Besuch bei den Ungläubigen

Liebe Gemeinde!

Predigten haben ein großes Generalthema. Das lautet: Glaube. Glaube an Gott, an Jesus Christus, an den Heiligen Geist.

Auch unser heutiger Predigttext beginnt mit diesem Generalthema:
Glaubt an das Licht, solange ihr’s habt, damit ihr Kinder des Lichtes werdet. Diesem Ruf Jesu fügt der Evangelist Johannes eine Notiz hinzu: Das redete Jesus und ging weg und verbarg sich vor ihnen. In aller Regel sind diese scheinbar nebensächlichen Notizen im Johannes-Evangelium meist von symbolischer Bedeutung. So auch hier. Der sich verbergende Christus führt uns vor eine andere Tür, eine Tür, die wir heute öffnen wollen. Über der Tür steht: Unglaube.

Sie glaubten doch nicht an ihn, notiert Johannes dann im Fortgang und er greift auf das Erste Testament zurück und zitiert Jesaja, der schon zu seiner Zeit Unglauben beklagte und zugleich eine Theorie dazu lieferte:
Gott selbst habe den Ungläubigen die Augen verblendet und deren Herz verstockt.

Achtung: Sie betreten die Zone des Unglaubens.

Man ahnt, dass hinter dieser Tür unbequeme Themen auf uns warten. Heute wollen wir der Frage nachgehen, wie wir als Christen denen begegnen, die von sich sagen: Ich glaube nicht. Also Achtung, wir betreten die Zone des "Unglaubens".

Glauben wir das Glaubensbekenntnis?

Ehe wir uns den "Ungläubigen" zuwenden und sie selbst zur Sprache kommen lassen, stellen wir eine Frage an uns selbst. Eine Frage, die sich auf das bezieht, was wir eben noch gemeinsam getan haben. Was ich meine? Ich meine das Glaubensbekenntnis. Mal ganz ehrlich, können Sie zu jedem einzelnen Satz dieses Bekenntnisses "Ja, das glaube ich" sagen?

Unsere Zeitungen präsentieren gerne Umfrageergebnisse, die zumindest starken Zweifel aufkommen lassen, dass alle, die mitsprechen auch inhaltlich allem zustimmen:

Die Aussage, Jesus sei vom "Heiligen Geist empfangen" machen sich angeblich gerade einmal 24% der Evangelischen zu eigen. Kaum mehr als 34% glauben an Jesu Auferstehung. Muss man aus solchen Ergebnissen schließen, dass es mit unserer Kirche immer weiter bergab geht?

Bis in das Jahr 1813 bestand in England die Todesstrafe für öffentliche Leugnung der Trinitätslehre. Gegen Ende des 18. Jahrhunderts wurde in Lübeck noch aus dem gleichen Grund eine junger Handwerksbursche hingerichtet.

Wenn unsere Gemeindemitglieder heute die Freiheit haben, sich von Glaubenssätzen ihrer Kirche auch zu distanzieren, so ist das – zumindest auf diesem Hintergrund gesehen, kein Verfall sondern ein Zugewinn an Freiheit, an geistiger Freiheit, an Meinungsfreiheit, die ja bekanntlich zu den Grundsätzen einer demokratischen Gesellschaft zugehört.

Was heißt "glauben"?

Ist das nun schon Unglaube, wenn ich mich nicht der Lage sehe, jeder Zeile unseres Glaubensbekenntnisse zuzustimmen?

Nein. Unser Glaube bindet sich ja nicht an Lehren oder Dogmen. Er bindet uns nicht an Personen der Kirche und manches Mal nicht einmal an die (verfasste) Kirche selbst.

Glaube bindet uns einzig und allein an Gott. Richtiger gesagt: Gott bindet den Glaubenden durch Glauben an sich. Das ist die Quelle. In der Evangelischen Kirche unterscheiden wir zwischen Glaube und Lehre bzw. Dogmatik.

Glaube ist unsere Bindung an Gottes Wirklichkeit, an seine Liebe, die sich uns in Christus Jesus offenbart hat. Glaube ist Vertrauen. Ich denke, das muss ich nicht weiter entfalten, weil uns diese Einsicht sicherlich geläufig ist. Glaube ist das uns geschenkte Vertrauen in Gott.

Warum es Menschen so schwer fällt, zu glauben.

Und wie denken wir nun über die, die von sich sagen: Ich kann nicht an Gott glauben. Ich habe kein Vertrauen in ein "höheres Wesen". Da stehen mir mein Verstand und meine Erfahrungen dagegen.

Lassen wir einige dieser Menschen selbst zu Worte kommen. Was sie sagen, bzw. schreiben, findet man auf der Internet-Seite "ohne-gott.de". Das ist eine Diskussionsseite, die das Erzbistum Köln betreibt.

"Ich glaube nur, was ich sehe", schreibt Thomas (28). Ein anderer schreibt: "Der Name Gottes ist belastet mit der Kirchengeschichte und all den Gräueln, die darin passierten." Sein Fazit lautet: "Ich kann nicht glauben, weil es die Kirche gibt!" Ein Mann (67) meint: "Der gewalttätige, rachsüchtige Gott des Alten Testaments stößt mich ab." Eine junge Frau beklagt: "Es gibt so viel Leid auf der Welt." Ein Mann um die 40 gibt zu bedenken: "Glaube ist Illusion und tröstet nur über die Härte des Lebens hinweg."

Eine weitere Frau (48) sieht die Gründe ihres Unglaubens in ihrer Lebensgeschichte:
"Endgültiger Auslöser für meinen Unglauben ist die Theodizeefrage (das ist Frage danach, wie sich Gott und das erlebte Böse zusammen denken lassen), nicht nur global sondern ganz konkret in meinem Leben. Das Ausmaß von Leid und frühzeitigem Tod das ich in meinem direkten familiären und persönlichen Umfeld erfahren musste ist derart unfassbar, dass es mich nicht nur an sondern über die Grenze geführt hat. Am eigenen Leib, in Hoffnungslosigkeit, Trauer und Verzweiflung erfuhr ich, wie der menschliche Geist sich einen Ausweg sucht um mit (mehrfachen) grausamen Schicksalsschlägen klarzukommen. Meine Lebenserfahrung ist die, dass die Welt grausam, zufällig und gottlos ist."

Wie denken wir über die, die von sich sagen: Ich kann nicht an Gott glauben. Ich kann ihm nicht vertrauen, weil dieses Vertrauen nicht, nicht mehr oder noch in mir gewesen ist. "Ich wollte, ich könnte glauben," schreibt ein Mann (40) auf der erwähnten Internet-Seite.

"Außerdem spielt auch die Erziehung eine große Rolle und wem das nie eingeredet wurde und wer auch nie Bekanntschaft mit einem Gefühl dafür hatte, kann nicht daran glauben auch wenn er’s will", stellt ein Mann, ebenfalls um die vierzig, fest.

Kathrin Spoerr, eine Autorin, die in der DDR aufgewachsen ist, schreibt über ihren unerfüllten Wunsch, glauben zu können:
"Aber wie kann man glauben lernen? Ich habe viel versucht. Ich ging in die Christenlehre, ich probierte Alternativen wie die Neuapostolen und die Baptisten aus. Doch sie alle schafften es nicht, in mir das Element des kindlichen Glaubens an naturwissenschaftlich Unerklärbares zu erzeugen. Ich wäre jeden Kompromiss eingegangen. Die Eigenverantwortlichkeit des Menschen hätte ich als Erklärung für das Leid, das Böse, das Schlechte und Ungerechte auf der Welt akzeptiert. Das Leben nach dem Tod, die Auferstehung Christi, die Erschaffung der Welt und die Jungfräulichkeit Marias hätte ich als Gleichnis verstanden. Aber alle intellektuellen Versuche sind gescheitert. Ich konnte nicht an Gott glauben. Weder an einen realen, noch an einen irgendwie metaphysischen. Ich kann an nichts glauben, das nicht erklärbar ist.
Später, als meine intellektuelle Annäherung an Gott schon mehrfach gescheitert war, schuf ich Fakten fürs Christsein. Ich ließ mich konfirmieren. Ich heiratete kirchlich. Ich schickte meine Kinder in evangelische Kindergärten und Gymnasien. Die Wahrheit aber ist, dass ich mich selbst belogen habe."

Wir denken wir über die Menschen, deren Äußerungen wir gerade gehört haben? Zu jedem könnte man viel sagen und manche/r unter uns hätte wohl Lust, sofort in eine leidenschaftliche Diskussion einzutreten. Was ja ein guter Anfang wäre! Wir sind gefordert, das Gespräch zu suchen. Wir sind nicht gefordert, Urteile zu fällen. Ungläubige kommen in allen Religionen selten gut weg. Nur einer hält sie des Gesprächs für würdig. Meistens aber heißt es: Wer aber nicht glaubt, der wird verdammt werden (MK 16,6). "Was nun die Ungläubigen anlangt, so will Ich ihnen strenge Strafe auferlegen in dieser und in jener Welt, und sie sollen keine Helfer finden." (Koran, Sure 3,56).

Ich hoffe sehr, liebe Gemeindemitglieder, dass Sie mir zustimmen: Ein solche Haltung gegenüber Menschen, die unseren Glauben nicht teilen, ist eines Christenmenschen unwürdig.

Dass alle Menschen überall einer Meinung sind und die gleichen Lehren und Ansichten teilen, ist m.E. keine religiöse Notwendigkeit. Ich sehe meinen Glauben nicht dadurch gefährdet, dass ihn andere nicht teilen. Für mich gilt, was in der Bibel steht: Seid allezeit bereit zur Verantwortung vor jedermann, der von euch Rechenschaft fordert über die Hoffnung, die in euch ist (1. Petr 3,15). Das heißt für mich: Rede über deinen Glauben. Rede so, dass der, der dir zuhört, spürt, du willst ihn einladen. Rede niemals so, als hättest du keine Achtung vor dem, der anders fühlt, glaubt und denkt.

Die Forderung, alle müssten einer Meinung, eines Glaubens sein, hat m.E. mehr mit Politik als mit Religion zu tun. Nach der Reformation vertrieben die Fürsten die jeweils andere Konfession aus ihrem Land. Herrscher ertragen es selten, wenn ihre Untertanen frei denken. Das gilt für die römischen Kaiser, die das Christentum fürchteten; das gilt für Kommunisten und Faschisten; das gilt überall dort, wo Menschen über andere Menschen herrschen wollen. Heute gilt es leider in den Ländern des Islam, in denen Christen verfolgt und ermordet werden. Und – abermals leider – gab es allezeit stets auch Relgionsvertreter, die diese Intoleranz für Gottes Willen ausgaben.

Jesus gibt uns ein anderes Bild: Er tritt dem, der sagt "Ich kann nicht glauben" selbst gegenüber und hilft dem sprichwörtlich "ungläubigen Thomas", seine Zweifel zu überwinden.

Glaube ist uns unverfügbar

Dieses Bild führt uns nun zu einem nächsten Gedankenschritt. Glaube – im Sinn von vertrauensvoller Bindung, in die Gott einen Menschen hinein nimmt – ist uns unverfügbar. Wir können "glauben" nicht machen. Die von Kathrin Spoerr erzählte Lebensgeschichte führt uns diese Einsicht deutlich vor Augen.

Im Ersten, im Alten Testament, stoßen wir bei den großen Propheten auf eine nach meinem Geschmack schwierig zu verstehende Lehre, nämlich die sogenannte "Verstockungstheorie". Sie schafft sich Ausdruck in dem in unserem Predigttext zitierten Jesaja-Wort: Er hat ihre Augen verblendet und ihr Herz verstockt, damit sie nicht etwa mit den Augen sehen und mit dem Herzen verstehen und sich bekehren und ich ihnen helfe.

In aller Kürze skizziere ich, was von dieser Lehre zu halten ist: Sie unterstreicht – auf dunkle Weise – was schon gesagt worden ist: Glaube ist uns unverfügbar. Ich kann mir nicht vornehmen, einen Menschen zu lieben. Liebe entsteht genauso wie Glauben jenseits dessen, worüber wir verfügen können. Zum zweiten: Jeder von uns kennt Lebens-Situationen, zu denen man rückblickend sagen musste: Mein Gott, damals war ich so vernagelt. Heute denke ich anders. Das mag zur historischen Erfahrung im Nachkriegsdeutschland ebenso gehört haben wie zu bestimmten, meist jugendlichen Lebensphasen, in denen wir gefangen waren in unserer Gedanken, Urteilen und Vorurteilen.

Wer sehr viel Unglück erlebt hat, verliert das Vertrauen in Gott. Das kann man doch nicht zum Vorwurf machen. Für schwierig halte ich es, Gott dafür zur Verantwortung zu ziehen. Einen Gott zu glauben, der in der Beliebigkeit eines despotischen Herrschers dem einen wohlgesonnen Glauben schenkt, dem anderen übel will und Glauben verweigert, vermag ich mir nicht wirklich vorzustellen.

Mein Fazit zur Verstockungslehre lautet: Sie unterstreicht die Unverfügbarkeit des Glaubens. Kritisch ist es, dass sie ein sehr dunkles Gottesbild beinhaltet.

Gibt es eine Antwort?

Verlassen wir nun die Zone des Unglaubens. Ich hoffe, wir gehen sehr nachdenklich aus diesem Raum heraus. Hat Sie der Aufenthalt dort verunsichert?

Heute feiern wir den letzten Sonntag nach Epiphanias. "Glaubt an das Licht, solange ihr’s habt, damit ihr Kinder des Lichtes werdet." Diesen Ruf Jesu aus dem Johannes-Evangelium haben wir mitgenommen in die Zone des Unglaubens. Dort sind uns ehrliche Menschen, Menschen die suchen, Menschen die sich Gedanken machen begegnet. Menschen, die das Licht, das wir feiern, nicht sehen können. Diese Frage bleibt. Sie bleibt als Herausforderung unser Kirche, vom Glauben zu reden. In einer missionarischen Kirche muss das möglich sein. Hier sollte das Paulus-Wort gelten: Wo der Geist des Herrn ist, da ist Freiheit (2. Kor 3,17). Freiheit für Fragen, für Zweifel. Freiheit, zu suchen. Freiheit zu gehen oder zu bleiben.

Mit dem kommenden Sonntag bewegen wir uns auf die Passionszeit zu.
Damit ich Sie, liebe Gemeinde, nicht nur mit Fragen in die neue Woche schicke, will ich am Schluss eine kurze Szene vortragen, die darauf zeigt, mit welchen Gedanken und Bildern wir all den heute aufgeworfenen Fragen begegnen, wie wir damit umgehen können.

Die Szene heißt "Die Gerichtsverhandlung"

Am Ende der Zeit sind alle Menschen versammelt zum Jüngsten Gericht. Man erzählt sich, was man erleben musste auf Erden. "Ich bin als Jude in Ausschwitz ermordet worden", sagt ein Herr. Eine Frau berichtet aus ihrem Leben: "Ich war Sklavin und bin nach Amerika verschleppt worden. Jedes Tier hatte ein besseres Leben. Erst der Tod hat mich erlöst". "Und ich musste meine ganzes Leben damit fertig werden, dass ich unehelich zur Welt kam. Diesen Makel hat man mir immer vorgehalten." "Ich war Missionar und wurde ermordet", sprach ein Priester. Immer mehr Menschen erhoben ihre Stimme. Viele erzählten von unsagbarem Leid in Arbeitslagern, in KGB- und StaSi-Gefängnissen. Endlich sprach einer aus, was alle wohl dachten: Wie kommt Gott dazu, über uns zu richten? Er weiß doch in seiner himmlischen Herrlichkeit scheinbar gar nichts vom Elend auf Erden. "Drehen wir doch den Spieß um", schlug endlich jemand vor. "Wir verurteilen Gott!" "Ja, das machen wir", meinte jemand. Lasst uns sammeln, was im Urteil stehen soll. Ruft es mir zu. Und das riefen die Menschen: Gott muss dazu verurteilt werden, ein Mensch zu sein. Er soll als Jude geboren werden, damit er spürt, welch großer Hass diesem Volk entgegen schlägt. Ja, und er soll unehelich zur Welt kommen. Wer sein Vater ist, soll im Vagen bleiben. Und er muss allen erklären, wer Gott ist. Und seine Freunde sollen ihn verraten, wie es mir geschah, der ich ins Gefängnis kam und dort sterben musste. Und man soll ihn aufgrund völlig falscher und erfundener Vorwürfe verurteilen durch ein voreingenommes Gericht. Und er muss sterben wie wir.
Einer aber rief: Hört doch, ihr Leidenden. Das, wozu ihr Gott verurteilen wollt, ist längst geschehen. Und er schlug die Bibel auf und las von der Flucht aus Ägypten, dem Verrat des Judas, dem Urteil des Pilatus und er las von der Kreuzigung vor, was in der Bibel aufgeschrieben war.
(Diese Szene stammt nicht von mir. Ich habe aber leider keine Quellenangaben)

Man ahnt, wie viel Geduld, wie viel Zeit, wie viel Liebe nötig sein wird, vom Licht in Jesus Christus glaubhaft zu sprechen. Ohne den Beistand des Heiligen Geistes wird uns das nicht gelingen.

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