Vertrauen bringt Leben – zwei Sichtweisen auf das Weihnachtsgeschehen

[Anmerkung: Die Predigt nimmt über den Predigttext hinaus Bezug auf das Evangelium des Tages, die Weihnachtsgeschichte nach Lukas.]

Liebe Gemeinde,

unterschiedlicher kann man von Weihnachten kaum reden als in jenen beiden Texten, die uns heute im Gottesdienst vorgegeben sind: Noch haben wir sicherlich die Geschichte der Hirten in den Ohren, wie sie der Evangelist Lukas beschreibt. Das ist „Weihnachten von unten“ – eine bildhafte Erzählung mit sozialkritischer Perspektive. Die Ärmsten sehen im Dunkel der Nacht ein Licht und hören die Nachricht: „Fürchtet euch nicht! Euch ist heute der Heiland geboren!“ – Sie gehen los, sie suchen, finden und werden froh. Am Ende preisen sie Gott. – Lukas beschreibt hier eine Bewegung von ganz unten und aus ganz einfachen irdischen Verhältnissen hin zu Gott.

Anders herum im Predigttext. Hier wird uns eine ganz andere Art begegnen, das Kommen Jesu in Worte zu fassen. Da spricht der Evangelist Johannes. Nichts von Hirten, Krippe und Stall! Das ist „Weihnachten von oben“: es beginnt im Himmel – Jesus wird von Gott vom Himmel zur Erde gesandt und bringt den Himmel auf die Erde. Wir hören den Text aus Joh. 3, 31-36:

[TEXT]

So unterschiedlich kann man von Weihnachten reden. So unterschiedlich schon vor 1900 Jahren! Lukas schreibt ein Krippenspiel, Johannes einen philosophisch-theologischen Traktat. Und ich möchte jetzt versuchen, beide Sichtweisen auf Weihnachten hier zusammenzubringen.

Lukas erzählt: …Die Hirten wachen nachts auf den Feldern im Dunkel bei ihren Herden. – Schafhirten waren damals eine ziemlich verachtete Berufssparte, gering im Ansehen, mit sehr geringen gesellschaftlichen Möglichkeiten. Ganz unten – dort, wo Günther Wallraff seine Dokumentationen vornimmt. Ganz unten – wen sehen wir da heute vor uns? Gesellschaftlich am Rand, ausgegrenzt oder auch mitten unter uns – und doch im Dunkel einer gänzlich unklaren Situation? … Und dann erzählt Lukas von der großen Wende: „Und der Engel des Herrn trat zu ihnen und die Klarheit des Herrn leuchtete um sie. Und er sprach zu ihnen: Fürchtet euch nicht! Ich verkündige euch große Freude. Euch ist heute der Heiland geboren!“

Da bricht auf einmal der Himmel auf die Erde – in Gestalt eines göttlichen Boten und mit Licht und Klarheit, mit der Ankündigung von Zuversicht und neuer Freude.
Da tut sich auf einmal der Himmel über der Erde auf. –

An dieser Stelle berühren sich die beiden Evangelien. Johannes schreibt: „Der von oben kommt, ist über allen… Der vom Himmel kommt, bezeugt, was er gesehen und gehört hat, doch sein Zeugnis nimmt niemand an. Wer es aber annimmt, bekräftigt damit, dass Gott wahrhaftig ist…“ Der Retter kommt von oben, sagt Johannes. Er ist „über allen“. Er kommt aus einer anderen Welt und bringt diese göttliche Welt in seinem Kommen mit. Nichts weniger als den Himmel. Doch nur wenige nehmen dieses Zeugnis an. Zu diesen wenigen gehören – nun wieder mit Lukas gesprochen – die Hirten, diese einfachen Gestalten vom Rand der Gesellschaft. Sie lassen sich auf die himmlische Botschaft ein, die ihnen da zugemutet wird. Lassen sich nicht nur erschrecken oder blenden, sondern in Bewegung bringen: „Fürchtet euch nicht! …Ihr werdet finden das Kind in Windeln gewickelt und in einer Krippe liegen!“ Der Engel bringt eine doppelte Botschaft vom Himmel: Einerseits dieses „Fürchtet euch nicht! Gott hat Heil und Leben für euch bereit. Gerade für euch da ganz unten! Ihr sollt es zuerst wissen.“ Andererseits die Aufforderung: „Aber ihr müsst losgehen; macht euch auf den Weg, raus aus euren Gewohnheiten, der göttlichen Verheißung entgegen“

Zuspruch und Anspruch treffen auch uns in unserem Dunkel: „Fürchtet euch nicht!“ Inmitten der Dunkelheiten unseres Lebens. „Fürchtet euch nicht!“ Auch uns soll Heil und Leben zuteil werden. Auch uns soll Gottes Klarheit umfangen. Neuer Grund zur Freude soll uns erfüllen. Aber wir müssen losgehen, uns auf den Weg machen, suchen, der Stimme Gottes folgen. Dann werden wir Heil erfahren. Die Hirten gehen los. Sie suchen das Leben, Erfüllung, Erlösung… und finden ein Kind! Zugleich finden sie den Himmel, denn dieses Kind trägt Gott in sich. Dieses Kind ist: „der von oben kommt“.

Hören wir noch einmal auf die Worte von Johannes: „Der von Gott Gesandte spricht die Worte Gottes. Gott erfüllt ihn ganz mit seinem Geist. Der Vater liebt den Sohn und hat ihm Macht über alle Dinge gegeben.“ Johannes zeichnet eine ganz besondere Vater-Sohn-Beziehung in seinem Evangelium: zwei, die doch durch den Heiligen Geist eine Einheit bilden. Das, was dieser Jesus von Nazareth in die Welt bringt, ist göttlich. Gott handelt durch ihn.

Zurück auf die Bühne des Lukas: Die Hirten kehren wieder um, sie verlassen den Ort ihrer Anbetung und gehen zurück in ihren Alltag. Doch sie gehen nicht wehmütig oder geknickt, sondern, so heißt es: „Sie priesen und lobten Gott für alles, was sie gehört und gesehen hatten und was an ihnen geschehen war.“ Sie gingen als Verwandelte. Ihr Aufbruch und die Begegnung an der Krippe war kein einmaliger Event in ihrem Leben. Etwas vom Himmel war nun in ihnen und unter ihnen und würde es bleiben. Niemand würde es ihnen mehr nehmen können. Liebe Gemeinde, genau das meint Weihnachten: Wenn uns die göttliche Botschaft ins Herz trifft, mitten hinein in unser Dunkel und in unsere Fragen. Wenn etwas vom Himmel zu uns auf die Erde kommt, uns den Weg weist, unsere Sehnsucht stillt und uns vielleicht sogar zum Singen bringt. („Fröhlich soll mein Herze springen…o.ä.) Wie gut, dass die Hirten dieser Botschaft des Engels vertrauten – und nicht nur resigniert abwinkten: „So was gibt’s nicht. Die Welt wird nie besser, eher schlechter…“ Wie gut, dass sie voll Vertrauen losgingen. Das wurde ihre Rettung. Sie vertrauten der Botschaft mitten im Dunkel der Nacht. Gott vertrauen finden – wozu die Bibel so oft einlädt – das heißt „glauben“. Glauben bedeutet vertrauen. Und auch das ist eines der großen Themen des Johannesevangeliums – die Einladung, dem Gottessohn zu vertrauen. Sich dem Leben zu öffnen, darauf zu vertrauen, dass Gott uns darin begegnet – wie Jesus es verkündet hat. Vertrauen zu können, macht es hell im Herzen. „O Sonne, die das werte Licht des Glaubens in mir zugericht, wie schön sind deine Strahlen!“ Im Predigttext des Johannes finden wir den erstaunlichen Satz: „Wer dem Sohn glaubt / vertraut, hat das Leben!“ Dem wird es nicht erst irgendwann in ferner Zukunft geschenkt. Der wird nicht billig auf’s Jenseits vertröstet. Sondern er hat das Leben – hier und Jetzt. Wer vertraut, hat Anteil an dem ihm von Gott zugedachten Leben.

Wie die Hirten so auch wir! Etwas vom Himmel ist unter uns. Schon hier und jetzt! In diesen Dezembertagen 2012:
– Etwas vom Himmel ist unter uns, wenn wir vertrauen – der göttlichen Stimme, die uns durch unser Leben führen will. Und immer wenn wir auf Jesus sehen – wie die Hirten – , weist er uns genau da hin.
– Etwas vom Himmel ist unter uns, wenn wir lieben – wenn wir Gottes Liebe, die uns zuteil wird, weiter tragen zu den Menschen, mit denen wir es zu tun haben. Und immer wenn wir auf Jesus sehen – wie die Hirten -, weist er uns genau da hin.
– Etwas vom Himmel ist unter uns, wenn wir hoffen – wenn wir dem Licht trauen, das uns durch die Nacht führt und ihm folgen, weil wir statt mit Weltuntergängen mit Gottes guter Zukunft rechnen. Und immer wenn wir auf Jesus sehen – wie die Hirten – , weist er uns genau da hin.

Gott will uns das Leben finden lassen inmitten vieler möglicher Lebensentwürfe, inmitten unserer Konflikte und Krisen, trotz aller Umwege und Sackgassen. Johannes weist auch auf die Möglichkeit, das Leben zu verfehlen, an den von Gott uns zugedachten Möglichkeiten und Chancen vorbeizuleben, uns selbst und anderen das Leben zu verbauen. Diese bittere Möglichkeit verschweigt er nicht. Doch die heutige Frohe Botschaft aus beiden Weihnachtstexten lautet: Wer diesem Kind und seiner Botschaft traut, hat das Leben. Der trägt den Himmel in sich, auch wenn e r (oder sie) ganz unten ist. „Die ihr arm seid und elende, kommt herbei, füllet frei eures Glaubens Hände. Hier sind alle guten Gaben und das Gold, da ihr sollt euer Herz mit laben.“

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