…denn sie hatten sonst keinen Raum in der Herberge.

PREDIGT
Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus,
der die Welt erleuchtet,
sei mit euch allen.
Amen.

So hört auch die Weihnachtsgeschichte, wie sie der Evangelist Matthäus überliefert (Lk 2 ist bereits gelesen):
21 Als Jesus geboren war in Bethlehem in Judäa zur Zeit des Königs Herodes, siehe, da kamen Weise aus dem Morgenland nach Jerusalem und sprachen:
2 Wo ist der neugeborene König der Juden? Wir haben seinen Stern gesehen im Morgenland und sind gekommen, ihn anzubeten.
3 Als das der König Herodes hörte, erschrak er und mit ihm ganz Jerusalem,
4 und er ließ zusammenkommen alle Hohenpriester und Schriftgelehrten des Volkes und erforschte von ihnen, wo der Christus geboren werden sollte.
5 Und sie sagten ihm: In Bethlehem in Judäa; denn so steht geschrieben durch den Propheten (Micha 5,1):
6 »Und du, Bethlehem im jüdischen Lande, bist keineswegs die kleinste unter den Städten in Juda; denn aus dir wird kommen der Fürst, der mein Volk Israel weiden soll.«
7 Da rief Herodes die Weisen heimlich zu sich und erkundete genau von ihnen, wann der Stern erschienen wäre,
8 und schickte sie nach Bethlehem und sprach: Zieht hin und forscht fleißig nach dem Kindlein; und wenn ihr’s findet, so sagt mir’s wieder, daß auch ich komme und es anbete.
9 Als sie nun den König gehört hatten, zogen sie hin. Und siehe, der Stern, den sie im Morgenland gesehen hatten, ging vor ihnen her, bis er über dem Ort stand, wo das Kindlein war.
10 Als sie den Stern sahen, wurden sie hoch erfreut
11 und gingen in das Haus und fanden das Kindlein mit Maria, seiner Mutter, und fielen nieder und beteten es an und taten ihre Schätze auf und schenkten ihm Gold, Weihrauch und Myrrhe.
12 Und Gott befahl ihnen im Traum, nicht wieder zu Herodes zurückzukehren; und sie zogen auf einem andern Weg wieder in ihr Land.

Liebe Gemeinde,
vielleicht der entscheidende Satz in der Weihnachtsgeschichte ist, dass für Gott doch gar kein Platz in der Welt ist:
„Denn sie hatten sonst keinen Raum in der Herberge.“

Warten. Warten auf den Messias. Die Menschen im Land bereit, ihn zu empfangen und ihr Hosianna zu schreien.
Bereit, für ihn und mit ihm Feinde und dunkle Mächte zu bekämpfen.
Wahlgeschenke im kommenden Jahr dankbar annehmen.
Der Eurokrise trotzen.
Den demographischen Wandel gleich ganz umkehren.
Den Strom aus der Steckdose bezahlbar machen.
Den Terror wahnsinniger Moslems beenden.

Und dann kommt er, der Messias.
Der Himmel kündigt ihn an, wie wir es eben gehört haben, und die Weisen folgen seinem Stern und finden ihn.

Den Hirten auf dem Feld erscheint der Engel Gottes und erklärt ihnen, was geschehen ist.
Und sie folgen der Weisung des Engels und finden den Messias in einer Futterkrippe liegen.

Und für alle anderen?
Keine Erzählung deutet darauf hin, dass die Geburt bei noch irgendeinem besonderen Eindruck gemacht hätte.

Für die normalen Leute ist das Kind in der Krippe vor allem ein Baby.
Dass also die volle Erkenntnis Gottes in den Weihnachtserzählungen allein den besonders klugen, also: den Weisen aus dem Morgenland und den sozial ausgeschlossenen, also: den Hirten,
gegeben wird,
das sollte uns stutzig machen.

Es kommt nicht von ungefähr:
Auch damals gab es nicht allzu viele weise Menschen.
Und zum Prekariat wollte sich ebenso keiner zählen wie heute.

„Denn sie hatten sonst keinen Raum in der Herberge.“
Das ist der Schlüsselsatz zum tieferen Verständnis der Heiligen Nacht.
Er bedeutet nicht weniger, als dass für den Messias in unserer Welt faktisch kein Platz vorhanden ist.
Denkt doch einmal an die letzten Tage, Wochen, Monate. Und vielleicht auch daran, was jetzt gleich kommt, wenn wir in unsere Häuser zurückkehren und was die nächsten zwei Tage passiert.
Wo wäre da Platz für denjenigen, der dem Christfest seinen Namen gegeben hat.
Wo hätte er denn Raum zwischen all dem Trubel der Vorbereitungen, dem Stress des Bewirtens und des längeren Aushaltens von Menschen, die man im normalen Jahr vielleicht sogar meidet?
Es ist ganz einfach: Da ist kein echter Platz. Hinterm Haus im Stall vielleicht.
Oder im Wald draußen bei den Tieren an der Futterkrippe.
Nur die Weisen verstehen sich darauf, Christus in ihr Herz zu lassen. Ihn angemessen zu empfangen. Zu erfassen, wer das Kind in der Krippe tatsächlich ist.
Die können das auch im Weihnachtstrubel.

Und dann gibt es die Einsamen, die Verlassenen und im Leben gescheiterten.
Die haben wie die Hirten nicht einmal die Möglichkeit, im Weihnachtstrubel unterzutauchen. Der schützt ja auch, schützt vor einem selber, schützt vor der Gottesbegegnung.
Denen bleibt kaum anderes übrig, sich auf den Kern von Weihnachten zu besinnen – oder den Gedanken daran in Traurigkeit oder Rausch zu ersticken.

Nein, liebe Gemeinde: Es ist kein Raum in der Herberge. Damals nicht und heute Abend genauso wenig.

Jesus muss außerhalb des sozialen Bereichs in die Welt kommen.
Er muss in einer Futterkrippe ein Bettchen finden. Muss zwischen Tieren seine ersten Lebensstunden fristen.
Und ich verurteile das nicht.
Wir Menschen sind so.

Der Philosoph Friedrich Nietzsche brachte diese Tatsache des herbergs- und heimatlosen Gottes auf der Erde einmal dadurch auf den Punkt, als er sagte, dass es keinen Gott gebe, weil wir Menschen ihn getötet hätten.
Er hat einfach keinen Raum in der Herberge.
Keinen Platz in der Welt.
Da kann man auch gleich sagen: Gott ist tot!

Tja, wie denn nun?
Heute feiern wir doch die Geburt von Jesus und euer Pfarrer predigt vom Tod Gottes?
Die Geschichte geht ja weiter.
Dass Gott keinen Raum in unserer Welt von uns eingeräumt bekommt das hat er doch wohl in Kauf genommen. Irgendwie hat er das akzeptiert, weil er weiß: Die Menschen sind eben so!

Das Wunderbare ist: Der kommt trotzdem!
Obwohl für ihn kaum Platz da ist.
Der macht sich breit.
Indem er in die Herzen der Menschen einzieht.
Ohne auf Herrscherthronen zu sitzen, ohne Raketen abzufeuern.
Ohne Mauern zu errichten und ohne Wahlversprechen abzugeben.
Übrigens auch ganz und gar ohne den Euro zu retten oder für soziale Gerechtigkeit zu sorgen.
Diese Dinge überlässt er uns, damit wir freie Menschen bleiben können. Frei gerade auch in politischen Entscheidungen.
(Frei übrigens auch von einer Kirche, die in eindeutiger parteipolitischer Färbung meint, sich anbiedern zu müssen.
Dieser Jesus ist für alle gekommen.
Nicht nur für diejenigen, mit der „richtigen“ politischen Einstellung.)

Was der macht, das liegt schon einige Ebenen darüber – oder darunter, je nach Blickrichtung.

Er sorgt für uns dergestalt, dass wir das Leben angstfrei meistern können.
Denn das Kind in der Krippe versetzt uns in die Lage, an Gott zu glauben.
Nur der personale Gott, und personaler geht es wohl in der Gestalt eines Menschen kaum,
allein der personale Gott vermag eine echte Gottesbeziehung zu errichten.
Transzendenzen, Mächte, Engelwesen – all diese philosophische Spekulation oder esoterische Aberglaube, vermag nicht das, was Gott schafft, der Mensch wurde.

Allein das Vertrauen, der Glaube an den personalen Gott versetzt uns in die komfortable Situation, Gott im wahrsten Sinne des Wortes „begreifen“ zu können.
Und wer diese persönliche Begegnung mit dem Kind in der Krippe erlebt, der kommt davon nie mehr los.
Die Herzen solcher Menschen werden auf einmal selber zu kleinen Krippen und – das mag ein wenig kitschig klingen, ist mir aber großer Ernst – und geben dem Messias ein kleines Stück Heimat auf dieser gottlosen Welt.

Und wer von diesem Kind in der Krippe einmal entflammt war, der lässt es für gewöhnlich nie mehr los.

Gott bricht sich Bahn und sorgt selbst für Raum bei seinen Menschen.

Es ist der Glaube an Gott, den dieses Kind in der Krippe ganz anders und neu mit sich bringt und bewirkt.
Das ist das eigentliche Geschenk Gottes an uns Menschen: Dass wir durch das Kind in der Krippe überhaupt erst in die Lage versetzt werden, Gott zu erkennen.
Ihn so zu sehen, wie er für uns Menschen da sein will.

Als vollendete Liebe könnten wir ihn umschreiben, als totale Freiheit ihn benennen –
Und doch ist das alles noch viel zu wenig!

Und diese Größe ergibt sich aus dem, wofür uns Christen so viele auslachen:
Sie ergibt sich dadurch, dass Gott ein Mensch wurde.
Nicht ein Halbgott ist dieser Jesus, nicht Gott im Körper eines Menschen, der nur Mensch spielt. Sondern Gott ist Mensch geworden ganz und gar.

Der bejubelt wird mit dem Satz: „Gott ist der Allergrößte!“
Der besitzt die Größe, sich ganz klein zu machen.
Zum Kleinsten zu werden, zu einem Baby.

Diesen Gedanken auszuhalten und nicht in Bausch und Bogen abzulehnen, das fällt schwer.
Und er soll eben auch nicht einfach nur geglaubt werden, wie manche meiner Kollegen leider immer noch behaupten.
Das ist nicht einfach. Auch nicht an Weihnachten.
Dieser Gedanke muss, damit Glaube wachsen kann, verstanden werden.
Man muss gewisse Dinge eben auch im Bereich der Religion wissen, um begreifen zu können und damit dann auch Vertrauen zu Gott zu bekommen.
Unsere Gottesdienste sind gute Gelegenheiten, das eigene Wissen von Gott zu vertiefen und bei guten Gesprächen hinterher und vorher die eigene Glaubenserfahrung in einer Kirchengemeinde zu vertiefen.
Aber das reicht lange nicht aus: Kommunikation ist so dringend nötig!
Redet in Euren Familien, mit Euren Freunden, mit Euren Kindern, Enkeln und Eltern darüber, was für ein Weltbild, was für einen Glauben ihr habt.
Gebt die Flamme, die das Kind in der Krippe in eure Herzen gebracht hat, weiter. Und lasst dieses Licht hell leuchten!
Lest die Weihnachtsgeschichte zu Hause noch einmal nach.
Nur wer versteht, kann überhaupt erst glauben.
Denn Glaube ohne Verstehen endet in Aberglauben und Irrsinn.

Die tiefere Botschaft von Weihnachten reicht aber noch weiter hinunter als in die Bereiche von Wissen, Verstehen und Glauben:
Gott will uns anrühren, auch emotional.
Damit der ganze Mensch angesprochen wird. – Nicht allein der Intellekt!
Wenn es schon so ist, dass in unserer Welt eigentlich „kein Raum in der Herberge ist“, dann sollten wir doch da, wo sich Gott Bahn bricht, mit allen Sinnen, unserem Verstand und unserem Gefühl, versuchen, offen sein, ihn zu empfangen.

Und wo all das dennoch angezweifelt wird oder das Vertrauen nicht gelingt, weil wir eben weder besonders Weise noch besonders „hirtenhaft“ sind, dem sei das Wort unseres Reformators Martin Luther ans Herz gelegt zur Auslegung des Weihnachtsevangeliums:

„Der Herr und Heiland ist gekommen und ist dazu geboren und mir gleich geworden, daß er mir freundlich zusprechen und die Worte ins Herz treiben will:
fürchte dich nicht.
Ich bin kein Wolf, kein Bär kein Leu und will dich nicht zerreißen.
Ich bin auch nicht dein Teufel, der dich wegführte sondern ein Heiland und will dir helfen aus aller Not, aus der dir weder Mensch noch Engel helfen kann;
ich will in den Schlamm treten und nicht wieder heraus gehen, ich nähme dich denn mit.“

Das, liebe Gemeinde, ist der Grund, weswegen wir Weihnachten feiern.
Amen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

37,1-4+9: ICH STEH AN DEINER KRIPPEN HIER

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