Licht werden, weil Gott kommt

Liebe Gemeinde,

Dieser Text am heutigen Epiphaniastag ermöglicht uns, einen Blick in drei Zeiten zu werfen. Lassen Sie uns das, was wir da sehen, jeweils von jenen poetischen und geistlichen Worten her deuten:

1) Die Zeit des Propheten Jesaja

Das ist die Zeit, in der dieser Text entstand – die Zeit des dritten Jesaja, wenige Jahre nach dem Ende des Babylonischen Exils. Eigentlich war das eine gute Zeit, eine Aufbruchszeit voller Hoffnungen.
Die meisten Israeliten waren mittlerweile aus dem Exil in die alte Heimat zurückgekehrt. Nach Hause, zum Teil ins eigene Haus oder in das der Eltern. Manche bauten nun auch neu, gruben Brunnen, pflanzten Gärten. Aufbruchsstimmung lag in der Luft. Eine Stadtmauer wurde angelegt und mit dem Bau eines neuen Tempels begonnen.
Manchen stand allerdings auch nach den ersten Monaten schon die Ernüchterung ins Gesicht geschrieben. Von ferne hatten sie die Heimat in Gold und Rosa gesehen, doch sie kamen in ein zerstörtes Land. Und das wieder aufzubauen, brauchte viel Mühe, Kraft und Zeit. Manche Hoffnungen wurden dabei enttäuscht, manche Leute schienen auch zu erlahmen über der Fülle der Aufgaben. Da hinein trug der Prophet seine klare und glanzvolle Vision: „Mache dich auf, werde licht! Denn dein Heil kommt.“
Ein Ausleger schrieb: wörtlicher übersetzt lauten diese hebräischen Verse: „Richte dich auf und strahle, leuchte! Denn dein Heil kommt!“
Richte dich auf, geh deinen Weg und rechne mit Gott, der dir in all dem entgegenkommt – so meine freie Version.
Im zweiten Teil spricht die Vision davon, wie sich die Völker auf dem Zion versammeln und Gottes Glanz bestaunen werden. Hier überschreitet die Vision den bekannten eigenen und z.T. engen Horizont.

2) Die zweite Zeit – die Zeit Jesu

Jahrhunderte später deuteten die ersten Christen diesen alten Text im Licht der Geburt Jesu. Wie wundervoll berührt sich Jesajas Verheißung mit der Weihnachtserzählung des Matthäus, die wir als Evangelium gehört haben: Sterndeuter kamen aus dem Fernen Osten nach Jerusalem, Heiden, Magier aus fremden Landen. Sie waren einem Stern gefolgt und suchten einen neu geborenen König. Die Schriftgelehrten des Herodes schickten sie nach Bethlehem. Dort fanden sie den, den sie suchten.
Gold, Weihrauch und Myrrhe brachten sie mit, wahrhaft königliche Geschenke, Zeichen des Glanzes und der Würde. Die legten sie nun nieder und huldigen damit dem königlichen Kind.
Und so ist dieser alte Text aus dem Jesaja-Buch ganz passend mit dem heutigen Epiphaniasfest verbunden worden: Die Heiden werden zu deinem Lichte ziehen
und die Könige zum Glanz, der über dir aufgeht..
Die Fernen aus den Völkern preisen den Herrn – das wird hier in einer Vision geschaut, die die frühen Christen dann in der Erzählung von den Weisen aus dem Morgenland erfüllt sahen. Selbst Gold und Weihrauch kommen im Jesaja-Text vor.

Heute feiern wir Epiphanias, das Fest der Erscheinung des Herrn. Gott selbst erschien in diesem Kind Jesus und offenbarte sich darin.
Epiphanias ist das älteste Fest der Christenheit. Es wird seit dem 4. Jahrhundert gefeiert. Doch während sich in den von Rom geprägten Kirchen in Mittel – und Westeuropa später der 25.12. als Fest der Geburt Jesu durchsetzte, blieb das Epiphaniasfest das Weihnachtsfest in den Ostkirchen. Bis heute.
Epiphanias: Gott offenbart sich. Einerseits mit Glanz und Herrlichkeit, doch andererseits auf unerwartete Weise, nicht wie ein herkömmlicher König mit Szepter und Schwert und Heer, sondern entgegen unseren Erwartungen. Sein Zeichen sind Krippe und Windeln! So menschlich und einfach offenbarte sich Gott.

3) Die dritte Zeit – Neujahr 2013 – Selbst leuchten, weil Gott uns entgegenkommt

Mit Blick auf beide Texte schauen wir nun auf uns selbst. Das junge Jahr 2013 hat begonnen. Langsam oder schnell füllt sich bereits unser Kalender. Unsere Pläne und Wünsche reifen; unsere Ängste und Hoffnungen nehmen Gestalt an.
Inmitten dieser Gemengelage treffen die Jesaja-Worte auch uns: „Richte dich auf! Leuchte! Strahle, siehe, dein Heil kommt.“

Ich höre aus diesen Worten eine große Ermutigung, aufrecht und gelassen dem Neuen entgegenzugehen. Uns nicht beugen, niederdrücken oder entmutigen zu lassen.
Wenn auch nicht ganz so spektakulär – gleicht doch unser Beginn des neuen Jahres in manchem der Situation jener aus dem Exil heimgekehrten Israeliten. Manche beginnen das neue Jahr mit großen Hoffnungen, Wünschen und Vorsätzen. Alles möge besser werden… Verschiedene äußere und innere Baustellen sehen wir vor uns – Herausforderungen beruflicher, familiärer oder geistlicher Natur: endlich eine neue Arbeit finden, eine anstehende Operation angehen, mein Kind über einen Schulwechsel begleiten, einen beruflichen Neustart wagen oder ein Ehrenamt beginnen, und für unsere Gemeinde: z.B. die beginnende Dom-Innensanierung angehen, unser 100jähriges Kindergarten-Jubiläum vorbereiten …
Und damit all diese Projekte Gestalt annehmen können, braucht es unsere Umsetzung im Alltag: die Vereinbarung von Terminen, ausdauernde Arbeit, Ideen Kraft, Teamfähigkeit, Durchhaltevermögen. Sicherlich wird nicht alles glatt gehen, weder familiär noch in der Gemeinde. Schwierigkeiten werden auf uns zukommen, vielleicht auch Krankheitszeiten oder Konflikte. Ich vermute, dass Zeiten der Ernüchterung nicht ausbleiben werden. Z.B. wenn die erhofften Erfolge sich nicht so schnell einstellen wie gewünscht oder unerwartete Hürden auftauchen. Wenn uns Konflikte die Kraft nehmen oder Verluste zu verarbeiten sind. Dann kann es schnell geschehen, dass wir schlapp werden, schlapp machen …
„Richte dich auf und leuchte! Siehe, dein Heil kommt!“ der Prophet ermutigt dazu, von der Verheißung her zu leben.
„Richte dich auf!“ – Gott betraut uns, dich und mich, mit Aufgaben in diesem neuen Jahr – in unseren Familien, in der Gesellschaft, in der Kirchgemeinde. Gott braucht uns aufrecht dazu, als die, die wir sind, als seine geliebten Geschöpfe, mit all dem, was wir ganz speziell einzubringen haben.

„Leuchte! Strahle!“ Vom Licht der Krippe her werden auch wir beschienen. Gott selbst hat sein Licht in uns entzündet, indem er uns als seine Ebenbilder schuf.
Ein Text von Marianne Williamson, der bekannt wurde durch eine Rede von Nelson Mandela, formuliert dies in eindrücklichen Worten:
„Gottes Glanz: Unsere Angst ist oft nicht die vor unserer Unzulänglichkeit, sondern die vor unserer unermesslichen Kraft. Es ist das Licht in uns, nicht die Dunkelheit, die uns oft am meisten ängstigt. Wir fragen uns: Wer bin ich, dass ich von mir sage, ich bin brillant, ich bin begabt, ich bin einzigartig.
Ja, im Grunde genommen: Warum solltest du das nicht sein? Du bist ein Kind Gottes. Wenn du dich klein machst, hilft das der Welt nichts. Es hat nichts mit Erleuchtung zu tun, wenn du glaubst, zusammenschrumpfen zu müssen, damit sich die Leute um dich herum weniger unsicher fühlen. Wir sind geboren, um Gottes Glanz zu offenbaren, der in uns ist. Gottes Glanz ist nicht nur in wenigen von uns, Gottes Glanz ist in jedem Menschen. Wenn wir unser Licht scheinen lassen, so geben wir anderen ebenfalls die Erlaubnis, ihr Licht scheinen zu lassen. Wenn wir uns von unserer eigenen Angst befreien, befreien wir mit unserer Gegenwart auch andere.“
Leuchte, strahle, „denn dein Heil kommt!“ Gott selbst kommt uns entgegen. Die Zukunft ist sein Land. Mit Gottes Heil dürfen wir rechnen. Auch im neuen Jahr 2013.
Gott kommt uns entgegen – in seinem Wort, im Gebet, in Brot und Wein, in der Musik, in anderen Menschen – auf immer neue Weise. Manchmal in königlichem Glanz, der uns überwältigt – über dem Wunder einer Geburt, über einem Sonnenaufgang, über einer großartigen Fügung.
Manchmal aber auch auf unscheinbare Weise. Wie gut, dass die Weisen aus dem Morgenland diesen einfachen Stall ernst nahmen als Ort der Offenbarung Gottes und nicht darauf beharrten, dass das nur in einem Palast sein könne. Wie gut, dass sie sich nicht von den äußeren schlichten Verhältnissen haben täuschen lassen.

Mögen auch wir offen dafür sein, wann, wo und wie uns Gott im Neuen Jahr entgegenkommt. „Richte dich auf, leuchte! Denn dein Heil kommt!“

Amen.

drucken