Verblendung?

Heute hauchen die ersten Tannenbäume ihr ohnehin schon kurzes Leben aus oder haben es bereits hinter sich. Die hellen Kerzen sind wieder in ihren Pappkartons verschwunden. Die Adventskränze längst abgeräumt. In solcher Zeit mutet der Satz „Mache dich auf und werde Licht!“ schon ein bisschen schwierig an. Wenn alle Lichter wieder eingepackt werden und an dunklen Orten verschwinden ist es nicht leicht, dieser Aufforderung Folge zu leisten. Im Fernsehen fliegen Tannenbäume sogar aus Fenstern auf verschneite Straßen und eine Stimme mit schwedischem Akzent fordert dazu auf, Platz zu schaffen für neues.

Weihnachten ist gefühlt vorbei. Die Geschenke sind ausgepackt, gewogen und entweder für gut oder zu leicht befunden und manche darum auch schon wieder umgetauscht. Das neue Jahr hat begonnen und die weihnachtliche Stimmung ist im Schwinden. Die Weihnachtskrippen sind abgebaut: Josef, Maria, der Esel und der Ochse werden verpackt, auch das Jesuskind liegt jetzt nicht mehr in der Krippe, aber auf dem Dachboden oder im Keller in einem Karton und wartet auf seinen Einsatz im nächsten Jahr. Die Zeiten ändern sich eben.

Besser hat es da die Ostkirche! Die feiert heute erst ihr Weihnachtsfest, ist also mitten drin in dem Trubel und in der passenden Stimmung. Der Text des Propheten Jesaja liegt also gefühlt jenseits, geografisch betrachtet aber noch gut in der Zeit. Und Jesaja beschreibt in seinem Text etwas wirklich Schönes; er sieht – soweit das Auge blicken kann: Menschen, Söhne und Töchter von fern und nah, und eine Menge Kamele. Der Grund: Das Licht des Herrn. Der Sieg des Lichtes über die Dunkelheit. Dieses Ereignis hat so viel Strahlkraft, dass ganze Völker und drei Könige, Weise aus dem Morgenland, sich auf den Weg machen wollen und die große Menge der sie tragenden Kamele die Erde bedecken. Ein Erlebnis, ein großes Ereignis. Nichts Alltägliches.

Massen, die sich in diesen Zeiten aufmachen, angezogen vom Licht in schön erleuchteten und verkaufsoffenen Läden am eigentlich freien Sonntag, findet man gar nicht so selten. Es braucht eben nur einen starken Magneten, um viele Menschen dazu zu bewegen, sich aufzurappeln und loszugehen. Verheißungsvoll muss er sein und es muss sich lohnen. Am letzten Sonntag des Jahres 2012 machten sich viele auf und ihre Fortbewegungsmittel bedeckten noch, so berichtete es die örtliche Presse, nach 17.00 Uhr viele Parkplätze.

Der Gegensatz zu dem Licht, dass uns der Prophet Jesaja verheißt, könnte nicht größer sein und doch scheint es, als könne der Fanfarenstoß der frohen Botschaft nur schwer durch die alltägliche Geschäftigkeit dringen, um sich Gehör zu verschaffen.

Ich bin schon ein bisschen traurig darüber, dass so kurz nach diesem opulenten Fest mit all seinem Glanz, seiner liebevollen Botschaft und der Mut machenden Zusage des „Fürchtet euch nicht!“ alsbald so viele dem Ruf der Ernüchterung folgen. Die festliche Musik der Feiertage klingt noch in den Ohren, aber der Alltag spielt bereits sein eigenes Oratorium. Dabei war es doch alles so schön! Das Licht kommt in die Welt, trifft senkrecht von oben auf die Erde und strahlt aus bis in die kleinste Ecke. Dieser Glanz hatte in den letzten Tagen noch eine ganze Menge Anziehungskraft. Heute aber zieht der Alltag uns wieder in seinen Bann und verlangt nach unserer vollen Aufmerksamkeit.

Aufmerksamkeit fordert auch der Prophet Jesaja für seine Botschaft, die anders klingt als die Alltagsmelodie nach Weihnachten, erst recht am heutigen Tag der heiligen drei Könige. Diese drei haben sich seinerzeit aufgemacht zum „Haus des Brotes“, nach Bethlehem, das so viel anderes bereit hält als jedes an einem verkaufsoffenen Sonntag geöffnete Geschäftshaus. Die drei Könige sind unterwegs zu einem Kind, das König sein soll. Wir haben diese Reise heute scheinbar hinter uns.

Die drei Könige nicht. Sie sind auf dem Weg und haben einen anderen Blick auf die Dinge, als der Rest der sie umgebenden Welt. Nur einige Wenige haben sich damals mit Ihnen auf den Weg gemacht. Ganz anders als es im Text des Propheten heißt: Da wandern immerhin ganze Völker und suchen ein Licht in der Finsternis. Die drei Könige, ich verrate nicht zu viel, wenn ich das Ende der Geschichte vorwegnehme, finden dieses Licht. Und sie finden noch viel mehr; Worte, die auch unsere Zeit, die wir bitter nötig haben, auch wenn schon wieder einige Tage seit dem Fest rum sind. Eine Sehnsucht nach Verheißung, Hoffnung, Trost bleibt.

Verheißung, Hoffnung, Trost – diese Worte haben auch nach dem Christfest Konjunktur. Die Welt ist ja plötzlich nicht heller oder freundlicher geworden. Die Hindernisse, die unser Leben beeinträchtigen sind nicht verschwunden und man kann sie auch oftmals nicht so bequem entsorgen wie einen alten abgenadelten Weihnachtsbaum.
Angst z.B. hat immer Konjunktur – auch nach dem Höhepunkt des Festes. Jesajas Text sollte man darum genauer hören. Denn die Finsternis, die Angst und das Angewiesen-sein auf das eine befreiende Wort, dass ich mir nicht selbst sagen, geschweige denn kaufen kann, bleiben.

Gut zu wissen: „Gott hat Gutes mit uns im Sinn. […] Fürchtet euch nicht. Die Weihnachtsgeschichte mit Engelsgesang unterm erhellten Himmel enthält jenen beständigen Zuspruch, dass Friede auf Erden und Brot in jedem Hause sei. […] das soll man feiern, weil Selbstvertrauen den Schwachen Kraft gibt, zerstörerischen Kräften zu trotzen. Dann ist Weihnachten mehr als eine Idylle für einen Abend, der uns guttut – nämlich alle Jahre wieder der Auftakt für eine Welt ohne Angst, Not und Krieg. Gegen die Realität des Grauens setzt das Fest die Naivität des Traumes,. Das Fest für die Kinder weckt in uns allen das Kind: Furchtlos zu spielen, voll Glück des Gelingens, im Mut zum Dafür.“ (F. Schorlemmer, in: Die Zeit, Nr. 52, 2012.) Das Licht scheint in der Finsternis, auch wenn die Dunkelheit das nicht wahrhaben will. Der Dunkelheit selbst wird’s nämlich unheimlich, wenn Gottes Wirklichkeit hereinbricht.

Die drei Könige haben auf ihrem Weg zur Krippe sicherlich einige Hindernisse überwunden, manch dunkle Nacht durchquert, bevor sie am Ziel ihrer Vorstellungen ankamen. Hat sich ihr Leben nach dem Antrittsbesuch an der Krippe geändert? Konnten sie etwas vom Glanz rüber retten, konservieren und sich zuhause an dem Gefundenen weiterhin erfreuen? Oder zog nach der Rückkehr einfach eine neue Saison ein, die Platz für neues forderte und alte Symbole, aus der gerade vergangenen Zeit, lieblos auf der Straße entsorgte?

Die Frage danach, was sich jetzt geändert hat, ist auch für uns eine wichtige. Sehr viele haben ja dem Kindlein einen ähnlichen Besuch abgestattet, wie die drei Könige. Nach langer Zeit der Vorbereitung, viel Druck und Stress war der Besuch an der Krippe für manchen bestimmt eine Erlösung.

Jedes Jahr aufs Neue machen wir uns ja so beladen auf den Weg und bekräftigen unser Vorhaben durch das absingen diverser Liedstrophen: Alle Jahre wieder! Geblendet von zu viel Licht und Kerzen und wohlig-warmen Schein erfüllen wir unsere Aufgaben, weit davon entfernt von dem Licht erleuchtet zu werden. Alle Jahre wieder machen wir uns so auf und vergessen dabei, dass jede Epiphanie, jede Erscheinung, eine Entscheidung verlangt. „Wenn dein Licht kommt dann musst du selber Licht werden. Du wirst ganz und gar erleuchtet oder ganz und gar verfinstert. Denn jede Epiphanie ist ein Schöpfungsmorgen, an dem Gott Licht und Finsternis scheidet.“ (W. Stählin: Predigthilfe, Bd. III, Kassel 1959, S. 215ff.)

Leider werden wir meist nur für eine begrenzte Zeit licht. Warum nur ist es so schwer, diesen Glanz, diese Freude, dieses Licht rüber zu retten in das neue Jahr? Ist es überhaupt möglich, auch im neuen Jahr, hinter der Alltagsmusik, die Kraft des vergangenen Festes zu spüren? Gesättigt nach den Festtagen also schon wieder eine Aufforderung! Keine Sorge! Gott macht sich auf, hat sich schon aufgemacht! Nur scheint diese Tatsache nur jährlich oder in Krisenzeiten Konjunktur zu haben.
Wir vergessen darüber hinaus nur allzu gerne: Die Erscheinung Gottes ist kein Schauspiel, dem wir uns hingeben, dass wir gar betrachten könnten – erste Reihe, Loge oder Parkett – und das alljährlich seine Aufführung in unseren Kirchen findet. Entweder werden wir „von dem Glanz dieses Lichtes geblendet oder erleuchtet!“ (A.a.O.) Bloß zuschauen, mitfeiern und weitermachen sind keine möglichen Optionen.

Jesaja wirft keine Tannenbäume aus dem Fenster; er macht auch keine Werbung für irgendeine Ersatzbefriedigung nach dem Fest. Er stellt fest: „So wie der Blitz den ganzen Himmel erleuchtet, aber an einer Stelle einschlägt und zündet, so geht die Erscheinung Gottes ein in den begrenzten Raum, um von da aus die ganze Welt zu erhellen. […] Und dann kommen die Völker und ihre Könige und sehen dieses Licht. […] Epiphanie ereignet sich im engsten Raum und ist zugleich eine weltweite Sache.“ (A.a.O.) Jesaja zeigt, was wir erwarten dürfen. Er fällt aus dieser Zeit und fällt darum besonders auf. Er gibt Hoffnung. Die Geburt des Herrn im Stall eröffnet der Menschheit ganz neue Möglichkeiten. „Gott hat Gutes mit uns Sinn. […] Fürchtet euch nicht.“

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