Isais Rose

Der Auftrag

Als der seit Jahrtausenden erwartete Tag endlich nahe gekommen war, brach Isai, der Herr des Gartens, die noch verschlossene Rose und legte sie Jonathan in die Hände. In dieser Blüte läge das Leben, sagte er dazu und gab Jonathan den Auftrag, dass er sie ans Ziel bringen solle.

Wo dies Ziel sei, wollte der junge Mann wissen und wie man dort hinkäme. Er solle ohne Sorge sein, gab Isai zur Antwort, den Weg weise ihm ein Stern. Am Ziel aber müsse er die noch knospende Rose einem Kind geben, damit sich darin alles erfülle.

Was sich erfülle? Das wirst nicht du, dass werden die Menschen nach uns erfahren. Er sei der Bote, hörte Jonathan, seine Mission dürfe jedoch nicht misslingen. In dieser Rose läge die Erlösung der Welt, alle Weisheit des Herrn. Ginge sie verloren, so gäbe es niemals mehr Licht. Aber sprich mit niemandem über diese Rose und gib sie nie aus der Hand, gab Isiai warnend mit auf den Weg.

Jonathans Vater jedoch warnte, sein Sohn sei kein guter, man könne ihm nicht trauen. Die Mission werde niemals gelingen. Isai aber wollte kein Urteil fällen, nur weil er dies gehörte hatte. Also brach Jonathan auf, die Rose am Körper geborgen.

Im Gasthaus

Tatsächlich leuchtete ein funkelnder Stern am Himmel, der ihm den Weg in den Osten wies. Station aber machte er in einem Gasthaus.

Dort geriet unter eine Schar von Kaufleuten. Alsbald hatten sie herausgefunden, woher der junge Mann gekommen und was sein Auftrag sei. Aber sie verspotteten ihn. Eine Rose sei ja wohl keine wertvolle Blume, sie wüchse doch überall. Jonathan aber rechtfertigte sich und erzählte von ihrer Einzigartigkeit. Da wurde einer der Kaufleute neugierig, denn – so sagte er – besondere Schätze würden ihn interessieren und er fragte, ob er das Blümchen einmal sehen dürfte.

Und Jonathan zeigte die ihm anvertraute Rose. Der Kaufmann nahm sie ihm aus der Hand, betrachtete die Blüte und bot ihm einen Sack voller Goldtaler. Wenn in dieser Blüte das Leben sei, so verkaufe sie mir und du wirst leben, meinte er. Nein, das wollte Jonathan nicht tun. Als der Kaufmann jedoch ein weiteres Säckchen dazu legte, geriet unser Bote ins Grübeln. Mit diesen Talern könnte er lange leben ohne Sorge, könnte einen Beruf erlernen und hätte immer noch etwas übrig.

Und schließlich stimmte Jonathan ein. Ja, das wäre ein guter Tausch. Er wisse sowie nicht wirklich, wo sein Ziel sei. Seit Tagen verberge ihm der bewölkte Himmel den Blick auf den Stern, der ihm den Weg weisen sollte.

Der Kaufmann reichte seine Taler aus und nahm die Rose an sich. Er lobte Jonathans Klugheit, erkenne doch auch er, dass es nur auf Geld und Gold ankäme im Leben. Das sei die wirkliche Macht. Jonathan wäre ein Mann mit Zukunft, gab er der Runde seiner Genossen im Gasthaus kund, schlug dem jungen Mann zum Abschied auf die Schulter und ging seines Wegs. Jonathan folgte tags darauf, nachdem er seine üppige Zeche und komfortable Übernachtung beglichen hatte. Er fühlte sich als reicher Mann.

Bei den Armen

Der Himmel blieb bewölkt und Jonathan war sich dessen sicher, dass er den Stern sowieso nicht fände. Die Blüte hat zumindest mir das Leben gebracht, sprach er zu sich selbst, so habe sich der Weg doch gelohnt.

Mit aufkommender Dunkelheit gelangte er in ein Dorf voll ärmlicher Hütten. Die Bewohner aber waren in dessen Mitte versammelt und schnell erfasste Jonathan, dass etwas Besonderes vorginge. Tatsächlich. Er sah, wie die Dorfbewohner sich daran machten, einen Mann an der Dorflinde aufzuknüpfen. Mit Entsetzen erkannte Jonathan den Kaufmann wieder, dessen letzte Lebensstunde wohl begonnen hatte. Er trat näher. Da erblickte ihn auch der Kaufmann. Er möge mich retten, rief er ihm zu mit angstvoller Stimme. Die Dorfbewohner ließen Jonathan vortreten. Ob er etwa diesen Halunken kennen würde, begehrten sie zu wissen.

Unser Bote sprach nur ein kurzes Ja und fragte, warum man diesem Mann zu Tode bringen wollte. Er habe das Dorf und alle, die daran leben, betrogen, schreien die Menschen. Er zahle wenig für Ernte und Handwerk und verlange stets hohe Zinsen für geliehenes Geld und er sei hartherzig gegen seine Schuldner, die er dem ungerechten und habgierigen König stets zur Bestrafung überantworte. Und wenn er, Jonathan, ein Kumpan dieses Betrügers wäre, so könne er ihm gleich Gesellschaft leisten auf dem Weg zur Hölle, fügte ein grimmig bärtiger Mann hinzu.

Da teilten sich für einen Augenblick die Wolken am Himmel und Jonathan sah den Stern. Lasst ihn leben, sprach er, ich kaufe ihn frei, sofern er bereit sei, mir meine Rose zurückzugeben. Ja, ja, das wolle er auf jeden Fall tun, rief der Kaufmann. Und so zeigte Jonathan den Dorfbewohnern seinen Vortags erworbenen Schatz. Sie wägten ihn, besprachen sich und stimmten schließlich ein und gaben den Kaufmann frei. Lerne er, sagte sie, dem Kaufmann zugewandt, wenn man es richtig einsetzt, kann Geld Leben retten. Ja, daran wolle er sich stets erinnern und der Kaufmann versprach den Dorfbewohnern künftig mit Anstand und Großzügigkeit zu begegnen. Glauben wollten es ihm nur wenige und wir wissen auch nicht, ob er sein Versprechen gehalten hat.

Schnell verließ Jonathan das Dorf, befürchtete er doch, man könne neugierig nach seiner Rose fragen, ihn überfallen und sie ihm rauben.

Was bald geschehen sollte. Denn tatsächlich war einer aus dem Dorf ihm gefolgt, hatte aber zuvor des Königs Soldaten von diesem seltsamen Jungen und seiner teuren Rose berichten lassen und diese erhielten des Königs Befehl, den Rosenjungen zu suchen und zu ihm zu bringen. Das gelang den Soldaten und bald danach befand sich Jonathan in Fesseln gebunden vor dem Thron des Königs.

Der nun wollte alles wissen, was es mit der Rose auf sich habe. Jonathan erzählte, wie ihm Isai die Rose anvertraut hatte und das sie die Blume des Lebens bedeute und er sie einem Kind bringen müsse, damit sich alles erfülle. Auch vom Handel mit dem Kaufmann gab er Rechenschaft und wie es dazu kam, dass er ihm das Leben gerettet hatte.

Da beschloss der König, die Rose in seinen Besitz zu nehmen. Zuerst gedachte er, den Boten töten zu lassen, doch da überkam ihn Furcht, diese Tat könnte der Lebensrose ihre Kraft rauben. Also bot er Jonathan an, künftig bei ihm zu leben in seinen Diensten und er wolle ihm auch eine seiner Töchter zur Frau geben, so könnte er das Reich dereinst erben und er müsse nie wieder Armut kosten. Es gäbe genug Menschen, die für den König arbeiten müssen. Das ist wohl ein guter Handel und mächtig sein und nicht arbeiten müssen würde mir gefallen, dachte sich Jonathan, stimmte zu und dankte dem König, dem er Treue gelobte.

Doch in der Nacht fing die Erde an zu beben und ein heftiger Sturm riss Bäume und Häuser mit sich. Auch der Palast des Königs geriet ins Wanken und stürzte in sich zusammen. Jonathan aber wollte fliehen. Da sah er den König an einem Balkon hängen. Mit einem Arm krallte er am Geländer. Er solle helfen, schrie der König. Da wurde Jonathan gewahr, dass der König die Rose mit seiner linken Hand fest umklammert hielt. Erst, wenn er ihm die Rose gäbe, würde er ihn retten, sprach Jonathan und der König gehorchte, und händigte die Rose aus und so wurde er gerettet. Jonathan aber verließ noch in dieser Nacht den zerstörten Palast.

Seltsam, dachte sich unser Bote, schon zum zweiten Mal ist mir die Rose entrissen worden und jedes Mal, indem ich sie zurück erhielt, wurde ein Leben gerettet. Ich werde sie nie wieder aus meiner Hand geben, das sie künftig nur noch mich beschütze.

So ging er seines Weges und schaute zum Himmel empor; dort schien sein Stern, dem er fortan folgen wollte. Sein Weg führte ihn durch einen Wald, dessen Laubwerk ihm alsbald den Blick versperrte und so geriet er in die Irre, ward sehr müde und legte sich im Laub zum Schlafen nieder.

Dort spürten ihn die wilden Tiere auf. Als Jonathan erwachte, sah er sich umringt von einem Löwen, einem Bären, zweier Wölfe und einem Panter. Nun ist mein letztes Stündlein doch gekommen, durchfuhr es ihn. In seiner Angst aber hob er die Rose empor, doch die Tiere rissen ihre Mäuler auf und traten auf ihn zu. In Erwartung seines Endes versank Jonathan in Ohnmacht.

Am nächsten Morgen weckte ihn ein Sonnenstrahl, der über seinen geschlossenen Lidern glänzte. Die wilden Tiere waren fort. Jonathan sah sich um. Neben ihm lag die Rose. Dich werde ich auf immer behalten, sprach er zu sich selbst, du rettest Leben. Ich kehre um, der Weg ist mir zu weit und zu gefährlich. Nie wieder gebe ich dich her, sprach er zur Rose und barg sie an seinem Herzen. Mit seinen Händen griff er hinter sich, um sich in die Höhe zu stemmen, seinen Heimweg anzutreten. Da spürte er einen stechenden Schmerz in seiner linken Hand und er sah, wie eine Natter sich davon schlängelte. Die wilden Tiere ahnten wohl die Bedeutung der Rose. Die Schlange aber hatte nichts begriffen.

Nun muss ich doch wohl sterben, dachte Jonathan, erhob sich und schaute zum Himmel. Seltsam, selbst im Morgenhimmel war sein Stern noch zu erkennen. Das sei wohl ein Zeichen, überkam ihm ein Gedanke voll Hoffnung. Uns so setzte er seinen Weg mühsam fort. Stunde um Stunde aber spürte er, wie das tödliche Gift der Schlange ihm nach und nach alle Fäden seines Lebens zerriss.

Mit letzter Kraft erreichte er taumelnd einen Stall. Dort werde ich mich niederlegen und mein Ende erwarten, sprach er zu sich selbst.

Im Stall aber waren fremde Leute, ein junges Paar mit einem Kind. Drei seltsam gekleidete Magier und einige Hirten. Kaum aber, als er diese erblickte, brach Jonathan zusammen. Die Rose presste er an sich. Indem er zu Boden fiel, erinnerte er sich seines Auftrags, den Isai ihm gegeben hatte und warf die Rose dem Kind in den Schoss. Das Kind ergriff die Rose und im gleichen Augenblick spürte Jonathan, wie alle Krankheit von ihm wich und seine Kraft zurückkehrte.

Maria aber lächelte in an. Du hast das Zeichen der Propheten gebracht und dem gegeben, der das Leben ist und sein wird von Ewigkeit. Er wird sein Leben geben zur Erlösung für viele.

Komm, Jonathan, erheb dich, sprach Maria, du hast uns die Rose Isais gebracht und so erfüllt sich nun, was die Propheten einst gesehen, gehofft und verkündet haben:

Es wird ein Reis hervorgehen aus dem Stamm Isais und ein Zweig aus seiner Wurzel Frucht bringen.
2 Auf ihm wird ruhen der Geist des HERRN, der Geist der Weisheit und des Verstandes, der Geist des Rates und der Stärke, der Geist der Erkenntnis und der Furcht des HERRN.
3 Und Wohlgefallen wird er haben an der Furcht des HERRN. Er wird nicht richten nach dem, was seine Augen sehen, noch Urteil sprechen nach dem, was seine Ohren hören,
4 sondern wird mit Gerechtigkeit richten die Armen und rechtes Urteil sprechen den Elenden im Lande, und er wird mit dem Stabe seines Mundes den Gewalttätigen schlagen und mit dem Odem seiner Lippen den Gottlosen töten.
5 Gerechtigkeit wird der Gurt seiner Lenden sein und die Treue der Gurt seiner Hüften.
6 Da werden die Wölfe bei den Lämmern wohnen und die Panther bei den Böcken lagern. Ein kleiner Knabe wird Kälber und junge Löwen und Mastvieh miteinander treiben.
7 Kühe und Bären werden zusammen weiden, dass ihre Jungen beieinander liegen, und Löwen werden Stroh fressen wie die Rinder.
8 Und ein Säugling wird spielen am Loch der Otter, und ein entwöhntes Kind wird seine Hand stecken in die Höhle der Natter.
9 Man wird nirgends Sünde tun noch freveln auf meinem ganzen heiligen Berge; denn das Land wird voll Erkenntnis des HERRN sein, wie Wasser das Meer bedeckt.

Maria blickte in die Runde und bat alle, die an der Krippe standen: Lasst uns ein Lied singen, das Lied von dieser Rose, die in meinem Sohn, den Gott euch durch mich gegeben hat, erblühen wird, wie es die Alten vorher gesagt haben. Gott hat sein Versprechen gehalten und eingelöst.

"Damit sich das alles erfülle, müssen die Menschen besser werden," sprach einer der Magier. Doch Jonathan antwortete: Gott hat mir geholfen und mich geführt, obgleich ich dessen unwürdig bin. Darum erst vermag ich zu glauben, dass Gott uns retten wird. Indem er uns rettet, wandelt er uns.

drucken