine Wahrheit, die immer und überall zugänglich ist. So wie die Erkenntnis, eins und eins macht zwei. Es gibt Zeiten, da kann es gehört werden. Zu anderen Zeiten nicht. Das Evangelium ist kein Naturgesetz, es ist eher wie eine Liebeserklärung:
Wenn zwei einander nahe gekommen sind und sich angelächelt haben. Und sie merken, sie mögen einander. Dann muss immer noch einer etwas sagen. Oder irgendwie seinen Arm an den anderen ran bringen. Oder dem anderen ein Fädchen vom Pullover zupfen. Die reiferen Semester überreichen dem andern vielleicht Rosen oder eine Einladung ins Restaurant. Das kann man zu früh machen, wenn die Gegenseite noch gar nicht bereit dafür ist. Man kann es aber auch zu spät machen.

Wartet man zu lange, geht die Tür wieder zu. Und man merkt im Nachhinein: Jetzt hast du die Gelegenheit verpasse. Vorbei. Und manchmal sogar: Endgültig vorbei!

Auch bei Jesus gibt es Zeiten, da ist die Tür offen. Und es gibt Zeiten, da ist es zu spät. Menschen halten sich manchmal lange im Umfeld dessen auf, was sie in der Kirche oder durch andere Christen von Jesus hören und sehen. Sie zeigen Interesse und sind beeindruckt. Aber sie können sich nicht zu einer dauerhaften Verbindung durchringen, für die sie Verantwortung übernehmen. Und die sie schützen und festhalten.

Auch damals haben die Leute Jesus zugehört. Viele waren beeindruckt, aber sie konnten sich nicht entschließen, deutlich Ja zu ihm zu sagen. Sie staunten, aber sie glaubten nicht. Sie hatten immer wieder ein Wenn und Aber.

So wie man sich ja auch eine Liebeserklärung mit vielen Wenn und Abers verderben kann. Wenn man zu lange grübelt, ob er zu viele Pickel hat oder sie zu wenig Geld. Und es fallen einem immer neue Gründe ein, weshalb man warten sollte und noch mal gründlich überlegen. Aber man kann nicht dauernd in so einem Schwebezustand bleiben. Dauerverlobungen funktionieren nicht. Beim Glauben ist es genau so.

Deshalb tut Jesus etwas hier, was er schon manchmal gemacht hat: Er geht weg. Schon vorher ist er mit seinen Jüngern von einer Stadt zur anderen gegangen. Überall hätten ihn die Leute gern länger da behalten. Das war so bequem, ihn in greifbarer Nähe zu haben. Aber Jesus lässt es nicht zu, dass wir uns in seiner Nähe einrichten, ohne uns zu entscheiden. Deshalb geht er, in die nächste Stadt. Und wer will, darf mit ihm mitgehen. Aber das heißt eben: Er muss auch etwas investieren.

Das ist wohl ein großer Unterschied zu unserem Ortsgemeindesystem. Wo seit Jahrhunderten eine Kirche im Dorf ist. Wo jeden Sonntag Gottesdienst ist und die Leute denken: Das wird immer so sein. Diese Gelegenheit läuft mir nicht davon. Ja. Aber man verpasst nichts so gründlich wie eine Gelegenheit, die man theoretisch jede Woche hat.
Stell dir vor, in der Hölle ist eine große Krisensitzung. Es wird beratschlagt: "Wie kriegen wir die Leute von Jesus weg, damit es hier voller wird."

Einer meldet sich und sagt:
"Ich werde auf die Erde gehen und den Menschen erzählen, es gibt keinen Gott."
Die älteren Teufel winken müde ab und sagen: „Ach, laß man, darauf fallen die schon lange nicht mehr rein. Wir sind im 21. Jahrhundert, Religion ist auf dem Vormarsch, so kritisch sind die Leute nicht mehr ."

Da meldet sich ein zweiter und sagt:
"Ich werde ihnen erzählen: Gott ist viel zu heilig, und ihr Menschen seid so schlecht, er wird euch nie annehmen und zu sich lassen." Die andern schütteln wieder den Kopf: „So klappt das nicht, es gibt doch die Bibel, da stehts doch ganz anders. Und das Kreuz können sie auch noch sehen in den Kirchen. Sie wissen, dass es Vergebung gibt. So geht das nicht.

Da meldet sich ein dritter mit dem Vorschlag:
"Ich werde auf die Erde gehen und ihnen einreden, sie haben noch viel Zeit und können sich das alles noch lange überlegen." Da tobt die Hölle vor Begeisterung. Denn dort wissen alle, daß die Gnadenzeit nur kurz ist.

Die Zeit drängt also. Darum betont die Bibel so oft das Heute: Heute, wenn ihr seine Stimme höret, so verstocket eure Herzen nicht. Auch in der bekanntesten Bekehrungseschichte der Evangelien, wie Jesus den Zachäus vom Baum holt, ist das der Hauptgedanke. In vielen Predigten darüber wird gern der Gedanke betont, daß Gott die Kleinen lieb hat, deshalb ist der Zöllner da ja auf den Baum geklettert. Ist auch richtig. Oder es wird der moralische Aspekt betont, wie dieser Gauner hinterher sein Leben ändert und den Schaden ersetzt und sozial tätig wird. Auch richtig. Aber ganz wesentlich ist, wie Jesus den Mann drängt: Heute, jetzt ist Heilszeit, nutze die Stunde, die kleine Zeit, wo das Licht Gottes an dir vorbeizieht, greife zu.

Jesu Verkündigung vom anbrechenden Gottesreich und die Einladung dorthin hatte den Dringlichkeitsgrad einer Lokomotive, die unter Volldampf steht. Sein Motiv war die sofortige Neugeburt, die sofortige Rettung, die sofortige Nachfolge.

Als Jesus den Zachäus entdeckt, der wie ein Laubfrosch auf dem Ast klebt, da fängt er keine Terminverhandlungen an:

Gehe ich recht in der Annahme, Sie könnten der Herr Zachäus sein?

Ja doch, aber ich bin privat hier.

Ich wollte aber gern etwas mit Ihnen besprechen.

Muß das unbedingt heute sein?

Nicht unbedingt. Aber vielleicht hätten Sie demnächst ein paar Minuten Zeit.

Worum geht es denn? Ist es so wichtig?

Ich würde wohl meinen, es könnte für Sie ein Stück weit bedeutsam sein.

Diese Woche ist alles besetzt. Aber Montag in 14 Tagen, da ginge es.

Gut, also dann Montag in 14 Tagen unterm Maulbeerbaum.

Ist Jesus so aufgetreten? Mitnichten! Soviel Zeit gab er dem Gesprächspartner nicht. Er macht kein unverbindliches Angebot für distanzierte Beobachter. Er redet geradezu im Befehlston:
"Sofort kommst du da herunter!"

Das ist die Sprache der Autorität. Das ist die Dringlichkeit des Feuerwehrmannes, der das lebensrettende Tuch aufgespannt hat und dem Mann im brennenden Haus zuruft: Springen Sie jetzt!

Dann folgt die Begründung: Ich muss heute in deinem Haus einkehren. Heute! Kein ich möchte, dürfte ich vielleicht. Ich muss! Seine Liebe zwingt ihn.

Genau so sollten wir auch einer verloren gehenden Welt das Evangelium mitteilen. Paulus sagt: Die Liebe Christi drängt uns, darum sind wir Botschafter an Christi statt: Laßt euch versöhnen mit Gott.

Und was geschah? War Zachäus beleidigt über solche Aufdringlichkeit?
Nein. Er kam sofort herunter.
Denn die Welt sehnt sich nach dem Licht.
Jesus bestimmt den Zeitpunkt, sagte ich. Auch den Zeitpunkt, wann und wie jemand überwunden wird von der Wahrheit des Glaubens. Das ist immer ein Wunder, den Zeitpunkt können wir nicht machen. Der längstmögliche Zeitraum, wo ein Mensch zum Licht kommen kann, die die Länge seines Lebens, von der er nicht weiß, wie lange es währt.

Was heißt das für die Kirche? Wir Christen müssen der gegenwärtigen Generation das Evangelium bezeugen. Mit allen Kräften. Für diese Menschen tragen wir die Verantwortung. Wer sonst. Für die Christen vor uns waren die heutigen Zeitgenossen noch nicht erreichbar. Für die Christen nach uns sind die heutigen Zeitgenossen nicht mehr erreichbar. Die einzigen, die unsere Zeitgenossen erreichen können, sind wir, die Christen der jetzigen Endzeit, Entscheidungszeit, Gnadenzeit.

In den nächsten Wochen werden wir im Kreis der hier Verantwortlichen, also Mitarbeiter, Kirchenvorstand, Mitarbeiterforum die Termine vom Jahresplan 2013 durchgehen. So eine Vorschau ist wichtig, damit im Blick bleibt, was sind neben den regelmäßigen Veranstaltungen die Höhepunkte. Die wichtigen Events, die längere Vorbereitung, Konzentration, womöglich Werbung benötigen.
Und dann wünsche ich mir, dass dann nicht nur der Gesichtspunkt ist, haben wir Doppelbelegung der Räume vermieden, bleiben die Kosten im Rahmen, kriegen wir den Saal oder die Kirche voll.

Ein ganz entscheidender Gesichtspunkt muss immer sein: Wo kommt der Ruf vor, den Kirche der Welt schuldig ist, kommt zu Jesus, jetzt, macht die Sache mit ihm fest.

Heute ist Landtagswahl. Wenn die Partei, die du ankreuzt, nur in die Opposition kommt oder nicht mal über 5 Prozent. Oder in die Regierung, aber sie baut nur Mist. Dann ist das kein Unglück. In fünf Jahren wird ja wieder gewählt.

Jesus aber geht weiter. Das Ende der Epiphaniaszeit heute erinnert daran. Geh mit. Mit diesem herrlichen Herrn, der allein dein Leben hell macht.
Amen.

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