Nicole aber lebte

Liebe Gemeinde,

möglicherweise erinnern Sie sich an die Bilder, die im Fernsehen übertragen wurden, als die Regime z.B. in Libyen oder in Ägypten oder noch länger her im Irak fielen. Was gab es nicht für eine Volksfreude und einen Taumel, als die Bilder und Standbilder der verhassten Herrscher herunter gerissen oder umgestürzt werden konnten. Das wird Ihnen sofort einleuchten: Natürlich ging es hierbei nicht um das Material selber, aus dem dieser Bilder oder Statuen gefertigt waren, sondern es ging um das, wofür sie standen – die Person dahinter war mit der Schmähung gemeint.

Andersherum geht es ebenso. Wahrscheinlich sind viele unter Ihnen, die in ihren Geldbeuteln Fotographien ihrer Liebsten bei sich tragen.

Bilder können also etwas vermitteln von der Person, die hinter ihnen steht. Sie bestärken die Gegenwart dieser Person (im Guten, wie im Schlechten) und helfen bei der Erinnerung an das, wofür diese Person steht. Und gleichzeitig ist das Bild sehr begrenzt, denn es kann ja nicht mehr – z.B. bei einem Foto– als einen Augenblick im Leben dieses Menschen festhalten oder aber es muss sehr idealtypisch gemalt oder gestaltet sein, damit etwas von der Grundidee, von der Aussage, die dahinter steht, mit vermittelt werden kann.

Wie Sie alle wissen, gibt es im AT das Bilderverbot: Gott kann nicht im Bilde dargestellt werden. Das hat mit jener letzten Aussage zu tun: Wie will man den Lebendigen selbst festlegen auf einen Moment des Bildes? Und dabei greift das Bilderverbot sogar weniger die Gestaltung eines Bildes an, also z.B. die Malerei oder das Fertigen von Plastiken, als das Erstellen eines Bildes im Kopf, bei welchem man dann sagen könnte: „So oder so ist Gott!“.

Als sich Gott Mose im brennenden Dornbusch offenbart, sagte er zu diesem: „Ich werde sein, der ich sein werde.“ Oder anders übersetzt: „Ich werde mich erweisen, als der ich mich erweisen werde.“ Viel lebendiger, viel mehr in Bewegung kann ein Name eigentlich nicht sein. Und es wird verständlich, dass bei einem solchen Namen die Darstellung in einem Bild oder auch nur das Erstellen eines Bildes im Kopf unmöglich sein muss.

Nun gibt es aber neben uns evangelischen Christen, die wir die kleinste Gruppe der Christenheit in der Welt stellen, und neben der römischen Kirche noch die orthodoxen Christen, die wir hierzulande wenig kennen. Sie sind vor allem im Osten stark verbreitet. Diese kennen die Tradition der Ikonen, der Gemälde von Christus und die Verehrung dieser Ikonen im Gottesdienst. Sicherlich haben Sie schon mal welche gesehen, z.B. im Griechenlandurlaub oder anderweitig. Hier ist etwas geschehen, was gewissermaßen die Ausnahme bestätigt, denn hier findet – in den Augen der orthodoxen Christen – eine Darstellung Gottes statt. Warum dies so ist, hören wir aus dem Predigtwort für den heutigen Sonntag aus dem Evangelium nach Johannes im 12. Kapitel, die Verse 44 bis 50: „Jesus aber rief: Wer an mich glaubt, der glaubt nicht an mich, sondern an den, der mich gesandt hat. Und wer mich sieht, der sieht den, der mich gesandt hat. Ich bin in die Welt gekommen als ein Licht, damit, wer an mich glaubt, nicht in der Finsternis bleibe. Und wer meine Worte hört und bewahrt sie nicht, den werde ich nicht richten; denn ich bin nicht gekommen, dass ich die Welt richte, sondern dass ich die Welt rette. Wer mich verachtet und nimmt meine Worte nicht an, der hat schon seinen Richter: Das Wort, das ich geredet habe, das wird ihn richten am Jüngsten Tage. Denn ich habe nicht aus mir selbst geredet, sondern der Vater, der mich gesandt hat, der hat mir ein Gebot gegeben, was ich tun und reden soll. Und ich weiß: sein Gebot ist das ewige Leben. Darum: was ich rede, das rede ich so, wie es mir der Vater gesagt hat.“

Liebe Gemeinde: „Und wer mich sieht, der sieht den, der mich gesandt hat.“ – So sagt es Jesus nach Johannes und das gibt den Grund an, warum Gott auf Ikonen dargestellt wird: In Christus erkennen wir diesen Gott. Nun gibt es Ikonen in tausendfältiger Gestalt, mit vielen festgelegten Gesten und Bedeutungen. Eine ganz eigene Kunstrichtung und Glaubenshaltung findet sich darin. Und dennoch sind sie nicht beliebig und stellen Gott in Jesus gewissermaßen mal so und mal so dar, sondern sie verweisen auf ganz bestimmte Grundzüge und Grundhaltungen, die für die Praxis der Gläubigen entscheidende Hinweise enthalten.

Und uns Evangelischen, denen das Bildnis eher fremd ist und die auch keine Dinge oder Gegenstände kennen, die heilig oder anzubeten sind, ist doch in Luthers Deutung etwas ganz Ähnliches überliefert. Denn auch wir sagen, dass wir Gott in seinem Wesen nicht begreifen können. So sind all unsere Beschreibungen von ihm eher Umrisse oder Hinweise, als eindeutige Zuordnungen. Oft sogar in sich widersprechenden Sätzen gehalten, wie um auszudrücken, dass es keinen Bereich gibt, der auszuschließen wäre, wenn von Gott die Rede ist. So bleibt uns das Wesen Gottes verborgen. Luther redet sogar vom verborgenen Gott, dem „deus absconditus“, den zu ergründen und zu erforschen kein Heil bringt, sondern nur Verwirrung und Ratlosigkeit. Sie sehen diese Verwirrung aufbrechen, wenn wir uns etwa fragen: „Wie konnte Gott dieses oder jenes Unglück zulassen?“. Luther empfiehlt dagegen, sich an den zu halten, der offenbart worden ist: Gottes Wesen in Christus Jesus. Hier finden wir die Antworten, die uns dem Heil näher bringen. Und wir hören diese in unserem Predigtwort: „In die Welt gekommen als ein Licht.“ „In die Welt gekommen, dass sie gerettet werde.“ Und: „Gottes Gebot ist das ewige Leben.“ Ganz ähnlich also wie bei unseren christlichen Brüdern und Schwestern: In Christus erkennen wir Gott.

Wenn wir in der Weihnachtszeit die Geburt Jesu vor Augen haben, dann sollten wir diese Sätze verinnerlichen und sie gleichsam wie eine Ikone vor unser inneres Auge stellen. Unter diesen Blickwinkel können wir Gottes Geschehen in dieser Welt betrachten und uns für unser Leben daran festmachen.

Wenn Sie so wollen, liebe Gemeinde, dann kann diese innere Ikone ein Prüfstein sein für die Aussagen, denen Sie trauen wollen. Wenn also z.B. jemand Ihnen sagen möchte, dass mit Gott Gewalt und Totschlag in dieser Welt sich rechtfertigen ließen, so wissen Sie: Nein, das kann nicht sein! Wenn jemand Ihnen klarmachen möchte, dass es in Gottes Namen zu Ausschluss von bestimmten Menschen kommen muss, so wissen Sie: Das hätte Gott nicht gewollt! Sondern Sie haben dies Bild vor Augen von einem Gott, der die Menschen sucht, ihnen in Liebe nachgeht und in der Stille versucht, die Menschen zu gewinnen.

Aber es kann noch mehr sein, diese innere Ikone für Sie: Sie können sich daran selber festhalten in den dunklen Stunden Ihres Lebens. Wenn Luther empfiehlt, sich zur Taufe zu fliehen, dann meint er genau dieses: Sich auf die Aussagen Christi zu stützen, die Sie ganz persönlich gerechtfertigt und gefestigt haben. Ich kannte einen Professor, der sich einen Psalm, der ihm ganz wichtig war, abgeschrieben hatte und ihn in seiner Brieftasche bei sich trug – ganz ähnlich, wie die Bilder der Angehörigen bei vielen von Ihnen. Und er holte sich diesen Psalm hervor in den schwierigen Situationen seines Lebens und las die Worte, als wären sie für ihn geschrieben.

Welche Worte wären dies für Sie, liebe Gemeinde? Lesen Sie die Schrift daraufhin, welche Bildwort für Sie ganz persönlich am besten und am treffendsten diese Wahrheit ausdrücken und legen Sie sie sich immer wieder vor, damit sie eine Wahrheit in Ihrem eigenen Leben werden kann, auf die Sie trauen und bauen können.

„Beim Versteckspiel in der Wohnung der Freundin entdeckte Sabine mitten im Suchen über dem Bett ihrer Freundin Nicole ein seltsames, eingerahmtes Bild: etwas Blaugraues mit schwarzbraunen Rändern und einem Loch in der Mitte. Sie nahm gerade das komische Etwas von der Wand, um es sich genauer anzusehen, da stand schon Nicole neben ihr, riss ihr mit hochrotem Kopf das Bild aus der Hand und sagte ärgerlich: "Lass meine Sachen in Ruh‘ – das geht dich nichts an!" Aber auch Sabine war nicht auf den Mund gefallen: "So ein blöder, alter Lappen an der Wand, was soll das?"

Die schönste Zankerei war gleich im Gange, als Nicoles Mutter von der Arbeit nach Hause kam. Mit einem Blick sah sie, was geschehen war. "Kommt", sagte sie, "vertragt euch. Sabine kann ja nicht wissen, worüber sie lacht. Nicht wahr, Nicole, wir wollen es ihr erzählen." So erfuhr Sabine die Geschichte des sonderbaren Bildes.

Als Nicole drei Jahre alt gewesen war, waren die Eltern eines Abends ins Theater gegangen. Als sie heimkamen, schlugen ihnen aus den Fenstern ihrer Wohnung Flammen und Rauchwolken entgegen. Viele Leute drängten sich unten auf der Straße. Auch die Feuerwehr war schon da. Es war ein schreckliches Durcheinander und Rufen und Laufen und Gedränge gewesen. Aber Nicoles Mutter hatte alles das gar nicht wahrgenommen. "Mein Kind", hatte sie nur immer wieder gerufen, "mein Kind – es ist noch in der Wohnung!" Mit Gewalt hatte man sie festgehalten, als sie in das brennende Haus laufen wollte. Da hatte ein junger Feuerwehrmann die lange Brandleiter an das Fenster gelegt, war flink hinaufgeklettert und in der Glut verschwunden, ehe die Leute recht begriffen, was da vor ihren Augen geschah. Totenstill hatten sie auf einmal dagestanden und zu dem Fenster hinaufgeschaut. Würde er es schaffen? Würde er das Kind retten?

Da tauchte er am Fenster auf. In den Armen hielt er ein Bündel – es war Nicole. Mit letzter Kraft kam er von der Leiter herunter. Er taumelte und brach zusammen. Zwei Tage später starb er im Krankenhaus – Nicole aber lebte.

Frau Hofer schob Sabine das Bild hin. "Sieh", sagte sie, das ist ein Stückchen von dem Rock, den er trug. Die Ränder sind versengt, und ein Loch ist hineingebrannt. Aber jetzt wirst du verstehen, warum das Bild kostbarer ist als alle anderen, die wir besitzen, und warum es über Nicoles Bett hängt."

"Ja", sagte Sabine still, "jetzt verstehe ich es. Wenn er nicht sein Leben eingesetzt hätte, wäre Nicole tot." Und ganz vorsichtig hängte sie das kostbare Bild wieder an den Nagel, von dem sie es vorhin abgenommen hatte.

Und der Friede Gottes, der umfassender ist, als wir ihn denken könnten, bewahre Eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

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