Mit dem Herzen schenken

Liebe Gemeinde,

„Während seines Pariser Aufenthaltes ging der bekannte Dichter Rainer Maria Rilke täglich um die Mittagszeit in Begleitung einer jungen Französin an einer alten Bettlerin vorbei. Stumm und unbeweglich saß die Frau da und nahm die Gaben der Vorübergehenden ohne jedes Anzeichen von Dankbarkeit entgegen. Der Dichter gab ihr zur Verwunderung seiner Begleiterin, die selbst immer eine Münze bereit hatte, nichts. Vorsichtig darüber befragt, sagte er: "Man müsste ihrem Herzen schenken, nicht ihrer Hand." An einem der nächsten Tage erschien Rilke mit einer wundervollen, halberblühten Rose. Ah, dachte das Mädchen, eine Blume für mich, wie schön! Aber er legte die Rose in die Hand der Bettlerin. Da geschah etwas Merkwürdiges: Die Frau stand auf, griff nach seine Hand, küsste sie und ging mit der Rose davon. Eine Woche lang blieb sie verschwunden. Dann saß sie wieder auf ihrem Platz, stumm, starr wie zuvor. "Wovon mag sie die ganzen Tage über gelebt haben?" Rilke antwortete: "Von der Rose!"“

Liebe Gemeinde, "Man müsste ihrem Herzen schenken, nicht ihrer Hand." Lassen Sie uns dieses Jahr das Christfest unter diesem Aspekt bedenken, denn sehr viele Erzählungen und Gleichnisse der Heiligen Schrift wollen genau dies tun: Unsere Herzen zu beschenken, auf dass eine Hoffnung in uns aufkeimt, die mit dem Leben zu tun hat. Und dass Leben mehr ist, der Besitz von Dingen, ja sogar mehr als Gesundheit und Ansehen, erfahren wir ebenfalls in den Worten der Schrift zur Genüge.

Hören wir also für den ersten Weihnachtsfeiertag ein solches Hoffnungswort für unser Leben. Ich lese aus dem Propheten Jesaja im elften Kapitel, die Verse eins bis neun:

[TEXT]

Wir Christen, liebe Gemeinde, identifizieren diesen angekündigten Reis aus dem Stamme Isais mit dem Menschen aus Nazareth, den wir den Christus nennen. Ja, wir sagen, dieser ist der Messias – die Hoffnung, die im Alten Testament verheißen wird. Woran machen wir dies fest? Unter anderem an jenen Beispielen, die Jesaja nennt: „Nicht richten nach dem, was die Augen sehen!“ Ja: Christus ist nicht nach dem Äußeren gegangen, wenn es darum ging, Menschen zu erreichen, ihnen Mut zuzusprechen und sie zu heilen. Da waren Zöllner und Huren in seinem Gefolge, Verkrüppelten und Aussätzigen hat er sich genähert. Sogar Kinder und Frauen hat er nicht abgewiesen. Sie waren vor seinem inneren Auge alle Kinder Gottes. Und wo der Tempel und die Regeln der Oberschicht vielen den Zugang zum Heil verwehrte, dort hat er Schranken niedergerissen und zu allen Menschen gesprochen. „Er wird mit Gerechtigkeit richten die Armen!“ Ja, dieses Wort ist mit Martin Luther in unserer Kirche noch einmal richtig stark gemacht worden: Gerechtigkeit hat immer auch zu tun mit dem, was die Menschen brauchen und bedeutet nicht nur, dass alles immer mit dem gleichen Maßstab gemessen werden muss. Gott schenkt Gerechtigkeit – er macht gerecht. Wie gut war das an Christus zu sehen, der zu den Sündern sprach: „Dir sind deine Sünden vergeben.“ Dazu gehört auch: Den Armen geben, auch wenn man weiß, dass es weiterhin Armut geben wird. Manchmal erschrecke ich, wenn ich die sogenannten Spenden der Reichen sehen: 5 Euro geben sie oder 50 Euro und meinen, was sie für ein Wunderwerk getan hätten. Auch dazu spricht Jesaja Dinge, die wir an Jesus sehen können. „Er wird mit dem Stabe seines Mundes den Gewalttätigen schlagen!“ Zu Recht, liebe Gemeinde, sollen wir uns das Endgericht vor Augen malen. Wir werden alle Rechenschaft ablegen müssen, was wir mit unserem Leben, unseren Gaben, unserem Reichtum hier getan haben unseren geringsten Brüdern. Und im Gegensatz zum Weltuntergang vom 21.12., der ja nun ausgefallen ist und bei dem sich die meisten um ihr Überleben gesorgt haben, wird es an jenem Gericht darum gehen, dass wir konfrontiert werden mit unseren dunklen Seiten und wir endlich, endlich die Augen auftun müssen und erschrecken über uns selbst. Denn auch das konnte Jesus: Die harten und tiefen Worte sprechen, die schonungslos die eigenen Lebenslügen aufgedeckt haben. „Kehrt um!“ Dieser Ruf hat immer noch Gültigkeit.

Nun aber übersteigt der Jesajatext das bisher Erlebte und spricht in Bildern der Hoffnung, die so weit gehen, dass wir sie kaum fassen können und die Vernunft dagegen anredet. Kühe und Bären sollen zusammen weiden, Löwen werden Stroh fressen, ein Säugling in der Nähe der Otter spielen.

Natürlich, liebe Gemeinde, werden wir dies in dieser Welt nicht erleben. Alle Naturgesetze, alles Zusammenleben der Kreatur, die sich ja im Überlebenskampf befindet, müsste aufgegeben werden. Und natürlich geht es nicht darum, dass der Löwe Vegetarier werden muss, damit Gottes Reich kommen kann. Sondern es sind dies die Bilder der Hoffnung auf Überwindung dessen, was uns hier zu schaffen macht: Gewalt, Leid und Tod. Ungerechtigkeit, Sünde und Verderben. All das wird nicht mehr sein, wenn die Welt wieder ganz bei Gott sein kann. Christus spricht vom Reich Gottes in zweierlei Gestalt. Zum einen das zukünftige, das mit diesen Bilder gefasst ist und auf dessen Hoffnung hin wir unsere Toten begraben: Dass auch der Tod als der letzte Feind einst überwunden sein wird. Die andere Gestalt aber die schon jetzt unter uns sichtbar werden kann. Als der Ort nämlich, wo Gottes Liebe neues Leben schafft. Sie wissen, wovon ich spreche: Wo Versöhnung zwischen verfeindeten Parteien geschieht, dort ist das Reich Gottes schon jetzt: Neues Leben. Wo Gewalt überwunden wird und Liebe regieren kann: Dort ist neues Leben. Wo Dunkelheit überwunden wird durch ein Licht: Dort ist neues Leben. Das geschieht bereits unter uns – immer wieder. Freilich nicht auf Dauer, aber es ist bereits da. Darauf weist der Messias hin, daraus lebt er selbst.

Denn beides, liebe Gemeinde, bildet ja eine Einheit. Jesus von Nazareth hätte nicht so handeln können, wenn er diese Wahrheit in Gott, diese Hoffnung nicht gehabt hätte. Wenn er nur im Hier und Jetzt geblieben wäre – wer weiß: Käme da nicht bald Frust und Verzweiflung, weil sich so wenig ändert, weil alles so verfahren ist? Beides bildet eine Einheit und es ist ganz gleich von welcher Seite aus Sie diese Einheit betrachten wollen: Setzen Sie bei der Hoffnung an, dann wird Sie diese bestärken in Ihrem Tun. Die kleinen Schritte haben eben doch eine Berechtigung und eine Wirkung, auch wenn wir dies vielleicht nicht überblicken können. Aber wir bleiben dran. Oder blicken Sie über die Seite des Tuns hier uns jetzt. Dann bauen Sie mit an der Vision von der gerechteren und besseren Welt und Sie haben das Gesamtbild bereits im Blick.

Im Bild unserer ersten Geschichte von der Bettlerin ist uns allen klar: Von einer Rose allein kann man nicht überleben. Es braucht die Nahrung und andere Notwendigkeiten. Aber – und das darf unser Schwerpunkt heute an diesem Christfest sein – man kann eben auch nicht als Mensch überleben, wenn man nur die Nahrung usw. hat. Der Mensch lebt nicht vom Brot allein. Sondern wir brauchen diese Hoffnungsworte, diese Hoffnungsgeschichte, die wir Christen mit jener Geburt des Jesus von Nazareth verbinden. Worte, die eben gerade unsere bekannte Realität aufsprengen. Worte, die nicht von dieser Welt sind. Worte Gottes mit der Kraft des Glaubens, der Liebe und der Hoffnung.

Lassen Sie sich dieses Christfest davon Ihrem Herzen schenken.

Und der Friede Gottes, der von jenseits unserer Realität Bestand hat, bewahre Eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

drucken