Lichtgestalten

Liebe Gemeinde,
Der Katalane Pep Guardiola ist es gerade für den FC Bayern und seine Fans. Wowereit war es mal, Platzeck vielleicht auch, zumindest für die SPD.
Barack Obama gehörte dazu, auf jeden Fall.
Es gibt sie, diese Lichtgestalten, an die wir die Hoffnung auf Veränderung knüpfen. Vielleicht weiß der Verstand, dass das illusorisch ist und trotzdem: Das wäre doch schön, wenn ein Mensch mit Tatkraft, Willen und Überzeugung den großen Wurf machen würde. Diese Welt wirklich heller und gerechter machen würde.
Ob der spanische Fußballtrainer die in ihn gesteckten Erwartungen erfüllen kann, werden wir erleben. Zum Berliner Flughafen-Desaster will ich jetzt gar nichts weiter sagen. Aber erinnern wir uns doch noch einmal, welche großen Hoffnungen an Barack Obama geknüpft wurden bei seinem ersten Amtsantritt vor vier Jahren:
Mehr soziale Gerechtigkeit,
medizinische Versorgung für alle,
ein besseres Verhältnis zur islamischen Welt,
Schließung von Guantanamo,
Öffnung der US-Politik für den Umweltschutz,
und noch vieles mehr.
Wie viel, oder besser gesagt, wie wenig ist von diesen großen Hoffnungen geblieben. Jetzt würde es schon als Erfolg vermeldet, wenn das Waffenrecht minimal verschärft würde: Ein Verbot von Sturmgewehren und die Magazine von Handfeuerwaffen dürften nur noch 10 Schuss enthalten.
Barack Obama: Da ist jemand als Tiger gestartet und als Bettvorleger gelandet.
Und wir stellen fest: Lichtgestalten haben es nicht leicht.
Sehr schnell fällt ein dunkler Schatten auf das strahlende Image und dann kann der Fall tief sein – Christian und Bettina Wulff erleben das gerade unter gnadenloser Beobachtung durch die Öffentlichkeit ganz bitter.

In unserem heutigen Predigttext wird Jesus als Lichtgestalt angesprochen – und gleichzeitig verweigert er sich diesem Anspruch.
Ich lese aus dem Johannesevangelium, Kapitel 12:
[34] Da antwortete ihm das Volk: Wir haben aus dem Gesetz gehört, dass der Christus in Ewigkeit bleibt; wieso sagst du dann: Der Menschensohn muss erhöht werden? Wer ist dieser Menschensohn? [35] Da sprach Jesus zu ihnen: Es ist das Licht noch eine kleine Zeit bei euch. Wandelt, solange ihr das Licht habt, damit euch die Finsternis nicht überfalle. Wer in der Finsternis wandelt, der weiß nicht, wo er hingeht. [36] Glaubt an das Licht, solange ihr’s habt, damit ihr Kinder des Lichtes werdet. Das redete Jesus und ging weg und verbarg sich vor ihnen.

Jesus hat in seinen Reden schon auf sein wenig rühmliches Ende am Kreuz hingewiesen und das widerspricht dem, was die Menschen damals – und heute! – von einem Messias erwarten. Er soll ewig blieben und das Gottesreich auf Erden gründen, sofort und für immer. So hatte sich das Petrus in der Evangeliumslesung für heute ja auch gedacht: Oben auf dem Berg wird Jesus zu einer überirdischen leuchtenden Lichtgestalt und Petrus findet es toll: Hier ist gut sein! Das wünscht er sich: Im Lichte des Lichtmenschen Jesus leben, immer Klarheit haben, das wäre schön.
Jesus enttäuscht die hohen Erwartungen von Petrus und auch der Fragenden aus dem Predigttext. Am Ende entzieht er sich sogar und versteckt sich.
Aber vorher verweist er auf das Hier und Jetzt:
Das Licht ist noch eine kleine Zeit bei euch. Geht euren Weg, solange es hell ist, damit die Dunkelheit euch nicht überfällt. Wer im Dunkeln geht, weiß nicht, wohin der Weg führt.
Eine Binsenweisheit, oder? Im Dunkeln sieht man nichts. Das passiert uns hier in Wolfsburg sowieso nicht mehr, wo die ganze eine Nacht hindurch die Straßenlaternen brennen (eine ziemliche Energieverschwendung, wie ich finde). Aber als wir im vorletzten Jahr durch die wilden Abruzzen wanderten und eine Tour deutlich länger wurde als erwartet, da habe ich schon Angst bekommen: In den Abruzzen gibt es nämlich keine Straßenlaternen, dafür aber Wölfe und sogar Bären. Da war ich schon heilfroh, als wir im Licht der Dämmerung unser Quartier erreichten. So ging es den Menschen, zu denen Jesus spricht, natürlich auch: Sie wussten um die Gefahr der hereinbrechenden Dunkelheit. Klar sieht man unter diesen Bedingungen zu, dass man im Hellen nach Hause kommt.

Natürlich geht es Jesus darum, dass die Menschen ihren Weg an ihm orientieren, solange sie das noch können. An ihm können wir lernen, was es bedeutet „als Kinder des Lichtes“ zu leben. Dazu müssen wir wissen, was er tut. Laut Johannes verwandelt er als allererstes Wasser zu Wein und rettet so eine Hochzeit (letzte Woche). Das zweite Wunder, das Jesus laut Johannes tut, ist die Heilung eines Kindes. Zwischendrin spricht er mit einer Sünderin und führt ein theologisches Gespräch mit ihr.
Wenn ich das mal ganz schlicht auf uns übertrage, könnte das nicht heißen:
Ich gehe meinen Weg im Licht, wenn ich mit Jesus das Fest des Lebens feiere – und zwar so, dass auch andere an diesem Fest teilhaben können. Alle Menschen sind zu diesem Fest eingeladen und es liegt auch in meiner Verantwortung dafür zu sorgen, dass sie Zugang zu diesem Fest bekommen. Heute, am Wahlsonntag, heißt das: Wir dürfen uns nicht damit abfinden, dass ein großer Teil der Bevölkerung sozial abgehängt ist. Und damit auch die Kinder, denen Bildungs- und Aufstiegschancen verwehrt werden, in Deutschland mehr als in anderen europäischen Ländern. Es heißt aber auch, dass diese Erde als Festsaal allen Menschen und kommenden Generationen zugänglich sein muss – auch an dieser Stelle hat jeder von uns Einfluss durch den eigenen Lebenswandel.
Ist das zu weit hergeholt?

Jesus jedenfalls traut uns zu, unseren Weg im Licht zu gehen. Er sagt sogar, dass wir Kinder des Lichtes sein können. Und heißt das nicht: Lichtgestalten?
Sie, Frau X, Sie sind eine Lichtgestalt.
Und Du, Y, bist eine Lichtgestalt.
Ich, Anke Döding, eine Lichtgestalt?!?
Tut mir leid, da muss ich erst einmal lachen. Wenn ich daran denke, wie oft ich schlecht gelaunt oder einfach nur müde bin. Eine Lichtgestalt?
Trotzdem, ich lassen Sie es sich mal auf der Zunge zergehen und bewegen Sie es im Herzen: „Ich bin eine Lichtgestalt“ – keine, die die Welt retten wird, aber eine, die es für andere heller machen kann.
Wie fühlt sich das an?
Du bist eine Lichtgestalt, Sie sind eine Lichtgestalt – im Rahmen der eigenen Möglichkeiten. Jeder von uns.
Und der Friede Gottes ….

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