Bei Trost sein

Liebe Gemeinde,

wenn wir sagen, der Soundso sei kein großes Licht, nicht besonders helle, sondern ehr unterbelichtet, so meinen wir damit, dass er wohl wenig Chancen hat, beim Intelligenztest einen besonders hohen Wert zu erreichen. Wenn wir aber von dem Licht hören, das der Christus ist, so denken wir wohl ehr an die Weihnachtszeit, die mit dem letzten Sonntag nach Epiphanias ihre letzten beschaulich beleuchteten Fensterlein schließt, und erinnern uns an all die Kerzen, die wir angezündet haben und spüren noch einen Nachgeschmack von Lebkuchenduft und Besinnlichkeit – wenn überhaupt.

Der Alltag hat uns längst wieder. Da die Vernunft, hier der Glaube. Da das Wissen, hier das Nicht-Wissen. Hier die weihnachtliche Besinnlichkeit, da die rationale Alltagswelt. Hier der Himmel, da die Erde. Gegen solche Gegensätze redet unser heutiger Predigttext an: Das eine Licht ist bei euch! Wer sich nach Weihnachten im ganz normalen (Rinder-) Wahnsinn unserer Welt wiedergefunden hat, für den lautet die Botschaft: Christen dürfen nicht nur an Weihnachten, sondern das ganze Jahr über bei Trost sein.

Ob wir noch bei Trost sind, dass hat sich in den letzten Wochen wohl jeder von uns gefragt, wenn er betroffen von all den Problemen rund um die BSE-Krankheit gelesen und gehört hat. Und so einleuchtend die nutzlose Tötung von 400.000 Rindern nach der kalten Vernunft des Fleischmarktes ist – jeder von uns hat das Gefühl, dass das im Grunde Wahnsinn ist, auch wenn er noch so viel Methode hat.

Unter uns Christen gibt es Vegetarier, die die Überzeugung leben, dass man Kühe, die mit ihrer Milch auch unsere Kinder großziehen helfen, nicht aufessen muss. Aber auch dem eingefleischten Esser muss es kalt den Rücken hinunterlaufen bei der Frage, ob er empfindungsfähige Mitgeschöpfe züchten und großziehen darf, damit sie dann nicht seiner Ernährung dienen, sondern sinn- und nutzlos auf den Scheiterhaufen der wirtschaftlichen Vernunft verbrannt werden. Ist das nicht so etwas wie industriell betriebene Abtreibung bereits geborener und erwachsener Mitgeschöpfe aus wirtschaftlicher Indikation?

Hoffentlich verspüren wir in diesen Tagen das ängstliche Harren der Kreatur, von dem Paulus im Römerbrief schreibt, das wie wir darauf wartet, dass die Kinder Gottes offenbar werden. Hoffentlich hören wir, wie die ganze Schöpfung bis zu diesem Augenblick mit uns seufzt und sich ängstigt. (Römer 8/19,22) Wer dafür kein Sensorium mehr hat, hat bereits Schaden genommen an seiner Seele.

Bei den Indianern Nordamerikas war es Brauch sich für die Tötung bei dem Tier zu entschuldigen, das für die eigene Ernährung gebraucht wurde. Bei uns ist es Brauch, sich bei den Aktionären zu entschuldigen, wenn der Markt zusammengebrochen ist. Das erste kam aus der Vernunft, die das Ganze des Lebens im Blick hatte. Das zweite kommt aus der Logik, die nur das eigene Geschäft im Blick hat. Heute dämmert uns, das gut nicht automatisch das ist, was gut fürs Geschäft ist. Was gut fürs Geschäft war, bringt heute unzählige bäuerliche Existenzen und die Gesundheit von Menschen in Gefahr und hält unserem Umgang mit unserer Mitwelt wieder einmal den Spiegel vors Gesicht. Was wir da sehen, muss uns den Appetit verderben. Auch den, mit der wir uns als Menschen selbst noch appetitlich finden.

Wer in der Finsternis wandelt, der weiß nicht, wo er hingeht. Und kommt irgendwann an, wo er nicht hin wollte. Er hat ihre Augen verblendet und ihr Herz verstockt, damit sie nicht etwa mit den Augen sehen und mit dem Herzen verstehen und sich bekehren, und ich ihnen helfe. Hören wir ruhig einmal diese alten Worte auf dem Hintergrund unserer Nachdenklichkeit. Können wir nach 200 Jahren Aufklärung wirklich noch länger all unsere Hoffnungen auf den Menschen setzen und vom Licht des menschlichen Geistes alles erwarten?

Irrt heute nicht wieder der griechische Philosoph Diogenes, wie damals in Sinope, durch das Gewühl unserer Marktplätze, am helllichten Tag die brennende Laterne in der Hand und ruft: Ich suche einen Menschen!? Ein Mensch unter Menschen auf der Suche nach wahrer Menschlichkeit! Ein Verrückter oder vielleicht der einzig Vernünftige weit und breit? Oder ich denke an Pilatus, der den dornengekrönten, gefolterten, blutverschmierten Jesus vor die johlende Menge führt und ruft: Ecce homo! Seht, welch ein Mensch! (Johannes 19/5)

Der wahre Mensch und seine wahre Menschlichkeit ist die Antwort auf die Suche nach der Wahrheit über den Menschen und als solchen stellt das Johannesevangelium uns den Christus vor: als den Mensch in der Beleuchtung Gottes; als Mensch der für andere da ist. Überzeugend nicht durch seine Attraktivität, sondern durch sein Wirken, das auch anderen Leben ermöglicht und es lebenswert macht. Die Erlösung, die der Christus bringt ist nicht die Entrückung der frommen Seele aus der bösen Welt in das schöne Himmelreich. Sein Licht beleuchtet den Weg Gottes mit seinen Menschen in eine Welt der wahren Menschlichkeit. Eine Welt, wie Gott sie gedacht und gemacht hatte. Ein Nachhauseweg in die Zukunft. Und darum nimmt Gott dorthin alle seine Geschöpfe mit.

Ein verlockender und vernünftiger Weg ist das auch deshalb, weil der Christus vorangeht, weil er nicht erst erfunden werden muss und auf diesem Weg nicht alles auf unsere Vernunft und Kraft ankommt. Wir dürfen ihm nachdenken, nachfolgen, nachleben. Dann sollten wir es aber auch tun, mit unserem Herzen, mit unserem Verstand mit unseren Taten. Dann sollten wir auch bei Trost sein, solange er noch bei uns ist mit seinem Wort und Sakrament, mit seinem Trost und Segen.

Wer weiß, vielleicht kommt in unendlicher Zukunft ein Archäologe aus einer anderen Welt auf diese Erde und berichtet seinen Stundenten von den Sauriern, die die Sonne dieser Welt 150 Millionen Jahre sahen, weil sie nichts anderes sein konnten und wollten, als eben Saurier. – Und vom Menschen, dem nach zwei Millionen Jahren das Licht ausging, weil er zwar auch lange nicht anders konnte aber am Ende etwas besseres und anderes sein wollte als ein Mensch.

In den letzten 100 Jahren hat jede Generation ihre Väter mit Bitterkeit und teilweise auch Verachtung nach ihrer Menschlichkeit befragt. Wie konntet ihr tun, was ihr tatet im Nationalsozialismus, als steinewerfende Randalierer, als Stasimitarbeiter? Auf jedem Hintergrund wird die bittere Frage nach der verlorenen Menschlichkeit erkennbar. Wie werden unsere Kinder einmal nach uns fragen?

Joschka Fischer sagte spät abends zu Joachim Gauck über seine Vergangenheit: „Ich schaute eines Tages in den Spiegel und in diesem Gesicht erkannte ich genau das, was ich an meinen Vätern immer gehasst hatte.“ Wer das erlebt, hört auf selbstgerecht auf die Vergangenheit seiner Väter zu zeigen, sondern fängt an nach seiner eigenen Menschlichkeit zu fragen. Das hat Zukunft.

Wer nach seiner eigenen Menschlichkeit fragt, wird vernünftigerweise an dem Christus nicht vorbeigehen, an dem Menschen Gottes für unsere unmenschliche Welt. Als Mensch Gottes ist er mehr als ein Vorbild. Ihm dürfen wir nachdenken, nachfolgen, vertrauen. Und alle Tage bei Trost sein.

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