Der phantastische Jesus

Weihnachten war es wieder einmal soweit und dies auf beinahe allen Kanälen: reißerisch sensationell, oder dokumentarisch ernsthaft daherkommend als Faktencheck mit Petra Gerster im ZDF oder als Feature unter dem Titel „der phantastische Jesus“ im rbb-Kulturradio: der neugierige oder wissbegierige Zeitgenosse konnte sich aufklären lassen, wie es mit Weihnachten und mit Jesus wirklich war – und wirklich heißt dann für viele, was an Jesus wirklich wahr war oder ist.
Fakt ist, so wurde dem Zuschauer eingehämmert:
Ob Jesus in Bethlehem geboren wurde ist völlig unklar, hier könnte auch der Prophet Micha, der recht behalten sollte mit seiner Weissagung, Pate stehen.
Das Maria Jungfrau gewesen oder gar erst recht geblieben sei, geht auf einen Übersetzungsfehler aus dem Hebräischen ins Griechische zurück – wobei meist übersehen wird, dass eine unverheiratete junge Frau (so müsste das hebräische Wort aus dem Buch des Propheten Jesaja eigentlich übersetzt werden) selbstverständlich noch Jungfrau war, sonst hätte sie ein Problem gehabt oder bekommen ( nur geht es wirklich um eine biologische Frage, so sehr das auch die Phantasie nicht nur von Konfirmanden anregen mag?).
Die Weisen/die Magier aus dem Morgenland waren weder drei (das hat man später u.a. aus ihren Geschenken gefolgert) noch hießen sie Caspar,Melchior und Balthasar und ob es sie überhaupt gab, selbst wenn man ihre Gebeine im wohl wunderprächtigsten Reliqienschrein im Kölner Dom besichtigen kann, ist völlig unklar, denn sie stehen doch wohl eher symbolisch für die damals bekannten Erdteile und damit für die ganze Welt, die an der Krippe beim Erlöser der Welt zu Gast sein sollte..
Maria als Mutter zahlreicher Kinder sei wohl historisch und Josef, so wenig wir von ihm wissen, sei ein anständiger, redlicher und realer Mann der Geschichte.
So weit die vermeintlichen Fakten über Weihnachten, das wir gerne feiern und das, so hat es der Pfarrer im höchsten Staatsamt ja zutreffend in seiner Ansprache gesagt, auch gerne von Juden, Muslimen und Atheisten gefeiert wird als Fest, das uns den Mitmenschen näher bringen will.
Fakt ist aber als Fazit: lehrt uns das irgendetwas neues ?
Ahnen wir nicht schon lange, dass wir die Evangelien nicht einfach wie ein Schulbuch der Historie lesen dürfen, in dem es neben den Kapiteln über den ersten und zweiten Weltkrieg mit seinen Ursachen und Folgen und zahlreichen Dokumenten und Augenzeugenberichten nun also auch ein Kapitel über Jesus von Nazareth, seine Geburt, sein Leben und einen Tod, beleuchtet von verschiedenen Seiten gibt ?
Die Evangelien wollen uns sicherlich dafür gewinnen, dass es um ein Geschehen in unserer Geschichte geht: zur Zeit des Kaisers Augustus und des Statthalters Quirinius und des Königs Herodes. Das war genauso gemeint und auch damals schon überprüfbar. Aber eben auch eine Geschichte, die man so oder so deuten, in der man aber keine Einstellung zu ihr mit Mitteln der Logik beweisen kann. Denn Jesus fand Anhänger und erntete Widerspruch, er hatte glühende Verehrer und leidenschaftliche Verfolger, die in ihm einen verruchten Gotteslästerer sahen.
Weihnachten kann also nur ambivalent sein, Menschen berühren und verunsichern, Glauben reizen und Zweifel stärken.
Weihnachten ist nie eindeutig, wie auch unsere Welt und das was sie zusammenhält oder auseinandertreibt nicht eindeutig ist – wie viel leichter wäre es doch, wenn die Wahrheit in Fragen des Glaubens, des Weltgeschehens und der Politik immer eindeutig wäre.
Das ist jedenfalls mein Faktencheck und dann muss ich – für mich – den Radiomachern vom rbb zustimmen, die ihr Weihnachtsfeature „der phantastische Jesus“ nannten und damit nicht zufällig ebenfalls einen ambivalenten doppeldeutigen Titel wählten: Phantastisch, weil diese Gestalt die Phantasie der Menschen zu allen Zeiten bis in die Gegenwart hinein aufs lebendigste angeregt hat, man denke nur an die vielen wunderbaren Jesusromane, die nie den Anspruch erheben, historisch zu sein und dennoch sich der dichten Atmosphäre des Glaubens verdanken und verpflichtet fühlen..
Phantastisch, weil das, was Menschen mit diesem Jesus im Leben und im Glauben erfahren haben,ganz real und wirklich, und weil ihr konkretes, gelebtes Leben, phantastisch und wunderbar war und ist.
Im Glauben und im Leben der Menschen ist die Ausstrahlungskraft des Kindes von Bethlehem und des Mannes aus Nazareth ja nicht deshalb so groß, weil seine Geschichte so schön ist, wie manches Märchen, das wir heute noch gerne hören, ohne deshalb ja gleich an Schneewittchen oder Dornröschen zu glauben, sondern weil seine Botschaft in all ihrer Sprengkraft, und seine Wirklichkeit so konkret, so groß und so wahrhaftig ist. Es muss heißen: Sie ist real, deshalb glauben Menschen. Und nicht: Menschen glauben, und deshalb ist sie real und wirklich !
Der Predigttext dieses Sonntages nach Weihnachten und des letzten Sonntages des alten Kalenderjahres packt ein Weihnachtspäckchen für das neue Jahr, ein Geschenk zum Mithinübernehmen, voll mit der eisernen Ration eines Glaubenden für die unglaubliche Pilgerreise eines jeden durch die wunderbare Landschaft eines neuen Jahres.
Er sagt uns, was wir an Jesus haben, und was uns als Menschen des Glaubens niemand nehmen kann, und das ist in der Tat ohne zu übertreiben: phantastisch.
Ein Licht in Welt…
Da ist es ganz egal, ob Astronomen den Stern von Bethlehem meinen nachweisen zu können oder nicht, die Erfahrung, dass ich mit dem Glauben auf der hellen, lichten Seite des Lebens mich befinde, die mache ich Tag für Tag ganz real.
Unbestritten gibt der Glaube Orientierung in den Wechselfällen des Lebens, er hilft mir durch schwierige Zeiten, durch dunkle Täler und dürre Wüsten hindurch, weil er mich in der Überzeugung bestärkt, nicht aus Gottes Hand gerissen werden zu können.
Viele sehnen sich auch als Agnostiker nach der Gewissheit und dem Geschenk, dem inneren Reichtum, sich getragen und behütet zu wissen, ohne dass einem deshalb ja einfach alles erspart bleiben wird, aber die Gewissheit des guten Ausgangs ist eine unendliche Quelle der Gelassenheit in den Wechselfällen des Lebens. Vor denen wird uns auch das Jahr 2013 nicht schützen und sie lassen uns immer wieder eindringlich spüren, dass wir inmitten von Freude und Leid, von richtigen und falschen Entscheidungen, von Glück und Pech, von Liebe und Unverständnis, mit allen Fasern unseres Seins lebendig sind.
Ein Licht in der Welt…
Das heißt Orientierung in den Konfliktfeldern dieser Welt, privat, familiär, Beruflich und politisch…
Ob es wirklich Moral und Ethik in einem für Menschen positiven und fruchtbaren Sinne letzten Endes ohne Gott geben kann, bezweifle ich zumindest.
Woran will sich die Moral denn orientieren?
Am Menschen, am menschlichen, sagt sie…
Aber was ist das menschliche, wer ist das menschliche, auch der schwache, gehandicapte, nicht mehr rentable, nur als Kostenfaktor die Wirtschaft und Rendite belastende, pflege- und zeitintensive Mensch ohne Aussicht auf Besserung, oder doch nur der leistungsfähige, gesunde, Zukunft versprechende Kraftprotz ?
Der Glaube sagt: jeder Mensch, weil Gott ihn liebevoll ansieht, ein ansprechbares DU in ihm entdeckt und sich selbst in ihm wieder zu erkennen vermag.
Mit dem Evangelium kann man nicht nur auch 2013 Politik machen, sondern soll man auch um des Menschen willen Politik machen und das ist deutlich mehr als nur ein Buchstabe in einem Parteinamen, sondern Grundhaltung, Orientierungsrahmen und Prüfstein für viele Grundentscheidungen unseres alltäglichen Lebens, vielleicht sogar Wahlprüfstein , eben ein Licht in der Welt.
Ein Licht, das mich am Ende vor allem eins ganz deutlich erkennen lässt: wir sind nicht zufällig unterwegs auf der unendliche Reise durch Zeit und Raum, hilflos und verloren auf dem unbedeutenden Raumschiff Erde, wobei es letzten Endes völlig egal ist, ob das Experiment der Natur, genannt Mensch, erfolgreich ist oder scheitert, sondern in allem und über allem waltet ein Gott, der bewegt aus Liebe und Sehnsucht zum Leben ins Dasein ruft. Dafür steht Jesus, davon erzählt seine Geburt und seine Lebensgeschichte vom ersten bis zum letzten Buchstaben. Folge den Spuren Jesu auch im neuen Jahr nach Christi Geburt und du wirst die Fußspuren Gottes in der Welt entdecken. Das eigentlich wunderbare und phantastische ist nämlich in der Tat, dass Jesus in allem, was von ihm und über ihn berichtet wird, transparent, durchscheinend ist für die Wirklichkeit, die Güte, die Fürsorge und die Liebe Gottes.
Darum geht es in allem, was erzählt wird und darin liegt eine Wahrheit, die jedem Faktencheck standhält, aber diesen Faktencheck nicht braucht, weil sie eine größere und tiefere Wahrheit ist, die in anderen Kategorien gedacht und geglaubt werden will.
Dieses mein Leben erhellende und den Blick auf einen Punkt konzentrierende Licht, das mit Jesus in unserer Wirklichkeit Gestalt angenommen hat, leuchtet ein verheißenes Ziel meines Lebens an und aus: Gottes Ewigkeit!
Da komm ich her und da geh ich hin: und daran erinnert uns im kommenden Jahr Tag für Tag die Losung dieses Jahres 2013: wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir. Amen

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