Die zweite Etage

Liebe Gemeinde, liebe Gäste und Freunde,
wir feiern Weihnachten, die Geburt Gottes unter den Menschen. Wir haben von dem Kind gehört und von seinen Eltern und den Arbeitern, denen gesagt wurde, wo sie das Kind finden werden. Und wir kennen die anderen Figuren, die Tiere, die Könige. Und wir sehen über allem den Stern leuchten und die hellen Boten des Himmels, die im Chor Gott ein Lied singen, so wie wir heute es heute auch tun, in diesem Weihnachtsfestgottesdienst.

Der Text für die Predigt heute Morgen scheint gegenüber den plastischen Figuren und den spannenden Geschichten von der Ankündigung einer Schwangerschaft, der Suche nach einer Unterkunft oder einer Reise aus dem Morgenland eher trocken.

Was sonst bunt und menschlich zum Weihnachtsfest vor unseren Augen abläuft und aus unseren Erinnerungen aufsteigt, ist nun zur Philosophie geworden, zum Nachdenken über die Anschauung der Welt. Es wird theoretisiert und gedeutet, bewertet und am Ende sogar verurteilt. Grau ist alle Theorie. Und irgendwie blutleer, lebensfern und langweilig.

Finden wir auch ein gutes Haar in der Suppe, die uns die Perikopenordnung eingebrockt hat?

„Ordnung“ – dieses Wort könnte ein Anknüpfungspunkt sein. Ordnung, egal, wo wir sie vorfinden, erleichtert das Finden – auch wenn das Genie das Chaos überblickt und anderen vorwirft, nur zu faul zum Suchen zu sein.

Theoretisch zu werden heißt ja, die Dinge zu ordnen – indem man die Gedanken ordnet. Sich von den Gefühlen zu lösen, sich der Beliebigkeit zu entziehen, sich selbst mit den eigenen Erfahrungen in Frage zu stellen: Ist das eigentlich allgemeingültig – für alle gültig, was ich denke? Überhaupt: Was denke ich eigentlich?

Theorie ist Rechenschaft. Theorie ist kompatibel – gut formuliert, können alle verstehen, was gemeint ist. Theorie ist in alle Sprachen übersetzbar und überall auf der Welt anwendbar. Theorie bringt den Kopf ins Spiel. Theorie bringt es auf den Punkt. Und bleibt doch nur: Theorie. Der Versuch also, zu verstehen. Ein Vorschlag, eine Hypothese, ein logisches Erklärungsmodell, das heute gerade bestmögliche, aber vorläufig.

Auch die Theologie ist Theorie. Heute Morgen nun die theoretische Theologe des Johannesevangeliums.

Dann fangen wir einfach einmal an, liebe Gemeinde. Mit dem trockenen Stoff. Was ist Weihnachten nach der Ordnung des Johannes?

[31] Der von oben her kommt, ist über allen. Wer von der Erde ist, der ist von der Erde und redet von der Erde. Der vom Himmel kommt, der ist über allen [32] und bezeugt, was er gesehen und gehört hat…

Es gibt also ein Oben und ein Unten. Wir wohnen in einem zweistöckigen Haus. Himmel und Erde. Jenseits und Diesseits. Zeit und Ewigkeit. Das ist die erste Grundvoraussetzung für Weihnachten. Damit jemand mal eben herunterkommen kann, braucht es die zweite Etage.

Versteht das jeder? Überall auf der Welt?

Auf den ersten Blick werden wir an unsere atheistischen Kollegen denken, oder die ehemaligen SED-Kader in der Nachbarschaft. Oder die naturwissenschaftlich Gebildeten unter unseren Bekannten, die den Himmel nur als Himmel kennen. Eben die Hülle, die uns vom Universum trennt. Die haben natürlich Probleme mit dem zweiten Stock.

Einige Physiker aber können sich durchaus vorstellen, dass da noch eine Anzahl von Etagen über uns ist, deren Größe „X“ beträgt wobei „X“ sich der Unendlichkeit annähert. Das klingt doch schon ein bisschen nach „Ewigkeit“. Was ihnen aber doch Probleme bereitet, ist die Vorstellung, da oben, über uns, würde jemand wohnen.

Interessant, dass die Deutung der Wirklichkeit als Einfamilienhaus mit zwei Etagen gar nicht so unmodern ist. Auch weniger naturwissenschaftlich ausgerichtete Gemüter können dem zustimmen: Talismänner, Horoskope, ein Dank an das wohlmeinende Schicksal, der Glaube an die Vorsehung, an die Kraft der ewigen Liebe, das Karma, das Nirwana… – die Reihe ließe sich unendlich fortsetzen.

Es sind also vielleicht viel mehr Menschen als wir denken, die diese alte johanneische Theorie verstehen könnten: Es gibt eine zweite Etage.

Weiter geht’s: Die zweite Weihnachtsvoraussetzung lautet: Da oben ist jemand!
Einer, der sich da oben auskennt. Der da oben alle Räume kennt, der weiß, wie es da lang geht, wie es da zugeht, einer der da oben zuhause ist.
Und wenn es uns in der 1. Etage interessiert, was so da oben los ist, dann könnten wir diesen einen fragen. Wir sind doch neugierig! Wir können ja nicht auf die Dauer unter einem Dach leben und nicht wissen, wer da noch wohnt und wie er wohnt.

Und die dritte Voraussetzung für unseren Anlass, Weihnachten zu feiern ist dann logischerweise: Der da oben kommt nach unten.
Johannes ist fest davon überzeugt: Und das ist nun passiert. Er ist gekommen. Jetzt könnte man ihn aushorchen. Jetzt könnte man den unbekannten Übermieter fragen, wie es denn da oben aussieht, bei ihm. Jetzt könnte man ihn eventuell sogar fragen, ob er eigentlich allein wohnt, ob man bei ihm nicht mal reinschauen darf, zu einem kurzen Besuch vielleicht, oder einem netten Abend, man bringt auch eine Flasche Wein mit…

… und er bezeugt, was er gesehen und gehört hat; und sein Zeugnis nimmt niemand an.

Das ist der vierte Satz der Weihnachtstheorie, der Weihnachtstheologie des Johannes: Es will niemand wissen, wie es da oben aussieht. Gut beobachtet. Es interessiert niemanden.

Eigentlich nicht zu fassen, wo wir doch so neugierige Wesen sind. Wo wir doch sonst nie genug kriegen können von den Intimitäten anderer Leute und unsere Kameras überall reinhängen. Da kommt einer von oben und niemand will wissen, was er zu erzählen hat.
Das ist ignorant. Und Ignoranz schmerzt.

Schmerz ist ein Gefühl und Gefühle haben in Theorien eigentlich nichts zu suchen.
Theoretisch müsste man fragen: Woran liegt das, was ist der Grund für diese Beobachtung?

Nun, wer die Voraussetzungen nicht teilt, hat es natürlich schwer. Wer meint, in einem rollstuhlgerechten Bungalow zu leben, alles ebenerdig, Raumhöhe 2,80 und dann kommt gleich das Dach, der wird keinen Nachbarn von oben erwarten. Das sind zugegebenermaßen durch alle Zeiten hindurch immer einige gewesen.

Und wer zwar noch eine Etage drüber akzeptiert, aber nicht mehr glauben mag, dass da oben noch jemand wohnt – vielleicht weil er schon ewig keine Geräusche von dort gehört hat – dem geht es nicht besser.

Die spannendste Möglichkeit aber ist wahrscheinlich die: Der, der da gekommen ist, wird nicht als einer von oben erkannt.
Folgen wir streng der Logik, dann muss einer, der nicht von oben ist, von unten sein. Einer von uns also.

Und siehe da, da haben wir vielleicht das schwerwiegendste Problem ausgemacht: Der von oben Gekommene ist ja tatsächlich einer von uns. Ein Säugling. Ein Mensch.

Logisch schließt sich das aus. Entweder er wohnt im zweiten Stock oder im ersten. Das Licht der Theorie fängt jetzt ein wenig an zu flackern.

Offensichtlich hat das schon zu Zeiten des Johannes die Leute beschäftigt. Der, der sich da als der von oben Gekommen ausgibt, der sieht uns zu sehr als einer von uns aus. Vielleicht haben einige sogar hinter vorgehaltener Hand vermutet, dass er von unten heraufgekommen ist – aus dem Keller. Einer von oben sieht anders aus.

Nun beginnt bei Johannes, dem Denker, die fast verzweifelte Kette von Behauptungen:

Denn der, den Gott gesandt hat, redet Gottes Worte; denn Gott gibt den Geist ohne Maß. [35] Der Vater hat den Sohn lieb und hat ihm alles in seine Hand gegeben. [36] Wer an den Sohn glaubt, der hat das ewige Leben. Wer aber dem Sohn nicht gehorsam ist, der wird das Leben nicht sehen, sondern der Zorn Gottes bleibt über ihm.

Wir hören es deutlich heraus: Glaubt ihm, liebe Leute, glaubt ihm! Glaubt ihm, dass er der ist, der von dem, der über uns wohnt, geschickt wurde. Der Auskenner, der Bescheidwisser über das ganze Gebäude, sein Erfinder, sein Erbauer, sein Eigentümer, sein Vermieter…

Bitte, schafft diese letzte und wichtigste Voraussetzung für Weihnachten: Glaubt ihm! Dem Kind in der Krippe, dem Mann am Kreuz. Dem, der über ein „ganz unten“ nie hinausgekommen zu sein scheint. Glaubt ihm, der am Ostermorgen vom Hausbesitzer so überraschend identifiziert worden ist.
Glaubt ihm!

Als ein echter Theoretiker kann Johannes die Beobachtung nicht übersehen, dass dies ja tatsächlich einige tun.

„Wer es aber annimmt, der besiegelt, dass Gott wahrhaftig ist.“

Man muss es noch einmal lesen: Wer es aber annimmt, der besiegelt, dass Gott wahrhaftig ist. Mit unserer Annahme dieser Theorie, mit unserer Annahme der Annahme besiegeln wir, wir (!) liebe Leute, dass Gott ist. Das er überhaupt da ist und dass er wahrhaftig ist. Dass er uns nicht täuscht. Und dass wir uns darum nicht täuschen. Wenn wir dem Gekommenen glauben. Unser Glaube also schafft unseren Glauben.
Theoretiker unter den Theologen würden sagen: das ist auf der Grenze zur Häresie.

Wir, mit diesem trockenen Weihnachtstext beschäftigt, können heute Morgen einmal fröhlich – und nur einmal ganz theoretisch gedacht – sagen: Das ist Weihnachten! Dem von oben Gekommen glauben!

Schön, wenn wir das können. Das ist die Weihnachtsfreude: Wir können ihm glauben. Und dieses Haus mit den beiden Etagen ist für uns ein Einfamilienhaus in dem wir gut leben. Unten und oben. Schon und noch nicht. Erfüllt und verheißen. Jetzt und dann. Himmlisch irdisch.
Und wenn es nach uns geht, könnten wir uns vorstellen, dieses Haus noch mit vielen anderen zu teilen.

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