Ein Loblied auf das Licht

Es ist ein leichtes, liebe Gemeinde, das Loblied des Tages, der Helligkeit, des Lichtes zu singen.
Mir jedenfalls fällt es leicht, weil ich zugegebenermaßen noch nie wirklich ein Nachtmensch war.
Der Winter, wenn er sich nicht gerade von seiner allerschönsten neuschneeleuchtenden Seite präsentiert, was bekanntermaßen immer nur nur wenige Stunden andauert, bis wir in ihm deutliche Spuren hinterlassen haben, der Winter hat neben der Kälte vor allem das Problem, dass es ihm an Licht mangelt.
Klingelt morgens der Wecker, ist es draußen noch dunkel, macht man sich auf den Weg zur Arbeit oder zur Schule, ist es immer noch dunkel, kommt man nach Hause – nach der Arbeit oder Schule – ist es schon wieder dunkel.
Wer das Glück hat, sich diesem Rhythmus nicht (mehr) unterwerfen zu müssen, weil er nach getaner Lebensarbeit den Feierabend des Ruhestandes genießen darf, muss zumindest das Licht einschalten, damit die Neuigkeiten des Tages in der Zeitung festgehalten nicht im Dunkeln bleiben, sondern die Neugierde erhellend gelesen ans Tageslicht kommen.
Es gibt solche Tage, manchmal wochenlang wie am Anfang dieses noch jungen Jahres, da will es irgendwie überhaupt nicht mehr hell werden…
Unserer Seele tut das nicht gut.
Wir brauchen Licht, damit es auch in uns hell werden kann.
Und auch wenn wir keine Pflanzen sind, die das Licht zum Leben, Überleben und Wachstum brauchen, schlägt uns Dunkelheit aufs Gemüt, und wir müssen dringend etwas gegen die Folgen der Dunkelheit tun. In nordischen Ländern, die wir im Sommer wegen ihrer nicht enden wollenden Tage und der Mitternachtssonne womöglich beneiden, wird es im Winter tagsüber überhaupt nicht hell mit gravierenden Auswirkungen auf die Psyche der Menschen, die nur begrenzt durch den vermehrten Genuss von leckeren Zimtschnecken ausgeglichen werden können.
Nachtschattengewächse heißen so, nicht weil die die Regeln des Lebens außer Kraft setzen können und ohne Licht im Schatten der Nacht gedeihen, sondern weil Menschen seit alters her die Folgen, die Schatten der Nacht, mit ihren Früchten bekämpft haben.
Aber Spass beiseite: die Lichtsymbolik der Bibel leuchtet ein.
Schöpfung und Leben beginnen mit Gottes „es werde Licht, Abend und Morgen, ein erster Tag“!.
Und Jesus, bekannt für seine bildreiche Sprache, die auch einfache Menschen ohne Schulbildung, dafür mit jeder Menge praktischer Lebenserfahrung verstehen konnten, bedient sich nach dem Zeugnis des Johannesevangeliums besonders gerne der Lichtsymbolik, um seine Person, sein Leben, seine Bedeutung zu verdeutlichen.
Etwas salopp zusammengefasst: um nicht im Dunkeln zu tappen, um nicht den Überblick und die Orientierung zu verlieren, um Licht ins Dunkel zu bringen, um die Schummelecken auszuleuchten – dazu ist er gekommen, dazu hilft der Glaube. Das gelingt vor allem oder nur mit ihm. Und das macht die Bibel sprachlich auf der reflektierten Ebene der verantwortlichen und durchdachten Glaubenssätze ebenso deutlich, wie auf der bildhaften Ebene der Zeichen- und Symbolsprache.
Wir stehen als Kirche mit der Botschaft des Evangeliums dafür, dass wir im gesellschaftlichen Diskurs wertebezogen argumentieren und entscheiden. Ethik, verantwortliche zur Tat und Handlung führende Diskussionen und Entscheidungen brauchen die Verortung in einem Wertesystem, brauchen die Definition, was gut, der Schöpfung, dem Menschen, seiner Würde und seinem Leben dienend weiterführt und erhellt. Das gilt in Fragen der sozialen Gerechtigkeit, dem Miteinander von Arm und reich in einer Gesellschaft, die nicht endgültig auseinanderdriften will, ebenso wie in der Friedensethik, die begreift, dass Frieden nicht wirklich aus Gewalt wachsen und mit Gewalt bewahrt werden kann. Das gilt in den Diskussionen um die Energiewende ebenso wie in Fragen der Integration von Menschen auf der Flucht vor Verfolgung oder Hunger oder Bildungsarmut, was alles gleichermaßen schwer wiegt.
Die richtigen Haltungen, klugen Entscheidungen und vernünftigen Positionierungen, an denen ich mich mit Blick auf Humanität als Gesellschaft dann auch messen lassen kann, sind schon schwer genug zu beschreiben. Ohne erhellende Einsichten, manchmal auch Erleuchtungen kraft der Vernunft oder göttlicher Eingebung – auch darum dürfen wir als Kirchen, als Christen für Verantwortliche durchaus bitten – geht es wahrlich überhaupt nicht. Es braucht das gemeinsame, manchmal auch kontroverse Ringen und dann das erhellende Aufleuchten und Hineinleuchten des Lichtes.
Auf der Bild- oder Symbolebene gesprochen für das , was der Glaube an Jesus Christus leisten kann und will: wer in der totalen Finsternis sitzt (ich kann übrigens verstehen, dass bei unseren Ahnen plötzliche totale Sonnen- oder Mondfinsternisse Weltuntergangsahnungen aufkommen ließen, weil damals Finsternis noch wirklich finster sein konnte – vor dem Lichtsmog, in dem wir selbst aus dem Weltall wahrnehmbar leben) kann mit einem kleinen Licht schon unglaublichen Einblick und Durchblick gewinnen.
Eine kleine Kerze kann einen weiten dunklen Raum erkennbar und warm in einem ganz anderen Licht erscheinen lassen. Wer es nicht glauben mag, kann es ausprobieren und der versteht, warum Täuflingen als Erläuterung des Jesuswortes „Ich bin das Licht der Welt; wer an mich glaubt, wird nicht wandeln in der Finsternis, sondern wird das Licht des Lebens haben!“ eine am Osterlicht entzündete Taufkerze überreicht wird.
Weil die Lichtsymbolik sich auch dem religiös entwöhnten Menschen erschließt, lieben alle die licht erfüllte Weihnachtszeit, die sich heute mit einem großartigen gottesdienstlichen Finale von uns und dem Kirchenjahr für diesmal verabschiedet. Dies tut sie aber, nicht ohne noch einmal deutlich zu machen, dass wir doch jetzt wissen, wer das Licht ist und wo das Licht ist, wenn diese Zeit worüber ist, und wir wieder einmal meinen, endgültig im Dunkeln zu tappen.
Unbestritten: mit Weihnachten, mit der Erfahrung oder dem trotzigen Bekenntnis gegen allen Augenschein von Gottes Menschwerdung und Einwanderung in unsere Verhältnisse, ist nicht mit einem Schlag alles gut und anders geworden. Es ist nur eindeutig nicht mehr gott-los, weil wir meinen, Gott losgeworden zu sein oder ihn unterwegs durchs Leben verloren zu haben.
Im Johannesevangelium wie im Kirchenjahr folgt auf das Zeichen des Lichtes das Zeichen des Kreuzes. Es erscheint nun nur in einem anderen, helleren Licht.
Es ist nicht mehr und ausschließlich ein Symbol des Scheiterns, des Schmerzes, des Leides und des Todes, nicht mehr nur das Tal der Tränen weit weg von allen Orten des Lebens, ganz tief unten im dunklen Loch, wo man nicht mehr tiefer sinken kann.
Es ist ein Ort, an den sich Gott tief hinab gebeugt hat, um alle und alles dort zu sich zu ziehen und zu erhöhen, so wie der Menschensohn am Kreuz für alle sichtbar ein Stück in die Höhe gehoben wurde, um deutlich zu machen, dass Gott seine Pläne, sein Licht, sein Ziel nicht durchkreuzen lässt von allen erdenkbaren Grausamkeiten menschlicher Phantasie. Die sorgt immer noch für finsterere Schrecken rund um den Erdball. Der Krieg in diesen Stunden, der Terror in Algerien und in Syrien, die Hunger- und Folterlager weltweit erzählen davon. Aber das Kreuz wirft darauf ein anderes Licht. In diesem Licht wird Unrecht als Unrecht sichtbar und Krieg und Gewalt als Mord und Totschlag, die zwar manchmal dazu dienen, wiederum Mord und Totschlag in Zaum zu halten, aber nicht Gottes letzte Antwort auf unser Fragen und Sehnen sein können. Die leuchtet im Leben dieses Mannes, des Menschen- und Gottessohnes auf und geht über allen mit dem unaufhaltsamen Licht des Ostermorgens auf: Tod nicht um Gottes willen, wohl aber Leben und Gerechtigkeit und Frieden, wo sein Licht hin scheint und sein Licht leuchten darf. Ich jedenfalls habe kein anderes Licht, das wirklich und wahrhaft alle Dunkelheit vertreiben kann, aber von der Leuchtkraft, Klarheit und Wärme dieses einen Lichtes Jesus Christus lebe ich Tag für Tag und gebe gerne davon weiter, teile, damit alles und alle erhellt werden in der Hoffnung auf eine Welt für alle als Kinder des Lichtes, die der Dunkelheit fliehen und das Licht nicht scheuen. Amen

drucken