Bitte bleib!

Liebe Gemeinde, liebe Gäste, liebe Freunde,
große Worte sind gefallen: Wahrheit, Sünde, Freiheit. Und ein kleines, auf das noch einmal besonders hingewiesen werden muss: „bleiben“.

Bleiben ist das Gegenteil von gehen, von weggehen. Und weggehen kann man auf ganz unterschiedliche Weise: sich abwenden, sich aus dem Staub machen, innerlich kündigen, tatsächlich kündigen, sich lossagen, emigrieren, den Kontakt abbrechen. Nicht mehr antworten, sich tot stellen, sich das Leben nehmen.

Weggehen, das heißt, sich abwenden, sich verabschieden. Gemeinschaft aufkündigen, eine Beziehung beenden.

Und dann kommt es vor, dass jemand sagt: „Bleib doch! Bitte geh nicht.“
Begründungen gibt es wieder viele: „Ich brauche dich, ich kann ohne dich nicht leben, es ist besser für mich, es ist besser für dich.“
„Sie sind unersetzbar, Herr Kollege, wer soll denn jetzt ihren Platz einnehmen, sie werden hier gebraucht…“
Oder etwas aggressiver: „Du wirst schon sehen, was du davon hast, das wird dir noch leidtun, du wirst dich noch zurücksehnen.“
Und ganz und gar bitter: „Dann geh doch, hau doch ab, ich hab dich nie gebraucht, ich habe dich nie gemocht, gut, dass ich dich endlich los bin!“

Jeder einseitige Abschied ist eine Kränkung für den Zurückbleibenden.
Zurückgewiesen zu werden, beiseite gestellt zu werden, plötzlich zur Episode degradiert zu sein, austauschbar geworden zu sein – das schmerzt.

Johannes hatte diesen Schmerz in seinem Herzen, als er die Verse des Predigttextes schrieb: Es gab Glieder seiner Gemeinde, der jungen christlichen Gemeinde, die hatten sich verabschiedet. Die waren eine Zeitlang dabei, und waren nun gegangen. Sie waren wieder zurückgekehrt in ihre alte Religion, das Judentum. „Apostaten“ hat die christliche Kirche sie genannt, Menschen, die sich von einer Religion, zu der sie gehört haben, wieder abwenden.

Die kleine Gemeinde des Johannes hatte um 100 nach Christus einen schweren Stand. Ohnmächtig musste sie mit ansehen, dass sie nicht nur vom Staat und vom römischen Kaiser geächtet wurde, sondern auch von den jüdischen Gemeinden ins Abseits gestellt wurde. Die konnten und wollten Jesus nicht als den Christus akzeptieren. Gott hat einen Sohn – was für eine ungeheure Gotteslästerung. Er stirbt den Menschentod am Kreuz – undenkbar.

Und so kehrten viele Juden, die Christen geworden waren, nach und nach wieder in ihre alte Religion zurück. Christ zu sein, war anstrengender, gefährlicher und tatsächlich auch unlogischer als Abrahams Kind zu sein.

Die kleine Gruppe der Gemeinde des Johannes war umstellt von Ablehnung, Ignoranz und Verfolgung. Und wurde immer kleiner. Da zählt jeder und jede. Und es schmerzt noch einmal extra, wenn wieder jemand geht. Oder einfach nicht mehr kommt. Oder, auch das muss es gegeben haben, aus Scham über seinen Irrtum nun plötzlich zum besonders eifrigen Christen-Gegner wird.

Wer aber schrumpft, wessen Einfluss schwindet, wer sein Licht schon verlöschen sieht und die Gegner und Gegenüber stehen in Saft und Kraft, dem rutscht schon mal ein unfaires Argument über die Lippen – und das wieder verbunden mit den großen Worten: „Ihr habt nicht die Wahrheit, ihr habt nicht die Freiheit und ihr lebt die Sünde.“

Und wenn es eine Autorisierung für diesen verzweifelten Abwehrreflex geben muss, dann sind die Lippen dessen, der ja erst zur Herausbildung der kleinen Gruppe geführt hat, dafür gerade gut genug.

Wohin diese Verteufelung des Judentums in der Geschichte der Kirche geführt hat und wie viel Schuld die Christenheit auf sich geladen hat, nachdem aus der kleinen ohnmächtigen Gruppe eine Macht geworden war, daran sei hier nur wieder einmal kurz erinnert.

Zurück zu dem kleinen Tätigkeitswort. Und Weg von den großen Substantiven, die immer so schnell dafür herhalten müssen, das eigene zu rechtfertigen und die anderen schlecht zu machen.

Zurück zu dem kleinen Wort „bleiben“. Das klingt ungefährlich und frei von Bewertungen. Da-Bleiben. Da schwingt auch „aushalten“ mit. Das klingt nach Beständigkeit, sich verlassen können. Da kommt die Zeit ins Spiel.

Und damit vielleicht auch der Bezug zu unserem heutigen Datum dem – zugegebenermaßen willkürlich festlegten – letzten Tag des alten Jahres.
Wir bleiben. Wir kommen wieder.

Oder nicht? Sollte jemand in unserer kleinen, unbedeutenden Gemeinde, als Mitglied einer gesellschaftlich völlig irrelevanten Größe, vielleicht doch gehen wollen? Sollte jemand unter uns sein, der heute seinen letzten Gottesdienst feiern will und im Neuen Jahr als guten Vorsatz vorhat, ein Apostat zu werden?

Natürlich nicht, niemand wird auf so eine Idee kommen. Wir werden nicht verfolgt, und ignoriert zu werden ist mit wirklicher Anfeindung nicht zu vergleichen. Zu Zeiten des Johannes musste man sogar um sein Leben fürchten, um gesellschaftliche Reputation auf jeden Fall.

Heute vertragen sich Kirche und eine gewisse Bürgerlichkeit doch hervorragend. Wir stabilisieren die Werte und sind dafür gern gesehen. Wir haben als Kirchen in Deutschland zwar in politischen Dingen den Mund zu halten – und wurden auch vor Weihnachten von den Politikern wieder darauf hingewiesen – aber niemand ist heute entsetzt über unsere kirchliche Lehre. Wie weit entfernt liegt da der Aufschrei der jüdischen Gegner des Johannes, wie man denn so von Gott denken und reden könnte… Gott geht den Weg der Erniedrigung bis zum bitteren Ende am Kreuz – das war ein Eklat.

Nein, den Glauben zum 31.12. aufkündigen, das wird keiner. Und trotzdem ist das kleine Wörtchen „bleiben“ ein Wort für die Schwelle. Gehen oder bleiben. Immer wieder müssen wir das entscheiden, nie versteht sich das Bleiben von selbst.

Wir kennen den Effekt einer „inneren Kündigung“. Man ist zwar noch da, aber man weiß nicht mehr, warum. Die Gedanken sind woanders, die Interessen eigentlich auch. Mit Erschrecken wird einem klar, dass man sich entscheiden muss. Auf ewig kann das nicht so weitergehen.

Den Glauben verliert man nicht, er hört auf, das Leben zu prägen. Und das, obwohl man an allen Traditionen und Riten unverändert teilnimmt. Wie schnell kann uns das passieren. Noch da sein und doch schon weg sein.

Aber das kann man korrigieren. Vielleicht hören wir das kleine Wörtchen „bleiben“ heute Abend deshalb: Um wieder zu überprüfen, wo wir selbst stehen, an einer Wegmarkierung innezuhalten. Nicht um andere in die Ecke zu stellen oder mit großen Worten, die so schnell zur Waffe werden, um uns zu schießen.

Nein, eine Schwelle hat zwei Seiten. Entweder wir sind drinnen – oder wir sind draußen. Und es ist nur ein Schritt zurück für den, der mit gutem Gewissen sagen kann: Ich will bleiben.

Vielleicht sind auch manche unter uns, die gar nicht verstehen können, wie das „Bleiben“ in Frage gestellt werden kann. Sie sind im Laufe ihres Lebens immer tiefer in das Glaubenshaus eingedrungen. Wie in ein Zuhause, in dem einem alles fremd und vertraut zugleich ist. Die Worte von Jesus, in denen seine Jünger bleiben sollen, waren ihnen nicht nur als abstrakte Wahrheit wichtig, nein viel mehr: Sie haben ihr Leben geformt.

Liebe Schwestern und Brüder, vielleicht kann man es sogar so sagen: Wir wären andere geworden, hätten wir nicht von klein auf den gehört, der schon dem Evangelisten Johannes das Ein und Alles war. Das Bleiben ist keine Frage. Wohin sollten wir denn gehen? Diese alte Jüngerfrage ist hochaktuell. Wo wären wir denn besser aufgehoben, wer würde uns den eher den Grund unter unseren Füssen geben wenn nicht der, der eben bis in die tiefste Tiefe mit uns mitgegangen ist.

Und auch das wäre möglich: Nur einer unter uns steht vor der Tür und ringt noch mit sich, ob er erstmals den Fuß über die Schwelle setzt. Er sucht nicht die Wahrheit und nicht die Freiheit und er fühlt sich auch nicht als Sünder. Und doch hat seine Sehnsucht von allem etwas. Er sucht Halt und Trost. Oder die Orientierung. Oder die Tragkraft und die Aufgabe. Und in allem den Sinn. Wir könnten auch sagen: Das, was bleibt.

Ein von den Worten des Gottessohnes geprägtes und geformtes Leben atmet Freiheit und Wahrhaftigkeit. Es ist oft nur ein Hauch, eine Ahnung, aber eben ein bleibender Duft.

„Bleiben“ ist das Wort des Abends. Einer spricht es aus: „Bitte bleib doch!“ Wenn der Kalender wechselt und die Gefühle, wenn die verrinnende Zeit mit Lärm oder Stille gewürdigt wird, dann sind wir eingeladen, zu schauen, wo wir stehen, einen Schritt zurückzukommen, einen Schritt hineinzugehen oder aber, was wohl das Schönste ist: uns daran zu freuen, wie lange wir schon geblieben sind.

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