21 Stunden

Liebe Gemeinde, liebe Freunde, liebe Gäste,

wir feiern heute den 53. Sonntags-Gottesdienst in diesem Jahr 2012!

An jedem ersten Tag der Woche gab es hier – oder in ökumenischer Gemeinschaft in einer anderen Kirche – einen Gottesdienst. Wer war an allen dabei? Ich nicht – wahrscheinlich niemand. Selbst die Treuesten der Treuen waren einmal krank oder im Urlaub.

Alle 7 Tage gab es eine Predigt. Im Durchschnitt vielleicht 22 Minuten lang. Zu lang?

Angeblich darf man über alles predigen, nur nicht über 20 Minuten. Die Konzentrationsfähigkeit moderner Menschen ist, so haben die Profis von Funk und Fernsehen berechnet, nach 3 Minuten erschöpft.
Warum schaut Ihr, liebe Geschwister, auch nach 4 Minuten immer noch so interessiert nach vorn? Selbst dann noch, wenn die Predigt den Durchschnittswert von 22 Minuten einmal sprengt?

Wo seid Ihr da eigentlich mit Euren Gedanken? Schon beim Mittagessen? Oder sind wir in der Kirche einfach anders, überdurchschnittlich gut im Zuhören? Übung macht den Meister! In regelmäßigem Wochen-Zyklus und wiedererkennbaren Rede-Rhythmus – da wird man immer besser. Ein Methodist schafft statt 3 Minuten 22! Wenn er denn regelmäßig dabei ist…

Oder – so soll es andernorts schon vorgekommen sein – man wartet gespannt, wann der Prediger endlich das Rätsel auflösen wird und in seiner Predigt auf den Ziegelstein zu sprechen kommt, den er mit auf die Kanzel genommen hat. Der Pastor aber hat dann ungerührt nach 22 Minuten das Amen gesprochen und anschließend gesagt, der Stein hätte keinerlei Bezug zur Predigt – er wollte nur wieder einmal eine aufmerksame Zuhörerschaft vor sich haben….

Liebe Schwestern und Brüder, liebe Freunde: Wem hören wir eigentlich sonst noch so lange zu? Ohne zu widersprechen, ohne wegzuzappen? Dem Ehepartner? Den Kindern? Dem Chef? Dem Talkmaster?

22 lange Predigt-Minuten! Ohne Werbeunterbrechen, ohne Anmoderation, Jingle oder Trailer. Nicht einmal ein Erfrischungsgetränk gibt’s zwischendurch um diese lange Zeit zu überstehen. Natürlich schweifen die Gedanken ab und an hinüber zu anderen Themen. Aber mittendrin aufgestanden ist noch keiner, um sich ein Bier zu holen… Woher diese Geduld? Warum diese Beständigkeit im Zuhören?

Alle 7 Tage eine 22 – Minuten – Predigt.
53 Mal 22 Minuten, mit der Karfreitagspredigt und der Weihnachtspredigt und der Silvesterpredigt morgen werden es sogar 56 Predigten sein. 56 mal 22. Insgesamt 20 Stunden und 53 Minuten Predigt im Jahr 2012, inklusive der, die gerade läuft…!
Fast 21 Predigtstunden im Jahr! Ganz schön viel!

Aber so viel nun auch wieder nicht: Jeder Bundesbürger ab 14 Jahren schaut am Tag durchschnittlich 223 Minuten in die Röhre. 3 Stunden und 43 Minuten täglich. Das waren im Jahr 2012 pro Person 1356 Stunden. Über 60 Mal so lange, wie ein treuer Gottesdienstbesucher den Predigten eines Jahres gelauscht hat, wenn er alle gehört hätte. Auf eine Predigtminute kommt demnach eine Fernsehstunde….

Was sind da schon 20 Stunden und 53 Minuten Predigt im Jahr!?

Und? Hat’s geholfen, das Predigthören, das Gottesdienst-Gerenne? So wird man ja ab und an schnippisch gefragt, vielleicht von den eigenen Kindern oder dem Partner, der tolerant, aber distanziert ist. Gut wenn man dann zurückfragen kann: Und hat’s geholfen? Die 1356 Stunden Fernsehen?

Warum eigentlich die Predigt, liebe Freunde, liebe Gemeinde? Warum predigen die einen, die Pastoren, die Predigthelferinnen und Laienprediger – und die anderen hören zu? Warum eigentlich die Predigt – im methodistischen Gottesdienst der Mittelpunkt, das Wichtigste?

Das Abendmahl, eigentlich gut evangelisch gleichberechtigt neben dem Wort, konnte im Methodismus nie gleichziehen. Der Gottesdienst steht und fällt mit der Predigt. Ist die Predigt schlecht gewesen, tröstet man sich mit einer Liedstrophe oder der Lesung aus der Bibel. Wenigstens die hatten einem was zu sagen.

Warum Predigt? Warum die Arbeit vor der Predigt, die Konzentration während des Predigens und während des Zuhörens?
Wozu das alles?

„Um etwas mitzunehmen…“. So könnte eine schnelle Antwort lauten. „Um etwas zu lernen“, würden andere sagen. „Um angesprochen zu werden.“

„Um angesprochen zu werden.“ Was meinen wir damit?

Angeredet zu werden. Zu fühlen: Das sagt mir etwas! Ich bin beachtet mit meinem Leben wie es ist. Getroffen, betroffen. Bewegt. Berührt. Aufgerichtet, orientiert. Getröstet. Ich bin mit Anspruch angesprochen worden.

Jetzt wird es Zeit, den Text für die heutige Predigt ins Spiel zu bringen. Wir haben nur noch (13) Minuten…

Er beginnt mit folgenden Worten:
„Jesus aber rief…“

Das erinnert uns an etwas, was wir manchmal vergessen: Wenn Gottesdienst gefeiert wird und im Gottesdienst gepredigt wird, dann redet auf der Kanzel immer ein Mensch. Ganz oft ein Mann, seltener eine Frau. Ganz oft ein mittelalterlicher Mensch, manchmal ein älter gewordener – oder ein junger Praktikant. Mal ist es interessant, mal weniger. Mal hat er sein Manuskript dabei, mal keins. Mal irgendein Ding zur Anschauung, einen Ziegelstein vielleicht, mal ist seine Krawatte verrutscht. Immer aber geht es noch um etwas anderes, als dass da ein Mensch redet:

„Jesus aber rief…“. Darum geht es. Jesus ruft.

Immer hören wir noch jemand anderen sprechen. Und so sind sie beide, der Prediger und der Predigthörer angehalten, die beiden Sprecher des Sonntags nicht zu verwechseln.

44 Jesus aber rief: Wer an mich glaubt, der glaubt nicht an mich, sondern an den, der mich gesandt hat.
45 Und wer mich sieht, der sieht den, der mich gesandt hat.
48 Wer mich verachtet und nimmt meine Worte nicht an, der hat schon seinen Richter: Das Wort, das ich geredet habe, das wird ihn richten am Jüngsten Tage.

„Wer an mich glaubt, der glaubt nicht an mich, sondern an den, der mich gesandt hat!“

Wir wissen es längst, liebe Gemeinde, dass es ab und an passiert, dass wir an den falschen glauben. Oft ohne es zu wollen, oft ohne es zu merken. Dass wir an den glauben, der da vorn steht. Oder, auch das kommt immer wieder vor: den verachten, der da auf der Kanzel steht. Dass also der Mensch in den Mittelpunkt des Gottesdienstes gerät.

Und das hängt vielleicht tatsächlich mit unseren Sehgewohnheiten zusammen, mit den „3 Stunden 43“, die wir gerade ausführlich erörtert haben: Da stehen natürlich immer Menschen im Mittelpunkt. Wer denn sonst.

Wo aber in der Kirche vergessen wird, wer eigentlich von der Kanzel spricht, sei es aus gläubiger Verehrung oder aus resignierter Verachtung, da wird der rufende Jesus in den Hintergrund gedrängt. Und kommt dann nicht mehr so recht zu Wort. Und das ist das Schlimmste, was uns passieren kann.

44 Jesus aber rief: Wer an mich glaubt, der glaubt nicht an mich, sondern an den, der mich gesandt hat.
45 Und wer mich sieht, der sieht den, der mich gesandt hat.

Beide Sätze passen nur auf Jesus. Auf keinen Pastor, keine Pastorin, keinen Prediger und keinen Papst.

Da sind wir mitten im Geheimnis dessen, was wir hier tun: Hier vorn agieren Menschen. Jahr für Jahr dieselben und zugleich immer andere. Nichts anderes ist zu sehen, als Menschen. Wer hat auf dieser Kanzel nicht alles schon alles gestanden!

Und doch sind sie alle nur Mittler, Ermöglicher, Regierungssprecher, Übersetzer, Zeremonienmeister, Platzhalter, Erzähler – wie wollen wir sie noch nennen – für den Einen, Ewigen, der hier reden und rufen will: Jesus. Der zum Glauben an ihn ruft, damit die, die das fertig bringen, damit bei Gott sind und ewiges, unvergängliches Leben haben.

56 Gottesdienste. 56 Predigten. 56 Einladungen zum Vertrauen auf Jesus. Zur Lebensgemeinschaft mit Gott.

Und wenn wir nicht auf 56 kommen? Wenn es vielleicht nur die Hälfte war? Auch an einen 14tägigen Rhythmus kann man sich gewöhnen. Oder einen jährlichen. Weihnachten und Ostern. Das reicht eigentlich.
Was sagt denn der Prediger des heutigen Sonntags dazu? Was meint Jesus?

47 Und wer meine Worte hört und bewahrt sie nicht, den werde ich nicht richten; denn ich bin nicht gekommen, dass ich die Welt richte, sondern dass ich die Welt rette.

Das klingt doch sehr gnädig, was ich da zitiere… Allerdings fährt er fort:

48 Wer mich verachtet und nimmt meine Worte nicht an, der hat schon seinen Richter: Das Wort, das ich geredet habe, das wird ihn richten am Jüngsten Tage.

Abgerechnet wird, wie immer, zum Schluss.

Liebe Gemeinde, das muss nun gleich gesagt werden: Es gibt keinen Grund, die Nase zu rümpfen über die „Weihnachtschristen“ und ihren jährlichen Rhythmus, oder über die Banausen, die uns tatsächlich mit unserem Glauben an Jesus verachten und links liegen lassen. Dass sie schon sehen werden, wie ihnen geschieht, am jüngsten Tag…!

Es ist eine ganz menschliche Regung, dass man Feuer und Schwefel über die regnen lassen möchte, die das, was man selbst für das Wichtigste hält, ignorieren.

Nein, bevor wir jetzt wieder das alte Lied von denen anstimmen, die heute Morgen und alle anderen 55 Morgen eigentlich hätten hier sein müssen und es nicht sind – bevor wir das tun, steht eine andere Aufgabe an. Für uns:

Wir müssen uns klar machen, was der Gottesdienst eigentlich ist. Was das für eine Veranstaltung ist – in diesem besonderen Haus – in deren Mitte eine 22-minütige Rede steht, die wir Predigt nennen:

46 Ich bin in die Welt gekommen als ein Licht, damit, wer an mich glaubt, nicht in der Finsternis bleibe.

Liebe Gemeinde, das klingt ganz klar: Wir sind hier, weil wir das Licht suchen. Den Glauben an Jesus, der uns aus dem Dunkel herausholt. Nicht die anderen. Die auch. Immer aber ruft er zuerst und nur mich bei meinem Namen.

Wer Jesus vertraut, der bleibt nicht in der Finsternis. Das kann ich mir immer für andere wünschen. Das kann ich immer für andere erhoffen, am Ende geht es nur um eines: ob ich es selbst für mich so erlebe.

Ein Licht ist der Gottesdienst. Ein Licht ist die Predigt. Immer in dem Maße, wie es den hier vorn Agierenden gelingt, selbst durchsichtig zu werden. Dem Licht nicht im Wege zu stehen, es nicht zu verdunkeln. Ihm die Ehre zu geben und es auf einen Leuchter zu stellen.

Geben wir uns nicht zu schnell mit zu wenig zufrieden. Wir sind nicht hier, damit wir uns untereinander regelmäßig sehen und grüßen. Das auch, aber darum geht es nicht zuerst.
Wir sind nicht hier, weil wir uns an den schönen und vertrauten Raum gewöhnt haben, die Musik lieben und die alten Melodien uns nun schon so lange begleiten. Das auch, aber darum geht es nicht zuerst.
Wir sind schon gar nicht hier, weil es unsere Pflicht ist oder weil andere es von uns erwarten. Das mag vielleicht hier und da so sein, aber darum geht es auch nicht zuerst. Ich lese noch einmal, ich zitiere nochmals, ich richte es noch einmal aus:

46 Ich bin in die Welt gekommen als ein Licht, damit, wer an mich glaubt, nicht in der Finsternis bleibe.
49 Denn ich habe nicht aus mir selbst geredet, sondern der Vater, der mich gesandt hat, der hat mir ein Gebot gegeben, was ich tun und reden soll.
50 Und ich weiß: sein Gebot ist das ewige Leben. Darum: was ich rede, das rede ich so, wie es mir der Vater gesagt hat.

Wir sind eingeladen uns bewusster zu werden, um wie viel es eigentlich geht, wenn wir Gottesdienst feiern. 56 Mal im Jahr, maximal.
Es geht um nicht weniger als das ewige Leben. Das bewusste Leben, das gehaltvolle, getröstete. Das bleibende…Unter Gottes Perspektive. Um die Ewigkeit. Um die Welt, die unseren Alltag umfängt und ihn zugleich weit übersteigt. Es geht um das Licht, das in der Finsternis scheint.

Hüten wir uns also, aus unserem Zusammensein eine Kulturveranstaltung zu machen, einen Treffpunkt für eine konservative Wertegemeinschaft oder ein Vereinshaus gar. Und vergessen wir auf jeden Fall ganz und gar den Maßstab und das Vergleichen mit den „3 Stunden 43“. Das ist etwas ganz anderes.

Hier, im Gottesdienst, bekommen wir es einmal nicht mit uns selbst zu tun. Endlich! Hier wartet etwas Fremdes auf uns, etwas Neues, Anderes. Hier begegnen wir, die wir aus der Dunkelheit kommen, nicht noch einmal uns selbst und unserer Finsternis. Hier scheint das Licht. In dem, was uns zu Ohren kommt und uns zu Herzen geht. Ein Lichthaus, ein Trosthaus, ein Gotteshaus, ein Jesushaus, ein Glaubenshaus ist diese Kirche.

Hier geht es – so möchte ich es noch einmal anders sagen, niemals zuerst um uns. Es geht um Gott und um den, den er gesandt hat. Gott dient uns im Gottesdienst. Dieses Haus gehört ihm. Er will uns Licht sein. Zu ihm lockt uns Jesus mit seinem Rufen.
Darum die Predigt.

Darum ist die Predigt auch rar. Nur 21 Stunden im Jahr. Kostbar und wertvoll. Es gibt Dinge, die vertragen keine Masse, keine zeitlose Verfügbarkeit. Die brauchen den besonderen Rahmen, weil sie kostbar und wertvoll sind.
Man kann nicht jeden Tag Sekt trinken oder Gans essen. Unterhalten lassen kann man sich immer, berieseln mit auswechselbaren Bildern, Wiederholungen und zusammen gezimmerten Geschichten, die dazu da sind, verbraucht zu werden.

Der Gottesdienst gehört nicht zur Kategorie der Unterhaltungsmedien. Er zerstreut nicht. Er lenkt nicht ab. Er lenkt hin. Hin zum Kostbaren, zum Wesentlichen.

Hier haben wir es, in aller Unvollkommenheit, für die wir Menschen nun einmal zeichnen, mit dem Vollkommenen zu tun. Der Ewigkeit. Gegen alles Schnelle und Oberflächliche. Darum sind wir hier. Vergessen wir das nicht.

Jesus aber rief: „Ich bin in die Welt gekommen als ein Licht, damit, wer an mich glaubt, nicht in der Finsternis bleibe.“

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