Ich bin nicht Jesus

Liebe Schwestern und Brüder, liebe Gäste und Freunde,
eine merkwürdige Sequenz, unser Predigttext am 4. Advent. Da wird ein Mann gefragt, wer er sei und er antwortet auf die Frage, indem er sagt, wer er nicht ist.

Das lässt darauf schließen, dass die, die ihn fragen, längst zu wissen meinen, wer er ist – und er sich dagegen wehren muss.

Das gibt es ja und ist uns vielleicht auch schon passiert: dass andere zu wissen meinen, wer wir sind. Ihre Bilder von uns mit sich herumtragen, uns als den oder die sehen, den oder die sie in uns sehen wollen.

Wir haben untereinander die merkwürdige Angewohnheit, unsere Erwartungen aufeinander zu projizieren. Oft geschieht das, ohne je ausgesprochen zu werden. Man kann ein ganzes Leben damit zubringen, stillschweigend zu meinen, man wüsste, wer der andere sei. Eben der, der er für mich sein soll.

Eher selten kommt es dann irgendwann zu einem solchen klärenden Gespräch: „Sag uns, wer du bist!“, heißt die Aufforderung uns sie meint: „Bestätige uns, dass du der bist, den wir in dir sehen. Bestätige unser Bild, unsere Erwartung, sei der, der du für uns sein sollst!“

Wo immer man aber anfängt, die eigenen Bilder beim anderen abzufragen, läuft man Gefahr, enttäuscht zu werden.
Die hochgespannten Erwartungen bestätigen sich nicht. Die idealisierten Zuschreibungen lehnt der Gefragte ab. Die Identifikationsangebote anderer weist er zurück. Wenn er ehrlich und ein bisschen mutig ist. Wenn er das nicht ist, kann er die anderen auch gern weiter in ihren Illusionen wiegen und seine Vorteile daraus ziehen.

Der Mann im Predigttext hat diesen Mut: Nö, sagt er einfach. Nö. Ich bin nicht der Gesalbte, der Retter von Not und Unterdrückung. Auf Deutsch: Ich bin nicht der Christus.

Und auch die etwas schlechtere, weil darunterliegende Variante, lehnt er ab: Nö, sagt er. Nö, ich bin auch nicht der wiedergekehrte Elia, dieser Profet aus dem Alten Israel, von dem die Legende umging, er würde einst ebenso, wie er mit feurigem Wagen zum Himmel auffuhr, wiederkommen. Um eben wieder der Retter aus Not und Bedrückung zu sein.

Und selbst die letzte und niedrigste Erwartung erfüllt der nach seiner Bestimmung Gefragte nicht: Nö, ein Profet, ein ganz gewöhnlicher, bin ich auch nicht. Einer also, der weiß, was Gott will, der Rat und Orientierung geben kann, was zu tun und zu lassen ist.

Und indem er diese drei Zuschreibungen abschreibt, verzichtet er zugleich auch auf die mit ihnen verbundenen Ehren. Er ist – nun ganz offensichtlich – nicht so wichtig, wie die anderen meinten. Er ist nichts Besonderes. Das auszusprechen – auch das – erfordert ein hohes Maß an Selbstreflexion…

Das also ist nach einem solchen Gespräch immer ernüchternd klar: Was einer nicht ist. Schade, werde sie gesagt haben, die Fragenden. Das kann doch nicht sein, werden sie aufbegehrt haben. „Da bin ich aber enttäuscht!“, wird mancher gedacht haben. „Wer, wenn ich der! Vielleicht irrt er sich, vielleicht ist er einfach nur zu bescheiden. Vielleicht lässt sich an diesem Ergebnis doch noch einmal rütteln: Aber du taufst doch! Im Jordan tauchst du die Menschen unter und viele kommen zu dir! Schlange stehen sie – das muss doch einen Grund haben! Menschen hängen ihre Hoffnungen an dich – das sieht man doch. Nun rück mit der Sprache heraus! Wenn du das alles nicht bist, wer bist du dann?“

Die Antwort des Angefragten fällt seltsam aus. Jetzt, wo er mit dem Rücken zur Wand steht, auf sein Tun festgelegt wird, das ja, zugegeben, schon merkwürdig ist, jetzt verweist er auf einen ominösen Anderen.

Er sei nur der Ankündiger, der vorauseilende Bote, der Wegbereiter für einen anderen. Und der ist der wirklich Wichtige. Der wirklich Besondere. Er allein sei der, auf den alle ihre Sehnsüchte und Erwartungen zuträfen. Und als ob er noch einmal eine weitere Stufe hinuntersteigen will sagt er: „Ich bin nicht einmal würdig, ihm die Schuhe an- und auszuziehen…“. Das war zur damaligen Zeit die Arbeit der Sklaven.
Im Vergleich zu ihm, dem anderen, bin ich noch weniger als ein Sklave.

Das ist also am Ende die Antwort auf die Frage der Leute, wer er sei: Ich bin weniger als ein Sklave für den, der auf den es wirklich ankommt.
Der, den sie für den Retter hielten, den Erfüller ihrer Wünsche, ist selbst der unwürdige Sklave dessen, auf den das wirklich zutrifft, für den das allein wirklich stimmt, was sie von ihm bisher erwartet haben.

Nun sind wir aber gespannt: Wer ist dieser Jemand. Es muss mehr als ein Sklave sein. Ein Profet? Der wiedergekommene Elia? Der Christus?
Wer ist dieser jemand und wo finden wir ihn?

Und was müssen wir hören? „… er ist mitten unter euch getreten, den ihr nicht kennt.“

Er ist mitten unter uns, den wir nicht kennen.

Was für ein Satz: Der wirklich Große ist unter uns. Unerkannt. Unsichtbar. Und doch da.

Wenn das stimmt, dann hat die Auskunft des Angefragten eine bleibende Bedeutung: Keine Erwartung, die wir gegenseitig an uns stellen, unausgesprochen oder ausgesprochen, können wir einlösen. Er, der Unerkannte allein kann es.

Keine Autorität, die wir uns gegenseitig zugestehen, manchmal auch gegenseitig anhängen, ist im Vergleich zu seiner Größe letztgültig.
Und die Rettung, die wir immer wieder gegenseitig voneinander erwarten, ist letztlich seine Sache.

Liebe Gemeinde, liebe Freunde, wir wissen ja längst, von wem hier die Rede ist. Wer der ist, der unter uns ist. Unerkannt.
Es ist der, der uns zu diesem Gottesdienst eingeladen hat. Der, um den sich unser Leben dreht. Jesus, der Christus.
Unsichtbar, unergründlich – und doch nahe. Der HERR ist nahe!

Wenn er der Retter ist, dann sind wir es nicht. Dann müssen wir es nicht sein. Dann müssen wir die Rettung nicht voneinander erwarten. Keiner von uns ist Jesus.

Das klingt nur banal. Es ist die Grundentlastung unseres Lebens.

Es gibt diesen schönen Witz, wo der Pastor auf der Kanzel feurig und hochemotional predigt: „Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben…“ und seine Frau im aus der ersten Bank wieder einmal das Schild hochhält, auf dem geschrieben steht: „Vergiss nicht, dass Du zitierst!“

Und es gibt den anderen schönen Witz, was denn der Unterschied zwischen Bill Gates, dem reichstem Mann der Welt, und Gott sei. Und die Antwort lautet: Gott weiß, dass er nicht Bill Gates ist…

Ich bin nicht Jesus. Und du bist es auch nicht.

Wir zitieren immer nur. Wir taufen nur mit Wasser, heißt das. Wir brechen nur ein Brot, das eben noch beim Bäcker lag und trinken nur einen kleinen Schluck aus dem gemeinsamen Kelch. Wir zünden nur eine Kerze an, um ein Licht zu sehen.

Wir reden nur, so gut wir es vermögen, von Gott und seiner Liebe zu den Menschen. Wir gestalten die Kirche und unsere Gemeinde so, wie es in unseren Kräften steht. Wir machen uns nur unsere Gedanken. Wir hegen nur unsere Erwartungen. Wir haben nur unsere Vorstellungen davon, wie die Welt beschaffen sein müsste. Wir tun nur, was wir können, damit diese Welt besser wird, als sie ist.

Aber das Wahre und Wirkliche, das Verändernde und Rettende geschieht vor unseren Augen und doch hinter den Kulissen durch den, der uns unerkannt nahe ist. Immer ist es schon so gewesen.

Das Leben machen wir nicht. Die Erneuerung bekommen wir nicht hin. Immer führt uns ein anderer aus der Gefangenschaft, auf eine Art, die uns verborgen bleibt. Immer erleben wir in Glaubensdingen, dass etwas mit uns geschieht und könnten gar nicht beschreiben, wie es zugegangen ist.

Der Mann aus dem Johannesevangelium, Johannes, der Täufer genannt, spricht es aus: Ich bin nicht würdig, ihm ein Sklave zu sein. So groß ist der Abstand. So klar ist der Unterschied.

Und was tut einer, liebe Gemeinde, der diesen Unterschied so klar erkennt? Was tut einer, der noch unbedeutender ist als ein Sklave?
Er tut, was er kann. Er predigt, er redet von Gott, er tauft mit Wasser und bricht das Brot, er verwickelt andere in Gespräche über den Retter. Er tut die Dinge die getan werden müssen, die unspektakulären, manchmal zu alltäglichen. Er gestaltet sein Leben so, dass andere zumindest ahnen können: Der Unerkannte und unsichtbare ist nahe. Allen nahe.

Ja, er lebt so, dass andere vielleicht hier und da an seinem Verhalten, an seiner Haltung, ganz kurz, aufblitzend, erkennen können, dass da noch einer sein muss. Dass wir nicht allein sind.

Und auf jeden Fall: Er verlässt sich in allem auf den Unerkannten. Lebt entlastet von allen Allmachts-Phantasien als Bote, als Wegweiser, als der kleine Mann, die kleine Frau ihr Leben.

Und freut sich auf den Tag, an dem der Unerkannte sichtbar und von allen erkannt werden wird.

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