Rettungsroutine

Für manche von uns ist der Weihnachtsabend in der Kirche DER Gottesdienst des Jahres. Ich meine das überhaupt nicht polemisch im Blick auf die sog. Weihnachts-Christen. Auch für viele Pastoren ist diese Veranstaltung DER Gottesdienst des Jahres. Vor der Kanzel ist eine bunte Mischung versammelt, wie sie so vielschichtig selten erscheint. Die Erwartungen der Besucher sind groß. Ich hoffe doch, Sie sind hergekommen mit hohen Erwartungen. Und nicht nur mit Weihnachtsroutine, dem üblichen Abschluss eines langen Tages, der mit der Christvesper gekrönt wird.

Diese Routine gibt natürlich Sicherheit. Es ist schön, wenn man am Heiligen Abend auf dem Weg zur Kirche sicher sein kann: Krippenfiguren und Baum rahmen den Altar ein, die vertraute Weihnachtsgeschichte wird verlesen, an Schluss stimmt die Gemeinde kräftig in das „O zu fröhliche“ ein, und die Orgel braust dazu.

Die Weihnachtsroutine hat uns auch Sicherheit gegeben in den Tagen davor. Wir haben Übung darin, innerhalb des engen Zeitfensters für die Festvorbereitung die zusätzlichen Termine zu bedienen und trotzdem das Nötige zu besorgen.

Auch uns Geistlichen hilft die jahrelange Erfahrung, nach einer ereignisintensiven Adventszeit, an Weihachten auf den Punkt gerüstet zu sein. Überhaupt hat Routine bei der Kirche einen ganz hohen Stellenwert: In der Tradition und Liturgie pflegen wir Jahrhunderte altes Brauchtum.

Und doch merken wir hoffentlich: Ihre und meine Routine kann das, was der lebendige Gott uns schenken möchte heute Abend, hemmen und hindern, ins Leere laufen lassen. Nämlich dann, wenn wir meinen: Da kommt nichts Neues mehr, es ist ein Alle Jahre wieder. Dann konzentrieren sich unsere Bemühungen darum, das Weihnachten, wie wir es früher geliebt haben, zu bewahren. Und wenn es nicht mehr möglich ist, das zu wiederholen, wollen wir es wenigstens in der Erinnerung bewahren.

Wie ist das eigentlich bei Gott? Freut der sich, wenn wir unser Brauchtum pflegen? Wenn bei all den massiven, immer rascher aufeinander folgenden Veränderungen der Gegenwart ab 1. Dezember noch einmal alles wieder so ist wie immer? Ich denke, unsere Routine hat viel zu tun mit den äußeren Dingen. Grüße, Präsente, Deko. Heiligabend, wenn wir es zur Kirche schaffen, ist die Gelegenheit, den inneren Dingen auf die Spur zu kommen.

Und bei denen ist Gott der Routinier. Aber welcher Gedanke leitet ihn da? Worauf kommt es ihm am meisten an?

Das Wort des Jahres 2012 hilft uns auf diese Spur. Haben Sie es überhaupt mitbekommen? Die Nachricht kam ja mitten zwischen Einkaufsliste checken und Päckchen verstauen für den Zwischenstopp bei der Post. Das Wort des Jahres 2012 lautet „Rettungsroutine“.

Ich sehe, die einen wissen das, andere gucken irritiert. Nie gehört. Das Wort bezeichnet einen im alten Jahr nahezu selbstverständlich gewordenen Umgang mit hoch verschuldeten Ländern. Man hat sich gewöhnt, Maßnahmen zu ergreifen, die notwendig sind, damit angekündigtes Unheil verhindert werden kann. Im Frühjahr hatte der CDU-Innenpolitiker Wolfgang Bosbach „eine Art Rettungsroutine“ beklagt, die sich bei den Euro-Hilfen eingestellt habe. Die Gesellschaft für deutsche Sprache hat das mitgekriegt und auf die Liste gesetzt der Vorschläge für das Wort des Jahres. Es geht dabei nicht um den am häufigsten gegoolten Begriff, da stand der Rapsong aus Korea eh schon uneinholbar vorn. Es geht um ein eher ungewöhnliches Wort, das die sich wiederholenden Nachrichten über Rettungsschirme, Währungs-Ratings, Schuldenschnitt nicht nur zusammen fasst. Sondern auch deutet.

Hat Gott Rettungsroutine? Aber hallo. Seit Anbeginn der Schöpfung hat er dauernd damit zu tun.

Er rettet Adam und Eva, die sich in die verbotene Zone ganz nahe am Baum des Lebens gewagt haben, vor dem tödlichen Keim. Sie verlieren das Paradies, aber sie bleiben am Leben.

Er rettet den Noah und seine Familie vor dem Tsunami, in dem alle anderen umkommen.

Er rettet den kleinen Isaak vor dem grausamen Ritual des Menschenopfers.

Er rettet den kleinen Mose vor der Todesschwadron des Pharao und bringt ihn aus dem Körbchen am Flussufer sicher in ein neues Zuhause.

Er rettet das Volk Israel aus der Sklaverei in Ägypten.

Er rettet den jungen David vor der Kampfmaschine Goliath.
Er rettet Ruth und ihr Volk Familie vor dem Pogrom der persischen Judenhasser.

Ich unterbreche die Aufzählung. Wir merken: In den Aktionen steckt System. Routine. Und man fragt sich bei der Häufung der Notfälle: Hoffentlich wird Gott nicht müde. Hoffentlich sagt er nicht: Jetzt reichts. Seht zu, wie ihr alleine klar kommt!

Im Richterbuch wird erzählt, wie sich in Israel immer wieder solide Zeiten abwechselten mit Chaosperioden. Der Grund: Starkes bzw. mangelndes Gottvertrauen: „Und die Israeliten taten, was dem Herrn missfiel und vergaßen den Herrn ihren Gott und dienten den Baalen und Ascheren. Da entbrannte der Zorn des Hern über Israel, und er verkaufte sie in die Hand des Königs von Mesopotamien. Da schreien die Israeliten zu dem Herrn. Und der Herr erweckte ihnen einen Retter, der sie rettete.“

Auf den folgte wieder Chaos, dann ein neuer Retter, dann wieder Niedergang usw.

Ein wirklich substantieller Fortschritt ist da nicht erkennbar. Und genauso ist das mit den Rettungsmaßnahmen, in der EU zugunsten taumelnder Schuldenstaaten. Jeder sieht doch: Man gewinnt Zeit, es ist ein Aufschub, keine Lösung. Und all dieser Aufwand, dieser hohe finanzielle Aufwand, aus einem Grund: Um den Bankrott des gefährdeten Landes und der Menschen dort abzuwenden.

Und genau darum geht es auch bei der Rettungsroutine Gottes. Er will deinen Bankrott abwenden. Denn ohne diesen Retter, ohne seine Hilfe gehst du verloren. Wird dein Leben letztlich scheitern.

Und Gott zahlt einen hohen Preis für diese Rettungsmaßnahme: Das Lebens seines Sohnes. Das Leben des allerletzten und endgültigen Retters, nach dem kein anderer kommen wird. Das wird angekündigt in der Weihnachtsgeschichte. Christ, der Retter ist da.

Damit kommt Gottes Rettungsroutine gewissermaßen endlich an ihr Ende. Die Routine, die letztlich nichts geholfen, nichts wirklich zum Guten verändert hat, kommt an ihr Ende. Mit Jesus beginnt eine neue Zeit. Beginnt eine Rettung, die durchschlagende Wirkung hat.

Ja, die Routine kommt hier an ihr Ende. Alles in der Weihnachtsgeschichte bezeugt, wie hier ungewöhnliches, nie dagewesenes und nie sich wiederholendes passiert: „Diese Schätzung war die allererste.“ Es war das erste Mal, dass eine junge Frau ein Kind erwartet aber nicht von ihrem oder einem anderen Partner. All die Maßnahmen die ergriffen werden müssen in Folge der aufgenötigten Zwangsreise nach Bethlehem, sind erstmalig. Die konnten nicht lange planen. Die müssen improvisieren. Es ist das erste Mal, dass sie einen Ort aufsuchen, wo sie nicht bei Verwandten unterkommen. Das erste Mal, wo sie betteln müssen. Das erste Mal, wo Josef sich schämt, weil er seiner zukünftigen nicht bieten kann, was er ihr versprochen hat. Das erste Mal, wo die Hirten auf dem Feld vor Bethlehem Engel schauen dürfen. Die Engel sind immer um uns, aber hier lassen sie sich sehen und geben gleich ein Konzert!

Alles in dieser Geschichte ist erstmalig. Die Betroffenen sind überwältigt von dem, was Gott da in Gang setzt. Die finale Rettungsaktion.
Hier wird sie beschrieben, wird sie aktenkundig.

Und danach? Hat Gott sich dann zur Ruhe gesetzt und gesagt: Meinen Retter hab ich euch geschickt, das war die Krönung, nun geh ich in Rente.

Nein. Er kann´s nicht lassen. Er ist weiter aktiv. Wenn auch anders als vorher. Er ist dir nachgegangen dein ganzes Leben lang bis heute. Mit all seiner Routine hat er seine Engel um dich gestellt und dich bewahrt vor Schaden. Er hat der neue Kraft gegeben, wo du am Ende warst. Er hat sich nicht zurück gezogen, als du gesagt hast, mit Gott bin ich fertig, warum ließ er all das geschehen bei mir, in unserer Familie? Er hat dich geleitet und begleitet.

Soll es aber auch Routine werden, dass wir solches an uns geschehen lassen ohne Dank, ohne Beschämtsein, ohne den Entschluss, ihm zu dienen? Nie und nimmermehr!

Wir wollen einstimmen in den Ruf der Engel, wollen Gott die Ehre geben und sagen: Ja, du bist der Herr, der ewige Retter, dir soll auch mein Leben gehören in alle Zukunft. Ich will mich endlich einreihen in die Schar derer, die nur diesen einen Weihnachtswunsch haben: Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen.

Vorgestern war J-Day, letzter Jugendgottesdienst in diesem Jahr. In einer Spielszene sind mehrere Jugendliche am Chillen. Sie unterhalten sich über Weihnachten. Eine fragt: „Glaubt ihr denn an Engel? Ich meine, so generell?“

Die gleiche Frage möchte ich dir mitgeben heute nacht: Willst du Jesus deinen Herrn und Heiland sein lassen. Nicht nur an Weihnachten. Sondern generell. Dann hat sich Gottes Rettungsroutine mit uns gelohnt. Amen.

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